Das Sozialverhalten von Orcas

02. Januar 2020.

Intelligent, sozial und ganz verschieden: Orcas.

Orcas werden getreu ihres manchmal verwendeten Trivialnamens „Killerwal“ oft als gefährliche Monster eingeschätzt. Die Wahrheit sieht aber ganz anders aus: Die Welt der Schwertwale ist komplex, sozial und vor allem vollkommen unterschiedlich!

Dank des Films „Free Willy“ und ihres Schicksals als Delfinarien-Stars gehören Schwertwale wohl zu den bekanntesten Walarten überhaupt. Eigentlich sind Orcas aber Delfine, sogar die größten. Bekannt ist der Schwertwal auch wegen seines markanten Erscheinungsbilds: Er ist überwiegend schwarz, hat schräg hinter den Augen einen weißen Fleck und einen weiß-grauen „Sattel“ hinter der auffällig großen Rückenfinne. Seine Brustflossen sind groß und oval, sie sehen aus wie kleine Paddel. Und auch dahinter befindet sich ein weißer Fleck. An der Unterseite sind Orcas weiß. Diese Färbung macht sie unverwechselbar.

Orcas in Freiheit © NOAA

Orcas in Freiheit © NOAA

Orca ist nicht gleich Orca

Die Merkmale, die soeben aufgezählt wurden, beschreiben wohl „den Orca“, den sich pauschal jeder vorstellt. Ganz so eindeutig ist die Beschreibung dieser Tiere aber nicht. Denn: Orca ist nicht gleich Orca! Es gibt sehr viele verschiedene Ökotypen, die sich sowohl in ihrem Äußeren als auch in ihrem Verhalten unterscheiden. Es wird sogar diskutiert, ob es sich bei den Ökotypen um eigenständige Arten handelt, da die verschiedenen Typen nicht miteinander interagieren und sich auch nicht kreuzen.

Welche Orca-Typen gibt es?

Durch die Gewässer, in denen Orcas vorkommen, können sie bereits grob unterteilt werden. So werden zum Beispiel die Schwertwale, die in den antarktischen Gewässern leben, von denen im Nordostpazifik vor Kanada und Alaska unterschieden und in unterschiedliche „Formen“ aufgeteilt. Innerhalb dieser groben Klassifizierung gibt es dann jeweils mehrere Ökotypen:

Die Antarktischen Formen:

  • Typ A
  • Typ B
  • Typ C
  • Typ D

Die Nordost-Pazifik Formen

  • Resident
  • Transient
  • Offshore

Darüber hinaus können Orcas auch aufgrund ihres Fressverhaltens eingestuft werden. Es gibt Populationen, die nur Fisch essen (coastal fish eaters), und andere, auf deren Speiseplan ausschließlich Säugetiere stehen (mammal eating).

Wie unterscheiden sich die Orca Typen?

Antarktische Formen
ÖkotypTyp ATyp BTyp CTyp D
Lebens-raumEisfreies Wasser, offenes Meer, zirkumpolar, wandert auch in wärmere GewässerKüstennah, nähe PackeisKüstennah, nahe Packeis im Osten der Antarktissubantarktische Regionen zwischen 40. und 60 südlichen Breitengrad
BeuteMammal-eaters: Überwiegend antarktische ZwergwaleMammal-eaters: überwiegend Robben aber auch Zwerg- und BuckelwaleCoastal fish eaters: Riesen- AntarktisdorschCoastal fish eaters
Größew: 7,7 Meter
m: 9,8 Meter
w: 6,4 Meter
m: 7,2 Meter
w: 6,9 Meter
m: 7,8 Meter
kleiner als die anderen Ökotypen
Nordost-Pazifik Formen
ÖkotypResidentTransientOffshore
Lebens-raumKüstennahKüstennahNicht an Küsten gebunden, offenes Meer
BeuteCoastal fish eaters: Fisch, vor allem LachsMammal-eaters: verschiedene SäugetiereSowohl Fisch als auch Fleisch
Größew: 8,5 Meter m:w: m: 9,8 MeterKleiner als residents und transients
GruppeMittelgroße Gruppen: 5-50 Tiere, selten mehr als 100Kleine Gruppen: 5 bis 10, maximal 20 TiereGroße Gruppen von 25 bis 100 Tieren

Daneben gibt es noch zwei Typen im Nordatlantik: Den Nordatlantik-Typ 1 und Nordatlantik-Typ 2. Während Orcas vom Typ 1 sich sowohl von Fischen als auch Seehunden ernähren, machen die Orcas von Typ 2 Jagd auf andere Delfine und kleinere Walarten; die Orcas dieses Typs sind sehr selten.

Abgesehen von den unterschiedlichen Größen unterscheiden sich die Ökotypen optisch in weiteren Punkten voneinander. Auf den ersten Blick fällt das vielleicht nicht gleich auf, betrachtet man die Tiere aber etwas genauer, so werden die Unterschiede schnell deutlich.

