Tagebuch aus Indonesien

25. Oktober 2019.

Zu Besuch bei Orang-Utans und Plumploris.

Projekte, die Wildtieren vor Ort helfen, sind für Pro Wildlife enorm wichtig. Zum einen sind sie für die einzelnen Tiere lebensrettend. Zum anderen sind sie auch die Voraussetzung dafür, dass illegal gehandelte und gehaltene Tiere überhaupt beschlagnahmt werden. Pro Wildlife unterstützt Auffangstationen und Waisenhäuser auf drei Kontinenten, unter anderem in Asien. Darunter sind auch zwei Einrichtungen unserer Kollegen von International Animal Rescue in Indonesien: eine für Orang-Utans und eine für Plumploris. In den kommenden Tagen besuche ich beide Stationen und berichte von der Arbeit vor Ort.

Montag, 28. Oktober: Rettung für die Plumploris

Plumploris sind die einzigen giftigen Primaten der Welt. Auch sonst ist vieles an den vom Aussterben bedrohten Tieren ein wenig anders als bei anderen Affen. Sie leben alleine, mögen aber dennoch Gesellschaft. Sie haben winzige Fingernägel, jedoch eine Kralle, um sich gegenseitig zu kraulen. Die nachtaktiven, scheuen Gesellen haben durch YouTube traurige Berühmtheit erlangt. Viele Menschen fanden es witzig, die Kleinen zu „kitzeln“. In einem Abwehrmechanismus reißen Plumploris die Arme nach oben, was für uns lustig aussieht. Für die Plumploris ist es jedoch Stress pur.

Plumplori © IAR

Plumplori © IAR

Infolge der „Kuschelvideos“ im Internet wollten viele Menschen einen Plumplori als Haustier haben. Die Tiere wurden zu tausenden aus der Natur gerissen und in Käfige gesteckt, wo sie nach wenigen Wochen starben. Züchten lassen sich Plumploris kaum. Zum Glück konnte Pro Wildlife die Reißleine ziehen und 2007 ein internationales Handelsverbot für die Affen erreichen. Damit die Behörden illegal gehandelte Tiere auch konfiszieren können, ist eine Auffangstation nötig, in die die Äffchen gebracht werden können. Deshalb unterstützt Pro Wildlife bereits seit 2007 die Plumplori-Station von IAR Indonesien in Ciapus bei Jakarta. 195 Tiere leben im Moment hier, gut 50 von ihnen können wieder ausgewildert werden. Die anderen müssen leider in der Station bleiben.

Plumplori © IAR

Plumplori © IAR

Da Plumploris mit ihren spitzigen Eckzähnen giftiges Sekret übertragen, werden ihnen häufig vor dem Verkauf die Zähne abgeknipst. Sie entwickeln schmerzhafte Entzündungen und können ohne ihre Zähne in der Wildnis nicht mehr überleben. Deshalb leben diese Tiere dauerhaft bei IAR in der Station.

Händler reißt einem Plumplori die Eckzähne aus © IAR

Händler knipst einem Plumplori die Eckzähne aus © IAR

Der konstante Einsatz über so viele Jahre scheint Früchte zu tragen, denn bei unserem Besuch der Wildtiermärkte in Jakarta haben wir keine Plumploris gefunden. Richard, der Verantwortliche bei IAR für das Plumplori Projekt, bestätigt, dass der Haustierhandel mit den Tieren allmählich zurückgeht. Allerdings gibt es viele weitere Bedrohungen: In Teilen Südostasiens werden Plumploris für Touristen als Fotoobjekt gefangen. Wenige Klicks auf Instagram genügen, um dutzende Urlauber mit Plumploris am Strand zu finden. Diese Tiere stammen ausnahmslos aus der Wildnis, und sie überleben nicht lange. Jeder Tourist, der ein Foto mit den Tieren macht, nimmt das Leid des Tiers in Kauf und trägt direkt zur Gefährdung der Art bei. 

