TCM: Pillen als Politikum

07. September 2020.

Chinas systematischer Ausbau der TCM als Gefahr für den Artenschutz

Wer Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hört, denkt zunächst wohl v.a. an Akupunktur und Heilkräuter. Doch was Artenschützer seit Jahren auf die Barrikaden bringt, ist die Verwendung von Wildtieren – und das nicht nur in der TCM selbst, sondern auch in den begleitenden Ernährungsempfehlungen zur Balance von Yin und Yang, wie ein aktueller Artikel von Pro Wildlife in der Fachzeitschrift Chinesische Medizin zeigt.

Malaiisches Schuppentier (Manis javanica)© Frendi Apen Irawan

Malaiisches Schuppentier, begehrt in der TCM © Frendi Apen Irawan

Zwar sind Schildkrötenpanzer, Tigerpenis & Co. schon seit mehr als 1.000 Jahren in den TCM-Rezepturen zu finden, doch Bevölkerungswachstum, steigende Kaufkraft und ein Boom der TCM auch außerhalb Chinas haben eine tödliche Sogwirkung entfacht: Zunächst kollabierten die Wildtier-Bestände in China selbst, dann in den Nachbarländern, die fleißig nach China lieferten. Und schließlich gerieten selbst Wildtiere in Afrika oder gar Lateinamerika ins Visier, wie drei aktuelle Beispiele drastisch zeigen:

  • Die vier asiatischen Arten von Schuppentieren (Manis spp.) gerieten zuerst in Bedrängnis, da ihre getrockneten Schuppen in mehr als 60 TCM-Produkten vermarktet werden: So soll „Chuan Shan Jia“ gegen Abszesse und Schwellungen sowie Menstruations- und Stillprobleme helfen. Seit 2000 galt ein CITES-Handelsverbot für die Wildbestände aller asiatischen Schuppentiere. Dies führte jedoch v.a. dazu, dass nun die afrikanischen Arten systematisch abgesammelt wurden. 2019 beschloss CITES dann ein striktes internationales Handelsverbot für alle Pangolin-Arten. Ob dies reicht, um ihre Ausrottung zu verhindern, werden erst die nächsten Jahre zeigen.
  • Schwimmblasen („Huang Chun Yu Sai“) und Schuppen („Huang Chun Yu Lin“) des Bahabas (Bahaba taipingensis) dienen in der TCM der Behandlung von Nierenerkrankungen, Gebärmutterblutungen und eitrigen Wunden. Der stark begehrte Fisch ist in China bereits so extrem selten geworden, dass er Marktpreise von bis zu 500.000 Euro pro Exemplar erzielt. Als Ersatz ist in den letzten 15 Jahren die Nachfrage nach Totoaba (Totoaba macdonaldi) eskaliert, einem riesigen Fisch aus dem Golf von Mexiko. Ungewollter Kollateralschaden der Totoaba-Wilderei ist der Kalifornische Schweinswal (Phocoena sinus, auch Vaquita genannt), der in den Fischernetzen als Beifang ertrinkt. 1997 gab es noch etwa 600 Vaquitas, inzwischen nur noch weniger als 20 Tiere. Eine tödliche Kettenreaktion also, ausgelöst durch die Nachfrage nach „Huang Chun Yu Sai“…
  • Tokehs (Gecko gekko) sind asiatische Echsen, die in der TCM als „Ge Jie“ u.a. gegen Asthma, Diabetes und Erektionsstörungen helfen sollen. Zwischen 2004 und 2013 importierte allein Taiwan 15 Millionen dieser ehemals häufigen Geckos aus Thailand und Indonesien, fast alles Wildfänge. In China gibt es zwar Zuchtfarmen, aber deren Produktion kann den Bedarf nicht decken, so dass der Raubbau an wilden Tokehs weitergeht. 2019 endlich wurden die Geckos in CITES Anhang II aufgenommen; dies soll den internationalen Handel und damit den bislang ungebremsten Raubbau künftig einschränken.
Tokehs sind in der TCM sehr begehrt © Pixabay

Tokehs sind in der TCM sehr begehrt © Pixabay

Höchste politische Priorität in China

Die Regierung in China hat größtes Interesse an einer Ausweitung der Traditionellen Chinesischen Medizin auch in anderen Ländern – steht sie doch für die chinesische Lebensweise und ist ein populäres Gegenmodell zur westlichen Schulmedizin. Entsprechend aktiv forciert Staatspräsident Xi Jinping den internationalen Ausbau, mit beachtlichen Erfolgen und teils erschreckenden Maßnahmen:

  • 2013 veröffentlichte die Regierung in Peking ihre „Belt and Road“ Strategie (auch „Neue Seidenstraße“ genannt), mit der sie die Infrastruktur in und Handelsbeziehungen mit mehr als 60 Staaten in Asien, Europa und Afrika ausbauen möchte. Der globale Ausbau der TCM ist ein fester Teil dieser Pläne: Dazu gehören u.a. 30 neue TCM-Zentren weltweit – eines davon öffnete 2018 in der bayerischen Stadt Bad Kötzting.
  • 2018 kündigte die Weltgesundheitsorganisation WHO an, die Traditionelle Chinesische Medizin in ihren offiziellen Krankheits- und Behandlungskatalog aufzunehmen.
  • Im Oktober 2018 kündigte die chinesische Regierung an, ein 25 Jahre altes Verkaufsverbot für Tiger und Nashorn aufzuheben – Körperteile gezüchteter Tiere dürften für medizinische Zwecke verwendet werden. Trotz internationaler Proteste ist die Lockerung bis heute nicht vom Tisch.
  • Für den Weltkongress der IUCN (Januar 2021) wurden zwei Resolutionen zur TCM vorgeschlagen: Eine strengere, die die Verwendung von Wildtieren generell abgelehnt hätte, wurde bereits im Vorfeld verhindert. Stattdessen kommt nun eine weitaus schwächere Resolution zur Abstimmung, die nur vor der Verwendung bereits stark bedrohter Arten warnt.
Schildkrötenpanzer und Schlangen auf einem TCM-Markt in China © V. Berger

