Coronakrise: Naturschutz ist Pandemieschutz!

Zoonosen: Auswirkungen von Wildtierhandel, Lebensraumzerstörung und Artensterben.

Wissenschaftler sowie Tier- und Artenschutzverbände warnen bereits seit Jahren vor den Gefahren des internationalen Wildtierhandels für Mensch und Tier. Die Corona-Pandemie zeigt uns drastischer denn je, dass der Handel mit Wildtieren nicht nur Arten aus aller Welt und sogar unsere heimischen Arten bedroht, sondern durch das mögliche Einschleppen von Zoonosen auch für uns Menschen eine Gefahr birgt. Die Politik muss JETZT endlich handeln!

Momentan hält die Corona-Krise die ganze Welt in Atem. Millionen fürchten um ihre Liebsten und ihre Jobs. Viele Länder reagierten schnell und strikt: Städte wurden abgeriegelt, Grenzen geschlossen und das normale Leben deutlich eingeschränkt. Trotz massiver Maßnahmen breitete sich der Coronavirus schnell in unserer globalisierten Welt aus. Er forderte in kürzester Zeit mehr als hunderttausende Tote weltweit und verursachte ökonomische Schäden in Milliardenhöhe. Doch woher kommt das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, das die Erkrankung COVID-19 verursacht, und was können wir zukünftig tun, damit sich eine solche Krise durch Krankheiten, die von Tieren übertragen werden (Zoonosen), nicht wiederholt?

Wildtiermärkte wie dieser in China bergen enorme Risiken für Zoonosen und gelten als Ursprung der Coronakrise

Wildtiermärkte wie dieser in China bergen enorme Risiken für die Verbreitung von Zoonosen

Tierhandel: Einmal um die Welt

Bei dem Coronavirus handelt es sich um eine solche Zoonose. Der genaue Übertragungsweg ist bisher jedoch nicht bekannt. Es wurde mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit von einem Wildtier auf den Menschen übertragen – für die These es stamme aus einem Labor gibt es keine Beweise. Wissenschaftler gehen bisher davon aus, dass COVID-19 ursprünglich von Fledertieren stammt und über einen Zwischenwirt auf den Menschen übersprang. Welches Tier jedoch als Zwischenwirt diente, ist bisher umstritten – nachdem zunächst Schlangen und Schuppentiere im Gespräch waren, werden momentan auch Marderhunde diskutiert. Doch eins ist ganz klar: Nicht die Tiere sind schuld, sondern wir Menschen! Wir erzwingen einen engen Kontakt mit den Wildtieren, in dem wir in ihre Lebensräume eindringen, diese zerstören und Wildtiere einfangen oder töten, um sie um die ganze Welt zu handeln. 

Flughunde und Fledermäuse können Zoonosen übertragen

Asiatischer Flughund

Artensterben fördert Pandemien

Menschen dringen immer tiefer in die Urwälder und Lebensräume von Wildtieren vor, dabei kommen sie auch mit neuen Krankheitserregern in Kontakt. Die menschengemachte Zerstörung der Natur führt dazu, dass viele Arten aussterben oder aus ihrem natürlichen Lebensraum vertrieben werden. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES bezeichnet die direkte Ausbeutung der Natur als einen der fünf Ursachen für das massenhafte Artensterben. Dabei spielt die Artenvielfalt eine größere Rolle als vielen bewusst ist. Denn in einem intakten Ökosystem leben viele verschiedene Arten; Krankheitserregern können sich so schwerer ausbreiten. Nimmt die Artenvielfalt jedoch aufgrund menschlicher Eingriffe wie Lebensraumzerstörung und Ausbeutung stark ab, leben weniger Arten in einem bestimmten Gebiet. Krankheitserreger können sich dort dann viel stärker ausbreiten und die Wahrscheinlichkeit, dass die Viren auf andere Tierarten oder eventuell sogar den Menschen überspringen, steigt deutlich an. Eine große Artenvielfalt stabilisiert also nicht nur ein Ökosystem, sondern verringert auch das Risiko, dass Infektionen auf den Menschen übertragen werden.

Lebensraumzerstörung in Indonesien erhöht das Risiko von Zoonosen © Ian Redwood

Lebensraumzerstörung in Indonesien © Ian Redwood

Zoonosen: COVID-19 ist kein Einzelfall!

Mehr als 70 Prozent aller zoonotischen Erkrankungen stammen von Wildtieren. Der erzwungene enge Kontakt zwischen Mensch und Wildtier hat bereits in der Vergangenheit mehrfach zur Übertragung von gefährlichen Krankheitserregern auf den Menschen geführt. Neben Säugetieren können beispielsweise auch Vögel, Reptilien, Zecken und Mücken den Menschen mit Erregern infizieren, teils mit tödlichem Ausgang. Zu den Zoonosen mit tödlichen Folgen gehören neben den durch Coronaviren verursachten Erkrankungen auch Ebola, AIDS, die Vogelgrippe sowie Infektionen mit Bornaviren und Affenpocken. Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 gehört zu einer ganzen Familie von Coronaviren, die Wissenschaftlern schon seit vielen Jahren bekannt sind und Säugetiere und Vögel infizieren können. Bereits 2002/2003 bzw. 2012 erkrankten tausende Menschen an SARS bzw. MERS; beide Erkrankungen sind ebenfalls auf Coronaviren zurückzuführen und wurden von Fledertieren über Larvenroller bzw. Dromedare auf den Menschen übertragen.