Sonntag, 27. Oktober: Die Wildtiermärkte von Jakarta

Menschen lieben Haustiere. Das ist nicht nur bei uns in Deutschland so. Auch in Indonesien sind die tierischen Alltagsbegleiter beliebt. Das Problem: In Indonesien (und im Übrigen auch bei uns in Europa) stammen viele „Haus“tiere aus der Wildnis. Verkauft werden sie auf Märkten und zunehmend auch im Internet, vor allem über Instagram. Richard Moore von IAR Indonesia zeigt mir einige der Märkte in Jakarta und macht auf die dringendsten Probleme aufmerksam.

Schildkröten auf dem Markt in Jakarta (c) Sandra Henoch / Pro Wildlife

Schildkröten auf dem Markt in Jakarta © Sandra Henoch / Pro Wildlife

Wir werden häufig gefragt, was denn das Problem an einem exotischen Haustier im Vergleich zu einer domestizierten Art wie Hund oder Katze ist. Es gibt viele Probleme, doch eins der wichtigsten ist der Artenschutz. Wenn tausende Menschen ein bestimmtes Wildtier, insbesondere ein Reptil, Amphibium, Vogel oder Fisch haben wollen, werden diese Tiere einfach aus der Natur genommen; manchmal zu hunderttausenden. Dieses Problem sehen wir besonders gravierend auf dem Pramuka Pet Market. Tausende Singvögel, aus den Wäldern gerissen und in winzige Käfige gesperrt, vegetieren hier vor sich hin. Der Gestank ist bestialisch, auf einigen Käfigböden liegen tote Vögel, der Lärm ist ohrenbetäubend. Singvögel haben für die Indonesier eine besondere Bedeutung. Sie treffen sich für Wettbewerbe und bringen den Vögeln bestimmte Melodien bei. Wer etwas auf sich hält, hat einen Singvogel in einem Käfig.

Vögel auf dem Markt in Jakarta (c) Sandra Henoch / Pro Wildlife

Richard erzählt mir, dass die Wälder inzwischen leer und leise sind, weil kaum mehr Vögel übrig sind. Inzwischen landen häufig Arten im Handel, die aus großer Höhe in den Bergen stammen, weil die Fänger in den tiefer gelegenen Wäldern nicht mehr fündig werden. Was das für die Verbreitung von Mücken und anderen Insekten bedeutet, lässt sich schnell erahnen. Die Fänger gehen auf ihrer Jagd nicht zimperlich vor. Sie nutzen entweder Netze oder Leimfallen, um an die Tiere zu kommen.

Vögel auf dem Markt in Jakarta (c) Sandra Henoch / Pro Wildlife

Vögel sind aber nicht die einzigen Leidtragenden. Auf diesem und einigen anderen Märkten sehen wir zahllose Tierarten, die als Haustiere verkauft werden. Kleine Affen, Schleichkatzen, Leguane und vor allem Schmuckschildkröten sind der Hit bei den Käufern. Auch Schlangen finden sich in der Auslage. Ich habe das Gefühl, dass das Leben aus Indonesiens Regenwäldern hier auf der Straße zum Verkauf steht.

Affen auf dem Markt in Jakarta (c) Sandra Henoch / Pro Wildlife

Affen auf dem Markt in Jakarta (c) Sandra Henoch / Pro Wildlife

Was wir nicht sehen, sind Plumploris. Früher wurden die scheuen, nachtaktiven Tiere häufig auf diesen Märkten gehandelt. Doch seit wir dafür gesorgt haben, dass sie unter strengen Schutz gestellt werden und unsere Partner zunehmend Druck vor Ort ausüben, sind sie von den Märkten quasi verschwunden. Allerdings werden sie noch immer illegal im Internet verkauft.

Sollten Sie jemals einen der Wildtiermärkte in Asien besuchen, bitte kaufen Sie kein Tier frei! Auch wenn es Ihnen das Herz bricht: Wenn Sie ein Tier aus diesen furchtbaren Bedingungen retten, werden zwei neue dafür gefangen.

