Korallensterben in den Weltmeeren

Zurück bleibt eine bleiche Unterwasserwüste

Korallensterben in den Weltmeeren

Das Wichtigste in Kürze

  • Erster Kipppunkt überschritten: Warmwasser-Korallenriffe sind laut dem Global Tipping Points Report 2025 das erste große Ökosystem der Erde, das einen Klima-Kipppunkt überschritten hat. Bei der aktuellen Erwärmung von rund 1,4 °C liegt die Welt bereits über der kritischen Schwelle von etwa 1,2 °C.
  • Schwerste Korallenbleiche der Geschichte: Die vierte globale Korallenbleiche (2023–2025) hat rund 84 % der weltweiten Riffflächen geschädigt – mehr als jedes frühere Ereignis. Laut NOAA gilt sie seit Mitte 2025 als beendet.
  • Fast die Hälfte bedroht: 44 % aller Warmwasser-Korallenarten sind vom Aussterben bedroht – 2008 war es noch ein Drittel (IUCN).
  • Ursachen: Steigende Meerestemperaturen durch den Klimawandel sind die mit Abstand größte Bedrohung. Hinzu kommen Umweltverschmutzung (u. a. Sonnencreme), Überfischung und zerstörerische Fangmethoden.
  • Was hilft: Konsequenter Klimaschutz ist entscheidend. Lokal helfen der Schutz widerstandsfähiger Riff-Rückzugsräume, ein kleiner CO₂-Fußabdruck und rücksichtsvolles Verhalten im und am Wasser.

Sind Korallen Tiere oder Pflanzen?

Obwohl sie aussehen wie Unterwasserblumen, sind Korallen keine Pflanzen. Sie gehören – wie Quallen – zur Gattung der Nesseltiere. Es gibt Steinkorallen, Weich- und Lederkorallen. Korallenriffe gelten neben Regenwäldern als artenreichste Lebensräume der Welt. Doch inzwischen sind 44 % der Warmwasser-Korallenarten vom Aussterben bedroht (IUCN).

Die wichtigsten Ursachen im Überblick

„Hawaii verbietet Sonnencreme“ – so lautete eine außergewöhnliche Schlagzeile, die vor einigen Jahren für Aufmerksamkeit sorgte. Was war da los? Der Stoff Oxybenzon, der in vielen Kosmetika und auch in Sonnencremes verwendet wird, ist hochgiftig für das Ökosystem unter Wasser und mitverantwortlich für das Korallensterben. Besonders die bunten Korallen vor der Küste leiden unter diesen Giften, denn sie dringen tief bis in die Zellen der empfindlichen Lebewesen vor und führen zur tödlichen Korallenbleiche. Leider nur ein Grund von vielen, weshalb die „Regenwälder der Meere“, wie die Korallenriffe auch genannt werden, absterben. Die steigenden Temperaturen durch den Klimawandel sind der mit Abstand wichtigste Faktor – hinzu kommen Umweltverschmutzung und Überfischung.

Der erste überschrittene Klima-Kipppunkt

Im Oktober 2025 zog die Wissenschaft eine historische Bilanz: Die Warmwasser-Korallenriffe sind das erste große Ökosystem der Erde, das einen Klima-Kipppunkt überschritten hat. Zu diesem Ergebnis kommt der Global Tipping Points Report 2025, an dem rund 160 Forschende aus 23 Ländern unter Leitung der Universität Exeter mitgearbeitet haben.

Ein Kipppunkt bezeichnet die Schwelle, ab der sich ein natürliches System selbstverstärkend und oft unumkehrbar verändert. Für tropische Korallenriffe schätzen die Fachleute diese Schwelle auf etwa 1,2 °C globale Erwärmung über dem vorindustriellen Niveau. Mit derzeit rund 1,4 °C ist dieser Wert bereits überschritten (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, 24.06.2026).

Besonders ernüchternd: Selbst wenn die Erwärmung bei 1,5 °C stabilisiert werden könnte, gilt es als äußerst wahrscheinlich, dass ein Großteil der Riffe verloren geht. Dauerhaft erholen könnten sie sich nur, wenn die globale Temperatur wieder auf etwa 1 °C oder darunter sinkt (Goethe-Universität Frankfurt, 13.10.2025).

Korallenbleiche: Definition, Ausmaß und Folgen

Korallenbleiche
Korallenbleiche © Roberto Palmer

Was ist eine Korallenbleiche?

Korallenbleiche ist eine biologische Stressreaktion: Korallen leben in Symbiose mit winzigen Algen, die in ihrem Gewebe wohnen. Diese Algen liefern den Korallen über Photosynthese Energie und geben ihnen zugleich ihre leuchtenden Farben. Wird das Wasser zu warm, gerät diese Partnerschaft aus dem Gleichgewicht: Die Korallen stoßen ihre Algen ab und verlieren damit ihre Nahrungsquelle und ihre Farbe. Zurück bleibt das nackte, weiße Kalkskelett – die Koralle „bleicht“.

