Buschfleisch – ein weltweites Artenschutzproblem

10. Dezember 2019.

Die großen Tiere werden zuerst ausgerottet.

Ich komme gerade von einer Konferenz in Brüssel zum Thema Wildtierhandel zurück, der sehr interessante Informationen über die aktuelle Situation zum Thema Buschfleischjagd brachte, aber auch die Frage aufwirft, was Europa mit diesem Thema zu tun hat. Viele Menschen wird es überraschen, aber unser Konsum kann indirekt Einfluss auf den Verzehr von Wildfleisch in anderen Regionen haben.

Bonobo © Roberto Isotti

Bonobos werden häufig Opfer des Bushmeat-Handels © Roberto Isotti

Geräucherter Affe im Koffer

Anlass der Konferenz war unter anderem die Sorge der belgischen Regierung über die Beschlagnahmen an den landeseigenen Flughäfen, wo aus Gepäckstücken von Reisenden vermehrt Fleisch von Affen, Schuppentieren oder kleinen Antilopen gezogen wird. Geräuchert, gekocht oder sogar roh, es sind Mitbringsel, meist von Afrikanern, die in Belgien leben und auf Heimaturlaub waren.

Bushmeat an einem französischen Flughafen © Douane Francais

Buschfleisch-Beschlagnahme an einem französischen Flughafen © Douane Francais

Ein Artenschutzproblem einerseits, aber auch ein Gesundheitsrisiko für den Menschen durch eingeschleppte Bakterien oder Viren andererseits. Zumindest in Belgien wird das Wildfleisch zwar beschlagnahmt und vernichtet, aber eine Strafe haben die Passagiere hier offenbar nicht zu fürchten. Es ist also nicht weiter verwunderlich, wenn der Buschfleischimport immer weitergeht. Offiziellen Schätzungen zufolge werden mehrere Tonnen Buschfleisch pro Monat über europäische Flughäfen eingeschmuggelt. Doch der Konsum in Europa ist nur ein Bruchteil davon, was in den Wäldern Afrikas, Asiens oder Südamerikas alltäglich gejagt wird – mit fatalen Folgen.

Von Schlingfallen, Gewehren und Giftpfeilen

Zehn Millionen Tonnen Wildfleisch werden in den Tropen und Subtropen weltweit jährlich konsumiert, allein die Hälfte davon im Kongobecken (vor allem Demokratische Republik Kongo und Republik Kongo, aber auch Äquatorialguinea, Angola, Gabun, Kamerun, Sambia und Zentralafrikanische Republik). Dort werden mehr als 200 Säugetierarten mit Schlingen und Gewehren gejagt.

Auch seltenes Okapis werden wegen ihres Fleischs gewildert © Martin Harvey

Auch seltenes Okapis werden wegen ihres Fleischs gewildert © Martin Harvey

Während Schlingen vor allem auf kleinere und mittelgroße Tiere abzielen, werden die teuren Kugeln für die Jagd auf große Tierarten wie Waldelefanten, Gorillas, Schimpansen und Okapis benutzt. Doch auch diese großen Tiere können in Schlingen geraten. Wildvögel gehören ebenfalls zum Beuteschema der Jäger, während Reptilien und Amphibien in Afrika als Fleischquelle weitgehend verschmäht werden.

Geräuchertes Affenfleisch in Yaounde, Kamerun

Geräuchertes Affenfleisch in Yaounde, Kamerun

Im Amazonas, dem zweitgrößten Zentrum des globalen Wildfleischmarktes, landen etwa gleich viele Säuger- und Vogelarten im Kochtopf. Die häufigste Fangmethode der indigenen Völker sind Giftpfeile, doch auch in Südamerika breitet sich bereits die Jagd mit Gewehren aus. In Ost- und Südostasien dominieren hingegen Reptilien und Vögel den Wildfleischmarkt, während Säuger hier eine deutlich kleinere Rolle spielen. Dies liegt einerseits an regionalen Präferenzen, aber auch an dem jeweils natürlich vorkommenden Artenspektrum.

Schrumpfende Wälder, verstummte Wälder

Eins eint alle betroffenen Regionen: Der Lebensraum der Tiere in Asien, Afrika und Lateinamerika schrumpft dramatisch, während gleichzeitig die Bevölkerungszahl und vielerorts auch die Kaufkraft wächst. Neue Straßen machen ehemals entlegene Gebiete für Holzfäller und Jäger zugänglich; die Jagd findet oft nicht mehr zur Selbstversorgung der eigenen Familie statt, sondern das Fleisch wird auf den Märkten und an Holzfäller oder Minenarbeiter verkauft.

Gewildertes Gürteltier in Bolivien © Duston Larsen

Gewildertes Gürteltier in Bolivien © Duston Larsen

Mit der Kommerzialisierung des Buschfleisches steigt der Jagddruck auf die Wildtiere noch weiter. Selbst in noch augenscheinlich intakten Restwaldgebieten spricht man inzwischen von stillen Wäldern: Die Schreie der Affen, die krächzenden Rufe der Papageien sind verstummt, kein Knacken von Zweigen durch größere Tiere.

Keine schnelle Lösung in Sicht

Die wachsende Bevölkerung der Tropen und Subtropen ist auf ausreichende Proteinversorgung angewiesen. Verschärft wird die Situation beispielsweise in westafrikanischen Küstenländern noch zusätzlich, wo industrielle Fangflotten aus Europa, China und Japan die Meere leer fischen und die lokale Bevölkerung deshalb noch stärker an Land auf die Jagd geht. Die Erwartung, all die Menschen, die seit vielen Generationen Wildfleisch konsumieren, kurzfristig zu Vegetariern oder Veganern zu machen, wäre naiv und anmaßend.

Schädel von Grauer-Gorillas, die beim Coltan-Abbau gewildert wurden © Ian Redmond

Schädel von Grauer-Gorillas, die beim Coltan-Abbau gewildert wurden © Ian Redmond

Um die fünf Millionen Tonnen Buschfleisch jährlich für das Kongobecken mit Fleisch aus Landwirtschaft zu ersetzen, bräuchte es Berechnungen des Bushmeat-Experten Prof. John Fa zufolge 15 Millionen Kühe oder zwei Milliarden Hühner pro Jahr. Vom Flächenverbrauch einmal abgesehen, fehlt es auch an der Akzeptanz für dieses Fleisch. Wildfleisch wird als natürlicher, gesünder und hochwertiger angesehen. Auch dies bietet also keine schnelle Lösung, die Zeichen stehen schlecht für die Tiere dieser Regionen.

Unser Fischkonsum hat Einfluss auf den Bushmeat-Handel

Unser Fischkonsum kann Einfluss auf den Bushmeat-Handel haben

Uns Artenschützern bleibt vor allem Aufklärungsarbeit, um zumindest für die bedrohten und geschützten Arten die Nachfrage zu reduzieren und den Vollzug zu verbessern, aber auch alternative Einkommensquellen statt Jagd zu entwickeln. Deshalb unterstützen wir entsprechende Projekte in Ländern wie beispielsweise Kamerun, Peru, Republik Kongo und Gabun. Und uns Europäern hier drängt sich die Frage auf, inwieweit unser Konsum von Meeresfisch und unser Verbrauch von Rohstoffen wie Coltan die Jagd auf Schimpansen und Gorillas befeuert…

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