IWC-Blog 2016: Tagebuch der Verhandlungen

Live aus dem Konferenzraum.

Am 20. Oktober 2016 begannen die Vorverhandlungen zur 66. Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) in Portoroz, Slowenien. Vom 24. bis 28. Oktober fand dann das Plenum statt. Für Pro Wildlife nahm Sandra Altherr an der IWC-Tagung teil – hier ihr Blog über das offizielle Geschehen, aber auch von Entwicklungen hinter den Kulissen:

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29. Oktober 2016

Jetzt gehöre ich mit 17 Jahren IWC-Erfahrung hier auch eher zu den alten Hasen – und trotzdem habe ich vor so manchem Kollegen großen Respekt: Kollegen, die sich seit bis zu 30 Jahren durch diese mühsamen Debatten gequält haben, die über die Jahre das Antarktis-Schutzgebiet und das Walfang-Moratorium errungen haben. Oder die Kollegin Nanami aus Japan, die mit einer winzigen Organisation die Rebellion von innen betreibt – in einem Land wie Japan sicher kein Zuckerschlecken. Aber ich habe mich auch über einige neue Gesichter hier sehr gefreut: Menschen, die noch unverbraucht sind und mit einem Blick von außen kommen, die pragmatisch und strategisch denken – und deshalb schon nach kurzem Warm-Up hier kräftig mitmischen.

Die Zeiten in der IWC sind nicht leicht, aber gemeinsam ziehen wir den Karren in eine bessere Richtung, wenn auch oft im Schneckentempo. Und das wichtigste Ziel haben wir erreicht: Das Walfang-Moratorium, eigentlich als kurze Schonpause gedacht, besteht nun schon seit 30 Jahren. Die Versuche der Walfangländer, dies zu kippen, konnten wir bisher allesamt abwehren; die IWC wandelt sich allmählich von einer Walfang- in eine Walschutzorganisation – und das ist der Verdienst von uns Artenschutzverbänden und einigen wirklich engagierten Ländern. Ein Kraftakt, aber er lohnt sich. Und mit diesem Gefühl mache ich mich nun auf den Heimweg…

Petition von Pro Wildlife & OceanCare gegen kommerziellen Walfang in Europa

Petition von Pro Wildlife & OceanCare gegen kommerziellen Walfang in Europa

28. Oktober

Nachdem gestern der mit Abstand spannendste Tag war und aus unserer Sicht die maximal erreichbaren Ergebnisse hatte, ist heute bei allen so ziemlich die Luft raus. Der Adrenalinspiegel der letzten Tage normalisiert sich wieder. Es standen auch nicht mehr wirklich große Entscheidungen an – darunter eine von Japan angeschobene Resolution, um künftig armen Ländern die Teilnahme an der IWC zu erleichtern. Obwohl die Absicht klar ist, konnten hier die Walschutzländer schlecht mit Nein stimmen – so enthielten sich die meisten und so wurde die Resolution mit 30 Ja-Stimmen bei 31 Enthaltungen angenommen.

Hier noch ein paar bemerkenswerte Anekdoten der letzten Tage:

Und dann war da noch …

  • … der Vertreter der japanischen Küstengemeinden, der zornig ins Mikrofon schrie – und damit seinem Anliegen, den Küstenwalfang zu pushen, einen Bärendienst erwies;
  • … der Delegierte Islands, der bei der Abstimmung gegen Japans „Wissenschaftswalfang“ versehentlich mit den Walschutzländern stimmte, bis er seinen Fehler bemerkte;
  • … der Vertreter Norwegens, der den Walfang in seinem reichen Land mit der Ureinwohnerjagd gleichsetzen wollte;
  • … die Abgesandte der Belugajäger aus Alaska, die provokanterweise mit einem Handtäschchen aus Robbenfell und Eisbär herumlief;
  • … der Delegationsleiter Japans, der in den letzten Tagen immer wieder die IWC als dysfunktional bezeichnet hatte – und nun ließ er sich für die nächsten zwei Jahre zum IWC-Vorsitzenden wählen;
  • … der Delegierte Kenias, der (eng vernetzt mit der japanischen Fischerei-Industrie) hier gegen ein Walschutzgebiet im Atlantik stimmte – obwohl sein Land ansonsten für einen engagierten Einsatz für Elefanten und Löwen berühmt ist;
  • … zuletzt der Krawatten-Kontest, bei dem die schönste Krawatte mit Walmotiven auf der Konferenz gekürt wurde. Der Träger war übrigens der Delegations-Vize der Japaner.

