Orang-Utan Trekking: Kein Artenschutz

26. November 2019.

Konflikte und Krankheiten beim Trekking in Indonesien und Malaysia

Gorilla-Trekking schützt Gorillas. Diese Form des Tourismus hat sich als hilfreich für den Schutz der Menschenaffen erwiesen, mit Vor- und Nachteilen natürlich (mehr zu dieser Diskussion). Warum sollte also Orang-Utan-Trekking nicht Orang-Utans schützen? Weil es meistens falsch gemacht wird. Wer auf Biegen und Brechen einen wildlebenden Orang-Utan in Indonesien oder Malaysia sehen will, kann großen Schaden anrichten.

Orang-Utan-Mutter mit Kind

Orang-Utan-Mutter mit Kind

In mindestens vier angeblich ethisch geführten Stationen werden im Moment Begegnungen mit semi-wilden Orang-Utans angeboten: Sepilok und Semenggoh auf der malaysischen Seite Borneos, Tanjung Puting auf der indonesischen Seite und Bukit Lawang auf Sumatra. Über alle Orte gibt es verstörende und besorgniserregende Berichte.

Orang-Utan-Trekking in Malaysia und Indonesien, Sumatra und Borneo

Orang-Utan-Trekking in Malaysia und Indonesien, Sumatra und Borneo

Anfüttern schadet den Tieren enorm

Die vier Stationen geben vor, gerettete und semi-wilde Orang-Utans zu versorgen; Touristen bekommen das Gefühl vermittelt, den Tieren mit ihrem Eintrittsgeld etwas Gutes zu tun. Leider, wie so oft, hat sich die gute Idee mit der Zeit in ein großes Geschäft auf dem Rücken der Tiere entwickelt. In der Tat wurden die Menschenaffen, soweit wir das nachvollziehen können, vor langer Zeit gerettet. Doch anstatt sie richtig auszuwildern, werden sie mit wenigen Ausnahmen weiterhin gefüttert. Damit Touristen einen möglichst guten Blick bekommen, gibt es in Sepilok, Semenggoh und Tanjung Puting sogenannte Futterplattformen, neben denen die Urlauber stehen und Fotos machen können (in Bukit Lawang scheint diese Praxis nach vielen Jahren zwischenzeitlich eingestellt worden zu sein). Einen Zaun, der Tiere und Menschen trennt, gibt es nicht. Das führt natürlich zu zahlreichen Problemen:

Junger Borneo Orang-Utan an der Futterplattform © Center for International Forestry Research (CIFOR)

Junger Borneo-Orang-Utan an der Futterplattform © Center for International Forestry Research (CIFOR)

  • Jede Chance auf eine richtige Auswilderung ist durch den ständigen Kontakt zu den Menschen vergeben. Die Orang-Utans haben durch das ständige Futterangebot nicht gelernt oder wieder verlernt, wie sie sich selbst versorgen können. Sie können das Wissen auch nicht an ihre Jungen weitergeben.
  • Wilde Orang-Utans haben inzwischen gelernt, dass es an den Plattformen Futter gibt. Sie kommen aus dem Wald und verlieren ebenfalls die Scheu vor den Menschen.
  • Touristen können bei so engem Kontakt Krankheiten auf die uns nahe verwandten Menschenaffen übertragen.
  • In Bukit Lawang wurde ein Video aufgenommen, auf dem zu sehen ist, wie sich ein Orang-Utan an einer Touristin festhält. Das zeigt sehr deutlich, dass sich die Tiere unnatürlich verhalten. Wilde Orang-Utans gehen Menschen aus dem Weg.
  • Die Orang-Utans kommen nicht nur den Touristen zu nahe, sondern auch den Menschen, die in der unmittelbaren Umgebung leben. Das führt zu Konflikten und letztendlich kann es den Orang-Utans das Leben kosten.
  • Fotos zeigen, wie riesige Gruppen von Touristen durch den Wald von Tanjung Puting laufen. Das stört nicht nur die Menschenaffen, sondern alle anderen Wildtiere im Wald.
  • Es gibt Berichte von Kannibalismus unter den Orang-Utans in Bukit Lawang, was auf schwere Verhaltensstörungen hindeutet. Mindestens zwei Orang-Utan Mütter trugen ihre toten Kinder mit sich herum und aßen sie. Auslöser sind wahrscheinlich der ständige Stress durch die vielen Menschen sowie vorangegangene Traumata.
  • Es gibt Berichte über eine stark erhöhte Sterblichkeitsrate unter den Baby-Orang-Utans.
  • Orang-Utans sind sehr stark. Wenn sie sich den Touristen nähern, um in den Rucksäcken nach Essen zu suchen, kann es zu schweren Zwischenfällen kommen.
  • Die sogenannten Waldmenschen sind Einzelgänger und das ständige Aufeinandertreffen auf Artgenossen an den Plattformen führt zu erhöhter Aggression.
Männlicher Orang-Utan und Touristen © Center for International Forestry Research (CIFOR)

