Tiergarten Nürnberg tötet gesunde Paviane: Was Sie dazu wissen sollten  

Eine Einordnung aus Sicht des Tier- und Artenschutzes

Tiergarten Nürnberg tötet gesunde Paviane: Was Sie dazu wissen sollten  

Am 29. Juli 2025 tötete der Tiergarten Nürnberg zwölf gesunde Guinea-Paviane. Die Leitung des Zoos versuchte, diesen drastischen Schritt mit Platzmangel und angeblichen Artenschutzgründen zu rechtfertigen. Doch eine genaue Betrachtung zeigt: Diese Tötungen sind das Ergebnis jahrelanger Fehlentscheidungen.Zudem sollen sie dazu genutzt werden, eine verfehlte Zucht- und Tötungspolitik gesellschaftsfähig zu machen.

Warum Pavianzucht und -tötung nicht dem Artenschutz dienen

Die Behauptung, Zucht und Tötung der Paviane dienen dem Artenschutz, ist nicht haltbar.

Guinea Paviane gelten laut Weltnaturschutzunion (IUCN) als potenziell gefährdet. Das heißt, sie stehen bislang auf der Vorwarnliste. Die IUCN empfiehlt als Schutzmaßnahmen für die Art den Schutz der natürlichen Lebensräume – Erhaltungszucht in Gefangenschaft gehört nicht zu den als notwendig aufgeführten Maßnahmen. Es existiert für Guinea-Paviane derzeit weder ein Auswilderungsprojekt noch gibt es Pläne dafür, zudem fehlt es an sicheren Gebieten. Die Zucht im Tiergarten hat also nichts mit dem Erhalt der Bestände in freier Natur zu tun. Sie dient lediglich dem selbst gesteckten Ziel eine sogenannte „Reservepopulation“ im Zoo zu erhalten.

Warum eine Auswilderung der Nürnberger Paviane nicht realistisch ist 

Auf seiner Website behauptet der Tiergarten Nürnberg Guinea-Paviane im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogrammes auf wissenschaftlicher Basis zu züchten, mit dem Ziel genetisch möglichst vielfältige Bestände zu erhalten. Er begründet die Zucht der Tiere mit der Aussage: "Es dient dem Überleben der Art, dass in menschlicher Obhut eine Population erhalten wird, die die Basis für Auswilderungen bilden kann."

Pro Wildlife Recherchen und Analysen der Bestandsbücher widerlegen die Behauptung des Zoos vollständig: Der Tiergarten betreibt seit über 80 Jahren Inzucht, alle Tiere sind eng miteinander verwandt. Das kann gravierende Folgen haben – von Erbkrankheiten und verringerter Fruchtbarkeit bis hin zu einer erhöhten Jungtiersterblichkeit. Im Juli 2026 musste der Zoo einräumen, dass sein gesamter Pavianbestand auf eine Gruppe in den 40er Jahren wild gefangener Tiere zurückgeht und es keinen genetischen Austausch mit anderen Zoos gab. Damit erfüllt der Tiergarten die wissenschaftlichen Anforderungen an ein seriöses Erhaltungszuchtprogramm und für eine zukünftige Auswilderung nicht. Nach Jahrzehnten der Inzucht mangelt es dem Zoobestand an genetischer Vielfalt – dies wäre eine Gefahr für die Überlebens- und Anpassungsfähigkeit der Wildpopulation. Ein weiteres erhebliches Risiko ist, dass seit Generationen in Europa gehaltene Affen Krankheitserreger in sich tragen können, gegen die wildlebende Paviane in Afrika nicht immun sind.

  • Obwohl zehn europäische Zoos am gemeinsamen Zuchtprogramm teilnehmen, gab es keinerlei genetischen Austausch in den Nürnberger Tierbestand.
  • Der Tiergarten hat seit Jahren auch keine Tiere an andere Zoos abgegeben: zuletzt im Jahr 2016.
  • Der Tiergarten verfolgt die Verwandtschaftsverhältnisse seiner Tiere nicht nach – dies wäre eine Grundvoraussetzung, um genetische Vielfalt sicherstellen und Tiere auswildern zu können.
  • Die Pavian-Zucht in Nürnberg genügt weder den Standards der Europäischen Zoovereinigung EAZA, deren Mitglied der Zoo ist noch den anerkannten wissenschaftlichen Mindeststandards der Weltnaturschutzorganisation IUCN.