27. Oktober

Heute Morgen gab es eine Ohrfeige für Japans neues „Forschungsprogramm“ NEWREP-A. Neuseeland, Australien und die Europäische Union fanden heute die deutlichsten Worte dagegen: Es sei unwissenschaftlich, entgegen dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes und ein Unterwandern der IWC. Wir sehen das genauso: Auch Japans neues Programm ist reine Pseudo-Wissenschaft, bei der die „Forschungs“-Objekte noch auf hoher See zu Supermarkt-tauglichen Paketen verarbeitet und tiefgefroren werden. Das war immer so – und daran ändert auch ein neuer Name nichts. Im vergangenen Winter hatte die japanische Fangflotte im Antarktis-Schutzgebiet 333 Zwergwale getötet: 103 Männchen und 230 Weibchen, von denen über 90% trächtig waren. Ein doppelter Verlust also – und auch aus Tierschutzsicht besonders grausam.

Pro Wildlife-Expertin Sandra Altherr im Einsatz auf der IWC-Tagung © OceanCare

Pro Wildlife-Expertin Dr. Sandra Altherr im Einsatz auf der IWC-Tagung © OceanCare

Am Nachmittag gab es dann ein regelrechtes Entscheidungsfeuerwerk, als über alle Resolutionen nacheinander abgestimmt wurde (>> hier die Einzelheiten) – kurz gesagt: Japans Versuche, neue Rechtfertigungen für Walfang zu etablieren, scheiterten (z.B. Walfang als Maßnahme gegen den Welthunger), Japan „Forschungswalfang“ soll stärker unter die Kontrolle der IWC genommen werden. Eines unserer Hauptziele für diese Konferenz erreichten wir dann kurz vor Feierabend, als endlich auch Norwegens Walfang zur Sprache kam – die EU forderte doch tatsächlich Norwegen und Island auf, die kommerzielle Waljagd und den Export von Walfleisch zu beenden! Damit ist die Saat unseres Reports „Frozen in Time“ aufgegangen.

26. Oktober 2016

Als erstes heute Morgen hielt Japan einen Vortrag über seinen geplanten „kleinen Küstenwalfang“. Darin versuchte der Delegationsleiter, das Urteil des Internationalen Gerichtshofes (IGH) gegen Japans „Wissenschafts-Walfang“ zu bagatellisieren: Manche seien prinzipiell gegen Walfang, manche seien dafür – daran würden auch wissenschaftliche und juristische Argumente nichts ändern (im Klartext heißt das: Ein Urteil des IGH ist Tokio völlig schnuppe…). Der Diplomat appellierte daran, eine „Lösung für die Wale“ zu finden. Nun, die hätten wir: Stoppt den Walfang! Erfreulicherweise zeigen v.a. die EU und Australien hier harte Kante und lehnt Japans Pläne für Küstenwalfang kategorisch ab. Unterstützung erhielt Japan erwartungsgemäß von den Walfangländern Dänemark (Grönland), Norwegen, Russland und Island – aber auch von den üblichen Unterstützern wie Antigua & Barbuda oder St. Vincent & den Grenadinen, die seit Jahren Dank einer großzügigen Scheckbuchpolitik aus Japan auf Linie sind. Japan hatte zwar seine gewünschte Diskussion zu diesem Thema, um ein Stimmungsbild zu bekommen. Eine offizielle Entscheidung gab es hierzu nicht, da Japan keinen formalen Antrag auf eine Quote für Küstenwalfang beantragt hatte. Was Japan dann später am Tag noch vorschlug, klingt ein bisschen bizarr: Man wolle künftig das Thema über eine „Offene Website“ diskutieren – mal schauen, wie das aussehen und wozu das führen soll…

Pressekonferenz zu Norwegens Walfang © OceanCare

Pressekonferenz zu Norwegens Walfang © OceanCare

Heute Morgen haben wir das Plenum zeitweise geschwänzt – denn mit den Kollegen von OceanCare und Animal Welfare Institute hielt ich eine Pressekonferenz zu unserem gemeinsamen >> Norwegen-Report ab. Wir kritisierten das Versagen der EU, hier für die IWC-Tagung eine Initiative gegen den kommerziellen Walfang in europäischen Gewässern auf die Beine zu stellen. Die EU schaut nicht nur zu, wie quasi vor ihren Augen Wale getötet werden – sie ist unmittelbar, wenn auch unfreiwillig, in den Walfleischexport verwickelt: Wir konnten zeigen, dass gerade vor wenigen Tagen erneut Walfleisch aus Norwegen Richtung Japan verschifft wurde – und dass dabei gleich drei EU-Länder als Transithäfen dienten: Deutschland (wo das Walfleisch vier Tage im Hamburger Hafen lag), Frankreich und Malta. Jetzt sollte die EU den Gong gehört haben, dass sie gegen den kommerziellen Walfang in Europa dringendst aktiv werden müssen…

