Invasive Arten in Deutschland

20. Juli 2018

Hilfe, die Aliens kommen.

Viele Tierarten wandern, um sich erfolgreich fortzupflanzen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Daher ist es ganz normal, dass Tiere und Pflanzen neue Lebensräume besiedeln. Diese Fähigkeit wird auch angesichts des Klimawandels zur Erhaltung von Arten immer wichtiger werden. Organismen wandern allerdings normalerweise lokal, meist über kurze Distanzen in Gebiete mit ähnlichen Bedingungen, wobei Meere und Gebirge seit jeher natürliche Barrieren bilden. Diese sind für die meisten Arten unüberwindbar und grenzen verschiedene Lebensräume voneinander ab – wäre da nicht der Mensch. Er hilft vielen Tierarten bewusst oder unbewusst beim wandern und bringt sogenannte invasive Arten in neue Lebensräume.

Vor allem seit dem Boom von Schifffahrt und Flugverkehr und seit damit große Distanzen in kurzer Zeit spielerisch überwunden werden können, werden Tier- und Pflanzenarten aus ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet an weit entfernte Orte gebracht, in die sie eigentlich von selbst gar nicht gelangen könnten. Dies geschieht manchmal unbewusst, oft werden sie aber aktiv durch den Mensch transportiert.

Grauhörnchen verdrängen heimische Eichhörnchen

Einige dieser Arten bereichern das Ökosystem und vermehren die Artenvielfalt, viele haben allerdings unerwünschte Auswirkungen auf ihren neuen Lebensraum sowie die dort heimischen Arten und breiten sich rasant und massenhaft aus. Sie werden als invasive Arten oder auch „alien species“ bezeichnet, die die biologische Vielfalt und die heimischen Ökosysteme gefährden und weltweit Schäden in Milliardenhöhe verursachen. So beziffert die EU-Kommission allein den ökonomischen Schaden auf rund 12 Milliarden Euro pro Jahr.

Woher kommen invasive Arten?

Schon vor tausenden Jahren sind Nutztiere von Asien nach Europa gebracht worden. Die Römer lieferten uns viele Kulturpflanzen wie Apfel, Birne und Pflaume, Getreidearten wie Weizen und Gerste sowie Heilpflanzen und Blumen. Die Wikinger brachten mit ihren Schiffen Arten wie die Sandklaffmuschel an die Küsten Nordeuropas.

Die Römer brachten den Weizen nach Deutschland

Erst seit der Kolonialzeit und der Entdeckung Amerikas 1492 etablierten sich jedoch global immer mehr Handelsrouten und viele Organismen wurden in der Welt verstreut. So wurden vor allem Kulturtiere wie Ziegen, Schafe und Rinder aus Europa und Asien in den Rest der Welt verfrachtet, um als Nahrungsquelle zu dienen. Europa siedelte beispielsweise Fasan und Mufflon für die Jagd an; Regenbogenforelle, pazifische Auster und Königskrabbe wurden zu Speisefisch; Bisam, Nutria, Nerz, Marderhund und Waschbär wurden als Pelzlieferanten eingeführt. Als Pelze zwischenzeitlich aus der Mode kamen, wurden diese Tiere einfach in die Natur entlassen und sorgen dort wie andere eingeführte Arten durch ihre Lebensweise oft für großen Schaden.

Mufflons wurden für die Jagd in Deutschland angesiedelt

Andere Arten wurden ausgesetzt, um als natürliche Waffe die Landwirtschaft zu optimieren oder die Natur nach den Wünschen des Menschen zu verändern. Ein Beispiel ist der asiatische Marienkäfer, der als effizienter Blattlausvertilger dienen sollte – oder der Graskarpfen, der zur Bekämpfung von Wasserpflanzen eingeführt wurde. Auch der Trend im Garten- und Waldbau, lieber ausländische exotische Zier- und Teichpflanzen anzusiedeln, ist ein großer Eingriff in unsere Natur. So gelten das indische Springkraut, die Robinie oder der Riesen-Bärenklau als besonders invasive Pflanzenarten Deutschlands.

