München, 14. September 2026. – Wer in Europa eine exotische Echse oder einen Frosch kauft, kann nicht sicher sein, ob das Tier nicht in seinem Herkunftsland aus der Natur gefangen wurde, vielleicht sogar illegal. „Die Schutzvorschriften sind lückenhaft und greifen meist erst, wenn der Schaden an wildlebenden Populationen längst nachweisbar ist. Nachhaltigkeit, Legalität und Sicherheit müssen zur Voraussetzung des Handels werden – nicht zum Ergebnis späterer Verbote“, fordert Dr. Sandra Altherr, Biologin bei Pro Wildlife und Mitautorin eines Kommentars, der diesen Montag in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist. Das internationale und interdisziplinäre Autorenteam* verlangt darin einen grundlegenden Kurswechsel im globalen Heimtierhandel.
Mehr als die Hälfte der Reptilien sind Wildfänge
Der Handlungsdruck ist erheblich: Mehr als 50 Prozent der gehandelten Reptilien und rund 40 Prozent der gehandelten Amphibien werden laut Studien der freien Natur entnommen. Der internationale Artenschutz hinkt hinterher. Das Weltartenschutzabkommen CITES** listet derzeit lediglich 9,5 Prozent aller Reptilien- und 4,2 Prozent aller Amphibienarten. „Gerade der Schmuggel mit nicht-CITES-Arten, die jedoch in ihrem Heimatland illegal eingefangen wurden, boomt. Denn die Händler haben hier wegen einer Gesetzeslücke schlicht nichts zu befürchten“, so die Pro Wildlife-Expertin.
Ein Risiko für Artenvielfalt, Gesundheit und Tierwohl
Die Folgen enden nicht an der Ladentheke. „Erschreckend viele Reptilien- und Amphibienarten sind vom Aussterben bedroht – viele von ihnen auch wegen des Heimtierhandels. Dieser Handel schadet den Herkunftsländern ebenso wie den Zielländern, wo die Tiere zu invasiven Arten werden und Krankheitserreger einschleppen können“, sagt Dr. Neil Vora, Mediziner und Mitautor des Nature-Beitrags. „Hinzu kommen Transport- und Haltungsbedingungen, die jedem Tierschutzverständnis widersprechen. Die politischen Lösungen liegen auf dem Tisch – sie müssen jetzt umgesetzt werden.“
EU steht vor konkreten Weichenstellungen
Die Europäische Kommission hat bereits prüfen lassen, wie der Handel mit illegal beschafften Wildtieren strafrechtlich verfolgt werden könnte. Noch in diesem Jahr soll eine Studie zur Machbarkeit einer EU-weiten Positivliste für Heimtiere vorgelegt werden.
Die Autorinnen und Autoren des Nature-Beitrags fordern, diese Arbeiten jetzt in konkrete Politik zu überführen: Die EU sollte den illegalen Import, Verkauf, Besitz und Re-Export von Tieren unterbinden, die entgegen den Gesetzen ihrer Herkunftsländer der Natur entnommen oder exportiert wurden – auch wenn die jeweilige Art nicht unter CITES fällt.
Eine Positivliste würde die Beweislast umkehren: Gehandelt werden dürften grundsätzlich nur Arten, die ausdrücklich zugelassen sind und deren Herkunft legal und nachhaltig nachgewiesen werden kann. Auch Risiken für Biodiversität, Gesundheit und Tierwohl müssten berücksichtigt werden.
„Die EU hat jetzt die Chance, international eine Vorreiterrolle einzunehmen. Die Studien dürfen nicht in der Schublade verschwinden – sie müssen der Ausgangspunkt für verbindliche Regeln sein, die den illegalen und nicht nachhaltigen Wildtierhandel wirksam zurückdrängen“, so Altherr.
Auch bei den Vereinten Nationen steht eine Entscheidung an
Im Oktober 2026 treffen sich die Vertragsstaaten des UN-Übereinkommens gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität (UNTOC). Ein eigenes Protokoll zu Umweltkriminalität könnte dort die internationale Zusammenarbeit gegen Wildtierkriminalität deutlich stärken.
2026 könnte damit zum Wendepunkt werden. Der Nature-Beitrag fordert deshalb, dass EU und Vereinte Nationen jetzt handeln, statt weiterhin auf einzelne Arten und nachträgliche Verbote zu setzen. Nur ein vorsorgender, international abgestimmter Rechtsrahmen kann verhindern, dass der Markt für exotische Haustiere auf Kosten wildlebender Tierarten und ihrer Lebensräume wächst.
* Dr. Neil Vora (Preventing Pandemics, USA), Dr. Susan Lieberman (Wildlife Conservation Society USA), Dr. Sandra Altherr (Pro Wildlife, Deutschland), Dr. Juliana Machado Ferreira (Freeland, Brasilien), Michèle Hamers (Coalition to Address Reptile and Amphibian Trade, Belgien), Dr. Rachel Boratto (GuArdean Centre for Conservation Research, Kanada), John E. Scanlon (International Council of Environmental Law, Schweiz), Prof. Dr. Chris Walzer (Universität für Veterinärmedizin Wien, Österreich)
** CITES = Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora
Hintergrundinfos:
- Nature Comment: „Close legal gaps in the global pet trade“ (kompletter Artikel auf Anfrage)
- Hintergründe zum Wildtierhandel
- Mehr zur Gesetzeslücke in der EU