25. Oktober 2016

Der Morgen beginnt denkbar schlecht: Soeben wurde über das Südatlantische Walschutzgebiet abgestimmt. Das Schutzgebiet scheiterte mit 38 Ja- bei 24 Nein-Stimmen bei 2 Enthaltungen. Eine Dreiviertelmehrheit wäre nötig gewesen, doch wichtige Unterstützerländer (darunter diverse EU-Mitgliedsstaaten) fehlten. Größte Widersacher waren Japan, Island und diverse Karibikstaaten – überraschend verweigerte auch Kenia die Unterstützung, ein Land, das in anderen Konventionen an der Spitze von Schutzmaßnahmen steht. Der IWC-Delegierte hier ist jedoch eng mit der japanischen Fischerei vernetzt… Bereits seit 1998 versuchen Länder aus Lateinamerika, ein solches Schutzgebiet durch die IWC einzurichten, doch die Walfangländer wollen um jeden Preis ein solch starkes Signal pro Walschutz verhindern – obwohl sie im Südatlantik gar keine Walfang-Ambitionen haben.

Untergangsstimmung für das Atlantikschutzgebiet © Michaël Catanzaritii

Untergangsstimmung für das Atlantikschutzgebiet © Michaël Catanzaritii

Nach dieser frustrierenden Entscheidung hatte ich ein Interview mit dem Deutschlandfunk >> gerne hier nachlesen bzw. reinhören.

Die „Resolution zur Ernährungssicherung“ – ein plumper Versuch Japans, über vorgeschobene afrikanische Staaten, Walfang als Beitrag zur Welternährung zu etablieren, hat heute viel Widerstand erfahren. Wir hoffen, dass der Text in den nächsten Tagen komplett in den Müll versenkt wird – ebenso wie eine dreiste Resolution, die Japan helfen soll, auf Kosten anderer IWC-Staaten künftig mehr Unterstützer an den Verhandlungstisch zu bekommen…

24. Oktober 2016

Heute ist also offizieller Startschuss der Walfangtagung. Ich finde es nach all den Jahren, die ich hier schon teilnehme, noch immer unglaublich, wie abstrakt hier über die Waljagd gesprochen wird. Da ist von „harvest“ die Rede, also von „Ernte“ – als würden wir hier über Kartoffeln sprechen. Vom „maximal möglichen Abschöpfen“ und von „Ressourcen“, wenn doch eigentlich Wale gemeint sind. Oder vom „Wissenschafts-Programm“ Japans – was nichts anderes ist als das kommerzielle Abschlachten hunderter Wale im Antarktis-Schutzgebiet, wo sie noch auf See zu Supermarkt-tauglichen Portionen verarbeitet und tiefgefroren werden.

Heute Morgen stehen hier die üblichen Formalitäten und Statements an. Am Nachmittag werden dann die konkreten Initiativen (Resolutionen, Südatlantik-Schutzgebiet) vorgestellt, aber da bei fast allen Themen noch Diskussionsbedarf besteht, fallen die Entscheidungen erst in den nächsten Tagen. Das heißt für uns so viele Last-Minute-Gespräche wie möglich…

Die 66. Walfangtagung hat begonnen

Die 66. Walfangtagung hat begonnen

23. Oktober 2016

Da verbringt man nun das Wochenende in einem wunderschönen mediterranen Küstenstädtchen in Slowenien – doch statt Dolce Vita ist Meeting-Marathon angesagt. Offiziell hat zwar die IWC-Tagung pausiert, aber diese Zeit habe ich intensiv genutzt: Acht größere Meetings und ein Interview, Sprechtexte und Pressearbeit für die kommende Woche vorbereitet – und mich eng mit Gleichgesinnten abgestimmt, damit unsere Kräfte optimal eingesetzt werden. Das wichtigste Treffen war sicherlich das mit der Europäischen Union, wo wir heftig Kritik übten. Denn die EU kam hier zur IWC mit leeren Händen: Keine Resolution gegen den kommerziellen Walfang von Island und Norwegen – obwohl deren Waljagd in europäischen Gewässern stattfindet. Ich hoffe, dass während der Debatte nächste Woche die EU wenigstens deutliche Worte gegen den eskalierten Export von Walfleisch aus Norwegen und Island nach Japan findet.

