Coronaviren und der Tierhandel

29. Januar 2020 (Update 26. März 2020).

Der globale Wildtierhandel als tickende Zeitbombe.

Derzeit dominiert ein neues Coronavirus die internationalen Schlagzeilen, denn trotz des Abriegelns von Millionenstädten in China, von Grenzen in Europa und Ausgangssperren in zahlreichen Ländern weltweit breitet sich das Virus rasant aus. Der Erreger stammt offenbar von einem Fischmarkt in der chinesischen Stadt Wuhan, wo auch Schlangen- und Schuppentierfleisch zum Verzehr verkauft wurde. Eigentlich kommt das Virus in Fledermäusen vor. Es wurde zunächst angenommen, eine der verkauften Schlangen hätte sich über das Fressen einer Fledermaus infiziert. Danach vermuteten Forscher, dass Schuppentiere den Erreger übertragen haben könnten; erwiesen ist der Übertragungsweg jedoch nicht. Fakt ist: Dank Globalisierung kann sich die Krankheit seither von dem Markt aus schnell ausbreiten.

Schlangen auf dem Markt in Jiangmen

Schlangen auf dem Markt in Jiangmen

Auf Wildtiermärkten in Asien verschwindet die Artenvielfalt

Wildtiere werden millionenfach auf Märkten in China verkauft, oft lebend oder aber zerlegt, geräuchert oder in Flüssigkeiten eingelegt. Schuppentiere, Ginsterkatzen, Affen, Ratten, Schlangen, Flughunde, Wasserschildkröten: Angeboten wird nahezu alles, was die Natur hergibt. Da Chinas Wälder und Flüsse vielerorts leergefangen sind, kommen große Wildtierlieferungen mittlerweile aus Ländern in aller Welt.

Markt in Mong La, Myanmar, an der Grenze zu China © Alex Hofford

Markt in Mong La, Myanmar, an der Grenze zu China © Alex Hofford

Der Sog chinesischer Wildtiermärkte gilt als schwarzes Loch für die Artenvielfalt. Die Bedingungen auf den Märkten sind zudem katastrophal, sowohl was die Hygiene angeht, als auch den Tierschutz: Viele Tiere werden noch lebend angeboten, um Frische zu garantieren. Sie sind ohne Wasser und Futter in winzige Käfige eingepfercht oder gestapelt in Bottichen, Boxen oder Netzen.

Sonnendachse in winzigen Käfigen auf einem Markt in Jiangmen

Sonnendachse in winzigen Käfigen auf einem Markt in Jiangmen

Arten- und Tierschützer kämpfen schon lange gegen diese Missstände, bislang vergebens. Ausgelöst durch die Coronaviren-Epidemie hat die chinesische Regierung landesweit den Handel mit den meisten Wildtieren zumindest für den Verzehr massiv beschränkt. Die Maßnahme ist drastisch, aber keineswegs hysterisch. Bereits die SARS-Epidemie, der 2002-2003 mehr als 770 Menschen zum Opfer fielen, hatte ihren Ursprung auf einem chinesischen Tiermarkt; Infektionsquelle damals waren wohl Larvenroller (Verwandte der Schleichkatzen).

Schuppentiere und Schlangen auf einem Markt © Soggydan Benenovitch

Schuppentiere und Schlangen auf einem Markt © Soggydan Benenovitch

Wissenschaftler haben schon 2008 gewarnt: 72 Prozent der weltweiten Zoonosen – also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen oder andere Tiere übertragen werden – stammen von Wildtieren. Der globale Handel mit exotischen Haustieren spielt hierbei eine erhebliche Rolle. Allerdings hat das durch Corona ausgelöste chinesische Tierhandelsverbot bislang noch massive Lücken: es gilt nur für den Handel mit Tieren als „Lebensmittel“, nicht als „Medizin“, Heimtiere oder für Pelze. Außerdem sind bestimmte Tiergruppen, wie etwa gezüchtete Reptilien und Amphibien oder manche Säugetiere, die kurzerhand zu „Nutztieren“ umdeklariert wurden, vom Verbot ausgenommen.

