Wale als Spielball der Politik

28. Juni 2019.

Ein Zustandsbericht aus Hoffen und Bangen.

Japan, Island, Norwegen, Russland – die Infos zu Walen aus diesen vier Ländern überschlagen sich gerade. Anlass genug, die neuesten Entwicklungen zu sortieren und zu kommentieren:

Am 29. und 30. Juni tagte der G20-Gipfel, zum ersten Mal in Japan – einem Gastgeber, der gerade die internationale Konventionen mit Füßen tritt und ab 1. Juli auf kommerzielle Waljagd gehen will. Die G20-Regierungschefs wurden von Prominenten und 100 Tier- und Artenschutzverbänden aus aller Welt aufgefordert, gegen den kommerziellen Walfang vorzugehen. Ob sie das tun? Verdient hätten es alle drei Länder, die noch des Mammons wegen Meeresriesen mit Explosivharpunen beschießen: Island, Norwegen – und eben Japan.

Japan: Künftig eine Art „ehrlicher Piratenwalfang“?

Um dem verhassten weltweiten kommerziellen Walfangverbot zu entrinnen, hat Japan Ende 2018 seine Mitgliedschaft bei der Internationalen Walfangkommission (IWC) aufgekündigt. Mit sechsmonatiger Kündigungsfrist – ganz so, als handele es sich dabei nur um einen Fitnessstudio-Vertrag. Ab Juli 2019 will das Land aus Fernost also ganz offiziell auf kommerzielle Waljagd gehen. Zwar wurden auch schon die letzten 32 Jahre harpunierte Wale noch auf dem Fabrikschiff Nisshin Maru in Supermarkt-taugliche Pakete zerlegt und eingefroren; nur musste Tokio dies bislang als „Wissenschaft“ deklarieren, um die IWC-Vorschriften zu wahren. Die Nisshin Maru trug sogar ein Banner mit der zynischen Aufschrift „legal research“ (zu deutsch: „legale Wissenschaft“, siehe Foto).

Walfang in Japan, Walfänger © Australian Customs and Border Protection Service

Japanischer Walfänger © Australian Customs and Border Protection Service

32 Jahre legte Japan also der IWC angebliche Forschungsergebnisse vor, die so mau oder gar hanebüchen waren, dass sie es nicht in die ernsthafte Fachliteratur schafften. Nach 32 Jahren der Lügen künftig also mehr Ehrlichkeit – aber eben auch Piratenwalfang, weil außerhalb der zuständigen Konvention… Mit dem Verlassen der IWC stellt sich Japan im Artenschutz endgültig ins Aus, auch wenn es künftig nicht mehr auf hoher See und auch nicht mehr im Antarktis-Schutzgebiet auf die Jagd gehen will. Ob Japan diesen schroffen und ignoranten Kurs dauerhaft einhalten kann, wird sich zeigen. Hoffnung gibt die Tatsache, dass in den letzten 55 Jahren der Walfleischkonsum in Japan um 99 Prozent zurückgegangen ist.

Island: Zum ersten Mal seit 17 Jahren ohne Walfang

Während alle Welt entsetzt auf Japan schaut, reißen die guten Nachrichten aus Island gerade nicht ab: Zunächst erfuhren wir, dass sich der einzige Finnwalfänger der Welt, Fischerei-Millionär Kristjan Loftsson, bei seiner Regierung in die Nesseln gesetzt hat: Denn nach zwei Jahren Fangpause (2016/2017) war er 2018 wieder auf Finnwaljagd losgezogen – doch durch diese Pause war seine Fischerei-Lizenz erloschen; damit verstieß er gegen die Vorgaben seiner Regierung. Dumm, wenn man gerade wieder den Persilschein fürs aktuelle Jahr beantragt.

Walfang Island

Finnwaljagd, Island © Dagur Brynjólfsson

Und tatsächlich: Anfang Juni verkündete Loftssons Kapitän, man würde dieses Jahr die Finnwaljagd sein lassen, die Genehmigung sei zu spät gekommen, das lohne sich nicht mehr. Unsere Quellen sagen da etwas anderes: Loftsson wurde offenbar die Genehmigung verweigert. Wegen seiner Jagd ohne Lizenz in 2018? Oder weil eine neue Studie zeigt, dass die angeblich ach so blühenden Finnwalbestände im Nordatlantik in Wahrheit wohl deutlich kleiner sind? Ende Juni dann kam es noch besser: Die Fischer, die eine Sondergenehmigung zur Zwergwaljagd haben, verkündeten, dass sie in diesem Jahr auf die Jagd verzichten. Die Nachfrage nach Walfleisch sei zu gering, es würde sich nicht lohnen. Damit bleiben die Wale vor Island zum ersten Mal seit 2003 verschont, 2019 also bis zu 209 Finnwale und 2017 Zwergwale gerettet. So sind wir unserem Ziel, die Waljagd in Island zu beenden, einen wichtigen Schritt nähergekommen.

