Coronaviren und der Tierhandel in China

27. Juli 2021 (aktualisierte Fassung).

Der globale Wildtierhandel als tickende Zeitbombe.

Derzeit dominiert ein neues Coronavirus die internationalen Schlagzeilen, denn trotz des Abriegelns von Millionenstädten in China, von Grenzen in Europa und Ausgangssperren in zahlreichen Ländern weltweit breitet sich das Virus rasant aus. Ein chinesischer Wildtiermarkt in Wuhan, auf dem unter anderem Schlangen- und Schuppentierfleisch zum Verzehr angeboten wurde, diente vermutlich als Brandherd für die rasante Ausbreitung des Virus. Der genaue Übertragungsweg ist bisher nicht geklärt. Es spricht jedoch alles dafür, dass das Virus nicht künstlich in einem Labor hergestellt wurde, sondern ursprünglich von einem Wildtier stammt, wie die WHO und diverse Wissenschaftler bestätigen. Es wurde zunächst angenommen, eine zum Verzehr angebotene Schlangen hätte sich über das Fressen eines Fledertieres infiziert. Danach vermuteten Forscher, dass Schuppentiere den Erreger übertragen haben könnten.

Schlangen auf dem Markt in Jiangmen

Schlangen auf dem Markt in Jiangmen

Auf Wildtiermärkten in Asien verschwindet die Artenvielfalt

Wildtiere werden millionenfach auf Märkten in China verkauft, oft lebend oder aber zerlegt, geräuchert oder in Flüssigkeiten eingelegt. Schuppentiere, Ginsterkatzen, Affen, Ratten, Schlangen, Flughunde, Wasserschildkröten: Angeboten wird nahezu alles, was die Natur hergibt. Da Chinas Wälder und Flüsse vielerorts leergefangen sind, kommen große Wildtierlieferungen mittlerweile aus Ländern in aller Welt.

Markt in Mong La, Myanmar, an der Grenze zu China © Alex Hofford

Markt in Mong La, Myanmar, an der Grenze zu China © Alex Hofford

Der Sog chinesischer Wildtiermärkte gilt als schwarzes Loch für die Artenvielfalt. Die Bedingungen auf den Märkten sind zudem katastrophal, sowohl was die Hygiene angeht, als auch den Tierschutz: Viele Tiere werden noch lebend angeboten, um Frische zu garantieren. Sie sind ohne Wasser und Futter in winzige Käfige eingepfercht oder gestapelt in Bottichen, Boxen oder Netzen.

Sonnendachse in winzigen Käfigen auf einem Markt in Jiangmen

Sonnendachse in winzigen Käfigen auf einem Markt in Jiangmen

Arten- und Tierschützer kämpfen schon lange gegen diese Missstände, bislang vergebens. Ausgelöst durch die Corona-Pandemie hat die chinesische Regierung den Handel mit den meisten Wildtieren zumindest für den Verzehr massiv beschränkt. Diese Maßnahme ist dringend notwendig und keineswegs hysterisch. Bereits die SARS-Epidemie, der 2002-2003 mehr als 770 Menschen zum Opfer fielen, hatte ihren Ursprung ebenfalls auf einem chinesischen Tiermarkt; Infektionsquelle damals waren wohl Larvenroller (Verwandte der Schleichkatzen).

Schuppentiere und Schlangen auf einem Markt © Soggydan Benenovitch

Schuppentiere und Schlangen auf einem Markt © Soggydan Benenovitch

Allerdings hat das durch Corona ausgelöste chinesische Tierhandelsverbot bislang noch massive Lücken: Es gilt bisher nur für den Handel mit Wildtieren als „Lebensmittel“, für andere Zwecke wie die Gewinnung von „Medizin“ oder Pelzen ist der Wildtierhandel weiterhin erlaubt. Außerdem sind bestimmte Tiergruppen, wie etwa gezüchtete Reptilien und Amphibien oder manche wilde Säugetierarten, die kurzerhand zu „Nutztieren“ umdeklariert wurden, vom Verbot ausgenommen. Wissenschaftler haben schon 2007 gewarnt: Mehr als 70 Prozent der weltweiten Zoonosen – also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen oder andere Tiere übertragen werden – stammen von Wildtieren. Der globale  Tierhandel, einschließlich mit exotischen Haustieren, spielt hierbei eine erhebliche Rolle.

Orientalische Rattenschlange © Avijan Saha

Orientalische Rattenschlange © Avijan Saha

Zoonosen: Vom Wildtier auf den Menschen

Wer weiß schon, dass China der größte Lieferant der EU für lebende Reptilien ist? Von den 5,6 Millionen Schlangen, Echsen und Schildkröten, die die EU in den letzten fünf Jahren lebend für hiesige Terrarien importierte, stammten mehr als zwei Millionen Tiere aus China! Für alle anderen Tiergruppen, darunter Säuger, Amphibien oder Fische, wird die Einfuhr nicht einmal erfasst. Ausnahmen bilden lediglich international geschützte Arten, die nur einen Bruchteil der Importe ausmachen. Natürlich sind nicht alle diese Wildtiere Krankheitsüberträger. Aber das Risiko der Entwicklung und Übertragung von Krankheiten durch den Handel mit Wildtieren, auch für den Heimtiermarkt, sollte nicht verharmlost werden: Affenpocken, Vogelgrippe und Bornaviren sind nur ein paar Beispiele für zoonotische Krankheitserreger, die durch den internationalen Wildtierhandel verbreitet wurden.

Präriehunde können Affenpocken übertragen

Präriehunde können Affenpocken übertragen

Wildtierhandel: Gefahr für die Gesundheit

Die EU hat bislang nur mit großer Verzögerung und sehr punktuell auf drohende Zoonosen reagiert. Aus der Corona-Pandemie hat sie bislang keine Konsequenzen für den Wildtierhandel gezogen. Die Coronakrise sollte als Anlass dienen, jetzt endlich den Wissenschaftlern Gehör zu schenken, die bereits seit den 2000er Jahren davor warnen, dass der Wildtierhandel das größte Risiko bei der Verbreitung von Zoonosen darstellt. Brüssel muss endlich aufwachen! Importverbote sind aus vielen Gründen zu empfehlen: Denn neben der Gesundheit der Bevölkerung und dem Schutz der in ihren Heimatländern geplünderten Arten würde auch die hiesige Natur profitieren.

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 29. Januar 2020 veröffentlicht und zuletzt am 27.Juli 2021 aktualisiert.

Autorin: Dr. Sandra Altherr

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