Zoonosen: Bunthörnchen aus Mittelamerika können Bornaviren übertragen

Bunthörnchen aus Mittelamerika können Bornaviren übertragen

Deutschland – ein Hauptabsatzmarkt für Wildtiere

Im Fall der Corona-Pandemie war vermutlich ein chinesischer Wildtiermarkt in Wuhan der Brandherd für die rasante Ausbreitung des Virus. Doch nicht nur auf asiatischen Wildtiermärkten wird nahezu alles angeboten, was die Natur hergibt: Auch die EU importiert Hunderttausende Wildtiere aus aller Welt, meist werden sie hierzulande als exotische Heimtiere gehandelt. Deutschland ist einer der Hauptabsatzmärkte in der EU und beileibe nicht alle Tiere, die hierzulande online, auf Tierbörsen oder in Zoofachgeschäften angeboten werden, sind Nachzuchten. Jährlich werden Millionen Wildtiere aus der Natur gerissen und enden in deutschen Glaskästen und Käfigen. Über lange Transportrouten kommen Wildtiere aus aller Welt nach Europa. Unhygienische und tierschutzwidrige Bedingungen bei Fang, Zwischenlagerung und Transport tragen zur Verbreitung von Pathogenen bei. Außerdem treffen hierbei Arten aufeinander, die sich in der Natur niemals begegnen würden. Der Wildtierhandel bietet also eine ideale Brutstätte für die Verbreitung von Viren – und der allergrößte Teil dieses Handels ist bis heute LEGAL.

Reptilienhandel: Massenhandel auf einer Tierbörse

Reptil „to go“: Massenhandel auf einer Tierbörse in Deutschland

Krankheitserreger breiten sich nicht nur durch den Verzehr von Wildtieren und nicht nur auf Wildtiermärkten in fernen Ländern aus. Auch der Handel mit lebenden Tieren spielt eine Rolle und auch in Europa und den USA gibt es immer wieder Infektionen:

  • 2012/2013: In Deutschland starben drei Bunthörnchen-Züchter und eine Tierpflegerin an einer Bornaviren-Infektion. Sie hatten sich zuvor bei als exotische Heimtiere gehaltenen Bunthörnchen (ursprünglich aus Mittelamerika stammend) infiziert.
  • Ab 2003: Die Vogelgrippe tötet hunderte Menschen. Verantwortlich hierfür war das H5N1-Virus, das nicht nur in Geflügelzuchtbetrieben, sondern auch bei importierten Papageien in Europa nachgewiesen wurde. 2005 erließ die EU daher ein Importverbot für Wildvögel, Ausnahmen gelten nur für Tiere aus einigen registrierten Zuchtstationen. Andere Wildtierarten können jedoch weiterhin in der EU frei gehandelt werden.
  • 2003: In den USA steckten sich ca. 81 Menschen bei als exotischen Heimtieren gehaltenen Präriehunden mit Affenpocken an. Die Viren stammten ursprünglich von importierten Nagetieren aus Afrika, die die Präriehunde bei der gemeinsamen Haltung im Zoofachhandel infizierten. Die EU reagierte auf dieses Risiko einer Zoonose, in dem sie den Import von Präriehunden aus den USA und afrikanischen Nagern untersagte.
Präriehunde waren Auslöser eines Affenpocken-Ausbruchs in den USA

Präriehunde waren Auslöser eines Affenpocken-Ausbruchs in den USA

Was tut Pro Wildlife?

Das tut Pro Wildlife
Seit seiner Gründung 1999 setzt Pro Wildlife sich dafür ein, dass Tiere, Arten und Lebensräume geschützt werden. Pro Wildlife fordert, den bisher weitgehend unregulierten Import und Handel lebender Wildtiere stark einzuschränken – aus Artenschutz-, Tierschutz- und Gesundheitsgründen. Handlungsbedarf besteht auch in Hinsicht auf die Haltung exotischer Heimtiere: diese sollte in Deutschland rechtsverbindlich und bundeseinheitlich geregelt werden. Bisher haben Deutschland und die EU versäumt, den Handel und Import von Wildtieren zu regulieren. Jetzt ist es an der Zeit für die Politik, längst überfällige Gesetze zu erlassen, um die Artenvielfalt zu erhalten und gesundheitliche Risiken für Mensch und Tier zu minimieren.

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Der globale Wildtierhandel ist eine tickende Zeitbombe.

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Reptilienschmuggel

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Schutz für Menschenaffen vor COVID-19 © LWC

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Unsere Partner in Afrika und Asien kämpfen um das Überleben ihrer Schützlinge, die sich vielleicht infizieren können.

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