Tigertourismus

Massenzucht für Schnappschuss und die traditionelle asiatische Medizin.

Millionen von Touristen reisen mittlerweile jährlich nach Südostasien. Bei vielen von ihnen steht ein Besuch eines Tigertempels und anderer Attraktionen mit direktem Kontakt zu Wildtieren ganz oben auf dem Urlaubsprogramm. Massen von Touristen posieren so jedes Jahr mit Wildtieren vor der Kamera – für die Tiere eine Qual.

Tigerjunges © Jo-Anne McArthur We Animals

Tigerjunges © Jo-Anne McArthur We Animals

Gestreichelt und für Selfies gequält…

Bereits kurz nach der Geburt werden Tigerjunge ihrer Mutter entzogen, um von Touristen und freiwilligen Arbeitern für viel Geld mit der Flasche gefüttert und aufgezogen zu werden. Die wenige Wochen alten Tiger werden jeden Tag stundenlang von Schoss zu Schoss gereicht. Sie lernen weder natürliches Verhalten noch werden sie artgerecht ernährt. Den Rest der Zeit verbringen sie einsam in kleinen, engen Käfigen. Das sogenannte „Speed-breeding“ ist die gängigste Methode der Tigerzucht, denn durch den frühen Entzug der Jungtiere kann das Tigerweibchen schneller neuen Nachwuchs gebären und so für ständigen Nachschub an Jungtieren sorgen.

Tigerjunges in Pattaya

Tigerjunges in Pattaya

Die Tiger werden dann etwa bis zur Geschlechtsreife für Selfies genutzt. Eine Qual für die Tiere – sie müssen stundenlang ruhig liegen, für die Kamera posieren, auf Anweisung die Zähne zeigen, Brüllen und gegebenenfalls Kunststücke vollführen. Für die gewünschten Posen werden die Tiger geschlagen, mit Stöcken ins Gesicht gestoßen und in die richtigen Posen gezerrt. Da Tiger Wildtiere sind, müssen sie mithilfe von Gewalt unterworfen werden. Hierfür nutzen die Trainer neben Schlägen auch Urinflaschen, um den Tieren Urin anderer Tiger ins Gesicht zu spritzen. Dies geschieht in freier Wildbahn unter Rivalen, um Aggressivität und Dominanz zu demonstrieren. Um die Gefahr für die Besucher zu minimieren, sind die Raubkatzen häufig mit Drogen und Medikamenten ruhiggestellt und an kurzen Eisenketten fixiert.

Tigerjunges in Phuket

Tigerjunges in Phuket

Die Haltung der Tiger ist in fast allen Fällen weder tier- noch artgerecht. Die Tiere sind in viel zu kleine, karge Gehege gesperrt, die schlechte, mangelhafte Hygienezustände aufweisen. Die eigentlich einzelgängerischen Wildkatzen werden hier zu Dutzenden auf engem Raum zusammengepfercht. Es fehlt an Beschäftigungsmöglichkeiten und Rückzugsorten. Die Tiere leiden nicht selten an Mangelernährung, denn die Nahrung enthält nicht ausreichend Mineralien und Vitamine. Schlechte Augen, Muskel- und Skelettschäden sind die Folge. Während der Fotostunden liegen viele Tiger stundenlang in der prallen Sonne. Auch mangelt es oft an ärztlicher Versorgung.

Tiger in einem Tigertempel © Jo-Anne McArthur We Animals

Tiger in einem Tigertempel © Jo-Anne McArthur We Animals

Neben der Qual für die Raubkatzen birgt der Kontakt auch Gefahren für die Touristen. Sogar Kinder kommen in direkten Kontakt mit den majestätischen Raubkatzen, dürfen sich auf deren Rücken sowie Bauch setzen und deren Kopf in ihren Schoss legen. Die Tiere leiden unter Stress und Frustration. Jedes Jahr kommt es daher zu zahlreichen Angriffen mit Biss- und Kratzwunden bis hin zu Todesfällen.

…schließlich getötet für traditionelle asiatische Heilmittel

Ab der Geschlechtsreife werden Tiger für den Umgang mit Touristen zu gefährlich und verschwinden aus den Touristenattraktionen. Meist werden sie dann auf dem Schwarzmarkt für viel Geld verkauft. Vor allem in China und Vietnam gilt der Tiger als wandelnde Naturapotheke und der Handel mit den exotischen Präparaten boomt. Knochen, Zähne, Krallen und Geschlechtsteile gelten als wertvolle Zutaten in der traditionellen asiatischen Medizin und haben allesamt angeblich heilende und potenzsteigernde Wirkungen. Sie sollen beispielsweise Rheuma lindern und Malaria bekämpfen. Fell, Zähne und Krallen werden für Souvenirs oder Dekorationen verwendet. Aus Knochen hergestellte Kuchen und Weine sowie Tiger-Fleisch gelten als Delikatesse in Restaurants und sollen ebenfalls pharmazeutische Wirkungen haben. Der Glaube an die traditionelle Medizin ist nur ein Grund für die massenhafte Zucht von Tigern, denn das Tragen, Dekorieren und Konsumieren von Tigerprodukten wird immer noch als Statussymbol angesehen. Auch viele Touristen kommen nach Südostasien, um Tigerfleisch und Knochenwein zu probieren.

