Selfies mit Wildtieren

24. September 2019.

Bitte lächeln! Wildtier-Selfies im Urlaub

Für Touristen ist es meist ein tolles Erlebnis, ein Selfie mit Wildtieren zu ergattern. Die Fotos dokumentieren aber eigentlich vor allem eins: Tierquälerei.

Cheese! – Zum Urlaub gehören Fotos dazu. Oft können es gar nicht genug sein, alles muss auf der Kamera festgehalten werden. Gerade dann, wenn es um Tiere geht. Denn die gehören wohl zu den Lieblingsmotiven der Menschen schlechthin. Vor allem im Wildtiertourismus ist ein Erinnerungsfoto ein Muss. Im Trend: Selfies. Dabei grinsen meist ein oder mehrere Touristen wie gewohnt in die Innenkamera ihres Handys. Der Unterschied zu gewöhnlichen Selfies: Neben ihnen blickt ein Wildtier in die Linse. Doch das hat in der Regel eher weniger zu lachen.

Selfie mit Affe

Selfie mit Affe

Was ist so schlimm an Wildtier-Selfies?

Wildtiertourismus wird per se bereits stark kritisiert. Bei Wildtieren, die eingesperrt oder gar angekettet unter miserablen Bedingungen leben, damit Touristen sie streicheln, reiten oder waschen können, handelt es sich um nichts anderes als Tierquälerei. Selfies und Fotos mit Touristen bedeuten für die Tiere zusätzlich Stress und Leiden. Dazu kommen falsche Haltung, zu viel Kontakt zu Menschen oder schlechte tierärztliche Versorgung – viele Tiere sterben sehr jung. Da es ein lukratives Geschäft ist, werden Wildtiere teilweise auch gezielt für Touristenfotos eingefangen.

Damit ein Mensch überhaupt so nah an ein Wildtier herangehen kann, wie das für Selfies nötig ist, müssen Tiere zuvor außerdem oft ruhig gestellt werden. Gefährliche Tiere wie Tiger oder Bären werden daher zum Beispiel sediert oder ihnen werden Zähne gezogen, damit sie dem Menschen nichts tun und als zahme Marionetten eingesetzt werden können.

Tourist im Tigertempel

Tourist im Tigertempel

Egal, ob das Elefanten sind, die einen Menschen fürs Foto mit ihrem Rüssel hochheben, Delfine, die Menschen einen Kuss geben, oder Tiger, die sich knuddeln lassen wie eine Hauskatze – das Verhalten der Tiere ist nicht natürlich. Sie werden trainiert, ihr Wille gewaltsam gebrochen. Kein Wildtier zeigt solch ein Verhalten von sich aus. Das hat sich der Mensch ausgedacht. Für das perfekte Foto.

Delfinkuss

Delfinkuss in einem Delfinarium

Auch für den Artenschutz kann der Wildtiertourismus fatal sein. Obwohl beispielsweise Plumploris international den strengsten Schutz genießen, werden sie immer wieder illegal über Grenzen geschmuggelt, um sie an thailändischen Stränden als „Fotomodell“ posieren zu lassen.

Wildtierattraktionen überhaupt zu besuchen, ist also schon mehr als nur bedenklich. Selfies mit leidenden, zum Teil sedierten Tieren zu machen, ist aber vor allem eins: geschmackslos. Und wenn die Tierliebe tatsächlich so groß ist, dann könnte das Geld besser investiert werden: in den Tierschutz zum Beispiel.

#tigerselfie #elephantride #dolphinkiss

Wenn das Foto mit dem kuscheligen Löwen, dem lustigen Affen oder dem süßen Koala gemacht wurde, landet es bald darauf häufig in sozialen Netzwerken wie Instagram. Die Organisation WAP hat im Jahr 2017 festgestellt, dass die Anzahl der Selfies mit Wildtieren auf Instagram von 2014 bis 2017 um fast 300 Prozent angestiegen ist.