Samstag, 26. Oktober: Der Palmöl-Kreislauf

Schon nach sehr kurzer Zeit, die ich auf Borneo verbracht habe, fallen mir die riesigen Plantagen ins Auge. Palmöl ist hier bei unseren Partnern vor Ort ein allgegenwärtiges Gesprächsthema. Es hat viele Namen und Gesichter. Das billige Fett kann sich hinter kryptischen Bezeichnungen wie Cetearyl Alcohol, Ethylpalmitat und Natriumlaurylsulfat verbergen. Es versteckt sich in Keksen, Waschmittel und Diesel und es frisst wie kaum ein anderer Rohstoff im Moment ursprüngliche Wälder in großer Geschwindigkeit. Was ist das Problem mit dem Palmöl?

Die Wälder in Südostasien und insbesondere auf den Inseln Indonesiens und Malaysias sind extrem artenreich. Orang-Utans, Tiger, Elefanten, Tarsiere, Plumploris, Otter…hier sind extrem viele Spezies auf den Lebensraum Wald angewiesen. Mit dem Start des Palmöl-Booms vor gut fünfzehn Jahren wurden diese Wälder abgeholzt, um Fläche für die Plantagen zu schaffen. So weit, so bekannt; denn Wälder werden weltweit für die Landgewinnung abgeholzt. Selbst in Europa müssen die letzten intakten Wälder weichen, um das Holz für Pappbecher oder Billigmöbel zu gebrauchen.

Rodung für Palmöl © IAR

Das Problem in Indonesien ist jedoch deshalb so gravierend, weil eine so große Anzahl an bedrohten Tieren ihren Lebensraum verliert. Stellen wir uns einmal die Entstehung einer Palmölplantage in ehemals intaktem Wald vor. Die Arbeiter holzen große Flächen Wald ab. In den Bäumen und auf dem Boden der Wälder leben Tiere wie Orang-Utans. Sie fliehen vor den Baggern in andere Waldgebiete. Damit die Bagger vorrücken können, müssen Straßen gebaut werden. Es werden also Schneisen in den Wald geschlagen, während sich die Bagger fortbewegen. Die Wälder werden so zerstückelt. Für die Menschen wird es immer einfacher, in die verbliebenen Wälder einzudringen. Illegale Rodungen in den Restwäldern nehmen zu und die Menschen, die hier illegal Holz schlagen, verbringen oft Wochen im Wald und jagen, um Essen zu finden. Wenn auch von der anderen Seite schweres Gerät anrückt, enden die verbliebenen Tiere auf kleinen Waldinseln. Sie finden nicht genug Nahrung und vor allem Orang-Utans kommen dann aus den Wäldern, um die Setzlinge der Plantagen zu fressen. Es geht um viel Geld und die Plantagenbesitzer kennen häufig keine Gnade. Sie fangen die Tiere und erschlagen sie oder schießen sie ab. Sind es Mütter mit ihren Babys, nehmen sie die Kleinen an sich und verkaufen sie als Haustier.

Orang Utan © Sandra Henoch / Pro Wildlife

Mit zunehmendem Druck durch die Rodungen kommen immer mehr Orangs in die Plantagen. Der restliche Wald wird immer leerer. Die verbliebenen Tiere sind zu wenige, um die Population gesund zu erhalten und es findet kein Austausch mehr statt, da die Tiere nicht mehr von einer Waldinsel zur anderen gelangen. Auf lange Sicht werden die Tiere auf ihrer Waldinsel so nicht überleben.

Ein Orang-Utan ist auf einem Baum gestrandet

Was sollen wir also tun? Es gibt beim Schutz der Orang-Utans leider nur eine Antwort: Verzichten. Die einzige Möglichkeit, den Orang-Utans, Tigern, Elefanten und anderen Tieren in Indonesien zu helfen, ist der Verzicht auf Palmöl. Das ist natürlich eine Mammutaufgabe, denn wie bereits erwähnt, ist Palmöl in vielen Produkten und unter unterschiedlichen Namen zu finden. Palmöl muss endlich einheitlich gekennzeichnet werden. Nur so können die Verbraucher selbst entscheiden, ob sie ein Produkt mit Palmöl kaufen wollen oder nicht. Wir müssen weniger Auto fahren, denn wir blasen den Urwald Indonesiens buchstäblich aus unserem Auspuff. Außerdem brauchen wir endlich ein System, mit dem Plantagenbesitzer zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie sich nicht an die Spielregeln halten. Denn im Moment prangen zwar alle möglichen Siegel auf den Produkten, von RSPO über Fair Trade bis Bio ist bei Palmöl alles zu finden. Die Verbraucher sollen so ein gutes Gefühl bekommen. Doch diese Siegel sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind. Die Besitzer der Plantagen werden unzureichend oder gar nicht überwacht, sie roden weiter Land oder nutzen einfach den Wald, der gerade abgebrannt ist. Ganz nach dem Motto: Ist ja eh schon kaputt.

