München, 8. September 2020.

TCM-Präparate aus bedrohten Wildtieren auch in Europa erhältlich

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird nach wie vor auf Bestandteile von Wildtieren wie Schildkröte, Gecko oder Seepferdchen zurückgegriffen – auch in Deutschland, der Schweiz und Luxemburg. Das ergab eine Recherche der Tier- und Artenschutzorganisation Pro Wildlife. Die Organisation verweist auf die zunehmenden Artenschutzprobleme, die damit einhergehen, denn alternative Heilmethoden boomen seit Jahren. „Je größer der internationale Absatzmarkt, desto mehr Wildtiere fallen der Verarbeitung zu ‚Medizin‘ zum Opfer“, sorgt sich Dr. Sandra Altherr von Pro Wildlife. „Wir beobachten eine tödliche Sogwirkung auf immer neue Arten.“ Die Organisation arbeitet u.a. mit der Internationalen Gesellschaft für Chinesische Medizin (Societas Medicinae Sinensis) zusammen, um das Problembewusstsein bei TCM-Ärzten zu stärken und die Verwendung von Präparaten mit Wildtieren zu senken. Die stichprobenartige Recherche von Pro Wildlife zeigt: Sogar in TCM-Praxen in Deutschland und der Schweiz werden Schildkrötenpanzer oder Seepferdchen zur Heilung von Leiden wie Impotenz eingesetzt.

Alternative Heilmethoden boomen – so auch die Nachfrage nach Wildtierpräparaten

In jeder größeren deutschen Stadt finden sich inzwischen TCM-Praxen. 90 Prozent der verwendeten Substanzen in TCM-Präparaten sind pflanzlicher Natur und von den restlichen 10 Prozent mit tierischen Bestandteilen basieren einige Mittel auf Nutztieren. Doch selbst ein kleiner Anteil an Rezepturen mit Wildtierbestandteilen kann angesichts des riesigen und weltweit wachsenden Marktes in einem immensen Artenschutzproblem resultieren. Bevölkerungswachstum, steigende Kaufkraft und ein Boom der TCM erzeugen auch außerhalb Chinas eine zunehmende Nachfrage. „Millionen Tokehs wurden allein in den letzten Jahren zu Medizin verarbeitet – ein Bedarf, der sich nicht aus Zucht decken lässt und der die Gecko-Bestände kollabieren lässt“, so Altherr.

Behandlungen mit Pulvern und Pasten aus seltenen Wildtieren gibt es auch in Europa

Die TCM-Angebote mit Wildtieren werden teils ganz offen im Internet inseriert – und nicht etwa unterm Tresen gehandelt: Bei ihrer Recherche stieß die Tier- und Artenschutzorganisation beispielsweise auf eine Münchner TCM-Praxis, die Schildkrötenpanzer („Gui Ban“) gegen unregelmäßige Blutungen empfiehlt, oder einen Schweizer TCM-Arzt, der Seepferdchen („Hai Ma“) gegen Impotenz und Inkontinenz einsetzt. Diese bedrohten Fische unterliegen seit 2007 internationalen Handelsbeschränkungen (CITES Anhang II**). Weiterhin identifizierte die Organisation im Rahmen ihrer Recherche eine chinesisch-deutsche TCM-Akademie mit Sitz in Rheinbach, Nordrhein-Westfalen, die seit einigen Jahren Studiengänge zur TCM anbietet. Sie führt in ihrer Online-Arzneimittelliste gar Nashorn („Xi Jiao“), Tigerknochen („Hu Gu“), Bärengalle („Xiong Dan“) und Schuppentier („Chuan Shan Jia“). Das sind allesamt Tierarten, die im Anhang I von CITES geschützt sind und für die ein internationales Handelsverbot gilt. „Dass ein hier in Deutschland ausbildendes TCM-Zentrum noch immer solche international streng geschützten Arten als medizinische Präparate bewirbt, ist ein Skandal. Sollte die Akademie diese Präparate sogar anwenden, wäre dies ein Verstoß gegen internationales Artenschutzrecht“, betont die Pro Wildlife Expertin. Pro Wildlife stieß außerdem auf eine Luxemburger Online-Apotheke, die das Präparat „Zuo Gui Wan“ gegen nächtliches Schwitzen und Haarausfall vertreibt, das u.a. Schildkrötenpanzer enthält („Gui Ban“). Selbst auf Ebay können TCM-Präparate mit Tokeh („Ge Jie“) mit einem Mausklick in den digitalen Warenkorb gelegt werden.

TCM wird von der Chinesischen Regierung gefördert

Die Regierung in China hat größtes Interesse an einer Ausweitung der Traditionellen Chinesischen Medizin auch in anderen Ländern – steht sie doch für die chinesische Lebensweise und ist ein populäres Gegenmodell zur westlichen Schulmedizin. Entsprechend aktiv forciert Staatspräsident Xi Jinping den internationalen Ausbau, u.a. im Rahmen seiner Strategie einer „neuen Seidenstraße“, über die die Infrastruktur in und Handelsbeziehungen mit mehr als 60 Staaten in Asien, Europa und Afrika ausgebaut werden soll. Die Einschränkung des Wildtierhandels in China infolge der Corona-Krise betreffen ausdrücklich nicht die TCM. Erst im Juni 2020 wurden zudem Pläne der chinesischen Regierung bekannt, per Gesetz „falsche oder übertriebene Behauptungen“ zur Traditionellen Chinesischen Medizin zu verbieten.

** CITES = engl. Abkürzung für das Washingtoner Artenschutzübereinkommen; Anhang II bedeutet internationale Handelsbeschränkungen

 

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