Orientalische Rattenschlange © Avijan Saha

Orientalische Rattenschlange © Avijan Saha

Zoonosen: Vom Wildtier auf den Menschen

Wer weiß schon, dass China der größte Lieferant der EU für lebende Reptilien ist? Von den 5,6 Millionen Schlangen, Echsen und Schildkröten, die die EU in den letzten fünf Jahren lebend für hiesige Terrarien importierte, stammten mehr als zwei Millionen Tiere aus China! Für alle anderen Tiergruppen, darunter Säuger, Amphibien oder Fische, wird die Einfuhr nicht einmal erfasst, es sei denn, es handelt sich um international geschützte Arten, was nur einen Bruchteil der Importe ausmacht. Natürlich sind nicht alle diese Wildtiere brandgefährlich. Aber das Risiko der Entwicklung und Übertragung von Krankheiten durch den Handel mit Wildtieren, auch für den Heimtiermarkt, sollte nicht verharmlost werden:

2003 erkrankten in den USA mehr als 70 Menschen, die Präriehunde als Haustiere hielten, an Affenpocken. Das Virus war zuvor offenbar in Tierhandlungen von importierten afrikanischen Nagern und Hörnchen auf die Präriehunde übertragen worden. Die EU erließ daraufhin einen partiellen Importstopp für Präriehunde, allerdings nur aus den USA, sowie für Nager nur aus Subsahara-Afrika.

Präriehunde können Affenpocken übertragen

Präriehunde können Affenpocken übertragen

– Mindestens zwei Influenza-Viren lösten Vogelgrippe-Wellen aus, die auch auf den Menschen übersprangen, nämlich H5N1 (mit weltweiter Ausbreitung ab 2004) und H7N9 (Erkrankungen beim Menschen vor allem seit 2013, seit 2017 gilt der Erreger als hochpathogen). H5N1 kam über Zugvögel nach Europa, wurde aber auch im Tierhandel bei importierten Papageien nachgewiesen. 2005 beschloss die EU deshalb ein vorläufiges Einfuhrverbot für Vögel wildlebender Arten, das 2007 in ein dauerhaftes umgewandelt wurde. Einfuhren sind für Wildfänge seither verboten, auch Nachzuchten dürfen nur aus registrierten Zuchtbetrieben einiger weniger Länder in die EU.

2012 bis 2013 starben in Sachsen-Anhalt drei Züchter asiatischer Schönhörnchen. Sie hatten sich laut Friedrich-Löffler-Institut bei ihren Tieren mit Bornaviren infiziert und starben an schweren Hirnhautentzündungen. Auch der Tod einer Tierpflegerin, die ebenfalls mit Schönhörnchen in Kontakt war, wird auf das Virus zurückgeführt. Weitere Bornaviren wurden unter anderem in Pythons, Papageien und Prachtfinken nachgewiesen.

Schönhörnchen können Bornaviren übertragen

Schönhörnchen können Bornaviren übertragen

– Nicht für den Menschen gefährlich, aber fatal für die heimischen Amphibienbestände, erwies sich ein über den Tierhandel eingeschleppter Hautpilz: Der sogenannte „Salamanderfresser“ (Batrachochytrium salamandrivorans) verursachte seit 2008 ein Massensterben unter Salamandern in Belgien, den Niederlanden und der Eifel. Der Pilz stammt offenbar von asiatischen Schwanzlurchen, die als exotische Haustiere importiert wurden. Einfuhren in die EU sind noch immer möglich; seit Februar 2018 gelten lediglich temporäre Quarantäne-Auflagen für die Einfuhr lebender Salamander, die im November 2019 bis zum 20. April 2021 verlängert wurden.

Der Salamanderfresser bedroht heimische Feuersalamander

Der Salamanderfresser bedroht heimische Feuersalamander

Wildtierhandel: Gefahr für die Gesundheit

Die EU reagiert bislang nur mit großer Verzögerung und sehr punktuell auf drohende Zoonosen. Die aktuelle Aufregung um das Coronavirus sollte als Anlass dienen, jetzt endlich den Wissenschaftlern Gehör zu schenken, die bereits seit den 2000er Jahren immer wieder in Studien warnen, dass der Wildtierhandel das größte Risiko bei der Verbreitung von Zoonosen darstellt. Vielleicht wacht Brüssel nun ja auf, Importverbote wären aus vielen Gründen zu empfehlen: Denn neben der Gesundheit der Bevölkerung und dem Schutz der in ihren Heimatländern geplünderten Arten würde auch die hiesige Natur profitieren: Der EU-Importstopp für Wildvögel seit 2005 hat gezeigt, dass die Gefahr durch invasive Vögel stark zurückgegangen ist. Und ein Salamanderfresser hätte nicht so tödlich unter Europas Amphibien wüten können…

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