Wildtierhaltung

Wildtierhaltung

Warum Wildtiere nicht ins Wohnzimmer gehören

Wildtiere sind, wie der Name schon sagt, keine Haustiere, die über Jahrtausende domestiziert wurden und Eigenschaften ihrer wilden Ahnen verloren haben. Die allermeisten Wildtiere haben sehr spezielle Ansprüche an das Mikroklima (u.a. Feuchtigkeit, Temperaturen), Futter, Sozialstrukturen etc., die ihnen im Glaskasten oder Käfig kaum geboten werden können. In Deutschland gibt es bislang jedoch kein bundeseinheitliches Gesetz, das die private Haltung exotischer Wildtiere umfassend regelt. Vom Königspython bis zum Serval lassen sich fast beliebige Arten legal anschaffen – meist online, ohne Herkunftsnachweis und ohne verpflichtenden Sachkundenachweis. Pro Wildlife setzt sich seit über 25 Jahren dafür ein, diese Haltung zu beenden.

Wildtierhaltung – auf einen Blick

Exotische Wildtiere sind über Internet, Tierbörsen und Zoogeschäfte fast unbegrenzt und weitgehend unkontrolliert erhältlich. Die Folgen sind gravierend: Verhaltensstörungen, haltungsbedingte Erkrankungen und frühe Sterblichkeit bei den Tieren, Zoonose-Risiken für den Menschen und zusätzlicher Druck auf ohnehin bedrohte Wildpopulationen. Viele unterschätzen die Haltungsanforderungen, weshalb ausgesetzte Exoten häufig in Tierheimen und Auffangstationen landen, die seit Jahren Alarm schlagen.

Die Kernforderung von Pro Wildlife: eine bundesweite Positivliste, die verbindlich regelt, welche Tiere überhaupt als Heimtiere gehalten werden dürfen.

Terrarien (nicht Tiere!) gibt es laut Branchen-Schätzungen 2025 in Deutschland

(Quelle: ZZF)

Ziervögel leben 2025 in deutschen Privathaushalten

(Quelle: ZZF)

exotische Säugerarten wurden in nur 5 Jahren in Deutschland zum Verkauf angeboten

(Quelle: Pro Wildlife, „Endstation Wohnzimmer“, 2015)

europäische Staaten haben bereits eine Positivliste für bestimmte Tiergruppen beschlossen

Was ist das Problem mit Wildtieren als Haustiere?

Wildtiere sind nicht an ein Leben mit dem Menschen angepasst. Während sich Hunde und Katzen über Jahrtausende domestiziert haben, bleiben Warane, Kobras, Flughunde oder Affen Wildtiere – mit denselben Instinkten und Bedürfnissen wie ihre in der Natur lebenden Verwandten. In Wohnung, Terrarium oder Käfig lassen sich Platz, Klima, Ernährung und Sozialverhalten kaum artgerecht abbilden.

Erschwerend kommt hinzu: Aufklärung, Beratung und Kontrollen fehlen fast völlig, per Mausklick lassen sich Netzpython oder Nasenbär kaufen und Videos in den sozialen Medien befeuern den Trend zusätzlich. Die anfangs niedlichen Jungtiere werden schnell groß, wild, teuer und häufig gefährlich. Viele Halter*innen sind überfordert – die Tiere werden ausgesetzt oder landen in ohnehin überlasteten Tierheimen und Auffangstationen.

