Erbarmungslose Jagd auf Kängurus

Australiens Wappentiere werden millionenfach zu Fleisch und Leder verarbeitet.

Kängurus zählen zu den bekanntesten Beuteltieren und sind typische Vertreter der australischen Fauna. Bei Farmern und Landbesitzern sind sie allerdings als Konkurrenten verrufen. Sie werden auf grausame Weise getötet: Die Jagd auf Kängurus in Australien ist weltweit das größte Massaker an landlebenden Wildtieren.
Känguru © Trevor Scouten

Östliches Graues Känguru © Trevor Scouten

1,5 Millionen Kängurus werden von Jägern, die von der australischen Känguru-Industrie (Kangaroo Industry Association of Australia) bezahlt werden, jedes Jahr legal und systematisch erschossen. Spezialisierte  Unternehmen verarbeiten bis zu 4.000 Kängurus pro Tag – sie alle stammen aus freier Natur, nicht aus Zucht. Gejagt werden vor allem die „Big Four“: das Rote Riesenkänguru, das Östliche und das Westliche Graue Riesenkängurus sowie das Bergkänguru. Fleisch, Haut und Leder werden industriell ausgeschlachtet und international kommerziell gehandelt. Hinzu kommen illegale Abschüsse durch Farmer. Hintergrund dieses Feldzugs gegen die Kängurus ist, dass die in Australien heimischen Wildtiere bei den europäischen Siedlern seit jeher als Schädlinge galten, die in der trockenen Landschaft angeblich mit der Haltung von Millionen Nutztieren konkurrieren. Durch wissenschaftliche Fakten ist dies allerdings nicht belegt.

Deutschland als Absatzmarkt für Känguru-Produkte

Etwa 40 Prozent des Känguru-Fleisches wird ins Ausland exportiert und dort entweder als Haustierfutter oder als exotische Delikatesse angeboten. Deutschland war im Zeitraum 2013 bis 2016 weltweit der drittgrößte Importeur von Känguru-Fleisch und -leder und damit auch einer der führenden Handelspartner der Känguru-Industrie. Deutschland importierte in diesem Zeitraum 19 Prozent des weltweit gehandelten Fleisches. Es wird als Steak oder Hundefutter in namhaften Ketten wie Lidl, Netto, ALDI, Hit, REWE, Metro und Fressnapf sowie in Restaurants angeboten. Zudem importiert Deutschland 10 Prozent der Einfuhren von Bekleidung und Leder aus Kängurus sowie 14 Prozent der Känguru-Haut, die unter anderem von Adidas, Nike und Puma für Fußballschuhe genutzt oder von anderen Unternehmen als Outdoor- und Motorradbekleidung verkauft wird.

Kängurus in Australien © Pixabay

Kängurus in Australien © Pixabay

2016 wurden laut Daten der Australischen Regierung etwa 1,5 Millionen Tiere legal getötet. Während Farmer und Känguru-Industrie seit Jahrzehnten ein Bild von angeblicher Überbevölkerung zeichnen, beklagen Wissenschaftler und Tierschützer in Australien die Auslöschung von Beständen aus Gebieten mit ehemals reichem Vorkommen. Sie befürchten, dass der Massenabschuss den langfristigen Fortbestand dieser einzigartigen Wildtiere, die den Kontinent seit Hunderttausenden Jahren bevölkern, gefährdet. In weiten Gebieten Australiens, wie z.B.in Tasmanien oder Victoria, sind die Bestände deutlich zurückgegangen: 2010 war das Rote Riesenkänguru in 56 Prozent seines ursprünglichen Verbreitungsgebietes verschwunden, das Graue Riesenkänguru sogar in 69 Prozent.

Plünderung der Bestände

Genaue Populationszahlen fehlen und die offiziellen Schätzungen der Regierung, auf deren Grundlage Abschussquoten berechnet werden, sind laut Experten stark überhöht: So würden Zählungen selektiv in Bereichen mit hohen Bestandsdichten oder niedrigen Abschussraten erfolgen und auf andere Bereiche hochgerechnet, ohne die dortige Populationsdichte sowie Landnutzung und Vegetationstyp zu berücksichtigen. Auch die Abschussquoten sind mit 15 bis 20 Prozent des (äußerst großzügig) geschätzten Bestandes im Vergleich zu anderen Säugetieren extrem hoch angesetzt. Die Vermehrungsrate ist deutlich geringer. Kängurus bekommen etwa alle 7 Monate Nachwuchs, zudem ist die Jungtiersterblichkeitsrate ist mit über 73 Prozent sehr hoch.

