Aquakultur – Massentierhaltung unter Wasser

Was die Zucht von Fischen, Krebsen und Muscheln für Wildfische, Umwelt und Tierwohl bedeutet

Aquakultur – Massentierhaltung unter Wasser

Aquakultur bezeichnet die Aufzucht und Mast von Fischen, Krebsen, Muscheln und Wasserpflanzen in Teichen, Netzgehegen oder Kreislaufanlagen. Sie ist der am schnellsten wachsende Zweig der tierischen Lebensmittelproduktion: Laut dem Bericht The State of World Fisheries and Aquaculture 2026 (SOFIA) der Welternährungsorganisation FAO erreichte die weltweite Aquakulturproduktion 2024 mit 141,6 Millionen Tonnen einen neuen Rekord. Doch der wachsende Futter- und Flächenbedarf gefährdet wildlebende Populationen, und die Haltung von hunderten Milliarden Tieren wirft grundlegende Fragen zum Tierwohl auf.

Aquakultur – ein Überblick

  • Rekordproduktion: 2024 erzeugte die weltweite Aquakultur 141,6 Millionen Tonnen (Wassertiere, inklusive Muscheln und Algen) – erstmals mehr als 100 Millionen Tonnen reine Wassertiere (FAO 2026).
  • Fang vs. Zucht: Bei Wassertieren lieferte die Aquakultur bereits 2021 erstmals mehr als die Fangfischerei. 2024 stammten 53 Prozent der Wassertiere und über 59 Prozent der für den menschlichen Verzehr bestimmten Menge aus Zucht.
  • Ökologische Folgen: Überdüngung, Abholzung von Mangroven, entkommene Zuchttiere, hoher Futterbedarf aus Wildfang und die Ausbreitung von Krankheiten setzen wildlebende Populationen zusätzlich unter Druck.
  • Tierwohl: Enge Besatzdichten, Parasiten, mangelhafte Betäubung vor der Schlachtung und die Augenstielablation bei Zuchtgarnelen zählen zu den zentralen Tierschutzproblemen.

Definition: Was ist Aquakultur?

Aquakultur ist die kontrollierte Vermehrung, Aufzucht und Mast von Wassertieren und -pflanzen. Sie findet in Süßwasser (Teiche, Seen, Flussgehege) ebenso statt wie in Salzwasser (Küstenlagunen, Netzgehege im offenen Meer) sowie in geschlossenen Kreislaufanlagen an Land. Die Zucht im Meer wird auch als Marikultur bezeichnet.

Abzugrenzen ist die Aquakultur von der Fangfischerei, bei der wildlebende Tiere aus dem Meer oder aus Binnengewässern entnommen werden.

Wie groß ist die Aquakultur weltweit?

Die weltweite Aquakultur wächst seit Jahrzehnten rasant. Seit dem Jahr 2000 hat sich ihre Produktion mehr als verdreifacht – von 43,1 Millionen Tonnen auf 141,6 Millionen Tonnen im Jahr 2024. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von rund 5 Prozent. Bei den Wassertieren allein löste die Aquakultur bereits 2021 die Fangfischerei als größere Quelle ab; bezieht man Algen ein, war dieser Punkt schon 2013 erreicht.

Tonnen Aquakulturproduktion 2024 (Tiere, Algen, Muscheln)

Anteil der Aquakultur an der weltweiten Wassertier-Produktion

Erzeugerpreis der Aquakultur 2024

Quelle: FAO-Bericht SOFIA 2026

Die Rekordproduktion des Jahres 2024 gliedert sich wie folgt auf:

KategorieMenge 2024Erstverkaufswert
Wassertiere (Lebendgewicht)102,7 Mio. Tonnen371,3 Mrd. USD
Algen (Nassgewicht)38,9 Mio. Tonnen19,9 Mrd. USD
Muschelschalen und Perlen11.000 Tonnen209,7 Mio. USD
Gesamt141,6 Mio. Tonnen391,5 Mrd. USD
Weltweite Aquakulturproduktion 2024 nach Erzeugniskategorie. Quelle: FAO, SOFIA 2026 (Daten bis 2024).