Warum die Zoo-Population kein Modell für die Wildbahn ist

Nachdem Pro Wildlife die Recherchen zur jahrzehntelangen Inzucht veröffentlichte, reagierte der Tiergarten Nürnberg in den Medien mit einer vollkommen neuen Argumentation: Jetzt soll die Nürnberger Pavian-Gruppe plötzlich „ein Modell für isolierte Populationen, wie sie wegen menschengemachter Lebensraumfragmentierung zunehmend in der Wildbahn vorkommen” sein. Er suggeriert damit, er würde bewusst Inzucht betreiben, um die Folgen zu erforschen

Diese Wendung um 180-Grad ist äußerst unglaubwürdig: Die Aussage widerspricht wörtlich bisherigen Aussagen des Tiergartens auf seiner Website zum Erhalt einer „Reservepopulation“ und seiner Beteiligung am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm, mit dem Ziel genetisch möglichst vielfältige Bestände zu erhalten. Zudem wäre es aus Artenschutzsicht absolut unsinnig, Inzucht bewusst herbeizuführen – und der Tiergarten beteiligt sich auch gar nicht an entsprechenden Forschungsprojekten. Die genetische Verengung ist die Folge eines hausgemachten Problems – die jahrzehntelange Inzucht im Nachhinein als wertvollen „Modellcharakter" zu verkaufen, verdreht die Tatsachen.

Alarmierend hohe Jungtiersterblichkeit

Unsere Auswertungen zeigen, dass nach der Tötung der 12 Affen im Juli 2025 bereits neun weitere Jungtiere geboren wurden – sieben von ihnen sind bereits tot, nur zwei überlebten (Stand 21. Juli 2026). Die Sterblichkeit liegt damit deutlich höher als in der Natur, wo die meisten Tiere an Verletzungen, Krankheiten oder durch Fressfeinde sterben – Faktoren, die sich in Gefangenschaft weitgehend ausschließen lassen.

Der Tiergarten hat die Ursachen für die hohe Jungtiersterblichkeit bislang nicht systematisch nachverfolgt. Aus den Bestandsbüchern geht hervor, dass von 1990 bis Juli 2026 insgesamt mindestens 113 Guinea-Paviane in Nürnberg verstarben, 65 davon (58%) vor ihrem ersten Geburtstag.

Fortgesetzte Zucht erzeugt zusätzliches Leid

Der Tiergarten begründet die fortgesetzte Zucht mit Aspekten des Tierwohls – nach seiner Darstellung seien Partnerwahl, Paarung, Geburten und Aufzucht für das Sozialleben der Paviane unverzichtbar.

Die Tierwohl-Argumentation des Tiergartens nicht glaubwürdig: Im Zoo können Tiere zahlreiche natürliche Bedürfnisse nicht oder nur eingeschränkt ausleben – es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Fortpflanzung unangetastet bleiben soll.

In freier Natur wandern weibliche Guinea-Paviane ab und regulieren so die Gruppengröße – im Zoo fehlt dieses Ventil, ebenso wie andere Faktoren, die in freier Natur zu einer Reduktion von Beständen führen. Ungebremste Zucht, führt damit zwangsläufig zu Überpopulation. Der Tiergarten berichtet selbst von Konflikten und Bissverletzungen in der Gruppe als Folge der Überbelegung des Geheges. Studien zu Guinea-Pavianen in freier Natur beschreiben die Tiere hingegen als auffallend tolerant, mit niedriger Aggressionsrate und ohne strenge Dominanzhierarchie. Die Zucht ist damit kein Beitrag zum Tierwohl, sondern verursacht Tierleid.

Selbstverschuldeter Platzmangel

Das Argument, die Tötung sei wegen Platzmangels unausweichlich, ist vorgeschoben.

Der Tiergarten weiß seit Jahren, dass die Haltungskapazität überschritten ist, ohne wirksame Gegenmaßnahmen einzuleiten. Statt die Zucht auszusetzen oder konkrete Konzepte zur Abgabe von Tieren und Erweiterung des Geheges zu entwickeln, setzt man auf „weiter wie bisher“. Obwohl seit langem klar ist, dass es kaum Abnehmer für Nachzuchten gibt, soll unbeirrt weitergezüchtet und getötet werden.