Tieger in einer Farm

Tieger in einer Farm

Auch die Tötung der Tiger wird als Attraktion gesehen und die Tiere daher meist lebend gekauft um sie später selbst schlachten zu lassen. Eine beliebte Methode sind die sogenannten „diving tigers“, auf Deutsch: tauchende Tiger. Die Tiger werden hier in kleinen Käfigen in einen Wassertank gelassen, in dem sie qualvoll und langsam ertrinken. Diese Methode ist billig und hinterlässt keine Spuren auf Fell und Organen, so dass der hohe Handelswert des Tigers nicht vermindert wird.

Obwohl China mittlerweile sein Image ändern will und für die traditionelle Medizin alternative Substanzen entwickelt, ermöglicht das Gesetz weiterhin den Fortbestand der Wildtierfarmen. Neben Tigern werden in Südostasien auch Bären, Krokodile, Pythons und andere Wildtiere in großen Zuchtfarmen für die traditionelle Medizin gehalten und vermehrt. Denn viele der Unternehmen, die traditionelle Produkte verkaufen, bestehen auf der veralteten Tradition und bei etlichen einflussreichen Politikern und Geschäftsleuten gelten Tigerprodukte weiterhin als Statussymbol.

Tigerfarmen – Massenproduktion von Raubkatzen

Mehr als 8.000 Tiger fristen ihr Dasein in Gefangenschaft in asiatischen Tigerfarmen und touristischen Attraktionen – mehr als doppelt so viele wie in freier Wildbahn bis heute überlebt haben. Die meisten der Farmen befinden sich in China, wo etwa 5.000 bis 6.000 Tiger gehalten werden. Einige der Farmen besitzen mehr als 1.000 Tiere. Während die meisten der Farmen in China für den Touristenverkehr gesperrt bleiben, eröffnen in Südostasien immer mehr Tigertempel, Zoos und sogenannte „Arterhaltungszentren“, die bis zu 800 Touristen pro Tag mit ihrem persönlichen Schnappschuss versorgen. In Thailand gibt es mittlerweile mehr als 50 dieser Touristenattraktionen mit etwa 1.500 Tigern, die sich größtenteils in Privatbesitz vermögender und einflussreicher Mogulen befinden. Diese Anzahl der Tiger ist in den letzten Jahren rasant angestiegen, denn noch 2007 wurden „nur“ 600 Tiger in thailändischen Tigerattraktionen in Gefangenschaft gehalten. Die Zucht der Tiere wird wenig überwacht, auch fehlt oft eine Zuchtlizenz. Neben Asien beherbergt die USA die meisten Tiger in Gefangenschaft. Die mehr als 5.000 Tiere werden allerdings größtenteils privat als Haustiere gehalten. Auch in Südafrika gibt es mittlerweile mehr als 50 Tigerfarmen.

Angeketteter Tiger in einer Tigerfarm

Angeketteter Tiger in einer Tigerfarm

Alle diese Zuchtfarmen fungieren unter dem Deckmantel der Arterhaltung. Sie locken Touristen in dem Glauben an, etwas für die Erhaltung der Tiger in freier Wildbahn beizutragen. Doch mit Arterhaltung hat das nichts zu tun! Denn Tiere aus der Tourismusbranche wurden von klein auf an Menschen gewöhnt. Eine Wiederauswilderung ist riskant und stellt eine große Gefahr für Menschen und Nutztiere dar, da die Tiere keinerlei Scheu vor Menschen zeigen und an Nutztiere als Nahrung gewöhnt sind. Auch sind die meisten der Tiger Hybride, leiden an Inzucht und zeigen unnatürliches Verhalten. Außerdem fehlen oft geeignete Habitate zur Wiederansiedelung.

Dennoch plant China nun den sibirischen Tiger (Panthera tigris altaica), dessen Population in China nur noch etwa 20 Tiere umfasst, aus Zuchtfarmen wieder auszuwildern. Laut eines Mitarbeiters erhalten die Tiger ein Wildnistraining um auf das Leben in Freiheit vorbereitet zu werden; es herrsche keine Inzucht, da die Zucht seit Jahren streng kontrolliert wird. Durch Waldschutzprojekte werden die Habitate der Tiger geschützt und renaturiert.

Sibirischer Tiger

Sibirischer Tiger

Der illegale Tigerhandel

Der Handel mit Tigerprodukten ist äußerst lukrativ, denn Tiger, egal ob lebendig oder tot, bringen den Besitzern große Summen auf den asiatischen Märkten ein. Vor allem Kunden aus Vietnam, Laos und China zahlen hohe Beträge. Neben Prostitution und Drogenhandel gehört der Handel mit illegalen Tierprodukten zu den lukrativsten Geschäftsbereichen auf dem internationalen Schwarzmarkt.