Die Produktion ist stark auf wenige Länder konzentriert: Asien steht für rund 89 Prozent der weltweiten Wassertier-Aquakultur. Allein die fünf größten Produktionsländer erzeugen zusammen 82 Prozent der Gesamtmenge – angeführt von China mit einem Anteil von 56 Prozent, gefolgt von Indien (12 Prozent), Indonesien (6 Prozent), Vietnam (5 Prozent) und Bangladesch (3 Prozent).

Ein Großteil entfällt auf die Binnengewässer: 64 Millionen Tonnen (63 Prozent) der Wassertiere stammen aus der Süßwasser-Aquakultur, z.B. Tilapias, Pangasius, oder Forellen, 38,3 Millionen Tonnen (37 Prozent) aus Meeres- und Küstenanlagen, wie Garnelen oder Lachs. In Europa ist Norwegen mit Abstand größter Produzent. Die FAO erfasst inzwischen 770 in Aquakultur gezüchtete Arten – 2022 waren es noch 731 – doch nur wenige davon machen den Löwenanteil der Produktion aus.

Gut zu wissen: gefütterte und nicht-gefütterte Aquakultur

Filtrierende Arten wie Muscheln oder bestimmte Karpfen ernähren sich aus dem umgebenden Wasser und benötigen kein zusätzliches Futter („nicht-gefütterte Aquakultur"). Ihr Anteil sank 2024 auf 27,9 Prozent – umgekehrt entfielen rund 72 Prozent der Wassertier-Produktion auf gefütterte Systeme, die auf zugeführtes Futter angewiesen sind. Genau dieser wachsende Futterbedarf ist einer der Haupttreiber für die ökologischen Probleme der Branche.

Welche Arten werden in Aquakultur gezüchtet?

In deutschen Supermärkten dominieren einige wenige Arten das Angebot aus Aquakultur. Viele davon sind Raubfische, die selbst auf tierisches Futter angewiesen sind – für die Mast eines einzigen Lachses oder einer Forelle werden also weitere Tiere getötet. Die folgende Übersicht fasst die weltweit wichtigsten Zuchtarten mit ihren jährlichen Mengen zusammen.

ArtWissenschaftlicher NameMenge pro JahrGrößte Erzeuger
GarnelePenaeus monodon, P. vannamei> 9,5 Mio. tChina, Indien, Vietnam
TilapiaOreochromis niloticus> 7,2 Mio. tChina, Indonesien, Ägypten
PangasiusPangasianodon hypophthalmus> 3,6 Mio. tVietnam, Indien, Bangladesch
LachsSalmo salar≈ 3 Mio. tNorwegen, Chile, Vereinigtes Königreich
ForelleOncorhynchus mykiss≈ 1,2 Mio. tIran, Türkei, Russland
MiesmuschelMytilus edulis> 650.000 tChina, Chile, Spanien
DoradeSparus aurata> 330.000 tTürkei, Griechenland, Ägypten
KabeljauGadus morhua> 13.000 t (Aquakultur)Norwegen
Wichtige Arten in der Aquakultur mit wissenschaftlichem Namen, jährlicher Produktionsmenge und größten Erzeugerländern. Quelle: Albert-Schweitzer-Stiftung, Aquakultur-Report 2026 (Daten: FAO FishStat 2026, bis 2024).

Beim Kabeljau (Gadus morhua) zeigt sich der Unterschied besonders deutlich: Die Aquakultur ist mit gut 13.000 Tonnen noch die Ausnahme, während der Wildfang jährlich über 820.000 Tonnen umfasst – ein Fisch, dessen natürliche Populationen im Nordatlantik durch jahrzehntelange Überfischung stark geschrumpft sind.

Welche ökologischen Folgen hat Aquakultur?

Konventionelle Aquakultur ist häufig mit erheblichen ökologischen Problemen verbunden – von der Verschmutzung durch Abwässer bis zur Zerstörung ganzer Lebensräume. Niedrige Hygiene- und Umweltstandards verschärfen die Lage vor allem in Asien, wo der Großteil der Produktion stattfindet. Sechs Problemfelder stehen im Vordergrund.

