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Eine Robbe, die einen Ball balanciert, ein Tiger, der durch einen Reifen springt: Solche Bilder gehören für viele noch immer zum Zirkus. Fast überall in Europa sind sie jedoch Geschichte. Deutschland ist der einzige EU-Mitgliedstaat, der bis heute keinerlei nationale Regelung für Wildtiere im Zirkus verabschiedet hat – obwohl Fachleute, Tierärzt*innen, der Bundesrat und eine breite Bevölkerungsmehrheit ein Verbot seit Jahren fordern.
Warum ist die Haltung von Wildtieren im Zirkus in Deutschland noch erlaubt?
Über die allgemeinen Grundsätze des Tierschutzgesetzes hinaus gibt es in Deutschland keine rechtlich bindenden Vorgaben speziell für Wildtiere im Zirkus. Es gelten nur die unverbindlichen Zirkusleitlinien. Mehrere Anläufe, das zu ändern, sind in den letzten Jahren gescheitert – zuletzt aufgrund des Bruchs der Regierungskoalition. Die wichtigsten Stationen:
- September 2003 – Das Land Hessen bringt erstmals im Bundesrat einen Antrag zum grundsätzlichen Verbot von bestimmten Wildtierarten im Zirkus ein. Obwohl der Antrag beschlossen wurde, wurde er nicht umgesetzt. Es folgen weitere Beschlüsse der Bundesländer in den Jahren 2011 und 2016, doch keiner wurde von der Bundesregierung umgesetzt.
- Juni 2021 – Die Tierschutz-Zirkusverordnung von Agrarministerin Klöckner verfehlt im Bundesrat die nötige Mehrheit. Der Entwurf hätte nur die Neuanschaffung einiger Arten (Giraffen, Elefanten, Nashörner, Flusspferde, Primaten, Großbären) untersagt – Großkatzen, Robben und Reptilien blieben außen vor. Die Bundesratsausschüsse forderten eine Ausweitung; als diese nicht durchkam, scheiterte die Verordnung. Auch Tierschutzorganisationen kritisierten den Entwurf als zu schwach.
- Februar 2024 – Ein Referentenentwurf sieht erstmals ein Verbot bestimmter Wildtierarten (unter anderem Großkatzen, Elefanten, Primaten) an wechselnden Orten vor – allerdings nur für Neuanschaffungen, mit unbefristetem Bestandsschutz für bereits gehaltene Tiere.
- Mai 2024 – Der Kabinettsbeschluss zur Novelle fällt gegenüber dem ersten Entwurf deutlich schwächer aus.
- November 2024 – Mit dem Ende der Regierungskoalition verfällt der Entwurf der Tierschutzgesetz-Novelle.
- April 2025 – Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD greift ein Wildtierverbot im Zirkus nicht auf.
- 2026 – Die Tierschutzgesetz-Novelle (Bundestags-Drucksache 21/6809, erste Lesung im Juli 2026) betrifft ausschließlich den Tierschutz beim Schlachten. Der Zirkus bleibt ausgeklammert.
Warum Teilverbote und Übergangsregeln nicht ausreichen
Selbst die bisher weitestgehenden deutschen Vorschläge hätten nur Neuanschaffungen und Nachzucht untersagt. Für bereits im Zirkus gehaltene Tiere war ein unbefristeter Bestandsschutz vorgesehen, da Tiere bis heute als Eigentum gewertet werden – sie hätten also ihr gesamtes Leben im Reisebetrieb bleiben müssen.
Wie wichtig eine klare, durchsetzbare Regelung ist, zeigt das Beispiel Frankreich. Dort gilt seit 2023 ein Zucht- und Neuanschaffungsverbot als Zwischenschritt zum Vollverbot 2028. In der Praxis wurde jedoch auch nach dem Verbot weiter nachgezüchtet, wie parlamentarische Anfragen belegen – wodurch die Zahl der später unterzubringenden Tiere sogar noch stieg. Gestufte Maßnahmen ohne konsequenten Vollzug schaffen Schlupflöcher statt Klarheit.
Wer ein Wildtierverbot unterstützt
Der Rückhalt für ein Verbot ist groß und reicht weit über Tierschutzorganisationen hinaus. Der Bundesrat und die Agrarministerkonferenz der Länder haben sich wiederholt für ein Wildtierverbot im Zirkus ausgesprochen. Auch in der Bevölkerung gibt es eine klare Mehrheit.
Eine im Februar 2021 in sieben EU-Ländern – darunter Deutschland – durchgeführte Meinungsumfrage (Eurogroup for Animals / Savanta ComRes) ergab, dass 62 Prozent der Befragten ein EU-weites Verbot aller Wildtiere im Zirkus befürworten und 68 Prozent die Nutzung von Wildtieren im Zirkus für grausam halten. Trotz dieses breiten Konsenses fehlt in Deutschland weiterhin eine gesetzliche Regelung.

Warum Wildtiere im Zirkus ein Sicherheitsrisiko sind
Wildtiere im Zirkus sind nicht nur ein Tierschutz-, sondern auch ein Sicherheitsproblem. Gerät ein Tier in Panik oder bricht es aus, können Menschen zu Schaden kommen – und in kaum einem Land geschieht das so häufig wie in Deutschland.
