Interview zu illegalem Tierhandel

2014: Pro Wildlife deckt Gesetzeslücke auf

Interview mit der Diplom-Biologin Dr. Sandra Altherr, Mitbegründerin von Pro Wildlife:

Sandra, wie kam es zum ersten Bericht „Stolen Wildlife“, der 2014 erschien?
Auslöser war die auffällige Preisliste eines Tierhändlers, auf die wir bei unseren Recherchen gestoßen waren. Der Mann hatte hier in Deutschland einige Arten angeboten, die nicht durch das Weltartenschutzübereinkommen CITES geschützt und dennoch unfassbar teuer waren.

Ein Paar Waldgeckos aus Neuseeland wurde mit 5.300 Euro angesetzt, Neukaledonische Greifschwanzgeckos mit 1.100 Euro. Hornagamen aus Sri Lanka brachten es ebenso auf 1.100 Euro pro Paar. Die ungewöhnlich hohen Preise machten uns stutzig und schon bald fanden wir die Erklärung: Diese seltenen Tiere waren in ihren Heimatländern geschützt. Doch sind sie erstmal herausgeschmuggelt, ist in der EU der Verkauf der gestohlenen Tiere legal. Es waren Reptilien aus Australien und Costa Rica dabei, aber auch Borneo-Taubwarane und psychedelische Felsengeckos aus Vietnam.

Du bist also bei den Recherchen auf eine Gesetzeslücke gestoßen?
Richtig, denn dieser Händler hat, wie einige seiner Konkurrenten, ein eiskaltes Geschäftsmodell. Sie können für diese teils hochbedrohten Arten hohe Preise bei minimalem Risiko erzielen. Konsequenzen drohen ihnen hierzulande keine. Die EU und Deutschland sind für diesen Handel der zentrale Umschlagplatz. Mit der großen Reptilienbörse Terraristika in Hamm und der Börse im niederländischen Houten gibt es in Europa zwei der größten Handels-Plattformen für Reptilien weltweit. Händler aus aller Welt verkaufen hier Tiere, zum Teil auch geschmuggelte. Die meisten wickeln ihre Deals online ab, die Tiere werden dann auf den Börsen an die zahlungskräftigen Käufer übergeben.

Calotes Calotes © Shyamal

Calotes Calotes © Shyamal

Was macht diesen Handel so problematisch?
Hier werden seltene, bedrohte Arten gehandelt, weil es in der EU eine Gesetzeslücke gibt. In den USA dürfen beispielsweise längst keine Arten mehr gehandelt werden, die im Herkunftsland illegal gefangen oder exportiert wurden. In der EU ist das aber noch immer erlaubt und das untergräbt natürlich alle Schutzbemühungen in den Herkunftsländern. Vor unserem Bericht hatte dieses Problem hier niemand auf dem Schirm.

Welche Folgen hatte die Veröffentlichung des Berichts?
In Vorbereitung auf die CITES-Konferenz 2016 erstellte die EU eine Liste mit möglichen Schutzinitiativen. Ein Großteil der Vorschläge basierte auf unserem ersten Stolen-Wildlife-Bericht. Die EU hat Schutzanträge für 31 gefährdete Arten bei der 17. CITES-Konferenz 2016 eingereicht, für weitere 24 Arten beantragten die Herkunftsländer selbst den Schutz ihrer Tiere. Alle Anträge hatten Erfolg. Unser Bericht war also die Grundlage dafür, dass 55 stark gefährdete Tierarten endlich besser geschützt wurden.

Cnemaspis Psychedelica © Lee Grismer

Cnemaspis Psychedelica © Lee Grismer

Gäbe es weitere Möglichkeiten, diesen Handel zu unterbinden?
Ja natürlich, mit Hilfe eines Gesetzes, wie die USA es haben. Dieser sogenannte „Lacey Act“ verbietet nicht nur den Handel mit eingeschmuggelten Arten, er würde auch verhindern, dass die Händler einfach auf andere national geschützte Arten ausweichen können, die noch nicht bei CITES unter Schutz gestellt wurden. Wir setzen uns auf EU-Ebene intensiv für ein solches Gesetz ein und lassen nicht locker. Nach der EU-Wahl 2019 gehen die Verhandlungen in Brüssel weiter.


 

In der bereits vier Jahre dauernden Zusammenarbeit mit Pro Wildlife hat die Organisation für uns eine hohe Wirkungskraft bewiesen. Durch Fokussierung auf klare Ziele, Zusammenarbeit mit strategisch relevanten Partnern und konstruktiven Stakeholderdialog erreichen die Kampagnen zum Wildtier- und Exotenhandel von Pro Wildlife eine starke Medienresonanz bei vergleichsweise begrenztem Ressourceneinsatz. Besonders positiv beeindruckt hat uns der umsichtige Aufbau von Kontakten und der stete Dialog mit Vertretern der Bundes- und Europapolitik. ProWildlife hat das Problembewusstsein zu Exotenhandel und -haltung in politischen Parteien, Ministerien und Ausschüssen geschärft und wird von Bundestagsabgeordneten und -ministerien als kompetenter Ansprechpartner und Berater für den Wildtierhandel wahrgenommen.

Gaby Störmann, Active Philanthropy
Im Auftrag einer privaten Spenderin betreut Active Philanthropy seit 2015 die Förderung von Kampagnen zur Einschränkung von Exotenhandel und -haltung in Deutschland und der EU.

Meilensteine 2014
Elefantenreiten, Wildtiere Tourismus
Februar 2014: Kampagne gegen Elefanten im Tourismus
Pro Wildlife startet eine Kampagne gegen den Einsatz von Elefanten im Tourismus und klärt sowohl Touristen als auch die Reisebranche über die Probleme auf.
Tigerhai © Tomas Kotouc
Oktober 2014: Transportstopp von Hai-Flossen
Auf Druck einer internationalen Koalition, der auch Pro Wildlife angehört, stoppen 25 Fluglinien wie Singapore Airlines und Thai Airways den Transport von Haiflossen. (Foto © Tomas Kotouc)
Nautilus-Schale, Souvenir © Pro Wildlife
Oktober 2014: Münchner Mineralientage reagieren auf Kritik
Beim Besuch der Münchner Mineralientage findet Pro Wildlife viele bedrohte Meerestiere. Auf unseren Protest hin reagiert der Veranstalter und informiert alle Händler.

Pro Wildlife-Chronik

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