1. Überdüngung der Meere

Chemikalien, Futterreste, Fischkot und Antibiotika gelangen aus den Anlagen ins umgebende Wasser und überdüngen die natürlichen Gewässer. Absinkendes Futter und Fäkalien verschmutzen zusätzlich den Meeresboden unter den Gehegen. Die nährstoffreichen Abwässer fördern das Algenwachstum, das wiederum den Sauerstoff im Wasser aufbraucht (andere Arten können in Folge ersticken) und die Vermehrung schädlicher Bakterien in Riffen ankurbelt.

2. Zerstörung von Küstenökosystemen

Um Platz für Zuchtanlagen zu schaffen, wurden vielerorts großflächig Küstenwälder gerodet. In tropischen und subtropischen Regionen gehen dabei ökologisch besonders wertvolle Mangrovenwälder verloren – Lebensraum unzähliger Arten und zugleich natürlicher Küstenschutz. Zwischen 2000 und 2020 gingen laut dem FAO-Bericht The World’s Mangroves 2000–2020 weltweit rund 677.000 Hektar Mangroven verloren. Eine Analyse von über einer Million Satellitenaufnahmen (Global Change Biology 2020) zeigt, dass 62 Prozent der globalen Mangrovenverluste zwischen 2000 und 2016 auf Landnutzungsänderung zurückgingen – vor allem auf die Umwandlung in Aquakultur- und Landwirtschaftsflächen; bis zu 80 Prozent dieser menschengemachten Verluste entfielen auf nur sechs südostasiatische Länder. Besonders auffällige Hotspots waren:

  • Indonesien: Kalimantan und Sulawesi
  • Vietnam: Mekongdelta
  • Myanmar: Rakhine-Staat

3. Fischfarmen bedrohen wildlebende Populationen

Fischfarmen gefährden wildlebende Populationen in mehrfacher Hinsicht:

3.1. Zuchttiere brechen aus den Farmen aus

Ein großer Teil der weltweiten Lachsproduktion stammt aus Norwegen, wo Millionen Zuchttiere in Netzgehegen vor der Küste leben. Immer wieder brechen über Generationen hochgezüchtete Tiere aus den Netzen aus, kreuzen sich mit wildlebenden Lachsen, verdrängen diese und übertragen Krankheiten. Wie viele Zuchtlachse jährlich entkommen, schwankt stark: Laut dem jährlichen Überwachungsbericht des norwegischen Havforskningsinstituts reicht die gemeldete Spanne von wenigen Tausend Tieren in manchen Jahren (2023: rund 1.550) bis über 900.000 in einem einzigen schweren Jahr (2006); im langjährigen Mittel sind es gut 140.000 pro Jahr. Da nicht jede Flucht entdeckt wird, gelten die offiziellen Zahlen als Mindestwert. Die genetischen Folgen sind gravierend: Genetischen Untersuchungen zufolge lassen sich in rund zwei Dritteln der etwa 250 untersuchten norwegischen Wildlachs-Populationen inzwischen Gene von Zuchttieren nachweisen. Das norwegische wissenschaftliche Beratungsgremium für Lachsmanagement zählt diese genetische Vermischung zu den größten Bedrohungen für den wildlebenden Atlantischen Lachs.

Netzgehege in der Aquakultur
Netzgehege in der Aquakultur © adokon

3.2. Fang von Jungtieren für die Mast

Bei einigen Arten ist die Nachzucht bis heute nicht im großen Maßstab gelungen. Junge Rote Thunfische und Aale werden daher im großen Stil aus der freien Natur gefangen und in den Farmen großgezogen – ein zusätzlicher Druck auf ohnehin gefährdete Populationen.

4. Fischmehl und Fischöl: Der Futterbedarf verschärft die Überfischung

Viele Speisefische aus Aquakultur sind Fleischfresser. Ihr Futter besteht zu großen Teilen aus Fischmehl und Fischöl – gewonnen aus wild gefangenen Fischen. Fischmehl ist getrockneter, gemahlener Fisch, Fischöl fällt bei der Verarbeitung als Nebenprodukt an. Damit ist die gefütterte Aquakultur mitverantwortlich für die Überfischung der Meere. Laut FAO wird der Rohstoff für Fischmehl zu 66 Prozent aus ganzen Fischen gewonnen – überwiegend aus kleinen Schwarmfischen wie Sardellen, Sardinen und Heringen – und nur zu 34 Prozent aus Verarbeitungsresten. Über 90 Prozent des weltweit erzeugten Fischmehls landen in den Futtertrögen der Aquakultur.