Sandra Altherr vertritt Pro Wildlife auf der Walfangtagung in Slowenien

Sandra Altherr vertritt Pro Wildlife auf der Walfangtagung in Slowenien

Viel Zeit verbrachte ich gestern und heute auch damit, mich mit den Kollegen aus Lateinamerika zu koordinieren: Welche Länder müssen wir noch überzeugen, um die benötigte Dreiviertelmehrheit für das Südatlantische Walschutzgebiet zusammenzukriegen? Wer kennt die entsprechenden Delegierten? Welche Bedenken müssen wir noch zerstreuen. Die Entscheidung wird knapp – auch weil uns nicht mehr viel Zeit bleibt: Bereits am Dienstagvormittag soll die Abstimmung hierzu stattfinden und einige wichtige Unterstützerländer sind diesmal gar nicht hier.

21. Oktober 2016

Der Morgen begann mit dem „Infractions“-Ausschuss, also dem Gremium, das sich mit nicht genehmigtem Walfang beschäftigt. Für uns war heute die große Frage, ob ein Land den Mumm hat, die 333 Zwergwale als Vertragsbruch zu benennen, die vergangenen Winter in Japans neuem „Forschungsprogramm“ NEWREP-A“ in der Antarktis getötet wurden. Wir wurden enttäuscht – das Gremium schwieg zu Japans jüngsten Eskapaden. Und so war das Infractions-Treffen auch schon nach 40 Minuten zu Ende.

Danach ging es mit dem Schutzkomitee weiter. Wichtigster Punkt hierbei: Das beantragte Walschutzgebiet im Südatlantik. Bereits seit 1998 kämpft v.a. Brasilien dafür, seither steigt die Zahl der Unterstützer stetig, doch wir brauchen hierfür nächste Woche eine Dreiviertelmehrheit – das wird schwierig…

20. Oktober 2016

Bereits bei meiner Abreise gestern am Münchner Flughafen bin ich auf eine der dunklen Figuren im Walfang-Business gestoßen: Der Isländer Kristjan Loftsson flog mit der selben Maschine. Kaum zu glauben, dass dieser kleine Mann der einzige Finnwaljäger der Welt ist und es seit Jahren schafft, Islands Politik zu dominieren…

Heute stand am Vormittag das Komitee zum Ureinwohnerwalfang an. Bei allem Verständnis für die schwierige Lage der Inuit, denen die IWC ja mit Quoten zur Selbstversorgung gerecht wird: Wie kann es sein, dass Grönlands Inuit doch nur eine Quote für den Eigenbedarf genehmigt bekommen, das Walfleisch aber letztlich auch in Supermärkten und gar auf Touristen-Tellern in schicken Restaurants landet? Es gäbe so viel kritisch zu hinterfragen, aber die Delegierten hielten sich leider zurück, weil erst auf der nächsten IWC-Tagung 2018 neue Ureinwohner-Quoten ausgehandelt werden…

Ureinwohnerjagd in Alaska © Ted Stevens

Ureinwohnerjagd in Alaska © Ted Stevens

Am Nachmittag ging es dann ausschließlich um Tötungsmethoden. Es ist immer wieder schwer erträglich, wie nüchtern hier Zahlen und technische Daten debattiert werden, wenn doch eigentlich jeglicher Walfang in Norwegen, Island und Japan längst passé sein sollte. So schießen beispielsweise die norwegischen Waljäger jeden dritten Wal aus einer ungünstigen Position und verlängern damit die Leidenszeit bis zum Tod – auf bis zu 25 Minuten. Und damit sind sie noch die besten Schützen: In Japans Nordpazifik-Walfang beträgt die „sofortige Todesrate“ (englisch IDR) 41-60 Prozent der harpunierten Wale sofort tot – warum sind die Ergebnisse so viel schlechter als in Norwegen (82%) und Island (69-84%)? Und auch Grönland blieb eine glaubwürdige Erklärung schuldig, warum dort zunehmend Wale  statt mit (den empfohlenen, aber viel teureren) Explosiv-Harpunen ausschließlich mit Gewehrschüssen getötet werden – ein regelrechtes Gemetzel, bei dem die Tiere oft eine Stunde und länger leiden. Grönland argumentiert mit Geldmangel…

 

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