Der Wolf in Deutschland

Rotkäppchen lügt.

Nach mehr als 150 Jahren haben wir wieder frei lebende Wölfe in der Bundesrepublik! Der vom Menschen in Deutschland ausgerottete und seit Jahrhunderten verfolgte Wolf durfte zurückkehren. Wenn wir ihn lassen, wird er bleiben und für uns von großem Nutzen sein.

Wölfe © Lori und Rich Rothstein

Wölfe © Lori und Rich Rothstein

„Die bisherigen Erfahrungen lassen erwarten, dass ein Nebeneinander von Mensch und Wolf dauerhaft möglich ist.“ – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

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Gestatten, Wolf! Oder: Canis Lupus

Wolf EuropaDer Wolf ist ein echter Generalist, extrem anpassungs- und lernfähig. Wölfe haben keine speziellen Anforderungen an ihre Umgebung. Ein ausreichendes Nahrungsangebot genügt ihnen schon. Rückzugsgebiete benötigen Wölfe nur, wenn sie vom Menschen verfolgt werden, prinzipiell sind sie aber nicht auf Wildnis angewiesen. Aus diesem Grund kann sich der Wolf hervorragend an unsere Kulturlandschaft anpassen. In Mitteleuropa stehen Huftiere wie Rehe, Rothirsche und Wildschweine auf dem Speiseplan des Wolfes. Dabei machen sich die Tiere das Erlegen der Beute möglichst einfach: Sie suchen sich die alten, kranken und schwachen Individuen raus, um bei der Jagd Energie zu sparen. Vor allem Jungtiere fallen den Räubern häufig zum Opfer. Untersuchungen zeigen, dass eine Wolfsfamilie im Schnitt pro Jahr 400 Rehe, 54 Hirsche und 16 Wildschweine reißt.

Wölfe leben in Familienverbänden und haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Die Rudel bestehen aus den beiden Elterntieren und den Jungtieren aus den letzten ein bis zwei Jahren. Jede Wolfsfamilie besetzt ein mindestens 200 Quadratkilometer großes Gebiet, das gegen fremde Wölfe verteidigt wird. Die Wolfsterritorien überlappen sich nicht, so entsteht ein Flickenteppich aus aneinandergrenzenden Revieren.

Ausrottung...
Wolfsrudel in Nordamerika

Wolfsrudel in Nordamerika

Einst war der Wolf das meistverbreitete Säugetier der Welt. Wölfe bewohnten mehr als die Hälfte der Landfläche der Erde (70 Millionen Quadratkilometer). Entsprechend gab es Wölfe in fast allen Lebensräumen der nördlichen Hemisphäre. Genaue Zählungen gibt es natürlich nicht, aber man schätzt, dass es weltweit vor ungefähr 5.000 Jahren 2 Millionen Wölfe gab. Schon in der Steinzeit waren Mensch und Wolf Konkurrenten. Beide waren Jäger, die im Rudel agierten und sich um das Großwild stritten. Als der Mensch begann, Land- und Viehwirtschaft zu betreiben, nahmen die Konflikte zu. Immer wieder töteten und fraßen Wölfe das Vieh der Nutztierhalter. Somit begann die Verteufelung des Wolfes und die gnadenlose Verfolgung der Art. Der systematische Ausrottungsfeldzug begann gegen 1650. Abschussprämien und Schussgelder, die in dieser Zeit für viele ein halbes Vermögen bedeuteten, erhöhten die Attraktivität der Wolfsjagd und rund 200 Jahre später gab es kein einziges Tier mehr in Deutschland. Jedes Individuum, das danach über die Grenze kam, wurde sofort erschossen.

Laut der roten Liste der gefährdeten Arten galt der Wolf im Jahr 1979 als stark gefährdet und wurde EU weit unter Schutz gestellt. Seit 1980 gilt der Wolf in der Bundesrepublik nach nationalem Recht als „besonders geschützt“. Ab 1990 durfte er deutschlandweit nicht mehr gejagt werden.