Die weltweite Produktion ist seit Mitte der 2000er-Jahre relativ stabil – rund 5 Millionen Tonnen Fischmehl und etwa 1 Million Tonne Fischöl pro Jahr –, und der Anteil pflanzlicher Futterzutaten ist gestiegen. Der Rohstoff stammt aber weiterhin überwiegend aus wild gefangenen Schwarmfischen, und die Nachfrage treibt die Trawler inzwischen bis in die entlegensten Meere: In der Antarktis werden jährlich mehr als 200.000 Tonnen Krill gefangen – eine zentrale Nahrungsquelle für Pinguine, Robben und Wale. Auf der Nordhalbkugel gibt es Pläne, auch die zum Zooplankton gehörenden Ruderfußkrebse zu Fischmehl und -öl zu verarbeiten.

Zugleich verschiebt sich der Druck geografisch. Historisch stammt der größte Teil der zu Mehl verarbeiteten Fänge aus Lateinamerika; inzwischen breitet sich die Industrie rasant an den Küsten Westafrikas aus, wo Fischpopulationen noch weniger befischt und Kontrollen schwächer sind. Genau davor warnt auch die FAO: Wo traditionell vor Ort verzehrte Fischarten zunehmend zu Fischmehl für den Export verarbeitet werden, gerät die Ernährungssicherheit der lokalen Bevölkerung in Gefahr.

Wie dramatisch das vor Ort aussieht, zeigt die ZDF-Dokumentation „Fischmehl – ein schmutziges Business". Nach ihrer Hochrechnung werden allein in Westafrika jährlich rund 500.000 Tonnen Fisch zu Mehl verarbeitet – genug, um etwa 33 Millionen Menschen zu ernähren. Eine einzige Fabrik in Gambia kann täglich 500 Tonnen Fisch verarbeiten. Betroffen sind vor allem kleine Schwarmfische wie der Bonga, das wichtigste und günstigste Grundnahrungsmittel der Region: Rund 80 Prozent der gambischen Bevölkerung sind darauf angewiesen. Weil die Fabriken den Zwischenhandel besser bezahlen, hat sich der Bonga-Preis binnen fünf Jahren versechsfacht – auf lokalen Märkten ist der Fisch kaum noch zu bekommen.

Auch ökologisch hinterlässt die Industrie Spuren: Abwässer aus den Fabriken überdüngen Küstengewässer und haben stellenweise Fischsterben ausgelöst. Ein großer Teil der Fische stammt zudem aus illegaler Fischerei – Schätzungen in der Dokumentation zufolge sind rund 40 Prozent der Fänge vor Westafrika illegal; Trawler schalten ihre Transponder ab und fischen oft dicht an der Küste, ein erheblicher Teil der Flotte taucht in keiner Statistik auf. Viele Betriebe sind in ausländischer, überwiegend chinesischer Hand und verwehren selbst staatlichem Kontrollpersonal den Zutritt. Über internationale Sammel- und Mischlager, in denen Fischmehl unterschiedlicher Herkunft standardisiert wird, lässt sich am Ende kaum noch nachvollziehen, aus welchem Meer und aus welchen Arten das Futter für den Supermarktfisch stammt. Kunden werden dadurch zu unwissenden Komplizen dieser Ausbeutung.

Besonders futterintensiv ist die Lachszucht: Für 250 Gramm Zuchtlachs werden rund 1,5 Kilogramm wild gefangener Futterfisch benötigt. Nachhaltigere Rezepturen aus Insektenmehl, Algen und mikrobiellen Ölen werden zwar erforscht – die FAO bestätigt entsprechende Fortschritte –, bisher aber nicht in großem Umfang produziert und eingesetzt.

5. Invasive Arten

Viele Anlagen züchten Arten, die vor Ort gar nicht heimisch sind. Entkommene Tiere können das ökologische Gleichgewicht stören, indem sie mit heimischen Arten um Nahrung und Lebensraum konkurrieren oder sie verdrängen.

