Wildwuchs im Wohnzimmer

Schon für 1.000 Euro kann man im Internet ein Löwenbaby kaufen, für 500 Euro einen vom Aussterben bedrohten Gecko. Im Wildtierhandel gibt es kaum Grenzen.
Totenkopfäffchen © Pixabay

Totenkopfäffchen © Pixabay

Warane im Wohnzimmer, Flughunde an der Gardinenstange: Längst ist das Realität – Wildtiere sind als exotische Haustiere der letzte Schrei, der Handel mit lebenden exotischen Tieren boomt. Von 2008 bis 2007 hat allein Deutschland mehr als vier Millionen lebende Reptilien importiert. Wie viele Fische, Vögel, Amphibien und exotische Säugetiere ins Land kommen, ist nicht bekannt – hier werden die Importe nicht einmal erfasst. Während manche gängige Arten gezüchtet werden, hat sich parallel ein lukrativer Handel mit seltenen Arten als Haustier entwickelt: Im Handel tauchen immer mehr bedrohte Reptilien und Amphibien auf. Bei diesen Tieren handelt es sich fast ausnahmslos um Wildfänge. Dafür werden auch Tiere illegal gefangen, die in ihrer Heimat geschützt sind, aber hier dennoch verkauft werden können.

Nilflughund auf einer Tierbörse

Der Wellensittich ist out, Schlangen und Echsen liegen im Trend. Der Preis für die Sehnsucht nach einem Hauch Exotik in den eigenen vier Wänden ist hoch. Denn der Trend, Wildtiere als exotische Haustiere zu halten, verursacht Probleme für den Arten- und Naturschutz, den Tierschutz und die Gesundheit ihrer Halter.

Ich warte auf den Tag, wenn Tiere das Recht haben, zu rennen, wenn sie Beine haben, zu schwimmen, wenn sie Flossen haben, und zu fliegen, wenn sie Flügel besitzen.

Gretchen Wyler

Die Natur als Selbstbedienungsladen

Heimische Frösche, Fledermäuse, Igel und Schlangen sind nach europäischem und deutschem Recht geschützt und dürfen nicht für die Privathaltung eingefangen werden. Doch bei Tieren aus nicht-EU-Ländern gilt: Solange die Arten nicht dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen (engl. CITES) unterliegen, ist die Plünderung der Wildbestände völlig legal. Sie ist nicht reglementiert und wird nicht einmal erfasst. In den allermeisten Fällen müssen die Wildbestände schon stark dezimiert sein, bis eine Art bei CITES endlich geschützt wird. Ein Wettlauf mit der Zeit – und gegen ein schier unbegrenztes und sich ständig änderndes Artenspektrum im Handel. Mit Ausnahme einiger weniger Arten, die in großen Zahlen hierzulande tatsächlich gezüchtet werden, ist bei importierten „Nachzuchten“ oft Vorsicht geboten: Ob Usbekistan, Nikaragua, Madagaskar oder Indonesien: Viele angebliche Zuchtstationen haben gar nicht die Kapazitäten, die nachgefragten Mengen nachzuzüchten. Sie füllen stattdessen fortwährend mit Wildfängen auf und deklarieren sie kurzerhand zu „Nachzuchten“ um. Die Gewinnmargen mit Wildfängen sind zudem eh viel höher als die aufwändige Nachzucht: Die Natur produziert für den Tierhändler quasi umsonst…

Sägerückenagame (Calotes calotes) aus Indien und Sri Lanka © Gihan Jayaweera

Sägerückenagame (Calotes calotes) aus Indien und Sri Lanka © Gihan Jayaweera

Bei besonderen Raritäten, die in ihrem Heimatland bereits geschützt sind, die aber (noch) nicht CITES-geschützt sind, wird besonders deutlich, wie lückenhaft der Tierhandel in Deutschland und der EU geregelt ist: Werden solche Tiere von skrupellosen Händlern erfolgreich aus Ländern wie Mexiko, Brasilien oder Australien geschmuggelt, können sie hier in Deutschland offen und noch immer völlig legal verkauft werden. Ein Skandal.

Exotische Tiere als Haustier halten – eine schlechte Idee

Ein Äffchen als Haustier, so wie Pippi Langstrumpf? Oder lieber doch einen Präriehund? Eine Baumschleiche? Einen grünen Leguan? Über Tierbörsen, Zoogeschäfte und das Internet sind selbst die ausgefallensten Haustiere leicht zu bekommen. Doch die meisten Arten, die im Handel als exotisches Haustier angeboten werden, sind für die Privathaltung nicht geeignet. Viele der ehemals niedlichen Jungtiere werden groß, wild, gefräßig – und teuer. Nicht domestizierte Tiere bleiben wild, ein Leben lang.

Grüner Leguan © Pixabay

Grüner Leguan © Pixabay

Arten aus den Tropen, der Wüste oder Bergregionen brauchen zudem sehr spezielle klimatische Bedingungen, die sich in Gefangenschaft nur mit großem Aufwand erzeugen lassen. Gerade bei Reptilien und Amphibien, die von Verkäufern oft als anspruchslose Haustiere mit geringem Pflegeaufwand angepriesen werden, unterschätzen viele Käufer den technischen Aufwand der Terrarienanlage und die enormen Stromkosten.
Frösche als exotische Haustiere

Schwarzaugenlaubfrosch © V. Henriquez

Das sind nur einige Aspekte, die die Haltung so kompliziert machen. Viele Halter werden dieser einst unüberlegt angeschafften Tiere über kurz oder lang überdrüssig: Die wilden Schützlinge werden ausgesetzt oder ins Tierheim gebracht. Die wenigsten Tierheime haben das Personal, Geld und Knowhow, um Exoten unterzubringen, die wenigen spezialisierten Auffangstationen sind hoffnungslos überfüllt.
Das tut Pro Wildlife
Pro Wildlife dokumentiert Ausmaß und Folgen des Handels mit exotischen Tieren. Wir recherchieren auf Tierbörsen und im Internet. Wir kooperieren mit Feldforschern, analysieren Fachliteratur und identifizieren, welche Arten dringend unter Schutz gestellt werden müssen. Im Gespräch mit Regierungsvertretern setzen wir uns national und international für strengere Regelungen im Wildtierhandel ein – für dutzende Arten, deren Bestand der Heimtierhandel bedroht, konnte Pro Wildlife Handelsverbote und -beschränkungen erwirken, darunter Affen, Reptilien, Amphibien und Papageien. (» Erfolge: Pro Wildlife erwirkt Handelsverbote für bedrohte Arten). Gemeinsam mit mehr als 30 Tierheimen und Auffangstationen fordern wir die Bundesregierung auf, den Handel mit exotischen Tieren endlich einzuschränken. » Bericht: Endstation Wohnzimmer
Plakataktion Exotische Haustiere © Pro Wildlife

Plakataktion Exotische Haustiere © Pro Wildlife