Die antarktischen Orca-Ökotypen

Die antarktischen Orca-Ökotypen

Orcas gibt es in allen Ozeanen

Orcas kommen in allen Weltmeeren vor, über den ganzen Globus verbreitet. Die heute bekannten Ökotypen haben sich vor weniger als 250,000 Jahren aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt. Auch in anderen Regionen spezialisieren sich Orcas und bilden ihre eigenen Verhaltensmuster, selbst wenn sie noch nicht als eigene Ökotypen klassifiziert sind. Vor Norwegen fangen die Schwertwale zum Beispiel vorzüglich Hering, in der Straße von Gibraltar Blauflossen-Thunfisch, vor Neuseeland fressen die Orcas am liebsten Rochen und vor Westaustralien machen sie Jagd auf Buckelwalbabys oder Schnabelwale. Die Welt der Schwertwale birgt noch viele Geheimnisse.

Orca

Orca

Komplexes Sozialverhalten

Den einen Orca gibt es also nicht wirklich. Egal um welchen Typ es sich aber handelt, eine komplexe Sozialstruktur haben sie alle.

Orcas leben üblicherweise in Gruppen zusammen, die sich Schulen oder Pods nennen. Generell sind die Fisch fressenden Orcas in größeren Gruppen organisiert als die Säugetier fressenden. Ein Pod ist hierarchisch aufgebaut, an der Spitze steht das älteste Weibchen. Die Gruppe bildet sich nach dem Prinzip der „Mutterlinie“, das heißt der Pod besteht aus der Leitkuh, ihren Kälbern und deren Nachkommen. Männchen verlassen die Pods häufig, um bei der Paarung den Genpool auszuweiten. Und auch Weibchen können ihre Mutter verlassen, um eine eigene Gruppe zu gründen. Das dauert aber sehr lange und sie entfernen sich nie weit voneinander. Wenn sich größere Orca-Gruppen zusammenschließen, dann tun das meist verwandte Mutterlinien (Klans). Die größeren Gruppen halten meist nur temporär, das heißt sie trennen sich an einer gewissen Zeit wieder. Die „ursprünglichen“ Pods bleiben ein Leben lang zusammen.

Orcas mit Baby

Orcas mit Baby

Zwischen den Muttertieren und ihrem Nachwuchs besteht ein sehr enges Verhältnis. Die Kinder lernen von den Erwachsenen, beobachten sie zum Beispiel beim Jagen. Und ganz ähnlich wie beim Menschen können sie für falsches Verhalten auch bestraft werden. Die Mutter bewegt dann ihren Kopf sehr stark, schlägt mit ihrer Fluke ins Wasser oder macht ungewöhnliche Laute mit ihren Zähnen.

Orcas sind zudem sozial genug, auch neue Mitglieder in ihren Pod aufzunehmen: So wurden 2019 zwei Orcas, die nach Monaten der Gefangenschaft im berüchtigten Walgefängnis in Russland wieder freigelassen wurden, wenig später in einer wilden Orca-Gruppe gesichtet. Damit haben sie beste Überlebenschancen.

Orca schlägt mit Fluke aufs Wasser

Orca schlägt mit Fluke aufs Wasser

Kommunikativ und intelligent

Orcas können die unterschiedlichsten Laute erzeugen. Die Schwertwal-Sprache reicht von Pfeiftönen über bestimmte Rufe bis hin zu Klicklauten oder Klatschgeräuschen. Und sogar mit ihrem Blasloch können Orcas Töne erzeugen. Das Besondere: Jeder Pod hat seine eigene Sprache mit ganz eigenen Dialekten, die nur die Mitglieder verstehen. Bis ein Kalb all diese Laute beherrscht, dauert es etwa zwei Jahre.

An Orcas ist so einiges atemberaubend. Ein Aspekt ist aber besonders bemerkenswert: ihre Intelligenz. Ihr Gehirn gehört zu den größten, die es auf unserer Welt überhaupt gibt. Es ist vier Mal so groß wie das vom Menschen und wiegt etwa sieben Kilogramm. Schwertwale können Emotionen in einer Dimension wahrnehmen, wie es für Menschen gar nicht möglich ist. Frustration, Angst, Freude, Liebe, Wut. Eine kleine Auswahl von dem, was Schwertwale empfinden können. Bei der Interaktion mit Menschen können sie Laute, Symbole und Handzeichen verstehen und sich darüber hinaus im Spiegel erkennen.

Orcas in Gefangenschaft

Orcas verhalten sich also nicht alle gleich, sondern sie unterscheiden sich. In Nahrung, Verhalten, Sprache und Größe. In Delfinarien werden sie aber bunt zusammen gewürfelt ohne, dass Rücksicht auf ihre Herkunft und ihr spezifisches Verhalten genommen wird. Im SeaWorld in Orlando leben beispielsweise zwei Wildfänge. Einer kommt aus Gewässern bei Pender Harbour (BC), der andere aus isländischen Gewässern. Wie sollen sich diese Tiere verstehen können?

Orcas im Delfinarium

Orcas im Delfinarium

Das ist ganz ähnlich wie bei Menschen: Da kommt auch nicht pauschal jeder mit jedem zurecht. In Delfinarien wird das natürliche Verhalten der Tiere in großen Teilen unterdrückt und ignoriert. Die Folgen sind Leid und Aggressionen – sowohl gegenüber den Menschen als auch gegenüber den anderen Walen im Becken. Delfinarien können solche Tiere deshalb nicht artgerecht halten, selbst wenn sie es wollten. Orcas gehören in den Ozean, mit ihren natürlichen Gruppenmitgliedern und ihrem natürlichen Verhalten.

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