...und Rückkehr
Erste Erfolge zeigten sich 10 Jahre nach der Einführung des Jagdverbots: 2000 gab es Wolfsnachwuchs in Deutschland. Die ersten Rückkehrer tauchten im Osten Deutschlands, in der Lausitz, auf. Sie kamen aus dem benachbarten Polen. Seitdem steigt der Bestand stetig an und die Rudel breiten sich aus. Mittlerweile gibt es die meisten Wölfe in Brandenburg (22 Rudel, drei Paare) und Sachsen (14 Rudel, vier Paare). Aber auch in Sachsen-Anhalt (11 Rudel), Mecklenburg-Vorpommern (drei Rudel), Thüringen (Einzeltier), Bayern (zwei Paare) und Niedersachsen (10 Rudel, vier Paare, zwei Einzeltiere) haben sich Tiere niedergelassen. Nicht die Verbesserung der Lebensräume, sondern Abschussverbote haben dazu geführt, dass der Wolf nach Deutschland zurückgekommen ist. Die jetzige deutsche Wolfspopulation ist eine von zehn teilweise voneinander isolierten Wolfspopulationen in Europa und wurde 2012 als „stark gefährdet“ („endangered“) eingestuft.

Wie viele sind es und wie viele werden es?
Wölfe im Winter

Wölfe im Winter

Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) lebten im Dokumentationsjahr 2016/2017 in sieben Bundesländern 60 Wolfsrudel, 13 territoriale Paare und drei territoriale Einzeltiere. Schätzungen gehen davon aus, dass 150 bis 160 erwachsene Wölfe hierzulande leben. Im selben Jahr kamen 214 Welpen zur Welt. Zählt man sie mit, gab es Ende 2017 insgesamt ungefähr 370 Wölfe in Deutschland.
Oft wird befürchtet, dass Wölfe sich maßlos vermehren und bald zu einer massiven Gefahr werden könnten. Allerdings kann man jedem Kritiker diese Angst sofort nehmen. Durch das natürliche Territorialverhalten von Wölfen kann die Anzahl der hier lebenden Tiere ein gewisses Maximum nicht übersteigen. Wenn man die minimale Territoriumsgröße nimmt und auf die vom Wolf bewohnbaren Flächen in Deutschland verteilt, dann können laut Schätzungen des Bundesamts für Naturschutz (BfN) 440 Rudel in Deutschland leben, das entspräche knapp mehr als 2000 Tieren (Wenn man annimmt, dass ein Rudel aus zwei Eltern und mindestens drei Jungtieren besteht).

© IFAW

© IFAW

Wölfe: Erst die Geißlein und dann auch noch die Großmutter…

In Märchen und Mythen wurde der Wolf als blutrünstiges, grausames und hinterlistiges Tier beschrieben. Auch heute hält sich die Mär vom bösen Wolf hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Das Rotkäppchen von gestern sind die Zeitungsartikel von heute: „Erster offizieller Problemwolf – Wolf in Kindergarten gesichtet“, „Der Wolf kommt und bringt Probleme mit“, „Wolf auf Beutezug in der Siedlung“, „Angst vorm Wolf: Sachsens Jäger befürchten Angriffe auf Menschen“, „Hund die Pfote abgebissen – Dorf lebt in Angst vor Wölfen“.

Rotkäppchen

Rotkäppchen

Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Seitdem sich 2000 wieder Wölfe in Deutschland angesiedelt haben, ist kein aggressives Verhalten der Tiere gegenüber Menschen bekannt geworden. Zwischen 1950 und 2000 kam es in ganz Europa zu 59 Angriffen, bei denen fünf Menschen starben. Allerdings wurde bei 38 der angreifenden Wölfe Tollwut nachgewiesen. Tollwut ist die Hauptursache für Angriffe von Wölfen auf Menschen. Deutschland gilt seit 2008 als tollwutfrei, alle bisher tot gefundenen Wölfe in Deutschland wurden negativ auf Tollwut getestet. Bis auf Polen sind alle Nachbarländer Deutschlands tollwutfrei. Auch in Polen wurde die Tollwut in den letzten Jahren extrem zurück gedrängt.

Der Mensch in Gefahr?

In Deutschland haben die Menschen das Zusammenleben mit dem Wolf verlernt und fühlen sich durch seine Nähe bedroht. Wölfe nähern sich ohne Angst menschlichen Siedlungen und beobachten, statt sofort Reißaus zu nehmen. Menschliche Strukturen schrecken ihn nicht ab. Der Wolf tritt jedoch ab einer Distanz von circa 100 Metern zu einem Menschen den langsamen Rückzug an. Es konnte mehrfach beobachtet werden, dass Wölfe weder ihre Beute, noch ihre Jungtiere gegenüber dem Menschen verteidigen. Hunde, die angeleint sind, werden ebenfalls nicht angegriffen. Wildschweine, die sich verteidigen wollen, sind statistisch betrachtet gefährlicher als Wölfe. Es ist sogar deutlich wahrscheinlicher, von einem menschlichen Jäger getötet zu werden als von einem Wolf.

