Eisbären: Eine Art geht unter

Eisbären vor Jagd und Handel schützen.

Der Eisbär ist das traurige Symbol des Klimawandels: Ihm schmilzt das Eis unter den Pfoten weg. Zudem werden Hunderte Eisbären jedes Jahr von Fellhändlern und Trophäenjägern getötet – ganz legal. Pro Wildlife setzt sich dafür ein, die Jagd auf den König der Arktis für den kommerziellen Handel und Trophäen zu beenden.
Eisbärfamilie © Lori & Rich Rothstein

Eisbärfamilie © Lori & Rich Rothstein

Klimakrise und Lebensraumverlust

Etwa 26.000 Eisbären leben nach einer Schätzung der IUCN noch, sie sind aufgeteilt in 19 verschiedene Bestände mit 200 bis knapp 3.000 Tieren. Wissenschaftler gehen davon aus, dass alleine die Erderwärmung den Eisbärbestand bis 2050 um mehr als 30 Prozent reduzieren wird. Untersuchungen zeigen, dass der Verlust des arktischen Meereises sogar noch schneller fortgeschritten ist, als von den meisten Klimamodellen vorhergesagt: Er betrug jedes Jahrzehnt zwischen 1979 und 2011 ganze 14 Prozent.

Die gefrorenen Eisdecken des Polarmeeres sind Jagdrevier und  Kinderstube der Eisbären. Mit dem Rückgang des Packeises schrumpft auch die Lebensgrundlage der weißen Giganten: Sie können weniger Robben jagen – immer mehr Tiere verhungern, auch die Fortpflanzungsrate verringert sich. Die Erderwärmung wird damit zukünftig zur Hauptbedrohung für die Eisbären. Doch der König der Arktis unterliegt weiteren, akuten Bedrohungen: Hierzu gehören nicht nur Schadstoffe, die sich in der Arktis anreichern und über die Nahrungskette in den Tieren anreichern, sondern auch die zunehmende Erschließung von Rohstoffen in der Arktis, Industrialisierung und Schiffverkehr. Ein unmittelbarer Bedrohungsfaktor, der sich am leichtesten ausschalten ließe, ist zudem die Jagd von Hunderten Eisbären jedes Jahr.

Verhungernder Eisbär © Langenberger

Verhungernder Eisbär © Langenberger

Tierhandel und Trophäenjagd

Die Bedrohung des Eisbären ist weithin bekannt, die meisten Menschen glauben deshalb, die Art sei streng geschützt. Doch weit gefehlt: Im Durchschnitt werden jedes Jahr 800 bis 1.000 Eisbären geschossen, die meisten von ihnen ganz legal. Am meisten Tiere werden in Kanada getötet, das als einziges Land noch immer den internationalen Handel mit Fellen und den Abschuss von Tieren durch ausländische Trophäenjäger erlaubt. In Norwegen und Russland ist die Jagd verboten, in Russland werden schätzungsweise jedoch 200 Tiere pro Jahr illegal getötet. In den USA dürfen Eisbären nur von Ureinwohnern für den Eigengebrauch getötet werden, seit 2008 haben die USA zudem die Einfuhr von Jagdtrophäen und Fellen weitgehend gestoppt. In Grönland (Dänemark) dürfen nur die Ureinwohner jagen, auf Druck der EU ist dort seit 2008 auch die Ausfuhr von Fellen verboten. In Kanada hingegen dürfen Ureinwohner Eisbären nicht nur für den Eigengebrauch schießen – sie dürfen die Felle der Tiere verkaufen und sogar in den Weltmarkt exportieren. Zudem können sie ihre Abschussgenehmigungen an ausländische Trophäenjäger verkaufen. Trophäenjäger können für 40.000 Euro in Kanada ganz legal einen Polarbären abschießen. Auch in Deutschland ist die Einfuhr solcher Jagdtrophäen legal, alleine im Jahr 2018 genehmigte die Bundesregierung die Einfuhr von vier Tieren als Jagdtrophäe.

Kanada hat mit schätzungsweise 16.000 Tieren den größten Eisbärbestand. Zwischen 1970 und 2016 wurden alleine in Kanada schätzungsweise 26,500 Eisbären erlegt – ebenso viele Tiere, wie heute vermutlich noch insgesamt in den fünf „Eisbärstaaten“ leben. Im Durchschnitt sind das 564 Tiere pro Jahr.