Palmöl_Indonesien © IAR

Palmölplantage in Indonesien © IAR

Es ist utopisch, anzunehmen, dass das Geschäft mit dem billigen Schmierstoff ganz zum Erliegen kommen wird. Er ist billig, leicht anzubauen und bringt nicht zuletzt dringend benötigte Arbeitsplätze in die Region. Wir können aber das weitere Vordringen der Plantagen verhindern. Noch gibt es Wälder, in denen die Tiere überleben können. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Freitag, 25. Oktober: Neubeginn nach dem Feuer

Indonesien wurde vor wenigen Wochen von verheerenden Feuern heimgesucht. Auch ein Stück Wald, das nach den Bränden von 2015 wieder aufgeforstet werden sollte, wurde erneut in Mitleidenschaft gezogen. Der Wald von Pematang Gadung ist besonders wertvoll, denn obwohl er recht klein ist, beherbergt er mehrere hundert Orang-Utans, Gibbons, Tarsiere und viele andere Tiere. Unsere Partner International Animal Rescue haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Wald zu erhalten und gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu schützen.

 

Zwei Stationen im Torfsumpfwald sollen dafür sorgen. Zum einen die Wiederaufforstungs-Station, die vor wenigen Wochen erneut fast abgebrannt wäre. Hier werden Setzlinge eingepflanzt, gepflegt und ihr Wachstum überwacht. In der zweiten Station tiefer im Wald werden Daten gesammelt. Außerdem patrouillieren die Mitarbeiter von dort aus regelmäßig durch den Urwald.

Dieser Wald ist bereits in der Vergangenheit Opfer der Brände geworden. Denn Minenbetreiber und andere Firmen in der Umgebung legen den Sumpf trocken, um das Land in unmittelbarer Nähe des Waldes nutzbar zu machen. Als das Gebiet 2015 in Flammen stand, verlor das IAR Team große Waldgebiete, weil die Bekämpfung der Brände in dieser abgelegenen Gegend so schwierig war. Torf brennt sehr gut und ist schwer zu löschen, wenn er trocken ist. In der Trockenzeit regnet es oft wochenlang nicht. Die Brände auf Borneo waren damals so schlimm, dass von außerhalb kaum mehr etwas auf die Insel kam. So gab es auch kein Benzin mehr für die Generatoren, die die Wasserpumpen antreiben sollten; ein Teufelskreis. Der Großteil des IAR-Teams war damit beschäftigt, die Auffangstation vor den Flammen zu retten, und die Koordination mit lokalen Helfern war schwierig.

In diesem Jahr jedoch lief Vieles besser. Das Team war vorbereitet, die Kräfte konnten besser eingesetzt werden. Und zum Glück waren die Brände nicht so schlimm wie 2015. Dennoch, für viele Orang-Utans in der Provinz West-Kalimatan hatten sie schlimme Folgen, so dass das IAR-Team insgesamt sieben Tiere aus ihrer Not retten musste. Sie wurden vom Feuer abgeschnitten, strandeten auf Bauminseln und mussten gerettet werden. Nach einem medizinischen Check konnten sie zurück in intakte Waldstücke.

