Walfang in Island

Ein einziger Unternehmer hält die Finnwaljagd am Leben

Walfang in Island

Island ist eines der letzten drei Länder der Welt, das noch kommerziellen Walfang betreibt. Im Zentrum steht die Jagd auf den bedrohten Finnwal – betrieben von einem einzigen Unternehmen. Nach zwei Jahren ohne Fang wurde die Jagd im Juni 2026 wieder aufgenommen, während die Regierung ein Walfangverbot für Herbst 2026 ankündigt.

Walfang in Island auf einen Blick

  • Aktuell gejagte Arten: Finnwal (bedroht, IUCN „gefährdet")
  • Betreiber der Finnwaljagd: ein einziges Unternehmen – Hvalur hf. von Kristján Loftsson
  • Rechtlicher Weg am Moratorium vorbei: Einspruch (seit Wiedereintritt in die IWC 2003)
  • Absatzmarkt: fast ausschließlich Japan
  • Quote 2026: 150 Finnwale, 168 Zwergwale
  • Aktueller Stand: Jagd im Juni 2026 wieder aufgenommen; Verbotsgesetz für Herbst 2026 angekündigt

Seit wann jagt Island Wale?

Island blickt keineswegs auf eine jahrhundertealte Tradition des kommerziellen Walfangs zurück, wie es heute teilweise dargestellt wird. Zwar nutzten Küstengemeinden schon im Mittelalter gestrandete Wale, eine gezielte Jagd auf Wale begann jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts – zunächst vor allem durch norwegische Unternehmen. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Walfang dann zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig Islands. Bis 1989 wurden Tausende Großwale getötet, darunter Blau-, Finn-, Sei- und Buckelwale. Ein großer Teil des Finnwalfleischs wurde später nach Japan exportiert.

Als 1986 das kommerzielle Walfang-Moratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) in Kraft trat, verließ Island die Kommission – doch Japan verbietet den Import aus Nicht-IWC-Ländern. Nach 14 Jahren Pause trat Island 2003 wieder in die IWC ein, diesmal mit einem formalen Einspruch gegen das Moratorium, und nahm 2006 den kommerziellen Walfang wieder auf.

Verkaufen darf Island seine Finn- und Zwergwalprodukte laut internationalem Recht trotz allem nur nach Japan (oder theoretisch nach Norwegen) – denn nur diese Länder haben einen formalen Widerspruch gegen das internationale CITES-Handelsverbot für diese Walart eingelegt.

Welche Wale jagt Island – und wie viele?

Island vergibt Quoten für Finn- und Zwergwale; festgelegt werden sie vom Fischereiministerium. Auffällig ist die Lücke zwischen Quote und tatsächlichem Fang: Die genehmigten Zahlen sind hoch, ausgeschöpft wurden sie – bis auf das Jahr 2015 bei den Finnwalen – so gut wie nie. Zwergwale werden seit 2018 nur noch vereinzelt gefangen, der letzte 2021. Im Fadenkreuz steht heute vor allem der bedrohte Finnwal, getötet mit Explosivharpunen.

JahrFinnwal-Quotegetötete FinnwaleAnmerkung
2026150> 41 (Saison läuft)Wiederaufnahme ab 19. Juni
20252090Flotte blieb im Hafen (Absatzprobleme)
20241280Einjahresquote, zu spät für eine Saison;
im Dezember Fünfjahreslizenz (2025–2029) vergeben
202320924Saison vorzeitig gestoppt aufgrund von Tierschutzbedenken
2022209148erste Finnwaljagd seit 2018
2019–20212090Verbot der Verarbeitung unter freiem Himmel
2018154146
Finnwaljagd in Island seit 2018 – Quote und tatsächlicher Fang

Die Quoten für 2026 von ursprünglich 209 Finn- und 217 Zwergwalen wurden zu Saisonbeginn wegen fehlender Populationsdaten auf 150 Finn- und 168 Zwergwale gesenkt. Trotz der niedrigen Fänge summiert sich die Bilanz: Seit dem Moratorium von 1986 wurden in Island über 1.500 Finn- und Zwergwale getötet.