Bleibt der Hitzestress zu lange bestehen, verhungern die Korallen und sterben ab.

Die Korallenbleiche wird bereits seit den 1970er Jahren beobachtet. In den letzten beiden Jahrzehnten hat das Ausmaß dieser hitzebedingten Stressreaktion jedoch rasant zugenommen. 2005 bleichten im tropischen Atlantik 80 Prozent der Korallen aus, die Hälfte davon starb. Hitzewellen führten am Great Barrier Reef in nur wenigen Jahren zu mehreren großflächigen Bleichen (2016, 2017, 2020, 2022 und erneut 2024).

Globale Korallenbleichen, die alle Weltmeere auf der Nord- wie der Südhalbkugel betreffen, wurden bislang vier verzeichnet: 1998, 2010, 2014–2017 und zuletzt 2023–2025. Die jüngste war mit Abstand die schwerste. Von Januar 2023 bis Mitte 2025 war rund 84 % der weltweiten Riffflächen von hitzebedingtem Bleichstress betroffen – in mindestens 83 Ländern und Gebieten (ICRI, 2025).

Korallenbleiche Stresslevel weltweit 2024
Unterschiedliche Stresslevel für Korallen, gemessen am 21. April 2024. Quelle: NOAA
Daily Global 5km Satellite Coral Bleaching Heat Stress Alert Area, 21.8.2024
Mit der Sonne gewandert: Stresslevel gemessen am 21. August 2024. Qelle: NOAA

Zum Vergleich, wie stark das Ausmaß zugenommen hat (ICRI, 2025):

Globale BleicheJahrBetroffene Riffflächen
1. Ereignis199821 %
2. Ereignis201037 %
3. Ereignis2014–201768 %
4. Ereignis2023–2025~84 %

Auf ein Korallensterben folgt das ganze Ökosystem

Es wird vermutet, dass 25 Prozent der Meeresfische in den Korallenriffen zuhause sind und dort Schutz und Nahrung finden. Bleicht ein Riff großflächig aus und stirbt ab, bricht diese Lebensgrundlage weg: Zurück bleibt eine Wüstenlandschaft, in der Meeresbewohner weder Nahrung noch Schutz finden. So zieht das Korallensterben ein ganzes Ökosystem mit sich.

Korallensterben: Das Great Barrier Reef in Australien
Das Great Barrier Reef in Australien

Rekordtemperaturen in den Weltmeeren

Der Hauptgrund für die dramatische Zunahme der Bleichen liegt im Wasser selbst: Die Ozeane sind so warm wie nie. Sie haben rund 90 Prozent der zusätzlichen Wärme aufgenommen, die der Mensch durch Treibhausgase erzeugt. 2024 war global das wärmste je gemessene Jahr, und auch 2025 blieb der Wärmeinhalt der oberen 2.000 Meter des Ozeans auf einem neuen Allzeithoch (Copernicus Marine Service, März 2026). Seit Mitte 2026 hat ein neues El Niño eingesetzt, und die Meeresoberflächentemperaturen nähern sich erneut Rekordwerten (Copernicus, Juli 2026). Für die ohnehin geschwächten Riffe bedeutet das weiteren Hitzestress.

Was bedroht Korallenriffe zusätzlich?

Die Meereserwärmung ist die mit Abstand größte Gefahr – doch sie ist nicht die einzige. Vor allem in Küstennähe setzen den Riffen weitere, oft direkt vom Menschen verursachte Bedrohungen zu.

Vergiftung der Korallen

Inhaltsstoffe von Kosmetika, insbesondere von Sonnencreme, sind für die Korallen extrem gesundheitsschädlich. Schätzungen zufolge gelangen jährlich mehrere tausend Tonnen Sonnencreme – Angaben reichen bis zu rund 14.000 Tonnen – in Korallenriffgebiete. Dazu kommen Verschmutzungen aus Seifen und Waschlotionen, die über Badezimmer-Abflüsse, von Kreuzfahrtschiffen sowie durch Kläranlagen in die Gewässer gespült werden.

Auf Hawaii sind Cremes mit Oxybenzon und Octinoxat seit dem 1. Januar 2021 nicht mehr zulässig. Hawaii ist damit kein Einzelfall: Palau verbot riffschädliche Sonnencremes bereits 2020 als erstes Land überhaupt, weitere Reiseziele wie Bonaire, Aruba, Thailand und Key West sind gefolgt.