Männlicher Orang-Utan und Touristen © Center for International Forestry Research (CIFOR)

Nur wenige gute Angebote

Das Geschäft mit den Orang-Utans ist völlig unreglementiert und es hängt von den jeweiligen Führern ab, inwieweit die Tiere von den Touristen beeinträchtigt werden. Die Guides führen die Touristen auf den Spaziergängen durch den Wald – sie entscheiden wie nah sie den Orang-Utans kommen können und ob die Futterplattform besucht wird. Die Wahl eines guten Führers ist also entscheidend.

Unnatürliches Verhalten: Borneo Orang-Utan hält Händchen © Roberto Isotti

Unnatürliches Verhalten: Borneo-Orang-Utan hält Händchen © Roberto Isotti

Zum Glück gibt es auch einige wenige gute Guides, die mit den Touristen Spaziergänge unternehmen, auf denen die Besucher wilde Orang-Utans aus angemessener Entfernung sehen können. Wir haben einen anonymen Bericht zu einem Angebot in Bukit Lawang bekommen, den wir hier mit euch teilen wollen.

Junger Borneo Orang-Utan © Simone Sbaraglia

Junger Borneo-Orang-Utan © Simone Sbaraglia

Erfahrungen aus Bukit Lawang, Sumatra, Indonesien

„Wir besuchten Bukit Lawang im Juli dieses Jahres und nahmen unsere beiden Kinder mit. Wir sind bereits viel durch Asien und insbesondere Indonesien gereist und wollten, dass die beiden den Dschungel erleben und vielleicht sogar Wildtiere sehen können.

Ich habe die Gegend bereits mehrfach besucht und habe die Veränderungen über die Jahre mitbekommen. Ich hatte die negativen Aspekte des Tourismus in Bukit Lawang selbst gesehen und kannte sie von Erzählungen. Eine kleine Recherche half mir dabei, zu verstehen, welchen Führern man trauen kann und welche man besser vermeidet.

Seit meinem letzten Besuch wurde das Füttern der semi-wilden Orang-Utans, die aus der alten Station kommen, eingestellt. Wir waren sehr froh, das zu hören, denn das Anfüttern hatte in der Vergangenheit zu zahlreichen Problemen geführt. Die ehemals gefangenen und oft traumatisierten Menschenaffen hatten sich so sehr an das Futter gewohnt, dass sie die Scheu vor Menschen ablegten und den Besuchern sehr nah kamen. Die Menschen, die auf der Suche nach den besten Bildern und Selfies sind, übertragen Krankheiten, und sowohl Menschen als auch Orang-Utans wurden bei den Begegnungen bereits verletzt.

Wir hatten unsere Tour bei einem Anbieter gebucht, der den IUCN-Richtlinien folgt, die unter anderem besagen:

– