Der Exotenboom: Folgen für Tiere, Arten und Natur

Gefahren für Tier, Natur und Mensch.

Affen, Löwen oder Stinktiere im Wohnzimmer? Kaum zu glauben, aber das ist erlaubt – je nachdem in welchem Bundesland man wohnt.  Jeder kann sich ohne Vorkenntnisse im Zoofachhandel, auf Tierbörsen, in Gartencentern oder über das Internet Wildtiere kaufen – viele zu Schleuderpreisen. Selbst wenn viele Halter von Exoten sich Mühe geben, hat dieser Wildwuchs Folgen: für das Wohlbefinden der Tiere selbst, für das Überleben seltener Arten, für die heimische Natur und gegebenenfalls für die öffentliche Gesundheit.
Zibetkatze in Gefangenschaft © Sakurai Midori

Zibetkatze in Gefangenschaft © Sakurai Midori

Aus der Natur in die deutschen Wohnzimmer

Noch immer wird ein erheblicher Teil der exotischen Haustiere in der Wildnis eingefangen, zum Beispiel nahezu alle Korallenfische, ein Großteil der Warane und Frösche, aber auch Nasenbären oder Wüstenfüchse. Die Preisliste eines indonesischen Exporteurs für den deutschen Heimtiermarkt spricht Bände: Eine Zibetkatze kostet 20 Euro, eine Peitschennatter kostet drei Euro, ein Gecko gar nur 20 Cent (Exportpreise): Massenware frisch aus der Natur. Im Zoogeschäft, auf Tierbörsen oder über das Internet für jedermann zu erwerben. Aber nicht alle Arten werden zu solchen Schleuderpreisen verkauft – für Raritäten zahlen Sammler Rekordpreise: Für Exemplare neu entdeckter Arten, für Tiere, die in ihrer Heimat streng geschützt sind oder unmittelbar vor der Ausrottung stehen, werden Preise bis zu 25.000 Euro gezahlt. Solange solche Tiere nicht durch CITES streng geschützt sind, kann die Natur weitgehend ungehindert geplündert werden.

Chamäleon auf deutscher Reptilienbörse © Pro Wildlife

Chamäleon auf deutscher Reptilienbörse © Pro Wildlife

Wildtiere vom Wühltisch

Nahezu jedes Wochenende finden in ganz Deutschland verteilt Tierbörsen statt. Auf immer mehr dieser Veranstaltungen werden Wildtiere regelrecht verramscht – von Schlangen über Chamäleons und Pfeilgiftfrösche bis hin zu Gürteltieren und kleinen Affen. Die Branche boomt. Das Ausmaß des Handels lässt sich erahnen, wenn man die Besucherzahlen der weltgrößten Reptilienbörse Terraristika in Hamm/Westfalen kennt. In mehreren großen Hallen bieten Händler dort viermal im Jahr tausende Tiere an – vom Laubfrosch bis zur Speikobra. Eingepfercht in stapelweise winzige Plastikschalen werden die Tiere präsentiert. Viele wurden in freier Wildbahn eingefangen, haben ein Martyrium bis zum Import nach Deutschland und danach noch den stundenlangen Transport zur Börse hinter sich. Selbst kranke und verletzte Exemplare finden sich im Angebot einiger Händler, Nachschub stapelt sich unter den Wühltischen oder wird in Kofferräumen auf dem Parkplatz der Börse gelagert. Tier- und Artenschutz-Kontrollen auf und im Umfeld der Börse sind unzureichend beziehungsweise nicht vorhanden. Tierbörsen fördern zudem Spontankäufe durch unerfahrene Einsteiger – den Preis zahlen die Tiere, die oft infolge schlechter Haltung frühzeitig sterben.

Exotenhandel: Gefahr für die heimische Natur

Während Berichte über entwischte oder ausgesetzte Riesen- und Giftschlangen in Europa regelmäßig für Schlagzeilen sorgen, machen sich in Deutschland längst einige, zunächst weniger Furcht einflößende Zeitgenossen breit. So überrascht der Anblick von Rotwangenschmuckschildkröten an deutschen Gewässern oder von Grauhörnchen in englischen Parks inzwischen nicht mehr. Sollte er aber, denn diese sogenannten invasiven Arten sind keineswegs auf natürlichem Wege nach Europa gelangt. Sie verdrängen zudem einheimische Arten wie die bedrohte Europäische Sumpfschildkröte, da sie eine ernsthafte Konkurrenz um Brutplätze und Nahrungsquellen darstellen. In anderen Fällen werden über den Heimtierhandel gefährliche Tierseuchen eingeschleppt – beispielsweise der „Salamanderfresser“, ein tödlicher Hautpilz, der über den Heimtierhandel aus Asien nach Europa gelangte und in Holland bereits nahezu den gesamten Feuersalamander-Bestand ausgelöscht hat.

Gesundheitsrisiken für den Menschen

Von der Kobra bis zum Krokodil: In nur acht der 16 deutschen Bundesländer ist die Haltung gefährlicher Wildtiere überhaupt geregelt, im restlichen Deutschland dürfen sie von jedermann gehalten werden. Auf speziellen online-Plattformen oder im Gifttierraum der Terraristika sind hochgiftige Skorpionen für unter 10 Euro, Klapperschlangen ab 30 Euro und sogar Speikobras, Mambas und Taipane erhältlich. Doch auch Wildtiere, die auf den ersten Blick ungefährlich scheinen, sind ein potentielles Gesundheitsrisiko: Seit 2003 gilt in der EU ein Importverbot für Präriehunde aus den USA, da diese die gefährlichen Pockenviren übertrugen. 2015 starben drei deutsche Bunthörnchen-Züchter infolge einer Bornaviren-Infektion. Bis zu 90% aller Reptilien in Gefangenschaft sind Träger von Salmonellen, was laut Robert-Koch-Institut immer häufiger zu schweren Erkrankungen (vereinzelt sogar zu Todesfällen) bei Kleinkindern führt. Neuen Studien zufolge ist v.a. der Handel mit Wildtieren für die Ausbreitung sogenannter Zoonosen auch in Europa verantwortlich.

Was tut Pro Wildlife?

Seit 1999 dokumentiert Pro Wildlife die Missstände im Exotenhandel. Auf Druck von Pro Wildlife gibt es seit 2006 zumindest Tierbörsen-Leitlinien des Bundeslandwirtschaftsministeriums, doch gerade auf größeren Tierbörsen gibt es noch zahlreiche Missstände. 2013 einigten sich die Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag auf Beschränkungen des Tierhandels, ein Wildtierbörsenverbot und Auflagen für die Exotenhaltung – doch umgesetzt wurde dies noch nicht. Pro Wildlife bringt deshalb weiterhin Missstände im Tierhandel ans Licht und verhandelt mit Politikern.

Weitere Informationen: 

» Bericht „Endstation Wohnzimmer: Exotische Säugetiere als Haustiere“ (pdf)

» Bericht „Stolen Wildlife – why the EU needs to tackle smuggling of nationally protected species“ (pdf)

» Bericht „Missstände auf Tierbörsen – Mangelhafte Umsetzung der BMELV-Tierbörsen-Leitlinien: Eine Bestandsaufnahme“ (pdf)

» gemeinsame Forderung von Verbänden nach einem Verbot gewerblicher Tierbörsen (pdf)

» gemeinsame Forderung von Verbänden nach einem Verbot des online-Handels mit Tieren (pdf)

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