(Plastik-)Müll vor unserer Haustür

26. Juni 2019.

Kippen und Kronkorken: Fast aufräumen bringt nichts.

Unberührte Natur gibt es eigentlich nicht mehr. Laut Unternehmensberatung McKinsey landen jährlich 8 Millionen Tonnen Müll im Meer – eine LKW-Ladung pro Minute. Der Müll taucht in den Mägen von Seevögeln und Fischen auf, und selbst in 11.000 Metern unter der Meeresoberfläche wurde vor Kurzem eine Plastiktüte entdeckt. Nicht meine, mag man sich denken.
Isar Cleanup 2018 in München

Isar Cleanup 2018 in München © Polarstern

Aber der Müll, der sich in den Ozeanen zu ganzen Kontinenten vereint, kommt nicht nur von den Küstenregionen oder der Schifffahrt. Er kommt auch von Stadtbewohnern, die nicht weiter weg leben könnten vom Meer. Erst allmählich wächst das Bewusstsein, dass Müll auf Reisen geht. Zum Beispiel über Flüsse wie der Isar in München, wo sich nach einem einzigen Sommerwochenende schon mal rund vier Tonnen Abfall ansammeln.

» Polarstern Isar Cleanup in München am Samstag, den 26. Juni 2019 

Nicht immer ist es böse Absicht, wenn etwas an den Ufern liegenbleibt. Nur werden aus einem Bier schnell mal vier, und aus Tag Nacht. Vielleicht hat man in der Dunkelheit nach eigener Einschätzung wirklich alles beseitigt. Tatsächlich hat es aber nur der Esskarton ins Müllgitter geschafft, aber nicht die Gabel; nur vier von sieben Zigarettenstummeln und kein einziger Kronkorken.

Welcher Müll?

Die Stadt räumt das Sichtbare weg. München etwa gibt jährlich insgesamt rund 40 Millionen Euro für sein Sauberkeitsklischee aus. Entsprechend startet der jährliche Polarstern Isar Clean Up, bei dem der Ökoenergieversorger Polarstern mit hunderten Freiwilligen und vielen tollen Partnern (u.a. wie Sea Shepherd, Pro Wildlife und Surfrider Foundation) die Ufer reinigen, jedes Mal mit dem gleichen Rätsel: welcher Müll? Man erwartet Berge aus Plastikflaschen, Chipstüten und sonstigem Zeug. Aber das ist nur der Easy-Part, und der ist schon abtransportiert. Es geht um den Boden unter den eigenen Füßen. Bei genauerem Hinsehen erscheint er wie ein Aschenbecher, in den man Kronkorken und Scherben gleich mitreingeschmissen hat. Von den 750 Kilo Müll, die wir letztes Jahr gesammelt haben, ging der Großteil aufs Rauchen und Trinken.

Isar Cleanup 2018 in München

Isar Cleanup 2018 in München © Polarstern

Mini-Müll, Mega-Problem: der Zigarettenstummel

Man neigt dazu, den kleinen Müll als kleines Problem wahrzunehmen (vielleicht bleibt er deshalb liegen). Aber das ist er nicht. Unter Laborbedingungen reicht ein Zigarettenstummel aus, um alle Wasserflöhe im Umkreis von sieben Litern in den nächsten 48 Stunden umzubringen. Das ergab eine Untersuchung (von Kathleen M. Register) schon vor 20 Jahren. Die Zigarettenstummel sondern zig Gifte ab, unter anderem Arsen, Blei, Kadmium, Nikotin und Teer. Und sie brauchen fünf bis zwölf Jahre, um sich abzubauen, denn sie sind eben nicht aus Baumwolle, sondern aus Zelluloseazetat – einem Kunststoff, der sich sehr schlecht zersetzt.

Tiere zum Rauchen gezwungen

So einen Zigarettenstummel kann die Umwelt schon verkraften, oder? Schätzungen zufolge – etwa von der University of Tennessee – sind es aber jährlich 4,5 Billionen Stummel, die weltweit in der Pampa landen. Ein Freund und leidenschaftlicher Hobbyangler, der die letzten Jahre in Kalifornien lebte, erzählte, dass fast jeder Fisch, den er fing, eine Kippe im Körper hatte. An den Flüssen in der Stadt kommt noch das Kronkorken-Problem dazu. Irgendwie hat sich die Einstellung durchgesetzt, dass man Flaschen für die Sammler ruhig liegenlassen kann. Kronkorken und Scherben gleich dazu.

