Walfang: Island am Pranger

Island ist das einzige Land, das Finnwale tötet

Islands Regierung erlaubt den Fang von Zwergwalen als Nebenerwerb für Fischer, gibt aber auch einem Millionär das Monopol auf das Töten der zweitgrößten Tierart der Welt, den Finnwal (bis zu 24 Meter lang und bis zu 70 Tonnen schwer). Kein anderes Land bejagt diese bedrohte Art, kein anderes Land exportiert solche Berge an Walfleisch wie der nordeuropäische Inselstaat.
+ UPDATE + In Island werden 2019 weder Finnwale noch Zwergwale gefangen. 

Die Finnwaljagd ist eine One-Man-Show

Der Finnwalfang Islands ist in der Hand eines einzigen Unternehmers, Kristján Loftsson. Loftsson ist nicht nur Geschäftsführer und einer der Hauptaktionäre von Islands einziger Finnwalfang-Firma, Hvalur hf, sondern gleichzeitig auch Mitglied der isländischen IWC-Delegation und einflussreicher Lobbyist in eigener Sache. Loftsson hofft auf Japan als Absatzmarkt: Und tatsächlich beliefen sich Islands Gesamtexporte 2014 bis 2016 auf 5.500 Tonnen Walprodukte. Nachdem jedoch ein Großteil der Ware von Japans Gesundheitsbehörden zurückgewiesen wurde, pausierte Loftsson 2016 und 2017 mit dem Fang von Finnwalen. Im April 2018 gab Loftsson allerdings bekannt, dass seine vier Schiffe im Juni wieder auslaufen sollen, um bis zu 161 Finnwale zu töten. Da Japan den Hochsee-Walfang ab Sommer 2019 einstellt, hofft Loftsson auf neue Absatzmöglichkeiten in Japan – und lässt derzeit neue Geschäftsmodelle prüfen.

Getötete Finnwale © Dagur Brynjólfsson

Getötete Finnwale © Dagur Brynjólfsson

Walfang für Nahrungsergänzungsmittel?

In isländischen Zeitungsartikeln ist zu lesen, dass Loftsson Finnwale zu Nahrungsergänzungsmitteln verarbeiten und damit – wieder einmal – neue Absatzmärkte entwickeln möchte. Waren dies in der Vergangenheit Omega-3-Fettsäure-Pillen und sogar Walbier, sollen es nun Präparate gegen Eisenmangel sowie Gelatine „für medizinische Zwecke“ sein. Loftsson scheut nicht einmal davor zurück, die Sorgen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezüglich Blutarmut in Entwicklungsländern zu zitieren. Ein absurder Täuschungsversuch, denn selbst wenn Finnwale wirklich die Wunderwaffe gegen Anämie wären: Island darf Finnwalprodukte laut internationalem Recht nur nach Japan verkaufen – das einzige Land mit einem formalen Widerspruch gegen das internationale CITES-Handelsverbot für diese Walart. Und ob Anämie im Industrieland Japan ein bedeutendes Gesundheitsrisiko ist, darf bezweifelt werden. Auch in Island selbst dürfte die Nachfrage nach solchen Pseudo-Mittelchen eher gering sein. Eine absurde Posse – für die jedoch weitere bedrohte Meeresriesen getötet werden sollen.

Ein Finnwal wird zerlegt © Dagur Brynjólfsson

Ein Finnwal wird zerlegt © Dagur Brynjólfsson

Islands Walfang-Historie

Island war früher eines der aktivsten Walfangländer: Tausende Blau-, Finn-, Sei- und Buckelwale starben von Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1989 in isländischen Gewässern. Das kleine Land profitierte vor allem von den Exporten von Walprodukten nach Japan. Nachdem 1986 das kommerzielle Walfangmoratorium der Internationalen Walfangkommission (IWC) in Kraft trat, verließ Island wutentbrannt die IWC und hoffte auf fortwährende Exporte nach Japan. Doch Japans Gesetze verbieten den Import von Ländern, die nicht Mitglied der IWC sind. Island setzte 14 Jahre mit der Jagd aus, trat 2003 wieder in die IWC ein – diesmal mit einem formellen Einspruch gegen das Walfangmoratorium. Seither sind 861 Finnwale und 451 Zwergwale mit Explosivharpunen getötet worden (Stand Juni 2019).

Wale werden mit Explosivharpunen getötet © Szilas

Wale werden mit Explosivharpunen getötet © Szilas

Islands Walfang ist politisch gewollt

  • Islands Zwergwalfang, bei dem Fischer statt der aktuell erlaubten 229 nur wenige Dutzend Tiere jährlich fangen und über Supermärkte und Restaurants vermarkten, ist wenig einträglich. Die Nachfrage nach Zwergwalfleisch wird vor allem von der wachsenden Zahl unkritischer Island-Touristen generiert, die Wal-Carpaccio oder Whale-Burger essen.
  • Es stellt sich die Frage, wie lange Island noch die internationale Staatengemeinschaft mit seinen Walfang-Eskapaden brüskiert. Die neue Regierung in Island hätte Anfang 2019 die Chance gehabt, die ausgelaufenen Walfangquoten nicht wieder zu genehmigen – stattdessen berief sich der isländische Fischereiminister im Februar 2019 auf eine dubiose Studie der Universität Island, die einen Ausbau des Walfangs empfiehlt, und gab erneut grünes Licht für die Jagd.
  • Loftsson ist inzwischen 75 Jahre alt und damit längst im Rentenalter. Die Hoffnung, er würde die Jagd freiwillig einstellen, ist dahin: Im Februar 2019 kam heraus, dass er der gleichen Universität, die der Regierung das Gefälligkeitsgutachten pro Walfang erstellt hat, zuvor auch Geld von Loftsson kassiert hat. Für den sollte die Uni nämlich Vermarktungsoptionen für Wal-Gelatine untersuchen…
  • Im Juni 2019 wird bekannt, dass Loftsson 2019 keine Finnwale fängt, offenbar aus zwei Gründen: Zum einen hat Loftsson 2018 offenbar ohne gültige Fischereilizenz Wale gejagt und es scheint, für 2019 wurde ihm deshalb die Lizenz verweigert. Zum anderen hat eine Studie Alarm geschlagen, dass die Bestandsschätzungen für Finnwale im Nordatlantik offenbar viel zu hoch waren.
Loftssons Walfangflotte © Dirk Heldmaier

Loftssons Walfangflotte im Hafen von Reykjavik © Dirk Heldmaier

Das tut Pro Wildlife
Pro Wildlife setzt sich innerhalb der Europäischen Union und im Rahmen der Internationalen Walfangkommission für ein lückenloses kommerzielles Walfangverbot ein. Unser größter Erfolg (gemeinsam mit anderen Verbänden und engagierten Ländern) ist, dass das IWC-Moratorium bis heute noch in Kraft ist – trotz aller Versuche der Walfangländer, diese lästige Einschränkung zu beseitigen. Doch das reicht uns nicht: Die Gesetzeslücken, mit denen Japan, Island und Norwegen das Moratorium umgehen, müssen endlich geschlossen werden. Um dies zu erreichen, informiert Pro Wildlife regelmäßig die Walschutzländer über Entwicklungen im Walfang und liefert immer wieder neue Argumente für den internationalen Verhandlungstisch. Die letzte Verhandlungsrunde war im September 2018 in Brasilien, die nächste ist im Herbst 2020 in Slowenien.

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