Donnerstag, 24. Oktober: Ankunft bei den Orang-Utans

Plötzlich steht der Orang-Utan vor mir und schaut mich an. Ich schaue zurück. Irgendwie wissen wir beide nicht genau, was wir jetzt machen sollen. „Es ist Essenszeit“, erklärt Gail von International Animal Rescue (IAR). „Sie warten auf ihre Ration Früchte.“ Der kleine Menschenaffe lebt gemeinsam mit Artgenossen auf einem „Insel“ genannten Areal im natürlichen Wald. Sechs solcher Areale gibt es und die meisten Tiere verbringen Tag und Nacht hier draußen. Hier werden sie auf ein Leben in Freiheit vorbereitet. Das bedeutet: Nest bauen lernen, Früchte sammeln lernen, Sozialkontakte lernen. All das hätten ihre Mütter ihnen beibringen sollen, doch Wilderer haben ihnen diese Möglichkeit genommen. Was eigentlich die Aufgabe der Orang-Mütter wäre, übernehmen nun Menschen.

Orang-Utan Borneo

Gail rechnet vor, dass es im Schnitt etwa sieben Jahre und 150 bis 200 Menschen braucht, um einen geretteten Orang-Utan zurück in die Freiheit zu bekommen. Dazu zählen natürlich Tierpfleger und Veterinäre, aber auch Mitarbeiter, die Zäune bauen und vor allem diejenigen, die von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang bei den Orangs im Wald bleiben. Sieben (!) Jahre und 200 (!) Menschen! Die Dimensionen und der Kraftakt sind unvorstellbar. Und all das nur, weil die Mütter der Jungtiere getötet wurden. Wenn die Tiere noch klein sind und zu unseren Partnern von IAR kommen, haben sie eine gute Chance, wieder ausgewildert zu werden. Pro Jahr schaffen das etwa zehn Tiere, 99 leben im Moment in der Station. Das Team entscheidet gemeinsam, wer für ein Leben in der Wildnis geeignet ist.

 

Haben die Kleinen den Kindergarten und die Baumschule gut gemeistert, dürfen sie auf eine der Inseln ziehen. Sie werden auch dort noch gefüttert, aber weniger als vorher, damit sie lernen, selbst Essen zu suchen. Sie werden außerdem von den Menschen entwöhnt und eines der Kriterien für einen geeigneten Auswilderungskandidaten ist das Interesse an Menschen. Tendiert dies gegen Null, ist das ein gutes Zeichen. Denn natürlich will das Team künftige Konflikte mit Menschen vermeiden. Einige Orang-Utans können leider nicht zurück in die Freiheit. Sie waren bereits zu alt, als sie gerettet wurden. Sie verbringen ihr Leben möglichst artgerecht in der Station.

Viele der Schützlinge hier sind ehemalige „Haustiere“. Doch das Palmöl spielt auch bei diesem Handel eine Rolle. Es wird ein Stück Wald gerodet, die Tiere müssen in die Plantagen gehen, um nicht zu verhungern. Erwachsene Tiere werden häufig getötet, manchmal äußerst grausam. Die Kleinen werden dann als „Haustiere“ gehandelt. Mir wird erzählt, dass es bereits vorkam, dass ein Baby-Orang-Utan gegen eine Tankfüllung fürs Moped eingetauscht wurde. Mit den Plantagen kommt außerdem Infrastruktur, es werden Straßen gebaut und Schneisen in den Wald geschlagen. Wilderer und Jäger haben dann leichtes Spiel.

Sandra Henoch (links), mit Dr. Adi Irawan und Gail Campbell-Smith vom IAR Team

Mittwoch, 23. Oktober: Über den Wolken

Heute war ich fast den ganzen Tag unterwegs, um zumindest in die Nähe der Orang-Utan-Auffangstation auf Borneo zu kommen. Vom Flugzeug aus sah ich, wie verheerend die Palmöl-Plantagen in den Urwald einschneiden.

Natürlich weiß ich von den Plantagen. Aber sie mit eigenen Augen zu sehen, hat mich sehr traurig gemacht. Die Plantagen breiten sich immer weiter aus und nehmen so den Wildtieren den dringend benötigten Lebensraum. Morgen werde ich die direkten Auswirkungen in der Station sehen, denn die meisten Tiere dort sind Opfer des Palmöl-Booms.

