Walfangkonferenz endet im Jubiläumsjahr enttäuschend

Pro Wildlife kritisiert Bilanz der IWC-Tagung in Hobart: Delfin-Resolution zurückgezogen, Walschutzgebiet abgelehnt

Hobart/München, 2. Oktober 2026. – Bei der 70. Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) im australischen Hobart sind die entscheidenden Abstimmungen gefallen. Für das Jubiläumsjahr – 80 Jahre IWC, 40 Jahre Walfangverbot – zieht die Artenschutzorganisation Pro Wildlife eine ernüchternde Bilanz: Das Walschutzgebiet im Südatlantik scheiterte zum wiederholten Mal, und die Resolution gegen die Bejagung von Delfinen und Kleinwalen hatte die Schweiz zurückgezogen, noch bevor über den Text verhandelt wurde. „Die IWC hat in Hobart eine Woche lang ihr Jubiläum gefeiert – und dabei jede Entscheidung gescheut, die substanziell etwas verändert hätte. Den Preis dafür zahlen die Delfine und Kleinwale“, kritisiert Meeresschutzexpertin Dr. Mona Schweizer, die die Tagung vor Ort verfolgt hat.

Seit 25 Jahren blockiert: Schutzgebiet im Südatlantik

Brasilien, Argentinien und Uruguay hatten das 20 Millionen Quadratkilometer große Schutzgebiet erneut zur Abstimmung gestellt. 39 Staaten stimmten dafür, 18 dagegen, 3 enthielten sich – für eine Änderung des IWC-Regelwerks wäre eine Dreiviertelmehrheit der abgegebenen Stimmen nötig gewesen. Seit der Vorschlag 2001 erstmals eingebracht wurde, hat er die nötige Mehrheit nie erreicht; 2024 fehlte nur eine einzige Stimme. Norwegen nannte das Gebiet in Hobart überflüssig, weil dort ohnehin kein Walfang stattfinde – dasselbe Argument, mit dem Japan den Vorschlag 2018 bereits zu Fall brachte. „Ein Schutzgebiet ist keine Reaktion auf Walfang, sondern eine Versicherung dagegen“, so Schweizer. „Wer sie seit einem Vierteljahrhundert blockiert, will sich die Jagd offenhalten.“

Delfine und Kleinwale weiter ohne internationalen Schutz

Am Mittwoch hatte die Schweiz ihre eigene Resolution zum Schutz von Delfinen und Kleinwalen zurückgezogen – obwohl nach eigener Einschätzung der Schweizer Delegation eine Mehrheit dahinterstand. Die Resolution hätte die Vertragsstaaten erstmals dazu angehalten, Daten zu betroffenen Arten und Tötungszahlen im Zusammenhang mit der kommerziellen Fischerei zu liefern. Nach Recherchen von Pro Wildlife werden weltweit jährlich mehr als 100.000 Delfine und Kleinwale aus mindestens 30 Arten gezielt getötet – für den Verzehr, aber immer stärker als Fischköder oder als vermeintliche Konkurrenz für die Fischerei. Anders als Großwale sind sie durch kein internationales Fangverbot geschützt.

Pro Wildlife beobachtet, dass die IWC zunehmend auf Konsensentscheidungen setzt – und das war offenbar insbesondere im Jubiläumsjahr die Devise. Der IWC-Vorsitz hatte immer wieder darauf gedrängt. Die Folge: Umstrittene Beschlüsse werden vermieden – zulasten inhaltlicher Substanz. Auch die EU, die die Resolution im Plenum öffentlich unterstützt hatte, verteidigte sie hinter den Kulissen laut Informationen von Pro Wildlife nicht. „Das ist die bittere Bilanz dieser Woche: Wer Konsens um jeden Preis sucht, lässt die heiklen Themen liegen. Aber gerade wenn es um die Wal- und Delfinjagd geht, darf man auch Kontroversen nicht scheuen“, kritisiert Schweizer scharf.

Der eine Beschluss, der wirklich etwas bewegt

Mit 39 Ja- zu 4 Nein-Stimmen und 17 Enthaltungen wurde die EU-Resolution zum weltweiten Handel mit Fisch-Schwimmblasen angenommen – aus Sicht von Pro Wildlife das beste Ergebnis der Woche. Für die begehrten Schwimmblasen großer Umberfische werden Stellnetze ausgebracht, in denen Delfine und Schweinswale ertrinken: Im Golf von Kalifornien hat die illegale Jagd auf den Totoaba den Vaquita auf zuletzt nur noch sieben bis zehn Tiere dezimiert, in Süd- und Südostasien geraten zunehmend Irawadi-Delfine und Glattschweinswale in die Netze.

Auch die EU-Resolution zu Schiffskollisionen wurde mit 42 Ja- zu 5 Nein-Stimmen und 14 Enthaltungen angenommen, die zu Strandungen im Konsens beschlossen.

Vorstoß zur „nachhaltigen Nutzung“ erneut ohne Erfolg

Die Resolution von Antigua und Barbuda und weiteren Karibikstaaten für ein Programm zur „nachhaltigen Nutzung“ von Walen – aus Sicht von Pro Wildlife ein erster Schritt zur Aufhebung des Moratoriums – wurde zurückgezogen, verbunden mit dem Wunsch nach einer Arbeitsgruppe bis zur nächsten Tagung. Es war bereits der dritte Vorstoß dieser Art seit 2022. Wie es um die Zukunft des Moratoriums steht, machte Norwegen in der Debatte deutlich: Ohne ein klares Bekenntnis zu seiner Aufhebung brauche man gar nicht weiterzureden.

„Dass dieser Angriff auf das Moratorium erneut abgewehrt wurde, war wichtig“, resümiert die Meeresschutzexpertin. „Aber eine abgewehrte Attacke ist kein Fortschritt. In zwei Jahren dürfte derselbe Antrag wieder auf dem Tisch liegen – und bis dahin hat die Kommission nichts beschlossen, was die Jagd auf Wale und Delfine tatsächlich eindämmt.“

Hobart Declaration: falsches Signal im Jubiläumsjahr

Umso schwerer wiegt, dass die IWC zum Abschluss der Tagung im Konsens die „Hobart Declaration“ zu ihrem 80-jährigen Bestehen verabschiedete – ohne darin das Moratorium zu bekräftigen. Auch die EU hat dem Konsens zuliebe zugelassen, dass die Tür damit zumindest für eine Diskussion über eine Aufweichung des Moratoriums geöffnet wurde. „Ein Konsens kann gut gemeint sein – gut gemacht ist er nicht, wenn er das Moratorium inhaltlich angreifbar macht“, so Schweizer. „Im Jubiläumsjahr des Walfangverbots wäre es das Mindeste gewesen, nicht nur seine Vergangenheit und Gegenwart zu feiern, sondern es für die Zukunft zu stärken. Die Hobart-Erklärung soll ein politisches Signal senden – aus unserer Sicht sendet sie das falsche.“

Hintergrundinfos:

Mehr zum Thema