Verstößt die Pavian-Tötung gegen das Tierschutzgesetz?

Die vorsätzliche Tötung eines Wirbeltiers ohne vernünftigen Grund ist laut Tierschutzgesetz strafbar.

Weder der selbst herbeigeführte Zuchtüberschuss noch das selbst gesteckte Ziel einer Reservepopulation erfüllen die Voraussetzungen eines vernünftigen Grunds. Bereits 2011 wurde in einem ähnlichen Fall das Töten gesunder Tigerbabys in einem deutschen Zoo vom Oberlandesgericht Naumburg als strafbar beurteilt. Auch dort diente der vermeintliche Artenschutz als Vorwand. Der Fall in Nürnberg zeigt erschreckende Parallelen. Pro Wildlife hat Strafanzeige gegen die Verantwortlichen erstattet. Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft lagen im Juli 2026 insgesamt 800 Strafanzeigen vor.

Warum wurden die Paviane durch Kopfschuss getötet, nicht eingeschläfert?

Die Tötung der Affen durch Kopfschuss, während sie in Transportboxen gesperrt waren, wurde vom Zoo als "schnellste und für die Tiere sauberste Methode" bezeichnet.

In Wahrheit ist dies ein hochproblematischer Umgang mit empfindsamen und intelligenten Tieren. Tiere in menschlicher Obhut werden üblicherweise eingeschläfert – warum sollten für die Nürnberger Paviane andere Maßstäbe gelten? Es scheint vielmehr, der Tiergarten Nürnberg habe unter allen Umständen vermeiden wollen, die Affen einzuschläfern, um sie anschließend an andere Zootiere verfüttern zu können. Die Tiere wurden daher zuerst narkotisiert, untersucht und später nach dem Aufwachen erschossen. Das Erschießen von Tieren in einer Transportkiste ist weder eine übliche noch eine humane Tötungsmethode. Es scheint vielmehr, als hätte man diese Methode gewählt, um mit der Verfütterung der Affen einen vernünftigen Grund zum Töten gemäß Tierschutzgesetz zu konstruieren. Doch entscheidend ist, der Zoo hat die Paviane nicht als Futtertiere gezüchtet, sondern angeblich zum Erhalt der Art.

Warum die Pavian-Tötung ein gefährlicher Präzedenzfall für deutsche Zoos ist

Besonders besorgniserregend: Der Direktor des Nürnberger Tiergartens, unter dessen Verantwortung die Tötungen erfolgten, ist seit 2025 auch Präsident des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ). Er wird künftig die Standards für Zoos in Deutschland entscheidend mitbestimmen. Schon jetzt fordern weitere Einrichtungen offen die Möglichkeit, überzählige Tiere – auch Menschenaffen wie z.B. Gorillas – systematisch töten zu dürfen. In Nürnberg sollte offenbar bewusst ein Präzedenzfall geschaffen werden, mit dem Ziel das deutsche Tierschutzgesetz aufzuweichen.

Das tut Pro Wildlife

Pro Wildlife hat Strafanzeige gegen die Verantwortlichen des Nürnberger Tiergarten gestellt. Denn die Tötung von Tieren ohne vernünftigen Grund steht im klaren Widerspruch zum Tierschutzgesetz und die Grundlagen des ethischen Tierschutzes.

Es ist Zeit, dass die Gesellschaft über den ethischen Rahmen von Tierhaltung in Zoos neu diskutiert. Wir fordern, dass Zoos dazu verpflichtet werden, Tiere nur dann zu züchten, wenn sie für die Nachkommen auch eine artgemäße Unterbringung gewährleisten können.

Pro Wildlife unterstützt verschiedene Projekte zum Schutz von Affen und anderen Wildtieren in Afrika und Asien. Denn echter Artenschutz findet dort statt, wo Wildtiere vor Ort geschützt und ihre Lebensräume erhalten werden. >> unsere Schutzprojekte

Helfen Sie uns, die unnötige Tötung von Zootieren zu verhindern!

Zoologische Gärten müssen verpflichtet werden, Tiere nur dann zu züchten, wenn sie für die Nachkommen auch eine artgemäße Unterbringung gewährleisten können.

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Guinea-Pavian im Tiergarten Nürnberg

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