Reptilienbörsen: Der Ausverkauf läuft…
, ,

22. März 2018

Erlebnisse beim großen Wildtier-Wühlen.

Besuche auf Reptilienbörsen und Tierbörsen sind immer wieder eine spezielle Erfahrung: Menschenmassen schieben sich an Tischen vorbei, auf denen alles angeboten wird, was die Natur so hergibt – und was klein genug ist, um in kleine Plastik-Frischkäse-Schachteln zu passen: Da finden sich Hieroglyphen-Riedfrösche aus Kamerun neben Igeltenreks aus Madagaskar, Hornagamen aus Sri Lanka neben dem Puerto-Rico-Anolis. Einige dieser Tiere sind vom Aussterben bedroht – auf Reptilienbörsen sind sie jedoch Wühltischware, viele von ihnen auf Vorbestellung aus der Natur eingefangen.

Helmchamäleon auf Reptilienbörse, Reptilienbörsen

Helmchamäleon auf Reptilienbörse

Reptilienbörsen: Hauptsache schön bunt

Auf der Reptilienbörse in Karlsruhe im März erleben wir eine Szene, bei der eine Frau ein Chamäleon kauft. Bunt muss es sein, eine hübsche Deko fürs Wohnzimmer. Geldscheine wechseln den Besitzer, der Händler überreicht die Plastikbox mit Chamäleon. Die Frau fragt – wohlgemerkt nach dem Kauf: „Und was brauch ich da jetzt für?“ Der Händler: „Ein Terrarium mit guter Durchlüftung und Wärmelampe…“ Sie unterbricht ihn: „Und was geb ich dem zu fressen?“ Der Händler hat keine Zeit für einen Grundkurs für Ahnungslose; der nächste Kunde will zahlen, es hat sich schon eine kleine Warteschlange gebildet. Die Frau ist nun also stolze Besitzerin des Chamäleons, hat aber offenbar kein Terrarium, geschweige denn einen Schimmer von der Haltung dieses Tieres. Wie lange diese Echse wohl überlebt?

Pantherchamäleon

Die farbenprächtigen Pantherchamäleons sind die beliebtesten Chamäleons im Handel

Die Natur als Selbstbedienungsladen

Wir schieben uns im Gedränge weiter, zu einem Stand mit exotischen Pflanzen, die Terrarien aufhübschen und strukturieren sollen. Wir kommen mit dem Händler ins Gespräch. Er zeigt uns eine Pflanze aus der Wüste Namib, die ein Jahr kein Wasser braucht. Namibia, denke ich, da gibt es ja einige geschützte Raritäten. Ich erzähle, dass ich dort in Urlaub war, einem der schönsten Plätze jemals. Und schon fasst der Händler Vertrauen und beginnt zu plaudern. Dass er auch dort in Urlaub war, aber nicht mit leeren Händen heimkam, da gäbe es so schöne kleine Zwergpuffottern. „Stimmt“, sage ich, „die haben wir auch gesehen, aber die sind doch in Namibia geschützt, oder nicht?“ „Doch“, bestätigt er, „aber die Versuchung war einfach zu groß. Ich hab sie in Döschen zwischen meinen Socken in den Koffer gepackt. Ging ganz einfach.“ Ein schlechtes Gewissen hatte er nicht. Und Angst muss er auch keine haben, denn diese Vipern sind nur in Namibia geschützt, nicht aber hier in der EU. Sobald Mann und Koffer außer Landes sind, wird sein Diebstahl hier nicht mehr bestraft und er kann seine ausbeute auf Reptilienbörsen oder im Internet verkaufen.

Puffotter, Namib

Puffottern werden in der Namib illegal eingefangen

Aus der Natur frisch auf den Tisch

Es bestätigt sich immer wieder: Die größten Tier- und Artenschutzprobleme bringen gewerbliche Händler mit, die mit Hunderten von Tieren von Börse zu Börse quer durch Europa tingeln. Sie haben die Raritäten im Angebot. Ein Großteil ihrer Tiere sind Wildfänge, die für die großen Reptilienbörsen eigens bestellt werden: Oft erst wenige Wochen zuvor aus der Natur eingefangen, mussten sie strapaziöse Zwischentransporte und -Lagerungen überstehen. Ein Anbieter aus Tschechien wirbt damit, dass er am 10. März in Hamm, am 17. März in Rom, am 24. in Madrid, am 1. April in Houten (Holland) und danach gleich in Barcelona verkauft. Ein fliegender Händler mit lebender, verderblicher „Ware“. Verkauft wird an jeden, der zahlt, auf Reptilienbörsen in ganz Europa.

Massenverkauf von Reptilien auf Reptilienbörsen

Massenverkauf von Reptilien auf Börsen

Tierbörsen – ein rechtsfreier Raum?

Niemand darf einem Tier „ohne vernünftigen Grund“ Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen – so steht es im Tierschutzgesetz. Doch wer beurteilt, wann ein Gecko leidet? Wie lange er schon ohne Futter in dieser Plastikschachtel hockt? Wie sehr ihn das Geschubse an den Tischen, die Erschütterungen, das wiederholte Hochheben stressen? 2006 veröffentlichte das Bundeslandwirtschaftsministerim die sog. Tierbörsen-Leitlinien – und schrieb gleich in die Einleitung, dass dies ohnehin nur rechtlich unverbindliche Empfehlungen sind. Welche Behörde soll hunderte Aussteller, tausende Tiere überprüfen? Viele Vollzugsbeamte sind mit dem angebotenen Artenspektrum hoffnungslos überfordert – und sehen weg. Hinzu kommen zahllose kleine Lücken im Artenschutzrecht, die die Händler nur allzu gut kennen… Abhilfe kann hier nur die Bundesregierung schaffen – indem sie solche Flohmärkte für Wildtiere endlich verbietet!

Mehr Informationen

Chamäleon

Reptilienschmuggel

Reptilienschmuggel ist ein einträgliches Geschäft. Händler nutzen Gesetzeslücken, um mit teils bedrohten Tierarten den großen Reibach zu machen. » Reptilienschmuggel 
Kapuzineraffe Exotenhaltung

Exotische Haustiere

Exotische Haustiere sind der letzte Schrei. Schon für 1.000 Euro kann man im Internet ein Löwenbaby kaufen. Im Wildtierhandel gibt es einen unglaublichen Wildwuchs. » Exotische Haustiere
Schlange auf einer Börse

Verbändebrief

16 Tier-, Natur- und Artenschutzverbände fordern von der Politik endlich strengere Regeln für den Handel mit Wildtieren. » Verbändebrief
Frosch

Reptilien und Amphibien

Reptilien und Amphibien kommen bis auf die Polkappen überall auf der Welt vor. » Reptilien und Amphibien
Schildkröten in Not

Schildkröten in Not

Viele Schildkrötenarten sind durch Handel und Lebensraumverlust vom Aussterben bedroht »  Schildkröten in Not
Diesen Beitrag teilen