IWC-Konferenz 2018: Das Moratorium steht unter Beschuss

Japan will grünes Licht für kommerziellen Walfang.

Vom 10. bis 14. September 2018 findet in Florianopolis (Brasilien) die 67. Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC 67) statt. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Zukunft des seit 1986 weltweit geltenden kommerziellen Walfangverbotes. Die Biologin Sandra Altherr nimmt seit 1999 für Pro Wildlife an den IWC-Verhandlungen teil – und berichtet ab dem 6. September live aus den Vortreffen und dem Konferenzraum.

>> IWC-Tagebuch 2018

Zwergwale © Ash Lambert

Zwergwale © Ash Lambert

Alle zwei Jahre treffen sich die inzwischen 88 IWC-Mitgliedsstaaten, um über Walfang und Walschutzmaßnahmen zu streiten. Eine konstruktive Atmosphäre gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr, denn drei Länder – Japan, Norwegen und Island – nutzen dreist juristische Schlupflöcher der IWC und fangen kommerziell Wale, ohne dass die anderen Länder viel dagegen tun können. 2018 jedoch geht Japan in die Offensive, aggressiver und klarer als je zuvor. Die Regierung in Tokio wittert ihre einmalige Chance, das verhasste Moratorium zu kippen, denn diesmal ist die Gemengelage noch um einiges schwieriger als sonst:

  1. Fangquoten für Ureinwohner: In diesem Jahr stehen die Verhandlungen um die mehrjährigen Fangquoten für die Ureinwohner Alaskas, Grönlands und Russlands an. Die Inuit sind vom Walfangverbot ausgenommen, da sie zur Selbstversorgung jagen. Bei der letzten Verhandlungsrunde hatten Japan und seine Lakaien die Subsistenz-Fangquoten blockiert, um Unterstützung für seine kommerziellen Interessen zu erpressen. Auch diesmal will Japan mit einer Blockade-Drohung die USA, die EU und andere Länder unter Druck setzen, endlich nachzugeben und das Walfangmoratorium zu kippen.
  2. Japan beantragt ein Ende des Moratoriums: Seit langem befürchtet hat Japan im Juli bei der IWC tatsächlich ein Paket von Anträgen eingereicht, darunter den offiziellen Antrag, das Walfangverbot aufzuheben und das strenge Abstimmungsprozedere zu erleichtern. Aktuell bräuchte es für so weitreichende Beschlüsse eine Dreiviertel-Mehrheit, Japan schlägt eine einfache Mehrheit vor.
  3. Japan hat den IWC-Vorsitz: Die diesjährige IWC-Tagung findet erstmals unter dem Vorsitz eines Japaners statt: Joji Morishita ist seit vielen Jahren der Chef-Verhandler Japans in Sachen Walfang und kann diesmal als IWC-Vorsitzender stark in den Verlauf der Verhandlungen eingreifen: Die Reihenfolge der Verhandlungspunkte, die Länge von Diskussionen, den Ablauf von Abstimmungen – all das kann Morishita zugunsten Japans strategisch steuern.
  4. Brasilien unter Druck: Gastgeber der diesjährigen IWC-Tagung ist Brasilien. Das Land ist unbestritten eines der aktivsten Walschutzländer und versucht seit 20 Jahren, bei der IWC ein Walschutzgebiet im Südatlantik durchzusetzen. Diesmal als Gastgeber steht Brasilien mit seinem Ansinnen unter großem Druck – der eigenen Bevölkerung und den heimischen Medien gegenüber. Japan bietet nun einen offenen Deal an: Tokio beantragt, die bislang erforderliche Dreiviertelmehrheit für weitreichende IWC-Änderungen durch eine einfache Mehrheit zu ersetzen. Dies würde Brasiliens Walschutzgebiet in greifbare Nähe rücken lassen – um den Preis, dass auch das Walfangmoratorium einfach zu kippen wäre.
  5. Eine passive EU: Pro Wildlife und andere Verbände hatten die EU gebeten, endlich eine offizielle IWC-Resolution vorzubereiten, die den kommerziellen Walfang kritisiert und Japan, Island und Norwegen zu einem Stopp der Jagd aufgefordert hätte. Doch die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten konnten sich nicht dazu durchringen. Das Thema sei „zu kontrovers“, man wolle die Verhandlungsstimmung nicht belasten… Die Walfangländer sind da deutlich weniger diplomatisch: Islands Finnwalfang-Schiffe sind dieses Jahr nach zwei Jahren Pause wieder ausgelaufen, Norwegen hat seine Quote für Zwergwale auf über 1.280 Tiere erhöht und Japan hat bereits angekündigt, in diesem Jahr ganz offiziell die Freigabe kommerziellen Walfangs zu beantragen – und damit also das 32 Jahre alte Fangverbot zu entsorgen.
Toter Finnwal in Island © Dagur Brynjólfsson

Toter Finnwal in Island © Dagur Brynjólfsson

Die IWC-Tagung 2018 birgt also Dynamit – und angesichts der verschiedensten Interessen und der unklaren Gemengelage sind Kuhhandelsabsprachen im kleinen Kreis und hinter verschlossenen Türen zu befürchten. Eine IWC-Tagung, die brandgefährlich und deren Ausgang völlig offen ist.

Ab dem 6. September erhalten Sie hier die neuesten Informationen direkt aus dem Konferenzraum…

Weitere Informationen

Blog IWC 2018

Berichte direkt aus dem Konferenzraum der IWC 2018: IWC Blog 2018

 

 

 

 

 

Die Internationale Walfangkommission (IWC)

1982 erreichte die IWC ein Moratorium für den kommerziellen Walfang, das 1986 endlich in Kraft trat. Einer der größten Erfolge überhaupt im internationalen Artenschutz » Die Internationale Walfangkommission (IWC)

 

 

 

 

Walfang © Australian Customs and Border Protection Service

Walfang © Australian Customs and Border Protection Service

Walfang: international verboten, jedoch weiter praktiziert . » Diese Länder betreiben weiterhin Walfang

 

 

 

 

 

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Walfang Japan © Christin Khan NOAA

Japan fängt unter dem Deckmantel der Wissenschaft. » Waljagd in Japan

 

 

 

 

 

 

Zwergwale in Norwegen © HansBernhard

Norwegens Zwergwale © Hans Bernhard

Das Walfangland Nummer 1 beruft sich auf Wikinger-Traditionen. » Waljagd in Norwegen

 

 

 

 

 

 

Island Dagur Brynjólfsson

Island © Dagur Brynjólfsson

Island: Jagd auf bedrohte Finnwale. » Waljagd in Island

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