Schildkrötenpanzer und Schlangen auf einem TCM-Markt in China © V. Berger

Der Push der Traditionellen Medizin in der Corona-Krise

Der Umgang Pekings mit der aktuellen Corona-Pandemie, bei der Chinas Wildtiermärkte als wahrscheinliche Quelle des Virus in die Kritik gerieten, zeigt die enorme politische Bedeutung, die die Traditionelle Chinesische Medizin hat:

  • Im Februar 2020 erließ die chinesische Regierung ein vorläufiges Verbot für Jagd, Transport, Handel und Verzehr zahlreicher Wildtiere; im Mai bot sie zudem Farmern Geld an, um die Zucht von Wildtieren zu beenden. Doch was gut klingt, hat tückische Ausnahmen: Zum einen gilt das Wildtierverbot nur für den Verzehr, nicht aber für die Verwendung in der TCM, zum anderen definierte die Regierung bestimmte Wildtiere als „spezielle Nutztiere“, wodurch auch für sie das Handelsverbot nicht gilt.
  • Im März 2020 schlug die nationale Gesundheitskommission Chinas zur Behandlung schwerer COVID-19-Verläufe „Tan Re Qing”-Injektionen vor – diese Rezeptur enthält u.a. Bärengalle. Dies könnte die Wilderei auf wilde Bären in China wie auch in anderen asiatischen Ländern befeuern und erschwert alle Bemühungen von Tierschützern, die grausame Haltung von bis zu 12.000 „Gallenbären“ auf Bärenfarmen in China und Vietnam zu beenden.
  • Im April 2020 vermeldete die Nationale Naturwissenschaftliche Stiftung in China, Forschungsgelder bereitzustellen, um die medizinische Verwendung Chinesischer Weißer Delfine (Sousa chinensis) untersuchen zu lassen. Diese Forschungspläne sind alarmierend: Chinesische Arzneibücher enthalten tatsächlich mindestens 20 Substanzen von Meeressäugern (Robben und Delfinen), v.a. aus Öl, Pankreas und Leber.
  • Im Juni 2020 schließlich wurden Pläne der chinesischen Regierung bekannt, per Gesetz „falsche oder übertriebene Behauptungen“ zur Traditionellen Chinesischen Medizin zu verbieten. Will Peking künftig also Kritiker der TCM mundtot machen?

Bedenkliche TCM-Präparate und -Rezepturen auch in Europa

Zwar sind 90 Prozent der verwendeten Substanzen in TCM-Präparaten pflanzlicher Natur, und von den verbleibenden zehn Prozent tierischen Ursprungs stammt nochmals ein Teil von Nutztieren. Doch selbst wenn nur ein Bruchteil der Rezepturen Wildtiere wie Saiga-Antilope, Seegurken oder Seepferdchen verwendet, ist dies angesichts des riesigen und weltweit wachsenden Marktes ein immenses Artenschutzproblem. Pro Wildlife arbeitet deshalb u.a. mit der Internationalen Gesellschaft für Chinesische Medizin, Societas Medicinae Sinensis, zusammen, um das Problembewusstsein zu stärken und die Nachfrage nach Präparaten mit Wildtieren zu senken. Selbst hier in Europa ist das dringend erforderlich, wie unsere Recherche (Stand September 2020) zeigt:

Millionen Seepferdchen sterben für die TCM © Pixabay

Millionen Seepferdchen sterben für die TCM © Pixabay

  • Eine chinesisch-deutsche TCM-Akademie mit Sitz in Nordrhein-Westfalen bietet seit wenigen Jahren Studiengänge zur TCM an und führt in ihrer Online-Arzneimittelliste eine Bandbreite von Wildtieren: u.a. Schuppentier („Chuan Shan Jia“), Seehundpenis („Hai Gou Shen“), Bärengalle („Xiong Dan“), Rhesusaffen-Gallenstein („Hou Zao“), Seegurken („Hai Shen“), Antilopenhorn („Ling Yang Jiao“), Seepferdchen („Hai Ma“), Schlangenhaut („She Tui“), Schildkrötenpanzer („Gui Ban“ bzw. „Gui Jia“), Waldfrosch („Ha Shi Ma“) und sogar Nashorn („Xi Jiao“) sowie Tigerknochen („Hu Gu“).
  • Eine Münchner TCM-Praxis empfiehlt Schildkrötenpanzer („Gui Ban“) gegen unregelmäßige Blutungen.
  • Ein Schweizer TCM-Arzt setzt Seepferdchen („Hai Ma“) gegen Impotenz und Inkontinenz ein – die Tiere unterliegen seit 2007 internationalen Handelsbeschränkungen (CITES Anhang II).
  • Eine Luxemburger Online-Apotheke, bei der man das Präparat „Zuo Gui Wan“gegen nächtliches Schwitzen und Haarausfall kaufen kann, das u.a. Schildkrötenpanzer enthält („Gui Ban“)
  • Selbst auf Ebay können TCM-Präparate mit Tokeh („Ge Jie“) mit einem Mausklick in den digitalen Warenkorb gelegt werden.

Die wichtigsten von Pro Wildlife zusammengestellten Gefährdungstrends in der TCM sind auch in der Fachzeitschrift Chinesische Medizin, Ausgabe September 2020,  veröffentlicht.

Autorin: Dr. Sandra Altherr

Weitere Informationen

TCM-Apotheke in China © Pixabay

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