Wer nach Hawaii fliegt, bekommt bei Hawaiian Airlines ein kleines Tütchen „riffsichere“ Sonnencreme. Vorsicht ist allerdings bei Labeln wie „reef safe“ oder „rifffreundlich“ geboten: Sie sind nicht reguliert und oft eher Marketing als Garantie – ein Blick auf die Inhaltsstoffe lohnt sich. Die klar bessere Wahl sind mineralische Filter mit Zinkoxid oder Titandioxid. Eine völlig rückstandsfreie Lösung gibt es zwar auch damit nicht, doch für Korallen sind sie deutlich verträglicher als chemische UV-Filter.

Mit Dynamit auf Fischfang

Führt man sich vor Augen, wie empfindlich Korallen auf Giftstoffe reagieren, möchte man sich die Haare raufen angesichts grotesker Fischereimethoden wie dem Cyanid- oder – noch brutaler – dem Dynamitfischen:

Die Giftfischerei mit dem Nervengift Cyanid ist besonders in Südostasien verbreitet, wo tropische Fische gerne als Spezialität oder als Deko in Aquarien enden. Dabei werden die Tiere mit einer zyankaliähnlichen Substanz betäubt, um sie leichter ins Netz zu bekommen – rund 70 Prozent der für Aquarien gefangenen Fische werden auf diese Weise betäubt (Environmental ScienceBites). Wo die Fische gerade noch überleben, sterben die Korallen: Cyanid kann sogar eine lokale Bleiche auslösen, weil es die Photosynthese der symbiotischen Algen hemmt.

Noch schlimmer ist das Dynamitfischen. Hier ist der Name Programm: Fischer werfen Sprengstoff ins Wasser und sammeln anschließend die tote Beute ein. Die Druckwellen zertrümmern die Riffstruktur und hinterlassen Trümmerfelder. Wie lange die Folgen nachwirken, macht eine Zahl deutlich: Nach einer einzigen Sprengung braucht ein Riff etwa 5 bis 10 Jahre, um sich zu erholen – bei anhaltender Sprengfischerei bleibt dauerhaft nur eine Trümmerwüste zurück (Biology LibreTexts).

Zwar sind Cyanid- und Dynamitfischen in vielen Ländern verboten, doch wo Kontrollen fehlen, lassen sich die Gesetze leicht umgehen. Oft bleibt kaum eine andere Wahl: Die großen Fangnetze der Industrieschiffe – etwa Grundschleppnetze, die zusätzlich den Meeresboden umpflügen – rauben die Meere derart aus, dass für die traditionelle Fischerei kaum etwas übrig bleibt.

Tauchtourismus – Risiko und Chance

Rein aus ökonomischer Sicht ist das rasant fortschreitende Korallensterben fatal. Länder wie die Malediven oder Australien beziehen große Teile ihres Bruttoinlandsprodukts aus dem Tourismus. Doch wie überall, wo die Massen nach Vergnügen suchen, nimmt auch das maritime Ökosystem Schaden.

Aber: Das System ist durchaus in der Lage, sich zu regenerieren – wenn der Mensch die Finger davon lässt. Eindrucksvoll zeigte sich das im Roten Meer. In Ägypten kam durch politische Umbrüche der Tourismus zeitweise fast zum Erliegen. Schlecht für die Menschen, die am Tourismus verdienen, aber gut für die Riffe, die sich nach jahrelanger Dauerbelastung durch Sonnencreme, Plastik, Trittschäden und Sandaufwirbelung endlich erholen konnten. Taucher*innen berichteten, die Riffe seien kaum wiederzuerkennen gewesen – in den buntesten Farben.

Ein Feuerfisch im Roten Meer
Ein Feuerfisch im Roten Meer

Nachhaltiger Tauchtourismus – so könnte ein Modell der Zukunft aussehen. Denn gerade diejenigen, die auf ihre Unterwasser-Attraktionen achtgeben und sie pflegen, können längerfristig daran verdienen. Das hieße: Tauchgänge begrenzen, das richtige Verhalten unter Wasser vermitteln und Bojen anlegen, die das Ankern überflüssig machen.

Was können wir tun?

  • Klimaschutz ist entscheidend. Da die Meereserwärmung die größte Bedrohung ist, hilft es den Korallen am meisten, den eigenen CO₂-Fußabdruck klein zu halten – weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger Fleisch konsumieren und auf Ökostrom umsteigen.
  • Rücksicht beim Tauchen und Schnorcheln: Abstand halten, nicht auf Korallen aufstützen oder stellen, keine Souvenirs mitnehmen und Korallen niemals abbrechen.
  • Auf chemische Sunblocker verzichten und bei längeren Aufenthalten im Wasser lieber ein T-Shirt mit UV-Schutz tragen.
  • Bewusst Fisch konsumieren: Wer unbedingt Fisch essen möchte, sollte auf Arten achten, deren Bestände nicht von Überfischung bedroht sind.

Autorinnen: Sonja Mair / Natalie Kämmerer
Veröffentlicht am: 31. Juli 2018. Aktualisiert am: 3. Juli 2026

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