Isar Cleanup 2018 in München

Isar Cleanup 2018 in München © Polarstern

Das größte Problem nur mit dem Mikroskop sichtbar

Die Scherben stellen eine Verletzungsgefahr für Mensch und Tier da. Und Kronkorken werden laut Sea Shepherd von Wasserbewohnern häufig mit Nahrung verwechselt. Das Material könnte man wunderbar recyceln, stattdessen verrottet es ungenutzt in der Natur. Bei einer Aktion des Vereins Rehab Republic wurden in München innerhalb von vier Wochen 11.116 Kronkorken an den Flussufern gesammelt. Recycelt hätte das für 44 Bierfässer gereicht. Mit dem Materialverlust muss immer mehr Eisenerz zur Weißblechproduktion gefördert werden – damit geht auch ein enormer Raubbau an der Natur und dem Lebensraum vieler Tiere einher.

Das verarbeitete Plastik in Kippen und Kronkorken trägt am Ende zu einem größeren, wenn auch kleinteiligeren Problem bei: Die Materialien zersetzen sich in Mikroplastik – so nennt man Kunststoffteilchen unter fünf Millimeter. Allein in Deutschland fallen jährlich rund 330.000 Tonnen von dem Zeug an. Wie sich Mikroplastik in den Flüssen auswirkt, ist noch nicht klar. Es dürfte aber das gleiche Risiko darstellen wie im Meer, wo es die Tiere über die Nahrung aufnehmen. Die Kunststoffe können Kiemen und Magen-Darm-Trakte verstopfen und Entzündungen und Gewebeschäden hervorrufen. Über unseren Konsum landet es am Ende wieder in unseren eigenen Mägen.

Isar Cleanup 2018 in München

Isar Cleanup 2018 in München © Polarstern

Die Wege der Flüsse sind die Wege des Mülls

Der Weg des Mülls ist eben ein Kreislauf. Die Abläufe – zum Beispiel wie unser Abfall über Flüsse ins Meer gelangt – werden zunehmend untersucht. So konnte etwa eine im Magazin Nature veröffentlichte Studie von Hurley und Kollegen von 2018 zeigen, wie die Mikroplastik-Konzentration in Flüssen nach Flut und Hochwasser abnimmt. Das Mikroplastik ist dadurch nicht aus der Welt. Die Sedimente haben es lediglich aus der Testfläche weitergetragen.

An dir soll’s nicht liegen

Wir sind alle ein Teil des Müllproblems. Aber jeder kann seinen Einfluss maximal minimieren. Zum Beispiel:

  • An einem schönen Abend am See oder Fluss noch mal mit der Taschenlampen-App nachschauen, ob man alles mitgenommen hat.
  • Geschlossene Müllkörbe den offenen vorziehen, dann kommen die Krähen nicht dran, um das Zeug quer über die Wiese zu verteilen.
  • Auch den Müll mitnehmen, der anderen gehört. Nicht meins, gibt’s nicht.
  • An Clean Ups teilnehmen, das sendet ein Signal an andere Gäste.
  • Take-Away-Müll vermeiden und lieber eigene (Pfand-)Becher, Brotdosen und Taschen nutzen.
  • Recycelbare Produkte kaufen sowie Care-Produkte ohne Mikroplastik. Auf der Nachhaltigkeitsplattform Utopia findet man jede Menge Duschgels, Shampoos, Deos und Cremes, die ohne Mikroplastik auskommen.
  • Den Müll noch im Supermarkt entsorgen, das setzt Zeichen.
  • Verpackungsfrei einkaufen. Utopia listet derzeit 201 verpackungsfreie Läden allein in Deutschland. 13 weitere sind in Planung und es gibt bundesweit noch 18 verpackungsreduzierte Märkte. Vermeidung ist Umwelt- und Klimaschutz zugleich. Schließlich müssen Verpackungen produziert, transportiert und entsorgt werden. Das kostet alles eine Menge Energie und CO2.

Die Brücke zu sich selbst

Isar Cleanup 2018 in München

Pro Wildlife @ Isar Cleanup 2018

Früher konnte man in den meisten Großstädten nicht über die Wiese gehen, ohne wenigsten einmal in einen Hundehaufen zu treten. Das hat sich in vielen Städten geändert, auch ohne schärfere Strafen und Verbote. Denn Hundebesitzer haben genauso wenig Lust, sich in den nächstbesten Hundehaufen zu legen.

Das Gleiche gilt doch auch für Müll. Es dauert nur ein bisschen länger, die Brücke zu sich selbst zu schlagen. Zum Beispiel zu einer Tüte in 11.000 Metern Tiefe.

Pro Wildlife nimmt an den alljährlichen Polarstern Isar Cleanups in München teil. Weitere Infos dazu sowie aktuelle Termine gibt es auf der Seite des Veranstalters » Polarstern

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