In Kanada ist die Jagd ist sogar auf eindeutig rücklaufige Bestände erlaubt und auf solche, deren Bestandsgröße unbekannt oder sehr klein ist. Die Jagdquoten werden von den Regierungen der jeweiligen kanadischen Provinzen festgesetzt – und sind teilweise höher als die Wachstumsraten der Bestände, die vermutlich bei 3 Prozent liegen, maximale Schätzungen gehen von 5 Prozent aus. Laut aktuellen Studien sind die Bestände in mindestens fünf der insgesamt 19 Eisbär-Populationen vermutlich zurück gegangen, die Jagd geht auch dort weiter. Die zwei kanadischen Populationen Western und Southern Hudson Bay verzeichneten zwischen 2011 bzw. 2012 und 2016 massive Rückgänge von 18 bzw.17 Prozent. Dort wurden jedes Jahr 3,5 bis 4,7 Prozent des Eisbärbestandes erlegt. In der Region Western Hudson Bay wurde die Jagdquote entgegen Warnungen von Wissenschaftlern von der autonomen Provinzregierung im Lauf der letzten Jahre immer weiter angehoben, von 8 Tieren im Jahr 2008/2009 auf 34 Tiere 2017/2018. Auch in der Region Baffin Bay, die sich Kanada mit Grönland teilt, wurde die Abschussquote 2018 deutlich angehoben auf 160 Tiere, damit dürfen hier sogar 5,7 Prozent des geschätzten Bestandes abgeschossen werden. Hinzu kommt, dass für diese Region – wie für viele weitere nicht einmal aktuelle Bestandszahlen vorliegen, teilweise stammen die Schätzungen sogar noch aus den 1990er Jahren.

Eisbärjagd © Adam Baker

Eisbärjagd © Adam Baker

Profit treibt die Jagd an

Befeuert wird Kanadas Eisbärjagd durch den florierenden Handel mit Eisbärfellen: Hunderte Tiere exportiert Kanada jedes Jahr – als Bettvorleger oder Jagdtrophäe. Zwischen 2008 und 2018 wurden weltweit unter anderem 1.496 Felle, 642 Jagdtrophäen, 289 Körper, 208 Schädel, 178 „Bettvorleger“, 151 Exemplare von Eisbären exportiert. Während früher Japan der Hauptabnehmer war hat sich China in den letzten Jahren als boomender neuer Absatzmarkt entwickelt. An zweiter Stelle stehen jedoch Einfuhren nach Europa: 29 Prozent der Felle, 26 Prozent der Jagdtrophäen und 68 Prozent der Schädel  gingen zwischen 2008 und 2018 in die EU. Deutschland alleine importierte in diesem Zeitraum 73 ganze Häute, 23 Jagdtrophäen, 11 Schädel und 273 Knochen von Eisbären. In den letzten 30 Jahren (seit 1989) importierte Deutschland insgesamt 98 Trophäen und 558 Felle. Weitere große Importeure in der EU sind Frankreich, Dänemark, Belgien und Spanien. Deutsche Jagdreiseveranstalter bieten den Abschuss von Eisbären in Kanada an, Tierpräparatoren und Online-Händler verkaufen Felle, ausgestopfte Tiere und andere Produkte aus Eisbären. Die Preise richten sich jeweils nach der Größe des Tieres. Einheimische Eisbärjäger erhalten in manchen Regionen einen garantierten Mindestpreis pro Fell, für große Felle gibt es einen Preiszuschlag. Anschließend werden die Felle in Auktionen versteigert, bevor sie in den internationalen Markt gehen. Diese kommerziellen Anreize treiben die Jagd klar an. Mit Eigenversorgung oder zur Selbstverteidigung gegen Bären, die wegen schmelzender Jagdgründe immer näher an Siedlungen heranrücken, hat diese Jagd nichts zu tun.

Eisbären sind unzureichend geschützt

Trotz rückläufiger Bestände scheiterten zwei Versuche, Eisbären international streng zu schützen und den internationalen Handel mit Eisbären zu verbieten, vor allem am Widerstand Kanadas und der EU. Eisbären sind seit den 1975 in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) aufgeführt. In der Theorie dürfen Ausfuhrgenehmigungen nur ausgestellt werden, wenn die Jagd „nachhaltig“ ist und wenn der Handel streng kontrolliert erfolgt und die Eisbärbestände nicht gefährdet. Diese Forderung läuft allerdings ins Leere, weil Jagd- und Exportquoten in Kanada nicht auf wissenschaftlicher Grundlage festgesetzt werden, die internationale Staatengemeinschaft dies bishlang aber toleriert. Autonome Provinzregierungen in Kanada legen basierend auf Erfahrungen und sogenanntem „traditionellem Wissen“ der einheimischen Jäger Quoten fest, sogar für Bestände die stark rückläufig sind oder für die aktuelle Bestandszahlen fehlen. Die Bundesregierung in Kanada erteilt den Provinzen weiterhin Ausfuhrgenehmigungen für Eisbärfelle und weigert sich, Eisbären als stark gefährdete Art einzustufen und Schutzgebiete auszuweisen.