Wer steckt hinter dem isländischen Walfang?

Die Finnwaljagd Islands ist eine Ein-Mann-Show: Sie liegt allein in der Hand des Unternehmers Kristján Loftsson. Er ist Geschäftsführer der einzigen Finnwalfang-Firma des Landes, Hvalur hf., zugleich Mitglied der isländischen IWC-Delegation und einflussreicher Lobbyist in eigener Sache. Die Leitung von Hvalur hf. übernahm er 1974 nach dem Tod seines Vaters; er und seine Schwester sind bis heute die Hauptaktionäre.

Walfang in Island: Loftssons Walfangflotte im Hafen von Reykjavik © Dirk Heldmaier
Loftssons Walfangflotte, die Schiffe Hvalur 6 bis 9, im Hafen von Reykjavik © Dirk Heldmaier

Dass Hvalur hf. als einziges Unternehmen Finnwale fangen darf, zeigt Loftssons politischen Einfluss: Weder massive internationale Kritik noch diplomatische Verwarnungen der EU, Beschwerden der beeinträchtigten Whale-Watching-Branche oder eine Studie zum Imageschaden Islands konnten die Jagd bislang stoppen. Bei den Zwergwalen erhielt 2024 das Unternehmen Tjaldtangi ehf. die Fünfjahreslizenz, übte die Jagd 2025 aber nicht aus und verkaufte die Lizenz weiter; ob 2026 ein Nachfolgeunternehmen tatsächlich Zwergwale jagt, ist offen.

Wie kamen die Walfanglizenzen bis 2029 zustande?

Die heute geltenden Lizenzen bis 2029 entstanden unter Umständen, die in Island als Skandal gelten. Im Herbst 2024 zerbrach die isländische Regierung. Das Amt des Premier- und des Fischereiministers ging übergangsweise an den Walfangunterstützer und Loftsson-Freund Bjarni Benediktsson. Der isländischen Presse wurden Aufnahmen zugespielt, in denen der Sohn eines Abgeordneten einräumte, sein Vater sei gezielt auf einen für die Lizenzvergabe zuständigen Posten im Fischereiministerium gesetzt worden. Eine Vergabe vor den Neuwahlen im November schien damit politisch unmöglich.

Doch nach der Wahl – gewonnen von den walfangkritischen Sozialdemokraten – blieb der abgewählte Benediktsson geschäftsführend im Amt und genehmigte umgehend eine Fünfjahreslizenz (2025–2029) mit jährlichen Quoten von 209 Finn- und 217 Zwergwalen. Mehrere isländische Organisationen legten Beschwerde gegen die überstürzte Vergabe ein und werfen der Übergangsregierung Amtsmissbrauch vor. Diese Lizenz erschwert einen schnellen Ausstieg bis heute.

Wohin verkauft Island sein Walfleisch?

Mangels Nachfrage im eigenen Land setzt Loftsson auf Japan: Nach dem Wiedereintritt in die IWC exportierte Island laut nationaler Handelsstatistik mehr als 14.300 Tonnen Walfleisch dorthin. Japan verweigerte jedoch immer wieder die Annahme, weil die Verarbeitung unter freiem Himmel nicht den Hygienestandards entsprach. Im Februar 2023 importierte Japan dann die größte isländische Lieferung seit 35 Jahren (rund 2.500 Tonnen, angeblicher Marktwert 18,7 Mio. Euro).

Inzwischen jagt Japan seit 2024 mit einem neuen Fabrikschiff selbst wieder Finnwale, und die Preise verfallen: Brachte Finnwalfleisch 2024 noch rund 200.000 Yen pro Kilo (etwa 1.150 Euro), waren es 2025 nur noch 30.000 Yen (etwa 170 Euro). Parallel versucht Loftsson seit Jahren, neue Absatzmärkte zu erschließen – von Omega-3-Pillen über Walbier bis zu Präparaten gegen Eisenmangel und Gelatine „für medizinische Zwecke". Nachfrage dafür gibt es weder in Japan noch in Island; es wirkt wie ein Vorwand, die Option auf künftigen Walfang offenzuhalten.

