Warum jedes Jahr rund 100 Millionen Haie sterben – und was hilft
Haie durchstreifen die Meere seit rund 400 Millionen Jahren – doch in wenigen Jahrzehnten hat der Mensch ihre Populationen dramatisch dezimiert. Jedes Jahr werden schätzungsweise rund 100 Millionen Haie getötet, vor allem für ihre Flossen; über ein Drittel aller Hai- und Rochenarten ist inzwischen vom Aussterben bedroht. Pro Wildlife setzt sich seit über 25 Jahren gemeinsam mit anderen Organisationen für den Schutz der Haie ein – am Verhandlungstisch internationaler Abkommen, in der EU und mit Aufklärungsarbeit.
Auf einen Blick
- Jedes Jahr werden rund 100 Millionen Haie getötet – die Zahl steigt trotz zahlreicher Schutzregeln weiter (Science, 2024).
- Die Populationen der Hochsee-Haie und -Rochen sind seit 1970 um 71 Prozent eingebrochen (nature, 2021).
- Über ein Drittel aller Hai- und Rochenarten ist vom Aussterben bedroht (IUCN).
- Wertvollstes Handelsgut sind die Flossen; die grausame Praxis des „Finnings“ ist in der EU verboten, weltweit aber weit verbreitet.
- 2025 gelang bei der CITES-Konferenz ein historischer Schritt: Erstmals wurde ein Hai unter das strengste Handelsverbot (Anhang I) gestellt.
Wie viele Haie werden jedes Jahr getötet?
In den letzten 50 Jahren hat sich die Haifischerei nahezu verzwanzigfacht. Jedes Jahr werden schätzungsweise rund 100 Millionen Haie durch den Menschen getötet. Eine 2024 im Fachjournal Science veröffentlichte Studie zeigt das ganze Ausmaß: Die durch Fischerei verursachte Sterblichkeit stieg von rund 76 Millionen (2012) auf mindestens 80 Millionen Haie (2019) – rechnet man nicht bestimmte Arten hinzu, sind es sogar rund 101 Millionen. Etwa 25 Millionen davon sind bereits bedrohte Arten.
Besonders alarmierend: Obwohl sich die Finning-Regeln in diesem Zeitraum verzehnfacht haben, ist die Gesamtsterblichkeit nicht gesunken, sondern weiter gestiegen. Verbote des Flossenschnitts allein reichen also nicht – wirksam sind laut Studie vor allem echte Fangverbote und Schutzgebiete. Infolge der Überfischung sind die Populationen der Haie und Rochen auf hoher See seit 1970 um 71 Prozent zurückgegangen; selbst der einst häufigste Hai, der Blauhai, nimmt inzwischen ab.
Was ist „Finning“ – und ist es verboten?
Einige kleinere Haie werden für die Fischtheke gejagt, am wertvollsten im internationalen Handel sind aber die Flossen. Vor allem in Asien gilt eine Suppe aus Haiflossen noch immer als Delikatesse. Um an Bord Platz zu sparen und nur die Flossen zu lagern, praktiziert die Fischerei vielerorts bis heute das sogenannte „Finning“: Den Haien werden noch auf See die Flossen abgeschnitten, der Körper wird über Bord geworfen. Eine grausame Praxis, denn häufig leben die Tiere noch und sinken hilflos zum Meeresboden, wo sie ersticken oder verbluten.
In der EU ist Finning seit 2003 verboten; seit 2013 muss der ganze Haikörper mit Flossen am Leib („fins naturally attached“) an Land gebracht werden. Doch die Regelung hat Schlupflöcher, und die EU bleibt ein wichtiger Knotenpunkt des internationalen Haiflossenhandels. Pro Wildlife fordert deshalb ergänzend ein EU-weites Handelsverbot für Haiflossen.
Warum sind Haie für das Ökosystem so wichtig?
Der starke Rückgang der Populationen hat katastrophale Folgen, denn Haie und die nah verwandten Rochen haben eine Schlüsselrolle im Ökosystem Meer. Als Top-Raubfische halten die meisten großen Haiarten die Fischpopulationen gesund, indem sie alte und kranke Tiere erbeuten und das Gleichgewicht der Arten stabilisieren.
Wo Haie fehlen, sterben Korallen: Ohne Haie vermehren sich dominante Fische wie Zackenbarsche unkontrolliert. Diese fressen kleine, algenfressende Fische – und ohne sie überwuchern Algen die Riffe und rauben den Korallen das lebenswichtige Licht. So entsteht eine tödliche Kettenreaktion: zu wenige Haie, zu viele Zackenbarsche, zu viele Algen, erstickte Korallen.
Ein besonders dramatisches Beispiel: der Makohai

Der Makohai steht im Nordatlantik bereits vor der „funktionalen“ Ausrottung. Anders als Haie, die nur wegen ihrer Flossen getötet werden, gilt das Fleisch des Makohais als schmackhaft und lässt sich gut vermarkten. Eine gezielte Mako-Fischerei gibt es offiziell nicht – die Tiere sind aber begehrter „Beifang“, für den gezielt attraktive Haken und Köder eingesetzt werden. Spanien und Portugal zählen zu den größten Mako-Fischerei-Nationen. Mehr dazu: Im Einsatz für Makohaie.
Wie werden Haie international geschützt?