Eisbärenfelle © Paul Shoul

Eisbärenfelle © Paul Shoul

Kanadas Regierung und Jagdverbände behaupten unisono die Jagd würde die Bestände nicht gefährden, sei eine alte Tradition der Inuit und zudem eine bedeutende Einnahmequelle. Diese Argumente scheinen angesichts abnehmender Bestände, überrhöhter und teils überschrittener Jagdquoten sowie extrem düsterer Zukunftsprognosen nicht haltbar. Zudem ist die moderne Eisbärjagd alles andere als „traditionell: Ursprünglich wurden die Tiere für Kleidung und Fleisch gejagt, heute überwiegt die kommerzielle Jagd nach Fellen. Sie floriert seit etwa 1980, seither nutzen die Jäger Schusswaffen (nicht traditionelle Methoden). Analysen belegen zudem, dass die im Land verbleibenden Gewinne aus der Trophäenjagd marginal sind: In Nunavut, einem der Hauptjagdgebiete, machen sie weniger als 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Auch der Verkauf der Felle bringt den Inuit nur einen Bruchteil des Preises, der auf internationalen Märkten erzielt wird. Behutsame, ökologische Tourismusprojekte die den lokalen Gemeinden zugute kommen haben erheblich mehr Potenzial, lebende Tieren einen Wert zu geben und die Eisbärbestände langfristig zu erhalten.

Ein weiterer Rechtfertigungsversuch ist, dass Eisbären zunehmend in Konflikt mit Menschen geraten, weil sie aufgrund des schmelzenden Packeises zunehmend in menschlichen Siedlungen nach Nahrung suchen. Doch die Bejagung schafft keine Abhilfe gegen dieses menschengemachte Problem: Trophäenjäger und Fellhändler schießen in der Regel keine „Problembären“. Zudem sind andere Maßnahmen wesentlich zielführender, vor allem eine sichere Verwahrung des Mülls.

Jäger betreiben unnatürliche Selektion

Fatal für den Fortbestand der Eisbären ist zudem, dass sowohl Trophäenjäger als auch Fellhändler vor allem auf die noch verbliebenen größten, stärksten und am besten angepassten Eisbären abzielen.  Sie betreiben mit der Flinte eine unnatürliche Selektion – denn die größten und prächtigsten Tiere erzielen sowohl im Fellhandel als auch im Trophäen-Markt die besten Preise. Gerade diese Tiere und deren Nachkommen sind es, die in der Natur die besten Überlebenschancen hätten – sie sind für den Fortbestand der Art gerade in einer zunehmend gefährdeten Umwelt besonders wichtig. Sie sind unter anderem am besten in der Lage, „Hungerzeiten“ in den zunehmend eisfreie Perioden zu überstehen. Eine Reduktion des vorhandenen Genpools kann die zukünftige Überlebens- und Anpassungsfähigkeit der Art verringern – was angesichts des zunehmenden Verlust des Lebensraumes durch die Erderwärmung und die Belastung mit Schadstoffen fatal sein kann.

Eisbärtrophäe

Eisbärtrophäe

Um die Abschussquoten bei schrumpfenden Beständen möglichst hoch halten zu können, dürfen Jäger in Kanada in der Regel zudem doppelt so viele Männchen wie Weibchen erlegen. Hierdurch kann es angesichts der geringen Bestandsdichte in der Weite des Packeises für Weibchen schwierig werden, einen Fortpflanzungspartner zu finden.

Ist der Eisbär noch zu retten?

Damit Eisbären ihren Lebensraum behalten, müssen wir das Klima schützen und den CO2-Ausstoß weltweit senken.  Die unmittelbarste Auswirkung auf die Eisbärbestände hat derzeit und in den vergangenen 50 Jahren jedoch die Jagd. Pro Wildlife setzt sich deshalb auch dafür ein, den  Abschuss von Eisbären für den kommerziellen Fellhandel und die Trophäenjagd zu beenden » Kampagnen.
Eisbär © Pixabay

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Mehr Informationen

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Trophäenjagd ©Paul Shoul

Trophäenjagd ©Paul Shoul

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