Neuer Angriff auf das Walfangverbot – ausgerechnet im Jubiläumsjahr der IWC

Pro Wildlife und Whale and Dolphin Conservation (WDC) erwarten bei der Walfangkonferenz in Australien wichtige Entscheidungen für Delfine und Kleinwale

Hobart/München, 22. September 2026. – Die Internationale Walfangkommission (IWC) hat in diesem Jahr doppelten Grund zum Feiern: Vor 80 Jahren wurde sie gegründet, seit 40 Jahren gilt ihr Verbot des kommerziellen Walfangs. Doch zum Auftakt der 70. IWC-Tagung, die vom 27. September bis 2. Oktober in Hobart (Australien) stattfindet, warnen die Artenschutzorganisationen Pro Wildlife und WDC vor Rückschritten: „Statt Jubiläum zu feiern, muss die IWC ihren größten Erfolg erneut verteidigen – auf dem Tisch liegt ein Antrag, der den Weg zurück zum kommerziellen Walfang öffnen soll“, sind sich die Expertinnen Dr. Mona Schweizer von Pro Wildlife und Katrin Matthes, Programmleitung Japan bei WDC einig. „Gleichzeitig haben wir die Chance, eine jahrzehntealte Schutzlücke zu schließen: Für die Jagd auf Delfine und Kleinwale gibt es bis heute kein Moratorium, keine konsistenten Datenerhebungen und keine internationalen Regeln,“ hebt Dr. Mona Schweizer, Meeresschutz-Expertin bei Pro Wildlife, hervor.

Walfangkonferenz debattiert Rückkehr zum kommerziellen Walfang

Antigua und Barbuda fordert in seiner Resolution ein Programm für die „nachhaltige Nutzung“ von Walen – für die beiden Artenschutzorganisationen ein erster Schritt zur Aufhebung des Moratoriums. Es ist der dritte Vorstoß dieser Art seit 2022. „Ausgerechnet aus einem Land, das selbst keinen Walfang betreibt, Wale und Delfine in seinen eigenen Gewässern unter vollen Schutz stellt und dessen Bevölkerung den kommerziellen Walfang laut einer Umfrage vom Juni 2026 zu rund zwei Dritteln ablehnt“, kritisiert Schweizer. Profitieren würde vor allem Japan: Das Land verließ die IWC 2019 und betreibt seither offen kommerziellen Walfang. „Japan sitzt formal nicht mehr am Tisch, aber hat über Jahrzehnte Verbündete unter kleineren Fischereinationen aufgebaut – und genau diese Staaten stellen heute die Anträge“, ergänzt Matthes.

Bis zu 20 Minuten Todeskampf: Was die offiziellen norwegischen Zahlen zeigen

Drei Länder nutzen juristische Schlupflöcher, um das Moratorium zu umgehen: Island kehrte 2002 unter einem Vorbehalt in die IWC zurück und hat in der diesjährigen Saison 93 bedrohte Finnwale getötet. Japan trat 2019 ganz aus der IWC aus – und Norwegen legte 1986 formal Widerspruch ein und setzt sich seither eigene Quoten. Allein in dieser Saison hat Norwegen 418 Zwergwale getötet. Für den Bericht „Beneath the Surface“ hat WDC offizielle norwegischen Fangdaten zwischen 2021 und 2025 ausgewertet: „Norwegens eigene Zahlen widerlegen die Behauptung, dieser Walfang sei human“, so Matthes. „Fast jeder fünfte Wal stirbt nicht sofort, sondern erst nach durchschnittlich sechs Minuten – manche Individuen leiden sogar über 20 Minuten. Darüber hinaus waren 68 bis 79 Prozent der getöteten Wale weiblich und bis zu 62 Prozent von ihnen trächtig. Auch in Bezug auf die Nachhaltigkeit des norwegischen Walfangs gibt es also berechtigte Zweifel.“

Delfinjagd: Konsum, Köder, Konkurrenz

Erstmals adressiert eine Resolution bei der IWC den Zusammenhang zwischen Delfinjagd und kommerzieller Fischerei. Eingebracht hat sie die Schweiz. Delfinfleisch wird vor allem in Küstengemeinden, denen industrielle Flotten den Fisch vor der Haustür wegfangen, als alternative Proteinquelle genutzt. Es wird als Köder in der Hai-Fischerei eingesetzt, weil es sich im Salzwasser langsamer zersetzt als Fisch. Und Delfine werden als Nahrungskonkurrenten getötet. Wie groß das Problem ist, hat Pro Wildlife im Bericht „Small Cetaceans – Even Bigger Problems“ dokumentiert: Weltweit werden jährlich mehr als 100.000 Delfine und Kleinwale gezielt getötet, mindestens 30 Arten sind betroffen.

„Bei den Großwalen hat die IWC gezeigt, dass internationaler Schutz funktioniert. Bei Delfinen und Kleinwalen fehlt bis heute selbst die Datengrundlage – niemand ist verpflichtet, getötete Tiere überhaupt zu melden“, so Schweizer. „Genau hier setzt die Resolution an. Sie ist kein internationales Verbot, aber das Fundament, auf dem Schutz nachhaltig aufgebaut werden kann.“ Die Vertragsstaaten sollen künftig Daten zu betroffenen Arten, Tötungszahlen und Beifang liefern. Auf dieser Grundlage soll die IWC dann Schutzmaßnahmen für die am stärksten betroffenen Arten entwickeln.

Beifang, Schiffskollisionen und ein Schutzgebiet im Südatlantik

Die EU bringt drei weitere Resolutionen ein: zum Beifang von Delfinen und Kleinwalen im Zusammenhang mit dem Handel von Fisch-Schwimmblasen, zu Kollisionen mit Schiffen und zu Strandungen. Deutschland ist eines der 89 IWC-Mitglieder und stimmt mit ab: Die EU-Resolution, die den kommerziellen Walfang 2024 erstmals seit 23 Jahren verurteilte, ging auch auf deutsche Initiative zurück. Erneut zur Abstimmung steht außerdem das Walschutzgebiet im Südatlantik (SAWS), das 2024 an einer einzigen Stimme scheiterte – anders als Resolutionen, für die eine einfache Mehrheit genügt, braucht es als bindende Änderung der IWC-Statuten eine Dreiviertelmehrheit. „Wir sind vor Ort, um die Delegationen mit Fakten zu versorgen – und um zu verhindern, dass 40 Jahre Walfangverbot zum Jubiläum untergraben werden“, so Matthes.

Hinweis für Redaktionen: Dr. Mona Schweizer (Pro Wildlife) ist während der Tagung vor Ort in Hobart und steht für Interviews zur Verfügung. Tagesaktuelle Einschätzungen aus dem Konferenzsaal können angefragt werden.

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