Die umfassendste und zugleich aktuellste Erhebung dazu stammt von der europäischen Dachorganisation Eurogroup for Animals. Ihr Report „Wild Animals in EU Circuses: Problems, Risks and Solutions" (Fassung 2021) wertete Zwischenfälle über 24 Jahre aus – von 1995 bis 2019. Die folgenden Zahlen stammen aus diesem Report:
478
dokumentierte Vorfälle mit 889 Wildtieren in EU-Zirkussen (1995–2019)
202 (~42 %)
davon in Deutschland – der mit Abstand höchste Anteil, vor Frankreich (85) und Italien (44)
13
Menschen wurden getötet, 99 verletzt – vor allem durch Tiger, Elefanten und Bären
Diese Zahlen unterstreichen, dass die Haltung großer Wildtiere unter Zirkusbedingungen ein Risiko darstellt – für die Tiere ebenso wie für Publikum, Passanten und Personal.

Andere europäische Länder sind Deutschland weit voraus
Während Deutschland als einziger EU-Mitgliedstaat ohne Regelung bleibt, haben zahlreiche Staaten – in der EU wie darüber hinaus – Wildtiere im Zirkus ganz oder teilweise verboten. Die folgende Übersicht fasst den Stand zusammen (einzelne Verbote befinden sich teils noch in Umsetzung):
| Land | Regelung (Kurzfassung) |
| Belgien | Wildtierverbot seit 2014 |
| Bosnien & Herzegowina* | Verbot aller Tiere im Zirkus |
| Bulgarien | Wildtierverbot (Übergangsfrist für zuvor gehaltene Tiere bis 2015) |
| Dänemark | Wildtierverbot; 2018 Ausnahmen für Elefanten, Seelöwen, Zebras aufgehoben |
| Estland | seit 2018 Positivliste, überwiegend domestizierte Arten |
| Finnland | Verbot vieler Wildtierarten; seit 2024 nur noch domestizierte Arten |
| Frankreich | Vollverbot ab 2028; Zucht- und Neuanschaffungsverbot seit 2023 |
| Griechenland | Verbot aller Tiere im Zirkus seit 2012 |
| Irland | Wildtierverbot seit 2018 |
| Italien | Ausstieg 2022 beschlossen; Umsetzungsdekret verschoben auf Ende 2026 |
| Kroatien | Wildtierverbot seit 2017 (Ausnahme domestizierte Arten) |
| Lettland | Wildtierverbot seit 2017 |
| Litauen | Verbot wildlebender Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien seit 2021 |
| Luxemburg | Wildtierverbot seit 2018 |
| Malta | Verbot aller Tiere im Zirkus seit 2014 |
| Niederlande | Wildtierverbot seit 2015 |
| Nordmazedonien* | Wildtierverbot |
| Norwegen* | Verbot der meisten Wildtierarten seit 2017 |
| Österreich | Wildtierverbot seit 2005; 2024 um Kamele und Büffel erweitert |
| Polen | Verbot wildgeborener Wildtiere seit 1997; 2021 um gefährliche Arten erweitert |
| Portugal | Wildtierverbot (2018 beschlossen, Übergang bis 2024) |
| Rumänien | Wildtierverbot seit 2017 |
| Schweden | Verbot vieler Wildtierarten; 2019 um Elefanten und Seelöwen erweitert |
| Serbien* | Wildtierverbot |
| Slowakei | Verbot von Dressur und Auftritten mit Wildtieren seit 2019 |
| Slowenien | Wildtierverbot seit 2013 |
| Spanien | Wildtierverbot (Tierschutzgesetz 7/2023); zuvor Verbote in 12 von 17 Regionen |
| Tschechien | Verbot neugeborener bestimmter Arten seit 2004; 2022 um Zucht, Neuanschaffung und Dressur erweitert |
| Ukraine* | Wildtierverbot in reisenden Zirkusbetrieben |
| Ungarn | erweitertes Verbot ab 2027 (Erwerb, Zucht, Haltung, Dressur, Vorführen) |
| Zypern | Verbot aller Tiere im Zirkus seit 2013 |
| Deutschland | keinerlei verbindliche nationale Regelung – einziger EU-Mitgliedstaat ohne Verbot oder Beschränkung |
Wie Sie helfen können
Weil in Deutschland vor allem der politische Wille fehlt, zählt jede Stimme, die Druck aufbaut:
- Kommunal aktiv werden: Bitten Sie Ihre Stadt oder Gemeinde, keine öffentlichen Flächen an Zirkusse mit Wildtieren zu vermieten. Zahlreiche deutsche Kommunen haben solche Beschlüsse bereits gefasst – in Spanien ebnete genau dieser kommunale Weg den Weg zum landesweiten Verbot.
- Bewusst auswählen: Besuchen Sie nur Zirkusse ohne Tiere und klären Sie Ihr Umfeld über die Hintergründe auf.
Häufige Fragen
Es fehlt ein bindendes nationales Verbot. Mehrere Anläufe scheiterten: Der Bundesrat lehnte 2021 eine Zirkusverordnung ab, die Novellierung des Tierschutzgesetzes im Jahr 2024 verfiel mit dem Bruch der Ampel-Koalition, und der Koalitionsvertrag 2025 greift das Thema nicht auf. Die Novelle 2026 betrifft nur den Tierschutz beim Schlachten.
Eurogroup for Animals dokumentierte für die EU zwischen 1995 und 2019 insgesamt 478 Vorfälle mit 889 Wildtieren. Dabei kamen 13 Menschen ums Leben, 99 wurden verletzt. Auf Deutschland entfielen mit 202 Fällen rund 42 Prozent – der höchste Anteil aller EU-Staaten.
Ja. Fast alle EU-Staaten haben Wildtiere im Zirkus verboten oder eingeschränkt – zuletzt Spanien (2024 in Kraft), Frankreich (ab 2028), Italien (Umsetzung ausstehend) und Ungarn (ab 2027). Deutschland ist der einzige EU-Mitgliedstaat, der bislang keinerlei nationale Regelung verabschiedet hat.
