München / Nürnberg, 22. Juli 2026. Ein Jahr nach der Tötung von zwölf gesunden Guinea-Pavianen im Tiergarten Nürnberg am 29. Juli 2025 züchtet der Zoo unbeirrt weiter: Neun weitere Pavianbabys kamen seither zur Welt – nur zwei haben überlebt, sieben starben. Währenddessen dauern die strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Zooleitung weiter an, bei der Staatsanwaltschaft sind mittlerweile rund 800 Strafanzeigen wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz eingegangen. Die Tötung gesunder Tiere ohne vernünftigen Grund ist nach dem deutschen Tierschutzgesetz eine Straftat. „Trotz des laufenden Ermittlungsverfahrens züchtet der Tiergarten weiter Guinea-Paviane, angeblich für den Artenschutz. Unsere Auswertung der Bestandsbücher belegt jedoch, dass diese Zucht mit Artenschutz nichts zu tun hat“, sagt Laura Zodrow, Zoo-Expertin bei der Artenschutzorganisation Pro Wildlife.
35 Jahre planlose Zucht: Bestandsbuch zeigt jahrzehntelange Inzucht
Pro Wildlife hat die Bestandsdaten der letzten 35 Jahre ausgewertet, die der Tiergarten auf Grundlage des Bayerischen Umweltinformationsgesetzes herausgegeben hat. Obwohl der Tiergarten Nürnberg offiziell am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) teilnimmt, hat er seit 35 Jahren kein einziges Tier aus einer anderen Haltung aufgenommen und seit zehn Jahren kein Tier abgegeben. Eine so lange isolierte Gruppe trägt ein hohes Inzuchtrisiko – mit möglichen Folgen von Erbkrankheiten bis zu erhöhter Jungtiersterblichkeit. Üblicherweise tauschen Zoos ihre Tiere untereinander regelmäßig aus und verpaaren die Elterntiere gezielt, um Inzucht zu verhindern und einen gesunden Tierbestand mit hoher genetischer Vielfalt zu erhalten.
Stattdessen wurde die Vermehrung der Paviane offensichtlich dem Zufall überlassen: Bei keinem einzigen der in Nürnberg gezüchteten Tiere ist der Vater erfasst; bei 76,5 % fehlen Angaben zu beiden Elternteilen. „Das hat mit seriöser Erhaltungszucht nichts zu tun. Es widerlegt die Behauptung, der Tiergarten züchte Guinea-Paviane als genetische Reserve für den Artenschutz“, so Zodrow. Entgegen der verbreiteten Annahme existiert für die Nürnberger Paviane kein Auswilderungsprojekt und es ist auch keines geplant, schon allein, weil es in den Herkunftsländern an geeigneten, sicheren Gebieten fehlt. Zudem könnte der Tiergarten die strengen wissenschaftlichen Kriterien für eine Wiederauswilderung nicht erfüllen.
Neun neue Geburten, sieben tote Jungtiere
Dass der Zoo aus der Tötung keine Konsequenzen gezogen hat, zeigen die jüngsten Zuchtdaten: Allein seit Juli 2025 kamen neun weitere Guinea-Paviane zur Welt – in einer ohnehin zu kleinen Anlage. Die Jungtiersterblichkeit ist alarmierend hoch: Sieben der Jungtiere starben, nur zwei überlebten. Woran die Tiere starben, ist im Bestandsbuch des Tiergartens nicht erfasst. „Ein Zoo, der das Töten gesunder Tiere mit dem Tierwohl begründet, aber zugleich zulässt, dass immer neue Jungtiere in ein überfülltes Gehege hineingeboren werden, von denen die meisten nicht überleben, der verhindert kein Tierleid, sondern produziert es – Jahr für Jahr aufs Neue “, so Zodrow. „Gleichzeitig wird das Gehege nicht ausgebaut und nicht verhütet, das Platzproblem wird also früher oder später wieder auftauchen. Wir befürchten, dass bald schon die nächsten Paviane erschossen werden könnten.“
Pro Wildlife fordert die Zucht und Tötung zu stoppen
Pro Wildlife fordert ein sofortiges Ende der Pavian-Zucht im Tiergarten Nürnberg. „Statt wirksamen Artenschutz im natürlichen Lebensraum zu finanzieren, verschwendet der Tiergarten Ressourcen in einer unkoordinierten Zucht – ohne den notwendigen Platz, ohne Auswilderungsperspektive – und produziert dabei enormes Tierleid. Das ist verantwortungslos – und schon gar kein Beitrag zum Artenschutz”, so Laura Zodrow. „Zoos müssen gesetzlich verpflichtet werden, Tiere nur dann zu züchten, wenn sie den Nachkommen auch dauerhaft eine artgemäße Unterbringung gewährleisten können.” Die Artenschutzorganisation fordert außerdem das Töten gesunder Zootiere zu stoppen: „Das sinnlose Züchten und Töten muss endlich ein Ende haben“, so Zodrow abschließend.
Hintergrundinfos:
- Paviantötung im Tiergarten Nürnberg: Eine Einordnung aus Sicht des Tier- und Artenschutzes