Der wichtigste Hebel ist das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES, das den internationalen Handel reguliert. In zwei großen Schritten wurde der Schutz zuletzt massiv ausgeweitet – 2022 und, mit einer historischen Premiere, 2025.
| Konferenz | Beschluss | Betroffene Arten | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| CITES CoP19 Panama, 2022 | Aufnahme in Anhang II (Handel nur mit Nachhaltigkeitsnachweis) | rund 60 Haiarten – 54 Requiemhaie (darunter der Blauhai) und 6 Hammerhaiarten – sowie zahlreiche Rochenarten | Seither sind über 90 % des weltweiten Haiflossenhandels reguliert (zuvor rund 25 %). |
| CITES CoP20 Samarkand, 2025 | Erstes Anhang-I-Listing für einen Hai überhaupt (weltweites Handelsverbot); weitere Arten auf Anhang I bzw. II | Weißspitzen-Hochseehai (Carcharhinus longimanus) auf Anhang I; Walhai sowie Manta- und Teufelsrochen auf Anhang I; Schlinger- und Hundshaie auf Anhang II; Nullquote für Wildfänge von 18 Geigenrochen-Arten | Insgesamt über 70 Hai- und Rochenarten neu oder stärker geschützt – der umfassendste Hai-Schutz der CITES-Geschichte. |
Ergänzend ringen regionale Fischereiabkommen wie die ICCAT um Fangregeln: Seit 2021 gilt ein Fangstopp für den Makohai im Nordatlantik, 2025 folgte eine Halbierung der Südatlantik-Fangmenge sowie eine EU-Nullquote für den Blauhai im Mittelmeer. Auch die Bonner Konvention für wandernde Arten (CMS) hat den Schutz zuletzt ausgeweitet.
Was fordert Pro Wildlife?
- Konsequenter Fangstopp für den stark gefährdeten Makohai – und wirksame Überwachung der bestehenden ICCAT-Regeln.
- Lückenloses EU-Handelsverbot für Haiflossen als Ergänzung zur Finning-Verordnung, deren Kontrollen bislang unzureichend sind.
- Internationale Fangbeschränkungen für weitere bedrohte Hai- und Rochenarten – etwa den Blauhai –, damit den CITES-Handelsregeln auch echte Fanggrenzen folgen.
Was kann ich tun, um Haie zu schützen?
- Keine Haiprodukte kaufen – und aufpassen bei Tarnnamen: „Schillerlocke“, „Seeaal“ oder „Kalbsfisch“ sind meist Dornhai; auch in Fish & Chips, Tierfutter und Kosmetik (Squalen aus Haileber) steckt Hai.
- Beim Einkauf orientieren an unserer Einkaufshilfe für Haifreunde.
- Generell Meeresfisch reduzieren, denn viele Haie sterben als Beifang der Überfischung.
- Die Haischutz-Arbeit von Pro Wildlife mit einer Spende unterstützen.
2026
Bei der CMS CoP15 werden die Fuchshaie (Alopias sp.) sowie Bogenstirn- (Sphyrna lewini) und Großer Hammerhai (Sphyrna mokarran) in Anhang I aufgenommen; der Engnasen-Glatthai (Mustelus schmitti) kommt in Anhang II.
2025
Bei der CITES-Konferenz CoP20 wird der Weißspitzen-Hochseehai als erster Hai überhaupt auf Anhang I gesetzt (weltweites Handelsverbot); Walhai sowie Manta- und Teufelsrochen folgen ebenfalls auf Anhang I, Schlingerhaie und Hundshaie auf Anhang II; für 18 Geigenrochen-Arten gilt eine Nullquote für Wildfänge – insgesamt über 70 Hai- und Rochenarten. Bei der ICCAT gelingt eine Fangreduzierung für den Makohai im Südatlantik (von 1.295 auf 634 Tonnen), zudem gilt in der EU eine Nullquote für den Blauhai im Mittelmeer.
2022
Das Weltartenschutzabkommen CITES (CoP19) stellt rund 60 Haiarten – darunter Blauhai und weitere Hammerhaie – sowie zahlreiche Rochenarten unter Handelsbeschränkungen. Die ICCAT legt erstmals Fangbeschränkungen für den Makohai im Südatlantik fest.
2021
Das Fischereiabkommen ICCAT verbietet jeglichen Fang von Makohaien im Nordatlantik.
2019
Globale Handelsbeschränkungen für Makohaie durch das CITES-Weltartenschutzabkommen
2016
Globale Handelsbeschränkungen für Teufelsrochen, Seiden- und Fuchshaie sowie Geigenrochen
2013
Die EU-Haifinning-Verordnung verpflichtet hiesige Fischer, Haie nur noch als Ganzes mit den Flossen am Leib („Fins naturally attached“) an Land zu bringen.
Weltweite Handelsbeschränkungen für Heringshaie, für Weißspitzenriffhaie, drei Hammerhai-Arten und für Mantarochen
2007
Globales Handelsverbot für Sägerochen
2005
Weltweite Handelsbeschränkung für den Weißen Hai
2003
Weltweite Handelsbeschränkungen für Riesenhai und Walhai – nach mehreren Anläufen und gegen viel Widerstand der Fischerei-Nationen erstmals durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES.
Was aktuell geschieht