Walfang in Island: Getötete Finnwale © Dagur Brynjólfsson
Getötete Finnwale © Dagur Brynjólfsson

Ist der Walfang in Island wirtschaftlich?

Nein. Sogar das Fischereiministerium bestätigte in einem Bericht von 2023, dass die Finnwaljagd wirtschaftlich irrelevant ist. 2025 blieb Loftssons Flotte allein aus wirtschaftlichen Gründen im Hafen – die Preise auf dem japanischen Markt waren zu niedrig. Die ökonomische Begründung für den Walfang ist damit hinfällig; übrig bleibt eine politische und juristische Frage.

Wird Island den Walfang verbieten?

Die Regierung hat angekündigt, ihre Walfanggesetze im Herbst 2026 zu überarbeiten – mit dem erklärten Ziel, den Walfang zu beenden. Zugleich ist für August 2026 ein Referendum über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen angesetzt. Ein EU-Beitritt Islands mit Weiterführung des Walfangs ist politisch undenkbar.

Trotzdem (oder gerade deswegen) ist der Walfang zunächst zurück: Am 19. Juni 2026 liefen Loftssons Schiffe Hvalur 8 und Hvalur 9 aus, in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 2026 wurden die ersten Finnwale getötet und am 23. Juni an der Station in Hvalfjörður angelandet – die erste Waljagd seit 2023. Ein Verbotsgesetz könnte zudem erst mit Ablauf der laufenden Fünfjahreslizenz 2029 voll greifen. Ein endgültiges Ende des isländischen Walfangs ist also näher als je zuvor, aber noch nicht besiegelt.

Was tut Pro Wildlife?

Pro Wildlife setzt sich innerhalb der EU und im Rahmen der Internationalen Walfangkommission für ein lückenloses kommerzielles Walfangverbot ein. Unser größter Erfolg (gemeinsam mit anderen Verbänden und engagierten Ländern) ist, dass das IWC-Moratorium bis heute noch in Kraft ist – trotz aller Versuche der Walfangländer, diese lästige Einschränkung zu beseitigen. Doch das reicht uns nicht:

Die Gesetzeslücken, mit denen Japan, Island und Norwegen das Moratorium umgehen, müssen endlich geschlossen werden. Um dies zu erreichen, informiert Pro Wildlife regelmäßig die Walschutzländer über Entwicklungen im Walfang und liefert ständig neue Argumente für den internationalen Verhandlungstisch.

Unsere Überzeugungsarbeit führte schließlich dazu, dass die EU für die IWC-Tagung Ende September 2024 in Peru eine entsprechende Resolution einbrachte, die mit großer Mehrheit angenommen wurde. Damit wurde der kommerzielle Walfang in Island, Norwegen und Japan endlich – erstmals seit 23 Jahren – formal verurteilt. Diese diplomatische Ohrfeige ist auch für die isländische Regierung ein deutliches Signal für künftige Entscheidungen.

Wie kann ich helfen?

Pro Wildlife ist Teil der internationalen End Commercial Whaling Coalition und setzt sich weltweit dafür ein, dass die grausame und überholte Tötung von Walen endlich ein Ende hat. Unterstützen Sie jetzt die Petition und helfen Sie mit, den Druck auf die Walfangländer zu erhöhen. Ihre Unterschriften bringen wir bei der IWC-Konferenz im September vor

Zwergwal

Wale schützen
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Weiterführende Berichte

Häufige Fragen zum Walfang in Island

Island trat 2003 mit einem formalen Einspruch gegen das Walfang-Moratorium wieder in die IWC ein und ist dadurch rechtlich nicht daran gebunden. Seit 2006 betreibt es wieder kommerziellen Walfang.

Vor allem den bedrohten Finnwal, daneben Zwergwale. Zwergwale werden seit 2018 nur noch vereinzelt gefangen; im Zentrum steht die Finnwaljagd.

Fast ausschließlich nach Japan. Völkerrechtlich sind nur Japan und Norwegen als Abnehmer möglich, weil nur sie einen Vorbehalt gegen das CITES-Handelsverbot eingelegt haben.

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