Die größten Probleme der privaten Wildtierhaltung

  • Kein artgerechtes Leben: Die allermeisten Wildtiere können in Privathand nicht artgerecht gehalten werden; die Folge sind Tierleid und der frühe Tod zahlloser Tiere.
  • Herkunft Wildfang: Viele als Heimtiere gehaltene Arten stammen bis heute aus der Natur – das belastet die Wildbestände und ist mit hoher Sterblichkeit beim Transport verbunden.
  • Gefahr für Menschen: Gefahrtiere wie Löwen, Giftschlangen und Kobras sind ein hohes Risiko für Halter*innen und Dritte.
  • Bedrohung heimischer Natur: Entkommene oder ausgesetzte Tiere gefährden die heimische Artenvielfalt. >> Invasive Arten in Deutschland
  • Krankheitsübertragung: Über den Handel mit asiatischen Amphibien wurden Hautpilze eingeschleppt, die nun den europäischen Salamandern und Molchen den Garaus machen. Wildtiere übertragen zudem zahlreiche Krankheiten (Zoonosen), die auch für Menschen gefährlich werden können.
  • Qualzuchten: Besondere Farb- und Mustervarianten liegen im Trend – auch bei häufig gezüchteten Wildtierarten nehmen Qualzuchten zu.

Welche Wildtiere werden in Deutschland privat gehalten?

Das Artenspektrum im Heimtierhandel ist nahezu unbegrenzt – von Reptilien und Amphibien über Papageien bis hin zu Affen und Raubkatzen. Für ihre 2015 veröffentlichte Studie „Endstation Wohnzimmer“ untersuchte Pro Wildlife den Handel mit exotischen Säugetieren: Innerhalb von fünf Jahren wurden fast 300 verschiedene Säugerarten und insgesamt mehr als 10.000 exotische Säuger zum Verkauf angeboten – vom Stinktier bis zum Flughund.

TiergruppeHäufige Arten (wissenschaftl. Name)Hauptproblem in Haltung
ReptilienGrüner Leguan (Iguana iguana), Königspython (Python regius),
Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans)
Hoher Technik- und Stromaufwand, starkes Größenwachstum, häufig Wildfang
PapageienGraupapagei (Psittacus erithacus),
Gelbbrustara (Ara ararauna)
Federrupfen und Verhaltensstörungen, hohe Lebenserwartung, starke soziale Bedürfnisse
PrimatenWeißbüschelaffe (Callithrix jacchus), Kapuzineraffen (Sapajus spp.)Komplexe Sozialstruktur, schwere Verhaltensstörungen, Zoonoserisiko
GefahrtiereServal (Leptailurus serval),
Tiger (Panthera tigris)
Giftschlangen
Sicherheitsrisiko für Mensch und Umgebung, enormer Platzbedarf
AmphibienPfeilgiftfrösche
Dendrobatidae spp.
Sehr empfindliche Klimaansprüche, häufig Wildfang
Häufig privat gehaltene Wildtiergruppen und ihre typischen Haltungsprobleme (Auswahl)

Warum leiden Wildtiere in Gefangenschaft?

Wildtiere zeigen in Gefangenschaft häufig Verhaltensstörungen, weil ihre natürlichen Bedürfnisse systematisch unerfüllt bleiben. Typisch sind sich sinnlos wiederholende Bewegungsmuster (Stereotypien), Apathie oder Selbstverletzung. Bei Papageien ist das Federrupfen ein bekanntes Warnsignal: Eine Studie aus dem Jahr 2014 fand, dass knapp 40 % der untersuchten Graupapageien bereits Federausreißen gezeigt hatten (Journal of Exotic Pet Medicine).

Solche Störungen treten bei Wildtieren fast ausschließlich in Gefangenschaft auf und gelten als deutlicher Ausdruck von chronischem Stress und Leiden. Gerade bei vermeintlich anspruchslosen Arten wie Reptilien und Amphibien unterschätzen viele Käufer*innen den technischen Aufwand und die Klimaansprüche – mit gravierenden Folgen für die Tiere.

„Verhaltensstörungen wie Stereotypien sind ein klarer Indikator für chronischen Stress in Gefangenschaft. Bei Wildtieren in Privathaltung treten sie besonders häufig auf.“

Dr. Sandra Altherr, Biologin und Mitbegründerin von Pro Wildlife

Bei Schildkröten, Echsen oder Schlangen kommt es immer wieder zu haltungsbedingten Verletzungen und Krankheiten, wie z.B. Skelettverformungen durch Mangel an UV-Licht oder Verbrennungen durch falsch angebrachte Heizstrahler. Oft sind Terrarien zu klein und zu wenig strukturiert, so dass die Tiere ihre natürlichen Verhaltensmuster nicht leben können.