Präparierter Tigerkopf

Präparierter Tigerkopf

Der internationale Handel mit Produkten von wilden Tigern ist illegal denn Tiger sind durch das internationale CITES- Artenschutzabkommen geschützt. In vielen der Länder besteht außerdem ein nationales Verbot zum Handel mit Tigerprodukten und lebenden Tieren. Doch bestehende Gesetze werden nur sehr sporadisch umgesetzt und viele Verantwortliche nie zur Rechenschaft gezogen. Studien aus Vietnam zeigen, dass hier mehr als die Hälfte aller Zuchtfarmen auch illegal mit Wildtieren handelt.

Laos gilt als wichtigstes Drehkreuz und Hotspot im illegalen Handel von Tigern nach China. Korruption und Bestechung sind in vielen Südostasiatischen Ländern an der Tagesordnung und führen zur stillschweigenden Akzeptanz unter vielen Regierungsbeamten. In der Sonderwirtschaftszone Golden Triangle in Laos können viele seltene Tierprodukte wie Lebensmittel, Schmuck und Medikamente erworben werden. Hier findet man Produkte von Elefant, Nashorn, Bär, Leopard, Tiger und Co.. Der Versuch einzelner Regierungsbeamter, die kommerziellen Tigerfarmen in Laos zu schließen, blieb bisher ohne Erfolg.

Tigerpfote in Myanmar © Soggydan Benenovitch

Tigerpfote in Myanmar © Soggydan Benenovitch

Auch der illegale Austausch lebender Individuen zwischen Touristenattraktionen und Tigerfarmen ist üblich, um besonders aggressive und ältere Tiere durch jüngere und ruhigere zu ersetzen; dies wurde beispielsweise im Tigertempel in Kanchanaburi (Thailand) beobachtet, der über Jahre hinweg seine Tiger mit einer Farm in Laos tauschte.

Gefahr für wild lebende Tiger und Löwen

Etwa 100.000 Tiger waren noch vor hundert Jahren über ganz Asien verbreitet. Von den ursprünglich neun bekannten Unterarten leben heute nur noch sechs Arten mit weniger als 4.000 Individuen in freier Wildbahn. Die wenigen kleinen, isolierten Populationen sind teils stark gefährdet und vom Aussterben bedroht. Denn in den vergangenen 100 Jahren ging ihr Lebensraum um mehr als 96% verloren und Wilderei sowie der Handel mit Wildtierprodukten bedrohen das Überleben der verbleibenden Tiere.

Auch die Zuchtfarmen ändern nichts am Rückgang der wild lebenden Populationen, denn weiterhin werden Tiger aus der Wildnis gefangen und gewildert. Im Gegenteil vermehren Zuchtfarmen ihrerseits noch die Nachfrage nach Tigerprodukten und stellen eine Möglichkeit dar, wilde Tiere als gezüchtete zu deklarieren, um sie so auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Die Haltung der Tiere ist teuer und wilde Tiger spülen auf dem Schwarzmarkt höhere Summen in die Kassen, gelten sie doch in der traditionellen Medizin als besonders potenzsteigernd und edler als gezüchtete Tiere.

Wilde Tiger in Indien

Wilde Tiger in Indien

Seit der Handel mit Tigerknochen verboten ist, werden vermehrt Skelette von Löwen und andern Raubkatzen gehandelt. Vor allem aus Südafrika werden Tierteile für die traditionelle chinesische Medizin importiert. Dieser Handel stieg seit 2008 auf das Vierfache an. Mehr als 6.000 Löwenskelette wurden seither nach Südostasien geliefert. Seit 2017 hat Südafrika sogar eine offizielle Exportquote von zunächst 800, dann sogar 1.500 Löwenskeletten festgelegt, solange das Ausfuhrland den Handel als legal und nachhaltig deklariert. Da dies schwer zu kontrollieren ist, werden auch weiterhin Löwen gewildert und ihre Knochen in den Handel geschmuggelt.

Löwe Steppe, Trophäenjagd

Südafrika exportiert Löwenskelette nach Asien © Yuzura Masuda

Das tut Pro Wildlife
Um die verbleibenden Tiger zu schützen, klärt Pro Wildlife durch Kampagnen die breite Öffentlichkeit über die Bedingungen der Wildtiere im Tourismus auf. Wir machen die Reiseveranstalter auf das Leid der Tiere aufmerksam und bewegen sie dazu, Tigertempel und andere fragwürdige Touristenattraktionen aus ihrem Programm zu streichen. Auch setzt sich Pro Wildlife für strengere Gesetze und Verbote im Handel mit Wildtieren ein und hilft mit die Tiere unter internationalen Schutz zu stellen.

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Wildtiere im Tourismus

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Tierhandel

Nach Drogen-, Waffen- und Menschenschmuggel ist der Wildtierhandel mit bedrohten Arten das größte illegale Geschäft weltweit >> Tierhandel

 

 

 

 

 

Nashorn

Traditionelle asiatische Medizin

Die TCM (Traditionelle Asiatische Medizin /Traditionelle Chinesische Medizin) ist in Verruf gekommen, weil viele Rezepturen hoch bedrohte Arten verwenden und damit Nashorn, Tiger, Kragenbären und viele andere Arten an den Rand der Ausrottung treibt >> Traditionelle asiatische Medizin

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