Foto mit Koala

Urlaubsfoto mit Koala

Auf den Fotos sieht es dann oft so aus, als würde das Tier lachen, als würde es den Kontakt zum Menschen genießen, als hätte es Spaß. Was die Fotos nicht zeigen, sind die qualvollen Hintergründe.

Auf sozialen Netzwerken erzielen Wildtier-Selfies oft große Aufmerksamkeit. Menschen, die über die Lebensumstände der Tiere nicht Bescheid wissen, werden von solchen Bildern „inspiriert“ – und machen es im nächsten Urlaub vielleicht nach. Durch Social Media dienen Wildtier-Selfies deshalb auch der Verbreitung dieser bedenklichen Form des Wildtiertourismus.

Selfie auf einem Elefant

Selfie auf einem Elefant

Instagram hat bereits reagiert. Sucht oder postet man Hashtags wie #tigerselfie, #dolphinkiss oder #elephantride, so erscheint eine Warnung von Instagram, dass es sich bei derartigen Fotos um Tierquälerei handle. Erst, wenn durch einen Klick bestätigt wird, dass man die Fotos trotzdem ansehen oder posten möchte, kann die Aktion fortgeführt werden – diese Funktion ist ein Schritt in die richtige Richtung. Noch besser wäre es allerdings, wenn solche Fotos gar nicht mehr gepostet werden könnten.

Instgram warnt vor Wildtier-Selfies

Instgram warnt vor Wildtier-Selfies

Selfies mit wilden Tieren

Auch Tiere in freier Wildbahn sind ein beliebtes Fotomotiv – verständlich. Und dagegen spricht erstmal auch nichts. Solange man beachtet, Abstand zu den Tieren zu halten.

Selfie mit einem Faultier

Selfie mit einem Faultier

In freier Wildbahn ist es natürlich nicht so einfach, ein Selfie mit einem Wildtier zu ergattern wie in Gefangenschaft. Urlauber verleitet das oft zu riskanten Aktionen: Sie versuchen, so nah wie nur möglich an das Tier heran zu kommen, damit es noch mit aufs Selfie passt. Zu nah. Für die Tiere ist das Stress. Woher sollen sie denn auch wissen, ob der Mensch ein Foto machen oder sie jagen möchte? Fakt ist: Zu naher Menschenkontakt stresst die Tiere. Zumal das auch für den Menschen gefährlich werden kann: Wildtiere sind und bleiben wild – und möglicherweise gefährlich. Sicherheitsabstand ist daher auch für den Menschen enorm wichtig.

Abstand zu Wildtieren ist wichtig

Ein respektvoller Abstand zu Wildtieren ist wichtig

Wie drastisch sich die vermeintliche „Tierliebe“ und der Selfie-Wahn der Menschen auf das Tierwohl auswirken können, zeigt ein Vorfall an einem Strand des Touristenorts Majocar im Südosten Spaniens. Vor zwei Jahren ist ein Babydelfin dort allein ins seichte Wasser geschwommen. Anstatt den Tierschutz zu rufen, haben die Badegäste den kleinen Meeressäuger aus dem Wasser gehoben, ihn herumgereicht, Fotos gemacht und mit ihm „gespielt“ – und dabei scheinbar vergessen, dass es sich um ein Lebewesen handelt. Als die örtliche Tierschutzorganisation eintraf, war der Babydelfin bereits tot.

Insgesamt lässt sich sagen, dass es nicht in Ordnung ist, Fotos mit Wildtieren zu machen, die gefangen sind, durch Futter angelockt oder berührt werden. Wenn der Mensch aber einen angemessenen und sicheren Abstand hält und das Tier frei ist, steht einem Foto nichts im Wege.

Für weitere Hintergründe und Eindrücke von dem Schicksal von Wildtieren als Urlaubsattraktionen empfehlen wir den Artikel „Suffering unseen: The dark truth behind wildlife tourism“ von National Geographic Reporterin Natasha Daly

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