EU-Gesetzeslücke fördert Ausrottung bedrohter Arten.

München, 3. Dezember 2015. 156 Wissenschaftler, Feldforscher und Naturschutz-Experten aus 45 Ländern fordern in einem gemeinsamen Brief EU-Umweltkommissar Karmenu Vella auf, den illegalen Handel mit Wildtieren zu bekämpfen und Schlupflöcher in der EU-Gesetzgebung zu schließen. Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife berichtet, dass die Gesetzeslücke vor allem das Überleben seltener Reptilienarten gefährdet: Diese Tiere werden in Europa auf Börsen und im Internet gehandelt, obwohl viele aus ihren Herkunftsländern gar nicht exportiert werden durften.
„In der EU ist bisher nur der Handel mit international geschützten Arten verboten. Eine bedrohte Art, die lediglich in ihrem Heimatland unter Schutz steht, kann europaweit legal verkauft werden, sobald sie außer Landes geschmuggelt wurde“, erläutert Biologin Sandra Altherr von Pro Wildlife. Manche Reptiliensammler machen sich diese Gesetzeslücke zunutze und erzielen mit extrem seltenen Tieren wie Hornagamen aus Sri Lanka oder Baumschleichen aus Mexiko Preise von mehreren Tausend Euro pro Paar.

EU ist Umschlagplatz für geschmuggelte Tiere

Dank dieser Lücke in den EU-Gesetzen birgt es für Händler kein Risiko, an rare Reptilien zu gelangen: Einheimische werden vor Ort beauftragt, die Tiere einzufangen. Über einen Kurier oder den Postweg werden die Kriechtiere außer Landes geschmuggelt. Die Drahtzieher in Europa inserieren die lebende Ware auf Online-Portalen oder in speziellen Facebook-Gruppen; die Übergabe erfolgt meist im Umfeld internationaler Reptilienbörsen in Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Tschechien und Spanien. „Wir beobachten, dass das Einfallstor für Tiere aus Lateinamerika meist Spanien ist. Deutsche Händler sammeln vor allem in Asien und Ozeanien. Viele illegal gefangene Tiere kommen auch über Tschechien und Russland in die EU“, so Altherr.

Viele bedrohte Arten sind bei uns nicht geschützt

Die EU entwickelt derzeit einen europaweiten Aktionsplan, um den Schmuggel mit Elfenbein, Nashorn oder Tiger stärker zu bekämpfen. Die 156 Experten fordern nun auch Arten in den Aktionsplan einzubeziehen, die bislang nur in ihrem Herkunftsland geschützt sind.
„Der boomende internationale Tierschmuggel macht es notwendig, Gesetze anzupassen. Die Herkunftsländer können ihre Tiere nur bis zur Grenze schützen. Sind sie in die EU eingeführt, hat keine Behörde mehr die Möglichkeit, gegen den Schmuggel einzuschreiten, selbst wenn die Tiere noch so offensichtlich aus illegalen Quellen stammen. Doch der Absatzmarkt für bedrohte Reptilien befindet sich bei uns, vor allem in Deutschland“, sagt Altherr. Im Schreiben der 156 Experten an den EU-Umweltkommissar heißt es deshalb: „Die unterzeichnenden Wissenschaftler fordern Sie höflich auf, ein Gesetz zu verabschieden, das den Import, Verkauf, Kauf und Re-Export von Exemplaren, die unter Verstoß gegen nationales Recht im Herkunftsland gefangen und exportiert wurden, auch in der EU unter Strafe stellt. Wir sind der Auffassung, dies sollte als Ziel in den europaweiten Aktionsplan aufgenommen werden.“

USA als Vorbild

In den USA gilt bereits seit 1900 der so genannte „Lacey Act“. Diesem Gesetz zufolge können Handlungen, die gegen Naturschutzgesetze in anderen Ländern verstoßen, auch in den USA belangt werden. Der US Lacey Act hat sich als Instrument zur Bekämpfung des Tierschmuggels bewährt und unterstützt somit aktiv die Naturschutzbemühungen der Herkunftsländer.
Weitere Informationen:
 >> 2014 veröffentlichte  Pro Wildlife den Bericht „Stolen Wildife“ über den Handel mit national geschützten Arten
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