Reptilienschmuggel

In der Heimat geschützt, in der EU vogelfrei

Der internationale Handel mit gefährdeten Arten wird durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen geregelt (englisch CITES). Doch bei weitem nicht alle seltenen Tiere sind durch dieses Abkommen geschützt. Viele Arten sind stark bedroht und dennoch nur in ihrem Ursprungsland geschützt. Manche dieser Tiere sind so selten oder erst neu entdeckt, dass man kaum etwas über sie weiß – also kann es für die Art noch gar keine internationale Handelsregulierung geben. Diese Gesetzeslücke nutzen kriminelle Händler, die solche Tiere, meist Reptilien, in Sri Lanka, Madagaskar oder Indonesien einfangen und nach Europa schmuggeln. 

Gestohlen für den Heimtiermarkt

So wurden im Sommer 2014 seltene Taubwarane (Lanthanotus borneensis) auf Borneo eingefangen, die dort streng geschützt sind. Wenige Wochen danach tauchten die ersten online-Inserate auf deutschen Websiten auf, kurze Zeit später wurden sie dann erstmals auf der Reptilienbörse Terraristika in Hamm offen verkauft – für 8.500 Euro/Paar. Auf europäischen online-Plattformen werden regelmäßig auch seltene Alligator-Baumschleichen (z.B. Abronia deppii) aus Mexiko und Hornagamen (Ceratophora stoddartii) aus Sri Lanka angeboten, die nie legal für den Tierhandel exportiert wurden. Doch sobald sie außer Landes geschmuggelt sind, dürfen sie dann hier in der EU frei verkauft werden: Maximaler Profit bei minimalem Risiko…

Kaum entdeckt, schon im Ausverkauf

2010 wurde auf der kleinen Insel Hon Khoai vor Vietnam, einem Militär-Sperrbezirk, eine farbenprächtige neue Art entdeckt, der psychedelische Gecko (Cnemaspis psychedelica). Die Art ist auf ein Gebiet von nur acht Quadratkilometer begrenzt und damit sehr anfällig für eine Ausrottung. 2013 tauchte der bunte Gecko erstmals im europäischen Heimtierhandel auf, mit Preisen von 2.500-3.000 Euro/Paar. Unter anderem aufgrund unserer Recherchen hat Vietnam für diese Art im Oktober 2016 ein weltweites Handelsverbot erwirkt.
CnemaspisPsychedelica_C_LeeGrismer

Ob Geckos, Vipern oder Schildkröten: Feldforscher mussten schmerzhaft erfahren, dass ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen regelrecht als Schatzkarte dienen, nach denen Tierhändler systematisch die neu-entdeckten Arten in der Natur absammeln lassen. Immer mehr Wissenschaftler halten deshalb die Fundstellen geheim. Denn eine Art mag noch so sehr bedroht sein: Solange sie nicht international durch CITES geschützt ist – und dies kann viele Jahre dauern – kann sie weitgehend ungehindert geplündert werden.

Was tut Pro Wildlife?

Pro Wildlife möchte die Plünderung bedrohter Arten für den Heimtierhandel stoppen und setzt hierzu auf zwei Ebenen an:  Die Europäische Union als einer der größten Absatzmärkte für exotische Haustiere ist aufgefordert, den illegalen Fang und Export von Tieren in deren Herkunftsland auch innerhalb der EU strafbar zu machen, sprich: Was im Heimatland illegal eingefangen wurde, soll auch in der EU nicht länger ungehindert verkauft werden dürfen! Die USA hat bereits ein solches Gesetz, den US Lacey Act, der just hier ansetzt.

Die zweite Ebene, auf der Pro Wildlife intensiv arbeitet, ist das Washingtoner Artenschutzübereinkommen selbst: Um dort Handelsbeschränkungen oder gar -verbote für bedrohte Arten zu erwirken, sind Recherche und Dokumentation des Handels sowie ein guter Dialog mit Herkunftsländern die Grundvoraussetzung. Bereits für dutzende Arten konnte Pro Wildlife eine CITES-Listung erreichen, allein auf der CITES-Konferenz im September 2016 wurden aufgrund unserer Vorarbeit für über 50 Reptilienarten Handelsbeschränkungen oder gar -Verbote beschlossen.

 

Weitere Informationen: 

» Bericht „Stolen Wildlife – why the EU needs to tackle smuggling of nationally protected species“ (Nov 2014, pdf)

» Bericht „Stolen Wildlife II – why the EU still needs to tackle smuggling of nationally protected species“ (Sep 2016, pdf)

» Bericht „Missstände auf Tierbörsen – Mangelhafte Umsetzung der BMELV-Tierbörsen-Leitlinien: Eine Bestandsaufnahme“ (pdf)

» mehr zur CITES-Konferenz 2016