6. Ausbreitung von Krankheiten und Antibiotika-Einsatz

Die dichte Haltung in offenen Netzgehegen lässt Krankheitserreger und Parasiten rasch gedeihen und schließlich auch zwischen Zucht- und Wildtieren überspringen. Häufig werden Antibiotika unkontrolliert eingesetzt – das fördert die Entstehung resistenter Keime, ein Risiko weit über die Anlage hinaus.

Wie steht es um das Tierwohl in der Aquakultur?

Weltweit leben zu jedem Zeitpunkt mehrere hundert Milliarden Tiere in Aquakultur. Ein erheblicher Teil stirbt bereits vor der Schlachtung, die häufig ohne wirksame Betäubung erfolgt. Die hohe Besatzdichte bedeutet für die Tiere Dauerstress und macht sie anfällig für Krankheiten, Parasiten und Verletzungen. Der Aquakultur-Report 2026 der Albert-Schweitzer-Stiftung benennt die zentralen Tierschutzprobleme:

ProblemFolgen für die Tiere
Unzureichende WasserqualitätStress, Atemprobleme, Erkrankungen, erhöhte Sterblichkeit
Krankheiten und ParasitenbefallHautverletzungen, Schmerzen, Sekundärinfektionen
Zu hohe BesatzdichtenStress, Verletzungen, Verhaltensstörungen
Futterentzug vor Transport und SchlachtungHunger, Stress, Schwächung
Fehlende oder unwirksame Betäubungbewusstes Erleben von Schmerz, Angst und Stress
Augenstielablation (Entfernung der Augenstiele) bei ZuchtgarnelenSchmerzen, Stress, geschwächte Immunabwehr
Ausbruch aus ZuchtanlagenVerhungern, Krankheitsübertragung auf Wildtiere
Zentrale Tierschutzprobleme in der Aquakultur und ihre Folgen. Quelle: Albert-Schweitzer-Stiftung, Aquakultur-Report 2026
Garnelenfarm, Philippinen
Garnelenfarm, Philippinen © Alexpunker

Empfinden Fische Schmerz?

Wissenschaftlich betrachtet stehen Fische den Landwirbeltieren in vielen Aspekten nicht nach: Sie sind lernfähig, merken sich negative Erlebnisse und entwickeln Strategien, um an Futter zu gelangen. Ihr Sozialverhalten ist komplex, und sie empfinden Schmerz, Angst und Stress. Erste klare wissenschaftliche Hinweise auf das Schmerzempfinden von Fischen wurden vor gut 20 Jahren an Regenbogenforellen erbracht. Das ist Grund genug, ihre Lebensbedingungen in der Aquakultur kritisch zu hinterfragen.

Sonderfall Oktopus: Mast intelligenter Tiere

Oktopusse und andere Kopffüßer sind hochintelligente, empfindungsfähige Einzelgänger – als einzige wirbellose Tiere sind sie von der EU-Tierversuchsrichtlinie 2010/63/EU erfasst. Dennoch wird seit Jahren an einer kommerziellen Oktopus-Mast gearbeitet. Diese Versuche bleiben experimentell: Die Larvenaufzucht im großen Maßstab gilt als ungelöst, die Sterblichkeit ist hoch, und ein anerkanntes Betäubungsverfahren für die Schlachtung existiert nicht. Pro Wildlife und Fachleute fordern, den Aufbau einer Aquakulturindustrie mit Kopffüßern zu verhindern.

Wie viel Zuchtfisch landet in deutschen Supermärkten?

Der Konsum von Fischen und Meeresfrüchten in Deutschland ist zuletzt leicht auf rund 15 Kilogramm pro Person und Jahr gestiegen (Aquakultur und Wildfang zusammengerechnet). Weil der Selbstversorgungsgrad bei unter 20 Prozent liegt, kommen mehr als vier Fünftel der hier verbrauchten Menge aus dem Ausland. Die günstigen Fischangebote in unseren Supermärkten und Discountern stillen unseren wachsenden Appetit auf Fisch – und fördern damit eine Industrie, in der wirtschaftliche Interessen vielfach schwerer wiegen als das Wohl der Tiere.