Bärenklau ist sehr invasiv

Exotenhandel schleust immer neue Arten ein

Da seit Jahren der exotische Heimtierhandel boomt, werden auch hierüber vermehrt gebietsfremde Arten in Umlauf gebracht. Viele der Exotenhalter sind schnell mit dem neuen Haustier überfordert, haben die Kosten oder die Haltungsanforderungen unterschätzt und setzen die erworbenen Tiere einfach im nächsten Wald oder Teich wieder aus; andere Tiere entkommen. Schildkröten, Kaimane und andere Exoten sind deshalb in unserer Natur zu finden. Reptilien im sechsstelligen Bereich werden jedes Jahr nach Deutschland importiert, da ist es kaum verwunderlich, dass viele dieser Exoten in unserer Natur landen. Haufenweise ausgesetzte Schmuckschildkröten vertilgen heimische Amphibien- und Insektenlarven.

Rotwangen-Schmuckschildkröten am See

Durch asiatische Molche gelangte auch ein sehr aggressiver Hautpilz nach Deutschland, der Salamanderfresser (Batrachochytrium dendrobatidis). Dieser Pilz sorgte bei unseren Nachbarn in Belgien und Holland bereits für einen regelrechten Kollaps der Feuersalamander-Bestände. Generell kann der Pilz sogar sämtliche Schwanzlurcharten befallen und stellt eine große Bedrohung für die heimische Amphibien-Fauna dar.

Heutzutage nimmt durch den anwachsenden globalen Handel und Tourismus die unbewusste Verbreitung immer weiter zu. Im Stauraum zwischen der Handelsware gelangen viele Arten durch den Flugverkehr in andere Gebiete. Die Hauptrolle im internationalen Güterhandel spielt allerdings die Schifffahrt, denn etwa 90 Prozent aller internationalen Handelsgüter werden mit dem Schiff transportiert. Daher sind gerade auch aquatische Lebensräume durch die Einfuhr invasive Arten gefährdet. Organismen reisen am Schiffsrumpf oder im Ballastwasser der großen Tanks als blinde Passagiere mit.

Frachtschiffe sind Eldorados für viele invasive Arten, darunter auch Krankheitserreger

Mehr als zehn Milliarden Tonnen Wasser werden jährlich um die Welt geschifft und so reisen täglich etwa 7.000 Arten um den Globus. Neben Algen, wirbellosen Tieren und Fischen gelangen so auch Viren und Bakterien in fremde Gewässer. Der Bau von Kanälen sorgt für zusätzliche Verbreitung. Chinesische Wollhandkrabbe, amerikanische Rippenqualle und giftiges Plankton gelangten so nach Europa und verdrängen und vernichten dort viele Arten.

Warum sind „Aliens“ eine Gefahr für einheimische Tiere?

Wer durch Europas Städte, Wälder und Landschaften wandert, dem fällt es schwer, noch sicher zu sagen, welche nun eigentlich einheimische Arten sind. So werden manche einheimische Arten gar fälschlicherweise als gebietsfremd abgestempelt: wie das Eichhörnchen, das dem kanadischen Grauhörnchen sehr ähnlich sehen kann.

Das europäische Eichhörnchen

In Europa gelten etwa 1.150 Tier- und 12.000 Pflanzenarten als nicht-heimisch. Die meisten der Arten können sich in Deutschland allerdings nicht fortpflanzen oder langfristig etablieren, so sind nur 260 eingeschleppte Tier- und 600 Pflanzenarten als etabliert dokumentiert (vermutlich sind es weitaus mehr, aber der Nachweis fehlt noch). Sie waren fähig, im neuen Lebensraum seit mehr als 100 Jahren zu überleben. Besonders gut gelingt dies dort, wo Menschen die natürlichen Ökosysteme verändert und durch ihr Eingreifen geschwächt haben.

Viele invasive Arten finden hier ähnliche Lebensbedingungen wie in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet vor. Allerdings fehlen hier natürliche Regulatoren wie Pathogene, Parasiten und Fressfeinde und so können sich invasive Arten ungehindert vermehren. Sie konkurrieren mit einheimischen Arten um ohnehin immer knapper werdende Ressourcen und Lebensraum, sind oft gut angepasst und widerstandsfähig und verdrängen deshalb viele einheimische Arten. So fraßen eingeschleppte Nutztiere ganze Inseln leer und beraubten die einheimischen Arten ihrer Lebensgrundlage.

