Töten für den Hauptpreis

05. April 2019.

Die grausame Welt der Jagdwettbewerbe

Dutzende tote Kojoten liegen auf einem Haufen im Schnee. Daneben stehen freudestrahlend ein paar Jäger. Sie sind die Gewinner eines sogenannten „Wildlife Killing Contests“. Wer bei diesen Jagdturnieren das größte, schwerste oder die meisten Tiere tötet, bekommt einen Preis. Die Preise reichen von Bargeld über Autos bis zu Sturmgewehren und teilweise gibt es extra Gewinne für teilnehmende Kinder. Solche Jagdwettbewerbe findet man in Deutschland nicht, da sie nicht unserem Tierschutzgesetz entsprechen. In anderen Ländern ist derartiges Wetttöten oder Wettjagen allerdings an der Tagesordnung. In den USA sind Wildlife Killing Contests bisher nur in einem von 50 Bundesstaaten komplett verboten, nämlich in Kalifornien. New Mexiko, Vermont, Maryland und Colorado haben zumindest Einschränkungen, was die Arten oder die Anzahl der getöteten Tiere angeht. Nichtsdestotrotz, im Großteil aller US-Bundesstaaten gibt es keine gesetzliche Regulierung für die Tötungswettkämpfe, dem jährlich tausende Kojoten, Füchse, Rotluchse, Präriehunde, Hasen, Eichhörnchen, Krähen, Klapperschlangen und sogar Haie zum Opfer fallen.

Kojoten sind oft Ziel von Jagdwettbewerben

Kojoten sind oft Ziel von Jagdwettbewerben

Der alte Konflikt zwischen Mensch und Raubtier

Eine Gemeinsamkeit fällt bei fast allen dieser Wettbewerbe auf: Die Ziele sind größtenteils Raubtiere oder Tiere mit historisch schlechtem Ruf. Wo Wolf, Luchs und andere Raubtiere bei uns noch relativ selten und deshalb streng geschützt sind, gibt es in Nordamerika noch deutlich mehr dieser Tiere. Dies führt zu Konflikten mit Jägern und Nutztierhaltern. Das veraltete Bild von Raubtieren als Pest und ständiger Gefahr für Vieh und Mensch ist in manchen Gegenden Nordamerikas immer noch sehr verbreitet. Viele dieser Wettbewerbsjagden, vor allem auf Kojoten, sind regelrechte Massenveranstaltungen mit hunderten Teilnehmern, die auch ungeübte und jüngere Jäger anziehen. Das führt dazu, dass Schüsse oft ungenau sind und die Tiere erst mit Verzögerung töten. Angeschossene Tiere leiden deshalb oft unnötig, was es bei der Jagd eigentlich zu vermeiden gilt. Die Jäger setzen zudem Hilfsmittel ein, die den Notruf eines Jungtieres oder potenziellen Beutetieres nachahmen. Das Geräusch lockt die Kojoten aus ihrer Deckung und direkt ins Fadenkreuz des Jägers. Von einer „Jagd“ kann hier kaum die Rede sein.

Wettjagden ziehen auch ungeübte Jäger an

Wettjagden ziehen auch ungeübte Jäger an

Nicht nachhaltig, unreguliert und grausam

Einige der Tierarten, wie zum Beispiel Wölfe und Kojoten, haben sehr starke Sozialstrukturen, die nach dem Verlust eines Familienmitglieds durch die Jagd empfindlich gestört werden. Rudel verlieren ihre Rudelführer, Jungtiere ihre Elterntiere. Wettjagden führen daher dazu, dass einzelne Tiere sich neue Gruppen oder Territorien suchen müssen und auf ihren Wanderungen zwangsläufig mit Nutztieren, Haustieren oder Menschen in Kontakt kommen. Ein weiterer schwerwiegender Kritikpunkt ist, dass die getöteten Tiere nicht weiterverarbeitet werden. Das Fleisch von Raubtieren wird nur selten gegessen und die Tiere daher nach dem Wettbewerb einfach weggeworfen. Da Kojoten in den USA noch relativ häufig vorkommen, sind sie zudem gesetzlich vollkommen ungeschützt. Die Organisatoren der Wettbewerbe brauchen oft weder eine bestimmte Genehmigung vom Staat, noch müssen sie angeben, wie viele Kojoten getötet wurden. Es dürfen so viele getötet werden wie möglich und mit Methoden, die in Deutschland undenkbar wären. So werden Kojoten in Wyoming und Montana zum Beispiel bis zur Erschöpfung mit Schneemobilen gejagt und anschließend überfahren. Diese grausame Art der Jagd nennt sich „Coyote Whacking“.