Tatsächlich werden die Tiere dem Menschen höchstens dann gefährlich, wenn sie angefüttert werden (oder in Fällen von Tollwut). Dann suchen die Wölfe immer wieder die direkte Nähe zu Menschen, um Futter einzufordern.

Und wenn Spaziergänger doch einmal einem Wolf begegnen? Wer keine Angst hat, kann die Begegnung einfach genießen und sich an dem Anblick erfreuen. Wem die Situation unangenehm ist, der sollte sich bemerkbar machen. In die Hände klatschen, einen Stein werfen und schreien hilft.

Wenn Wölfe Schäfchen zählen...

Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere sind die Hauptkonfliktquelle im Zusammenleben mit dem Räuber. In den vergangenen 150 Jahren mussten die Nutztierhalter in Deutschland ihre Tiere nicht schützen, was für die Halter von Nutztieren natürlich eine Arbeitserleichterung war. In anderen Teilen Europas, wo der Wolf bis heute überlebt hat, werden die Herden wie eh und je von Hirten und Herdenschutzhunden bewacht und während der Dunkelheit in Nachtpferchen gehalten. Die Art und Weise der Nutztierhaltung in Deutschland muss sich also wieder an die Anwesenheit von Wölfen anpassen. Die meisten Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere gibt es dort, wo Wölfe sich in neuen Territorien etablieren und die Schaf- und Ziegenhalter sich noch nicht auf deren Anwesenheit eingestellt haben. In der Regel verringern sich die Übergriffe nach ein, zwei Jahren, wenn die Tierhalter Herdenschutzmaßnahmen korrekt anwenden. In Brandenburg beispielsweise, wo sich die ersten Wölfe ansiedelten und heute die meisten Wölfe leben, wurden Dank der Vorsichtsmaßnahmen in 2016 nur 248 von den deutschlandweit 1079 gerissenen Weidetieren getötet.

Weidetiere müssen besser geschützt werden. Die gängigsten Methoden sind zum einen Herdenschutzhunde und zum anderen Elektrozäune oder -netze. In Bundesländern mit nachgewiesenen Wolfsterritorien können Nutztierhalter finanzielle Hilfen für Maßnahmen zum Herdenschutz beantragen. Je nach Bundesland werden zwischen 60% und 100 % der Kosten hierfür übernommen. Im Jahr 2016 betrugen die Ausgaben der staatlichen Präventionsmaßnahmen 1.100.963 €.

Wenn ein Wolf doch ein Tier reißt, so wird der Halter für seinen finanziellen Verlust mit einer Ausgleichszahlung entschädigt. Im Jahr 2016 betrugen diese 135.140,28 €. Allerdings werden nur Halter entschädigt, die die vorgeschriebenen Mindeststandards einhalten. Fälle, in denen Wölfe nachweislich wiederholt empfohlene, zumutbare Schutzmaßnahmen überwinden, sind selten.

...und Hunger haben

Die Berichterstattung über gerissene Schafe und Ziegen lässt vermuten, dass sich Wölfe fast ausschließlich von Nutztieren ernähren. Kotproben zeigen allerdings, dass Wölfe zwar auch Nutztiere reißen, doch beträgt der Anteil nur etwa ein Prozent. Seit dem ersten Vorfall im Jahr 2002 bis 2015 haben Wölfe circa 2000 Nutztiere gerissen, zum größten Teil Schafe. 2016 gab es 285 Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere, bei denen bundesweit 1.079 Tiere getötet oder verletzt wurden. Die Diskrepanz zwischen den Angriffen und den getöteten Tieren liegt daran, dass Wölfe die Gelegenheit, mehrere Beutetiere auf einmal zu erlegen, sofort nutzen. Wölfe sind ebenfalls Aasfresser und legen sich Nahrungsvorräte an. Im Vergleich dazu landeten allein in Hessen jährlich mehr als 15.000 Schafe und Ziegen sowie mehr als 25.000 Kälber, die beim Halter beispielsweise durch Krankheiten oder Unfälle sterben, in den Tierkörperbeseitigungsanlagen.