Dienstag, 22. Oktober: Wildtiere als Entertainer

Bevor ich mich nach Borneo zu den Orang-Utans aufmachen kann, muss ich eine Zwangspause in Indonesiens Hauptstadt Jakarta einlegen, da es keine direkte Flugverbindung von Deutschland nach Borneo gibt. In Jakarta bleibe ich einen Tag, den ich nutze, um eines der berüchtigten Delfinarien Indonesiens zu besuchen.

In Indonesien gibt es unzählige Einrichtungen mit Wildtieren: Dort leiden Elefanten, Affen, Delfine und viele andere Tiere für das zahlende Publikum. Ich besuche das Ocean Dream Samdura und das Sea World in Jakarta. Sie werden wie eine Art Freizeitpark betrieben und als Mischung aus Zoo und Zirkus beworben. Im Ocean Dream findet mehrmals täglich eine Show mit Delfinen statt, eine andere Vorführung gibt es außerdem mit Seelöwen und Ottern.

Zuerst werden die Otter vorgeführt, die in Asien zu beliebten Haustieren avanciert sind und so ausufernd im Internet und auf Märkten gehandelt werden, dass sie inzwischen bedroht sind. Auf der vergangenen Konferenz des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) konnten wir besseren Schutz für die Tierchen durchboxen, doch hier werden sie weiterhin vorgeführt. Offenbar ausgehungert betteln sie ständig um Futter und zeigen alle möglichen Tricks, um Fisch zu bekommen.

Otter „Show“ im Ocean Dream © Pro Wildlife

Danach müssen zwei Seelöwen Tricks zeigen, ganz Klischee mit Bällen auf den Schnauzen und durch Reifen springend. Das Publikum, das fast nur aus Kindern besteht, klatscht begeistert. Ich bin die einzige Weiße Touristin auf den Rängen, doch das soll nicht über den Fakt hinwegtäuschen, dass im Internet auch von deutschen und europäischen Touristen gute Bewertungen für diese Einrichtung abgegeben wurden.

Seelöwe als Attraktion © Pro Wildlife

Zum Schluss kommt der Höhepunkt, die Delfin-Show. Ich konnte auf einen Blick hinter die Kulissen mindestens vier Delfine zählen. Woher sie stammen, lässt sich nur vermuten. Doch vermehren werden sich die Tiere in diesen Betonbecken eher nicht; wahrscheinlich stammen sie aus freier Wildbahn. Das Wasser ist dreckig, die Becken sind winzig. Die Delfine werden für „Therapie“ eingesetzt, Kinder dürfen mit ihnen schwimmen und Fotos mit ihnen machen. Bei der Show müssen die Tiere unter ohrenbetäubendem Lärm die üblichen Mätzchen machen, inklusive Reifensprung und sich von den Kindern anfassen lassen.

Delfin-Show im Minibecken © Pro Wildlife

Als wäre das nicht schlimm genug, besuche ich nach dem Ocean Dream noch das direkt daneben liegende Sea World. Dort entkommt mir ein leises „meine Güte“, als ich drei riesige Meeresschildkröten in einem winzigen Glasbecken sehe. „Touch Tank“, Anfass-Becken, steht darüber. Und von diesem Angebot machen viele Menschen Gebrauch. Die Tiere können nicht fliehen, sie werden im Minutentakt angefasst, angehoben und geschüttelt. Das Schicksal teilen sie sich mit Baby-Haien und Seesternen. Die ganze Aquarien-Anlage ist für europäische und besonders für Tierschützermägen schwer zu ertragen, gerade in Verbindung mit der unsäglichen Delfinshow vorhin.

 

Die beiden Anlagen in Jakarta sind sicher keine Publikumsmagneten für ausländische Touristen. Doch sie stehen symbolisch für all die Einrichtungen, die auch deutsche Touristen besuchen; in Indonesien, Südostasien oder weltweit. Es sei nur an die bei deutschen Urlaubern beliebten Hotelanlagen in Mexiko und der Türkei erinnert, in denen Delfine ihr trauriges Dasein in Pools fristen müssen. Bitte, unterstützen Sie dieses Geschäft nicht. Kaufen Sie keine Tickets und klären Sie die Menschen in Ihrem Umfeld auf.

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Lebensraumverlust © International Animal Rescue

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