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Am 12. September 2021 fand die größte Delfinjagd auf den Färöer-Inseln seit hunderten von Jahren statt: An einem einzigen Tag starben nach offiziellen Berichten mindestens 1.428 Weißseitendelfine in der Bucht von Skálabotnur einen qualvollen Tod. Videoaufnahmen der Massentötung gingen um die Welt und lösten einen internationalen Aufschrei aus. Die EU hat das Blutbad aufs Schärfste verurteilt und fordert ein Ende der Jagd. Doch auch nach Anklagen wegen Tierquälerei geht die Jagd unvermindert weiter. Zum Auftakt der Saison 2026 starben bereits mindestens 125 Grindwale.
Die Färöer-Inseln sind für ihre Treibjagden von normalerweise etwa 600 Grindwalen (gehören zu den Kleinwalen) und 200-300 Delfinen jährlich berüchtigt. Aber in diesem Jahr näherte sich eine Riesengruppe an Delfinen, ein sogenannter Super-Pod, den Küsten der Färöer-Inseln. Es endete in einem unerträglichen Blutbad. Offiziell starben 1.428 Tiere, aber da nur Tiere ab 1,5 Meter gezählt werden, fehlen in dieser Zahl etwa 100 Jungtiere, die ebenfalls starben.

Grausame Wikingermethoden im 21. Jahrhundert
Die Bewohner der Färöer-Inseln berufen sich auf eine Tradition aus Wikingertagen. Bis heute gibt es keinerlei Limit, wie viele Kleinwale oder Delfine pro Jahr getötet werden dürfen. Sobald eine Delfin- oder Grindwalschule in Küstennähe gesichtet wird, werden Fischer und Dorfbewohner zusammengerufen und die Treibjagd beginnt: Die Fischerboote kesseln die Tiere ein, treiben sie Richtung Strand. Dort warten schon die Dorfbewohner, ziehen die Meeressäuger der Reihe nach mit einem Metallhaken („Gaff“ genannt) ins seichte Wasser und versuchen mit scharfen Klingen, Halsschlagader und Rückenmark zu durchtrennen. Sie beginnen mit dem Leittier, wodurch sie sicherstellen, dass der Rest der Schule hilflos und panisch zusammenbleibt.
Brutalität der Jagd schon lange in der Kritik
Bereits seit den 1980er Jahren hagelte es internationale Kritik an der Brutalität der Delfinjagd auf den Färöer-Inseln, was jedoch nur zu marginalen Nachbesserungen führte. Erstens hatte der Gaff früher eine pfeilartige scharfe Spitze, die den Tieren ins Fleisch geschlagen wurde. Seit 1993 hat der Metallhaken ein kugelförmiges Ende, das ins Blasloch gesteckt wird, um die Tiere an Land zu ziehen. Ein kaum weniger grausames Prozedere: Mit dem Gaff im Blasloch können die Meeressäuger kaum atmen, das nervenreiche Gewebe ist zudem sehr schmerzempfindlich. Zweitens wurden die Messer durch etwas längere Lanzen ersetzt. Für jedes einzelne Tier bleibt das Töten dennoch schmerzhaft und oft langwierig. Einer nach dem andern ist an der Reihe; die ganze Schule ist in Panik und kann doch nicht entkommen. Die Rekordtötung von 1.428 und mehr Delfinen sorgte für immense Empörung, denn das Gemetzel an so vielen Tieren dauerte besonders lange – und Videos ihres Leidens gingen um die Welt.

September 2021: Delfinjagd auf den Färöer-Inseln hat erste Konsequenzen
Einen Tag nach der Massentötung – und angesichts weltweiter Schlagzeilen – sicherte der Premierminister in einer öffentlichen Erklärung zu, die Jagd auf Delfine nun zu überprüfen. Gleichzeitig betonte er, wie „nachhaltig“ die Jagd angeblich sei und dass Grindwale auch weiterhin bejagt werden dürften. Schließlich wäre die Grindwaljagd („Grindadrap“) ja eine traditionelle Möglichkeit, sich von Fleischimporten unabhängig zu machen. Dass die Färöer hieran festhalten wollen, zeigte sich bereits wenige Tage später, als 53 Grindwale in Kollafjordur getötet wurden, einem Dorf nur einige Kilometer von Skálabotnur entfernt.
Und dennoch haben wir Hoffnung, dass das Blutbad an den Weißseitendelfinen etwas in Bewegung gebracht hat: Insider berichten uns, dass noch nie so viel Kritik auch von Färingern selbst geäußert wurde. In zwei lokalen Umfragen lehnten 58 bzw. 63 Prozent der Bewohner die Delfinjagd ab – das gab es vorher noch nie. Der Dachverband der färingischen Aquakultur veröffentlichte ein Statement, in dem er die Delfinjagd vom 12. September scharf verurteilte und versicherte, kein Boot des Verbandes hätte an der Treibjagd teilgenommen. Ein einmaliger Vorgang, denn bisher wiesen die Färinger Kritik von außen als „Einmischung“ zurück und mögliche interne Kontroversen gelangten nicht an die Öffentlichkeit.