Mehr als 50 % der Angriffe auf Nutztiere wurde von streunenden Hunden und nicht von Wölfen verursacht. Das wird aber meist erst nach Monaten bekannt, wenn der DNA-Abgleich ein eindeutiges Ergebnis liefert. Allerdings gab es dann zuvor in den Medien schon die Schlagzeile: „Wolf tötet 10 Schafe“.

Gefahr für Haustiere?

Bei richtigem Verhalten ist der Wolf keine Gefahr für Haushunde. Wenn Hunde von Wölfen angegriffen werden, dann nur, weil der Wolf die Hunde als Konkurrenz ansieht und sein Territorium verteidigen will. Allerdings sind diese Vorfälle in Deutschland extrem selten. Bei vielen Angriffen hat sich nach einer DNA-Analyse herausgestellt, dass die Haushunde nicht von Wölfen sondern von streunenden Hunden angegriffen wurden. Wenn Hundehalter sich mit ihren Hunden in Wolfsgebieten aufhalten, sollten sie ihre Tiere in der Nähe behalten, oder besser noch anleinen.

Auch Pferdehalter haben in der Vergangenheit Bedenken und Ängste geäußert. Bisher gibt es keinen verifizierten Angriff von Wölfen auf Pferde in Deutschland. Prinzipiell können Fohlen, Ponys oder Kälber eine potentielle Beute für Wölfe darstellen. Man rät dazu, die Tiere nicht einzeln auf eingezäunten Flächen zu halten. Prinzipiell ist ein Angriff auf Pferde eher unwahrscheinlich, da die Tiere von Natur aus recht wehrhaft sind. Der NABU hat einen Leitfaden „Pferd und Wolf – Wege zur Koexistenz“ entwickelt, der weitere Hilfestellung gibt.

Endlich wieder ein fast normales Ökosystem mit Wolf

Die Natur funktioniert wie ein Uhrwerk. Wird ein Teil entfernt oder ein unpassendes hinzugefügt, dann läuft es nicht mehr. So geschehen in den letzten Jahrhunderten, in denen in Deutschland die großen Beutegreifer Wolf und Bär ausgerottet wurden. Die Beutetiere (Rothirsch, Wildschwein, Reh) konnten sich ungehindert vermehren. Rehe fressen im Wald die Triebspitzen der Bäume und Wildschweine fressen alles, was auf den Äckern wächst.

Des Weiteren jagen Beutegreifer vor allem kranke und schwache Tiere und halten so die Bestände der Beutetiere gesund. Auch das Verhalten der Beutetiere verändert sich mit der Anwesenheit eines tierischen Jägers. Die Beutetiere wenden verschiedene Feindvermeidungsstrategien an. Bestimmte Gebiete werden komplett gemieden, was dazu führt, dass sich zum Beispiel junge Triebe entwickeln können. Außerdem ändern sie häufig ihre Routen und erscheinen unregelmäßiger an ihren Äsungsplätzen.

Wölfe fressen ihre Beute nie ganz auf, zurück bleiben Fleischreste, Knochen und Gedärme, diese wiederum sind Nährstoffe für Boden und Kleinstorganismen.

Die Sorge, dass Wölfe die Wälder leer fressen ist nicht berechtigt. In der Biologie spricht man von einer sogenannten Räuber-Beute Beziehung: Sind viele Räuber vorhanden, gibt es bald  weniger Beutetiere. Von den wenigen Beutetieren können sich nur wenige Räuber ernähren. Sind über längere Zeit wenige Räuber vorhanden, können sich die Beutetiere wieder vermehren. Und so weiter und so fort. Ein ewiges Wechselspiel.

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Jagd und Wilderei

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Wilderei, Jagd und Tierschmuggel sind in vielen Ländern außer Kontrolle geraten. Gleichzeitig wird die Rote Liste gefährdeter Arten immer länger: 23.250 Tier- und Pflanzenarten gelten als bedroht. » Jagd und Wilderei

 

 

 

 

Verbändebrief an EU-Kommission

Gemeinsamer Brief von zwölf Verbänden an die EU Kommission mit der Aufforderung, geeignete Schutzmaßnahmen für den Wolf zu treffen » Verbändebrief

 

 

 

 

 

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