Jagdwettbewerbe können Rudel und Familien auseinanderreißen

Jagdwettbewerbe können Rudel und Familien auseinanderreißen

Verbot der Kuhnasenrochenjagd auf Druck von Pro Wildlife

Aber es sind nicht nur die klassischen Raubtiere, die diesen Veranstaltungen zum Opfer fallen. Im US-Bundesstaat Maryland wurde 2017 die Wettjagd auf Kuhnasenrochen mit Pfeil und Bogen verboten. Bevor dieses Gesetz verabschiedet wurde, gab es in Maryland mehrere Turniere, bei denen Preise für die schwersten Rochen vergeben wurden. Die Wettjagden fanden statt, um die Austern- und Muschelindustrie in der Chesapeake Bay angeblich zu schützen. Wissenschaftliche Belege für einen Einfluss der Rochen auf sinkende Muschel- und Austernzahlen gab es allerdings nicht. Auch aus ethischen Gesichtspunkten waren die Jagden extrem verwerflich: Der Einsatz von Pfeil und Bogen zur Jagd ist extrem umstritten und in Deutschland weitgehend verboten. Die Jäger malträtierten die Rochen zudem mit Knüppeln und die Tiere, die diese Tortur überlebten, starben einen langsamen Erstickungstod. Darüber hinaus töteten die Teilnehmer gezielt trächtige Weibchen, da diese durch das extra Gewicht der Jungtiere im Mutterleib eine bessere Chance auf den Gewinn brachten. Das Verbot dieser Wettjagden wurde 2017 auf Druck von Pro Wildlife und amerikanischer Tier- und Artenschutzverbände erlassen und hat auch weiterhin Bestand. Dies ist ein wichtiger Erfolg für den Schutz der Kuhnasenrochen.

Kuhnasenrochen wurden lange mit Pfeil und Bogen gejagt

Kuhnasenrochen wurden lange mit Pfeil und Bogen gejagt

Helfen Wolfsjagden den Karibus in Kanada?

Die USA sind aber nicht das einzige Land, in dem solche Jagdturniere stattfinden. Auch in der kanadischen Provinz British Columbia gibt es ähnliche Wettbewerbe. In einem dieser Wettkämpfe bekommt man beispielsweise drei Punkte für einen getöteten Wolf oder Puma, zwei Punkte für einen Kojoten und einen Punkt für einen Waschbär. Wer die meisten Punkte erzielt, bekommt 50 Prozent des eingenommenen Startgeldes. Die Organisatoren rechtfertigen dieses Wetttöten mit den steigenden Wolfszahlen, die ihrer Ansicht nach für die sinkenden Karibu-Bestände verantwortlich sind. In Wirklichkeit ist der Hauptgrund für die Rückgänge allerdings die Erschließung und Zerstörung von Karibu-Habitat durch die Holzwirtschaft. In diesem Zuge entstanden neue Forststraßen, die auch die Wölfe benutzen und ihnen Zugang zu vorher unerreichbaren Karibu-Populationen bieten. Viele Jäger sehen sich daher als die letzte Rettung für die Karibus und als Kontrollmechanismus für Wölfe. Allerdings ist diese Art der Kontrolle weder wissenschaftlich fundiert noch human. Pro Wildlife forderte deshalb in einem offiziellen Brief das zuständige Ministerium von British Columbia, die Wildlife Killing Contests gesetzlich zu verbieten.

Wölfe werden für den Rückgang der Karibus verantwortlich gemacht

Wölfe werden für den Rückgang der Karibus verantwortlich gemacht

Massenjagden sind keine Populationskontrolle

Also warum existieren immer noch so viele dieser abscheulichen Wettbewerbe? Während Jagdkultur und eine lang geschürte Angst vor Raubtieren sicherlich eine Rolle spielen, geben Veranstalter immer wieder Bestandskontrolle und Vermeidung von Attacken auf Nutztiere als Rechtfertigung an. Allerdings haben Studien gezeigt, dass Massentötungen kein effektiver Weg sind, um Populationen auf Dauer einzudämmen. Für Kojoten beispielsweise wurde bereits nachgewiesen, dass sich die Zahl von Jungtieren nach solchen Massenjagden nicht verringert, sondern erhöht (Ähnliches ist auch aus der Fuchsjagd in Europa bekannt). Größere Würfe von Jungtieren führen außerdem dazu, dass Elterntiere sich unnatürliche Beute suchen, um die hohe Anzahl an Jungtieren füttern zu können. Die Angriffe von Kojoten auf Nutztiere steigen also sogar als Folge von Jagdwettbewerben. Darüber hinaus wandern einfach neue Tiere aus anderen Gegenden ein und übernehmen die Territorien der getöteten Tiere. Es gibt in der Tat keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Wettjagden die Zahl von Raubtieren auf Dauer verringert, die Zahl von Beutetieren auf Dauer erhöht oder die Konflikte zwischen Raub- und Nutztieren kleiner werden. Um noch mehr unnötiges Tierleid zu verhindern, ist es deshalb an der Zeit, dass diese grausamen Wettbewerbe der Vergangenheit angehören.

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