Krankheiten wandern mit

Wanderratten hatten im Mittelalter den Pestfloh im Gepäck

Einige eingebrachte Arten stellen als Fressfeinde eine Bedrohung für einheimische Arten dar. Sie bringen nicht selten Krankheiten und Parasiten mit, gegen die sie selbst, nicht aber einheimische Arten, immun sind. So sorgten Ratten, die mit den Schiffen auf entlegenen Inseln kamen, für den Verlust von am Boden brütenden Vogelarten; Katzen vertilgen jährlich zahllose bedrohte Reptilien in Australien. Der Asiatische Marienkäfer dezimierte durch einen eingeschleppten Parasiten den europäischen Marienkäfer stark und der nordamerikanische Flusskrebs war aufgrund eines eingeschleppten Pilzes Schuld am Rückgang der einheimischen Art. Auch für uns Menschen können invasive Arten eine gesundheitliche Gefahr darstellen. Ein Beispiel ist die Wanderratte, die mit Pestfloh und Pestbakterium im Schlepptau nach Europa kam und dort für Millionen von Toten sorgte. Vor kurzem landete die Tigermücke in den Schlagzeilen, die Überträger des gefährlichen Zika- und Dengue- Virus ist.

Die asiatische Tigermücke kann gefährliche Krankheiten übertragen

Einkreuzungen der Gene gebietsfremder Arten können zu schleichenden genetischen Veränderungen und dem Verlust genetischer Vielfalt einer Art führen. Negative Auswirkungen auf Ökosysteme können auch Veränderungen in Wasserhaushalt, Vegetationsstruktur oder Nährstoffdynamik sein. Neben Ökologischen Auswirkungen und Gefahren für den Menschen richten invasive Arten auch massive ökonomische Schäden an. So führen zum Beispiel eingeschleppte Schädlinge wie der Maiswurzelbohrer, die Kastanienminiermotte oder die Schiffsbohrmuschel zu hohen wirtschaftlichen Einbußen.

Maßnahmen gegen invasive Arten

Nicht alle eingebrachten Tiere sind eine Bedrohung für unser Ökosystem. Laut Bundesamt für Naturschutz sorgen nur etwa zehn bis 15 Prozent der gebietsfremden etablierten Tier- und Pflanzenarten in Deutschland für Probleme bei einheimischen Tieren und Pflanzen. Findet eine Art jedoch einen geeigneten Lebensraum vor und etabliert sich dort, ist es oft zu spät und sehr teuer, eine Invasion zu verhindern. Schnelles Handeln ist wichtig, denn jede Art hat andere Auswirkungen auf das Ökosystem und diese sind schlecht vorhersehbar. Deshalb sollte die Einfuhr und Einschleppung gebietsfremder Arten möglichst früh verhindert werden, um die heimischen Ökosysteme und deren Arten zu schützen.

Waschbären, invasive Arten

Waschbären gelten als invasive Art

Bei ökologisch, ökonomisch und für den Mensch gefährlichen Arten soll regulativ eingegriffen werden. Hierbei werden leider oftmals auch letale Maßnahmen ergriffen. Pläne, gebietsfremde Tiere wieder auszurotten und aktiv zu bejagen, stoßen bei Anwohnern oft auf großen Widerstand. So sind Waschbär und Grauhörnchen tabu, während die Tigermücke und den als „Killershrimp“ bezeichnete Höckerflohkrebs wohl kaum jemand vermissen würde.

UV-Bestrahlung statt strengerer Gesetze?

Da viele Arten mittlerweile unbewusst verbreitet werden, sind Konventionen wie die zum Erhalt der biologischen Vielfalt nicht mehr ausreichend. Mittlerweile gibt es auch internationale Bemühungen und Maßnahmenkataloge, um invasive Arten besser zu erkennen und zu bekämpfen. Die Einfuhr vieler Meeresbewohner soll künftig durch die Reinigung der Ballastwassertanks mit Filtersystemen, Chemikalien und UV-Strahlung verhindert werden. Leider sträuben sich viele Länder noch gegen die teure Aufrüstung der Schiffe.

Meere sind besonders von invasiven Arten betroffen

Die EU hat 2016 eine Unionsliste invasiver Arten zum Schutz der biologischen Artenvielfalt veröffentlicht, auf der erstmals 37 zu bekämpfende invasive Tier- und Pflanzenarten stehen, welche nicht absichtlich eingebracht, gehalten, gezüchtet oder befördert werden dürfen. 2017 kamen zwölf weitere Arten dazu, doch viele andere fehlen noch. Wirklich wirksame Präventivmaßnahmen, wie zum Beispiel ein Einschränken des Handels mit exotischen „Heimtieren“ und Zierpflanzen, wurden von den Regierungen bisher leider versäumt…

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