Der Aquakultur-Report 2026 der Albert-Schweitzer-Stiftung untersuchte erstmals systematisch, welche Tierschutzstandards die acht umsatzstärksten Supermärkte und Discounter in Deutschland setzen. Maßstab waren vier zentrale Anforderungen: eine vollständige Zertifizierung der Aquakulturprodukte, der dauerhafte Ausschluss von Oktopussen und anderen Kopffüßern aus Aquakultur, eine transparente jährliche Berichterstattung über die Zertifizierungsquoten sowie der Ausbau pflanzlicher Alternativen. Keines der acht Unternehmen erfüllte alle diese Anforderungen.

Was Zertifikate leisten – und was nicht

Zertifikate wie ASC oder Naturland setzen ein Mindestmaß an Standards und decken die Basisempfehlungen der Aquaculture Welfare Standards Initiative (AWSI) zu Wasserqualität, Fütterung, Handling, Transport sowie Betäubung und Schlachtung ab. Sie sind ein wichtiger Zwischenschritt – aber kein Freibrief: Die grundlegenden ökologischen Probleme der intensiven Aquakultur lösen auch zertifizierte Anlagen nicht.

Was können Konsumenten tun?

Wirklich nachhaltige Formen der Aquakultur sind bislang die Ausnahme. Wer den Druck auf Meere und wildlebende Populationen verringern möchte, kann sich an drei einfachen Grundsätzen orientieren:

  • Klasse statt Masse: Fisch ist eine Delikatesse und sollte – wenn überhaupt – nur selten auf den Teller kommen. Pflanzliche Alternativen entlasten Meere und Klima zusätzlich.
  • Unten in der Nahrungskette bleiben: Am ressourcenschonendsten sind Erzeugnisse, die kein Futter aus Wildfang benötigen – etwa Algen oder Muscheln.
  • Regional statt global: Für Deutschland heißt das, möglichst auf importierte Salzwasserfische zu verzichten.

Was tut Pro Wildlife?

Pro Wildlife setzt sich in internationalen Gremien für den Schutz der Meere und ihrer Bewohner ein. Mit Blick auf die Aquakultur fordern wir:

  • mehr Transparenz im Handel und eine deutliche Ausweitung pflanzlicher Alternativen
  • verbindliche, weltweit gültige Mindeststandards für Tierschutz in der Aquakultur – auch für Importware
  • den Ausschluss besonders problematischer Praktiken wie der Augenstielablation bei Garnelen und der Mast von Oktopussen
  • ein Ende der Umwandlung von Wildfisch, Krill und Zooplankton zu Fischmehl und Fischöl
  • den Schutz von Mangroven und anderen Küstenökosystemen vor dem Bau neuer Zuchtanlagen

Häufige Fragen zur Aquakultur

Nicht automatisch. Zwar entlastet die Zucht theoretisch wildlebende Populationen, doch gefütterte Aquakultur benötigt große Mengen Fischmehl und Fischöl aus Wildfang und trägt so zur Überfischung bei. Hinzu kommen Überdüngung, entkommene Zuchttiere und der Verlust von Küstenlebensräumen. Am ressourcenschonendsten sind Muscheln und Algen, die kein zusätzliches Futter brauchen.

2024 lieferte die Aquakultur laut FAO 102,7 Millionen Tonnen Wassertiere – das sind 53 Prozent der weltweiten Wassertier-Produktion und über 59 Prozent der für den menschlichen Verzehr bestimmten Menge. Bei den Wassertieren hat die Zucht die Fangfischerei damit überholt.

Oktopusse sind hochintelligente, empfindungsfähige und einzelgängerische Tiere. Eine artgerechte Haltung in Gruppen gilt als kaum möglich, die Larvenaufzucht ist ungelöst, die Sterblichkeit hoch und ein anerkanntes Betäubungsverfahren fehlt. Pro Wildlife fordert deshalb, den Aufbau einer Oktopus-Aquakultur zu verhindern.

Auf Zertifikate wie ASC, Naturland, GGN oder EU-Bio achten – sie decken ein Mindestmaß an Tierschutzstandards ab. Sie lösen die grundlegenden ökologischen Probleme jedoch nicht. Am wirksamsten ist es, den Fischkonsum insgesamt zu reduzieren und pflanzliche Alternativen zu wählen.

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