Norwegen – ist da was?

Fast unbemerkt hat Norwegen seit Beginn der diesjährigen Walfangsaison bereits 201 Zwergwale getötet, ohne dass dies für internationale Aufregung gesorgt hätte. Zwar sind dies weniger als die 247 Tiere im Vorjahr im gleichen Zeitraum, aber noch immer 201 Meeressäuger zu viel.

Walfang Norwegen © Michael Tenten

Walfang Norwegen © Michael Tenten

Norwegen ist ein reiches Land, mit riesigen Öl-, Gas- und Aluminiumreserven und boomenden Fischexporten. Walfleisch braucht dort niemand. Umso mehr müssten eigentlich die internationalen Proteste auf Norwegen einprasseln. Doch weit gefehlt: Die Kritik ist verhalten, findet teils im Verborgenen statt (wie 2018 eine Demarche, die die EU still und heimlich an den norwegischen Botschafter überreichte). Man kann jetzt spekulieren, ob es sich die EU-Länder mit ihrem Gas- oder Fischlieferanten einfach nicht verscherzen wollen oder ob dies andere Gründe hat. Unsere Forderung, die Internationale Walfangkommission würde endlich eine deutliche Resolution gegen den kommerziellen Walfang von Norwegen, Island und Japan verabschieden, ist bislang jedenfalls erfolglos.

Russland schließt sein „Walgefängnis“

Ende 2018 lösten Drohnen-Aufnahmen aus der russischen Kleinstadt Nakhodka weltweite Schlagzeilen aus: Die Bilder zeigten mehr als 100 Orcas und Weißwale (Belugas), die in winzigen Netzgehegen zusammengepfercht ausharrten. Eingefangen für Delfinarien in China, viele von ihnen noch Jungtiere, alle aus ihrem Familienverbänden herausgerissen. Den Winter über verschwanden mindestens drei Belugas und ein Orca – offenbar Opfer der schlechten Haltungsbedingungen. Der Aufschrei war groß, Pro Wildlife und andere Verbände starteten Petitionen. In den Folgemonaten machte Russlands Präsident Putin das „Walgefängnis“ zur Chefsache, löste strafrechtliche Ermittlungen gegen die Betreiber aus und verordnete die Wiederauswilderung.

 

Im Juni war es nun für die ersten Tiere so weit: Am 23. Juni wurden zwei Orcas und sechs Belugas in Wannen verfrachtet, auf Trucks geladen und 1.800 km gen Osten transportiert, um sie dort auszusetzen, wo ihre Familienverbände vermutet werden. Eigentlich ein Grund zum Jubeln, wären sie besser auf die Auswilderung vorbereitet worden: Sind sie nach der langen Strapaze fit genug für ein Leben im freien Meer? Können sie überhaupt schon eigenständig Fische fangen? Russland muss deshalb aktuell wieder Kritik einstecken – und es bleibt zu hoffen, dass man aus den Fehlern lernt und die anderen 80 Tiere besser vorbereitet. Aber immerhin: Das unsägliche Walgefängnis wird bis Oktober komplett geleert. Unsere Petition soll helfen, ein Fangverbot durchzusetzen, so dass in Russland nie wieder Orcas oder Belugas für die Vergnügungsindustrie eingefangen werden.

Weitere Informationen

Petition

Russland ist das einzige Land der Welt, dass lebende Orcas und Belugas für Delfinarien exportiert.

» Appell an Russland: Stoppt den Fang für Delfinarien verbieten!

Walfang Japan

Walfang Japan

Warum ist Japan aus der IWC ausgetreten?

» Japan verlässt IWC

Walfang Australian Customs and Border Protection Service

Japanischer Walfänger

Hintergrund: Walfang in Japan (Foto © Australian Customs and Border Protection Service)

» Walfang in Japan

Finnwaljagd 2019

Fehlende Lizenzen und Skandale zwingen Kristjan Loftsson zur Pause.

» Keine Finnwaljagd 2019 in Island

Walfang Island

Islands Regierung erlaubt den Fang von Zwergwalen als Nebenerwerb für Fischer, gibt aber auch einem Millionär das Monopol auf das Töten der zweitgrößten Tierart der Welt, den Finnwal.

» Hintergrund: Walfang in Island

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