Zudem werden Umwelteinflüsse, der zunehmende Verlust von Lebensraum und der illegale Abschuss durch Farmer und Landbesitzer bei der staatlich sanktionierten Verfolgung der Kängurus nicht berücksichtigt: Zwischen 2001 und 2010 gingen die Bestände drastisch zurück: von geschätzten 57 Millionen auf 34 Millionen Tiere. Kängurus sind stark von Umwelteinflüssen wie Trockenperioden betroffen und immer größerem Druck ausgesetzt. Ihr Lebensraum ist in den vergangenen Jahren bereits drastisch dezimiert worden, vor allem durch die urbane Entwicklung sowie die zunehmende Landwirtschaft.

Känguru © Pixabay

Känguru © Pixabay

Grausame Jagd bei Nacht

Ungeachtet aller Risiken und Kritik fördert die Kangaroo Industry Association of Australia weiter den Ausbau des internationalen Handels mit Känguru-Produkten.

Die Tötung der Kängurus ist ausgesprochen grausam: Die Tiere werden überwiegend im Dunkel der Nacht in abgelegenen Wüstenregionen erschossen. Die Vorschriften der australischen Regierung fordern zwar, erwachsene Tiere durch einen direkten Kopfschuss zu töten, um ihnen unnötiges Leid zu ersparen. Aber dies ist sehr häufig nicht der Fall. Untersuchungen von Tierschützern in Australien ergaben, dass längst nicht alle geschossenen Kängurus per Kopfschuss getötet werden, nachts ist genaues Zielen ohnehin schwierig. Unzählige Tiere erleiden einen langen Todeskampf durch Nacken- oder Körperschüsse. Auch schwangere und stillende Muttertiere werden bejagt, die Tötung oder das schutzlose Zurücklassen der Jungtiere als Kollateralschaden hingenommen. Laut Verfahrensregeln sollen Jungtiere aus dem Beutel der Mutter geköpft oder durch ein stumpfes Hirntrauma getötet werden, in der Realität werden Jungtiere allerdings oft zurückgelassen und verhungern oder werden mit dem Kopf gegen ein Auto geschlagen. Schätzungsweise sterben pro Jahr etwa 800.000 Jungtiere, deren Mutter getötet wurde.

Die Tötung erfolgt zudem oft unter unhygienisch und mit Gesundheitsrisiken verbundenen Konditionen, die die Verarbeitung zu Fleisch in Frage stellen: Die Beuteltiere werden häufig ohne Kontrollen und von ungenügend geschultem Personal auf dem Feld ausgeweidet und ungekühlt auf offenen Fahrzeugen ohne Schutz vor Fliegen oder Schmutz bei großer Hitze transportiert. Um die Preise für Känguru-Fleisch günstig zu halten und so den Absatz anzukurbeln wird an der Fleischhygiene gespart. 75 Prozent der Krankheitserreger bei Menschen entspringen in Wildtieren und auch Kängurus sind Träger vieler Parasiten und Krankheiten. Tests im Einzelhandel und Supermärkten zeigen häufig hohe Werte für Kolibakterien und Salmonellen. Auch Verunreinigungen durch Schusspatronen sind nicht ungewöhnlich. Russland hat aus Hygienegründen 2014 den Import von Känguru-Fleisch gestoppt. 2015 stellte auch Kalifornien die Einfuhr aller Känguru-Produkte ein. Und in England und den Niederlanden haben einige Handelsketten den Verkauf von Känguru Fleisch gestoppt – in Deutschland, Belgien und weiteren EU-Ländern  wird es weiterhin verkauft. Mittlerweile gibt es auch synthetische Alternativen für das begehrte Känguru-Leder, von vielen Herstellern wird es allerdings noch immer verwendet.

Um dem grausamen Tod von Millionen von Kängurus die lukrative Grundlage zu entziehen, sind Einfuhrverbote anderer Länder und ein Verzicht auf Fleisch und Leder von Kängurus dringend geboten. Im Juni 2018 kam der Dokumentarfilm „Kangaroo - A Love-Hate Story“ auch in deutsche Kinos. Er zeigt Australiens gespaltene Beziehung zu seinem beliebten Nationaltier, hier der Film-Trailer:

Der Deutsche Tierschutzbund und Pro Wildlife zeigen den Dokumentarfilm „Kangaroo – A Love-Hate Story“.
Wann: 30.11.2018 um 18.00 Uhr
Wo: Monopol Kino, Schleißheimer Str. 127 in 80797 München
Die Dokumentation ist auf Englisch mit deutschen Untertiteln.
Der Eintritt ist frei! Bei Interesse reicht eine Anmeldung per E-Mail an artenschutz(at)tierschutzbund.de

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