Hobart/München, 30. September 2026. – Bei der 70. Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) im australischen Hobart hat die Schweiz am Mittwochmorgen überraschend ihre eigene Resolution zum Schutz von Delfinen und Kleinwalen zurückgezogen – noch bevor die angesetzte Arbeitsgruppe über Änderungen am Text verhandeln konnte. „Das ist ein schwerer Schlag für den Artenschutz und für uns absolut unverständlich“, sagt Dr. Mona Schweizer, Meeresschutzexpertin bei Pro Wildlife, die die Tagung vor Ort verfolgt. „Die Resolution hatte breite Unterstützung im Plenum, es lagen konstruktive Änderungsvorschläge auf dem Tisch, und die Verhandlungsrunde war bereits terminiert. Sie wurde ohne Not zurückgezogen.“
Eine Mehrheit war gegeben – genutzt wurde sie nicht
Die Resolution „Small Cetacean Directed Takes Linked to Commercial Fisheries“ hätte erstmals den Zusammenhang zwischen der gezielten Jagd auf Delfine und der kommerziellen Fischerei auf die Agenda der IWC gehoben: Die Vertragsstaaten sollten Daten zu betroffenen Arten und Tötungszahlen liefern, der Wissenschaftsausschuss die am stärksten betroffenen Arten priorisieren, das Conservation Committee darauf aufbauend Schutzmaßnahmen entwickeln.
Mehrere Staaten hatten sich in den Vortagen hinter das Anliegen gestellt und Vorschläge eingebracht, wie der Text hätte angepasst werden können. Die Schweizer Delegation selbst hielt in ihrem Statement fest, aus den Rückmeldungen sei deutlich geworden, dass eine Mehrheit die Resolution unterstützt. „Genau deshalb ist dieser Rückzug so bitter“, so Dr. Schweizer. „Eine Mehrheit hinter sich zu wissen und den Antrag trotzdem vom Tisch zu nehmen, bevor auch nur ein Satz verhandelt wurde – das ist eine vergebene Chance, die sich so schnell nicht wieder bietet.“
Fadenscheinige Begründung
Zur Begründung führte die Schweiz an, eine Resolution sei nur so gut wie ihre Umsetzung: Der Wissenschaftsausschuss der IWC sei bereits überlastet und könne angesichts bestehender Budgetkürzungen kaum die ihm zugewiesenen Aufgaben bewältigen. Zugleich äußerte die Delegation die Überzeugung, das Thema werde allein dadurch Eingang in dessen Arbeit finden, dass die Schweiz es aufgeworfen habe.
„Die Begründung widerspricht sich selbst“, kritisiert die Pro Wildlife-Expertin. „Entweder ist der Ausschuss zu ausgelastet für zusätzliche Aufgaben – dann kümmert er sich erst recht nicht um ein Thema, zu dem ihn niemand verpflichtet. Oder es ist Kapazität da, dann hätte die Resolution ihr die Richtung gegeben. Dass es auf die Umsetzung ankommt, bestreitet niemand. Nur gibt es ohne Beschluss überhaupt nichts umzusetzen.“
EU: drei Resolutionen, aber keine zu den Kernthemen
Für Pro Wildlife wiegt schwer, dass auch die EU den Antrag nicht verteidigte. Sie hat in Hobart selbst drei Resolutionen eingebracht – zu Beifang, Schiffskollisionen und Strandungen. „Das sind Themen, bei denen kein Widerstand der Walfangländer zu erwarten ist“, sagt die Meeresschutz-Expertin. „Bei der einzigen Resolution, welche die Jagd selbst angeht, blieb die Unterstützung der EU hinter den Kulissen aus. So entsteht der Eindruck, dass im 80. Jubiläumsjahr der IWC vor allem eines vermieden werden soll: Streit. Eine Kommission, die ihre Kernthemen meidet, um ihr eigenes Jubiläum nicht zu stören, verfehlt ihren Auftrag.“
Weltweit werden nach Recherchen von Pro Wildlife jährlich mehr als 100.000 Delfine und Kleinwale gezielt getötet, mindestens 30 Arten sind betroffen. Anders als für Großwale gibt es für sie bis heute kein Moratorium, keine Meldepflicht und keine internationalen Regeln. Die IWC-Tagung läuft noch bis zum 2. Oktober; zur Abstimmung stehen – voraussichtlich am Donnerstag – unter anderem die Resolution von Antigua und Barbuda zur „nachhaltigen Nutzung“ von Walen und das Walschutzgebiet im Südatlantik.
Hinweis für Redaktionen: Dr. Mona Schweizer (Pro Wildlife) ist während der Tagung vor Ort in Hobart und steht für Interviews zur Verfügung. Tagesaktuelle Einschätzungen aus dem Konferenzsaal können angefragt werden.