Dezember 2021: Scharfe Reaktion der EU
Pro Wildlife kämpft seit vielen Jahren gegen die Delfinjagd auf den Färöer-Inseln und weltweit. Nun haben wir uns erneut an EU-Parlamentarier und die EU-Kommission gewandt und Konsequenzen gefordert. Das EU-Parlament hatte bereits im Juni in einer Resolution zur EU-Biodiversitätsstrategie die Färöer-Inseln aufgefordert, die Jagd zu beenden. Auch ging ein Appell an die EU-Kommission, gegen die Jagd auf den Färöer-Inseln tätig zu werden. Pro Wildlife hat seit September immer wieder an die EU und auch das Bundeslandwirtschaftsministerium appelliert, bei der färingischen Regierung mit klaren Worten zu protestieren – und wenige Tage vor Weihnachten ist dies auch erfolgt: In einem offiziellen Schreiben der EU vom 21. Dezember 2021 an alle Mitglieder der Internationalen Walfangkommission heißt es u.a.:
„Wir verurteilen das grausame und überflüssige Töten von mehr als 1.400 Weißseitendelfinen… Wir fordern die Färingische Regierung auf, die antiquierte Wal- und Delfinjagd umgehend zu stoppen… Wir fordern, die Überprüfung der Jagd auch auf Grindwale auszudehnen… Wir begrüßen die Ankündigung der färingischen Regierung, die Regulierungen für die Jagd auf Weißseitendelfine zu überprüfen, die, wie wir glauben, schon sehr bald streng reguliert oder komplett verboten wird.“
Juli 2022: Regierung setzt erstmals Delfinquote fest
Am 10. Juli 2022, zehn Monate nach dem Rekordmassaker und zahllosen Appellen, mit der Treibjagd aufzuhören, verkündete die Regierung der Färöer-Inseln, eine vorläufige Fangquote von 500 Delfinen festzusetzen. Diese Zahl sollte die internationalen Kritiker beruhigen, da sie ja deutlich unter dem Rekordfang von 1.428 Tieren liegt. Wer sich jedoch die Fangzahlen der letzten Jahrzehnte anschaut sieht, dass mit Ausnahme von 2021 im Schnitt „nur“ etwa 230 Weißseitendelfine getötet wurden. Mit der Quote von 500 Tieren wird nun also sogar ein Anreiz gesetzt, künftig mehr Delfine als üblich zu fangen! Dass dies auch von den Bewohnern genau so verstanden wird, zeigt das Töten von dutzenden Großen Tümmlern am 29. Juli 2022 – einer Delfinart, die auf den Färöer immer nur vereinzelt und seit mehr als zehn Jahren gar nicht mehr gefangen wurde.
Gegen die Entscheidung der färingischen Regierung haben acht führende Wal- und Delfinschutz-Organisationen ein gemeinsames Statement veröffentlicht, dass nun der internationalen Staatengemeinschaft verdeutlichen soll, welch dramatische Entwicklungen auf den Färöer-Inseln zu beobachten sind.
Grind geht trotz Ermittlungen wegen Tierschutzverstößen weiter
Zwar wurden nach 2021 insgesamt „nur“ 213 Weißseitendelfine bei Grinds getötet, die Zahlen der Grindwale blieben jedoch auf einem hohen Niveau von bis zu 900 Tieren pro Jahr. 2024 dokumentierten Tierschutzorganisationen Verstöße bei einer der Jagden und zeigten diese bei den färingischen Behörden an. Dies führte 2025 zu einer Anklageerhebung gegen mehrere verantwortliche Beamte. Im Anschluss sprachen sich sogar einige Jäger*innen gegen eine Fortführung des Grinds in der betroffenen Region aus, bis der Fall juristisch geklärt ist. Die Hoffnung, dass dies endlich zu einem generellen Umdenken auf der gesamten Inselgruppe führt, wurde allerdings durch neue Tötungen enttäuscht. Bereits in der ersten Treibjagd 2026 wurden mindestens 125 Grindwale erlegt, darunter sowohl Jungtiere als auch trächtige Weibchen.
Autorin: Dr. Sandra Altherr
Veröffentlicht am: 28. September 2021. Aktualisiert am: 11. Mai 2026