Was fordert Pro Wildlife?

  • Eine bundesweite Positivliste für Heimtiere
    Handel und Privathaltung sollen auf Tierarten beschränkt werden, die sich unter Tier-, Arten-, Natur-, Gesundheits- und Sicherheitsaspekten eignen. Innerhalb Europas haben bereits zwölf Staaten eine Positivliste für bestimmte Tiergruppen beschlossen; das EU-Parlament hat die Forderung 2021 in seine Resolution zur EU-Biodiversitätsstrategie aufgenommen, 2022 sprachen sich 19 Mitgliedstaaten im EU-Agrarrat dafür aus. Deutschland muss als großer Absatzmarkt endlich nachziehen.
  • Zusätzlich ein artspezifischer Fachkundenachweis
    Wer ein Tier hält, soll künftig belegen müssen, dass er über die nötigen Fachkenntnisse für eine tiergerechte Haltung verfügt. Der Nachweis wäre beim Kauf vorzulegen.
  • Staatliche Unterstützung anerkannter Auffangstationen
    Tierheime und spezialisierte Auffangstationen sind auf die steigende Zahl und die hohen Ansprüche exotischer Tiere nicht ausgelegt. Der Staat muss dafür sorgen, dass ausgesetzte und abgegebene Exoten artgerecht untergebracht werden.

Was können Sie selbst tun?

  • Kaufen Sie sich keine Wildtiere als Haustiere.
  • Halten Sie lieber domestizierte Tiere wie Hunde und Katzen als Haustiere.
  • Informieren Sie sich vor jeder Anschaffung gründlich über die Bedürfnisse des Tieres – und klären Sie Freundes- und Familienkreis über die Probleme der Wildtierhaltung auf.

Unsere größten Erfolge im Bereich Wildtierhaltung

Seit Pro Wildlife das Thema politisch sichtbar gemacht hat, wirkte die Organisation an zahlreichen Initiativen mit und reichte Stellungnahmen ein. Die wichtigsten Meilensteine:

2026

Seit dem Gifttiergesetz 2020 sank die Zahl der privaten Gifttierhalter*innen in Nordrhein-Westfalen offiziell um 25 %. Auf Druck von Pro Wildlife und anderen Organisationen ist das Gesetz seit dem 1.1.2026 dauerhaft in Kraft.

2020

Nordrhein-Westfalen verabschiedet strenge Beschränkungen für die Privathaltung giftiger Tierarten; der Bundestag beschließt Maßnahmen zur strengeren Regulierung von Haltung und Handel.

2018

Die vom Bundeslandwirtschaftsministerium beauftragte EXOPET-Studie erscheint und bestätigt die Kritik an der Wildtierhaltung.

2017

Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht vor, Wildtierhandel und -haltung strenger zu regulieren.

2007

Hessen verabschiedet strenge Beschränkungen für die Privathaltung von Gefahrtieren

2006

Das Bundeslandwirtschaftsministerium veröffentlicht erstmals Tierschutzleitlinien für Tierbörsen.

Publikationen

2021: Der Bericht „Wildtiere als Haustiere? Die Politik muss handeln!“ fasst Probleme und Risiken des Handels und der Haltung zusammen und zeigt Lösungswege auf.

2015: Der Bericht „Endstation Wohnzimmer – Exotische Säuger als Haustiere“ dokumentiert Tier- und Artenschutzprobleme sowie Gesundheitsrisiken des Handels.

2010: Gemeinsam mit dem Deutschen Tierschutzbund veröffentlicht Pro Wildlife einen Bericht zu Missständen auf Tierbörsen.

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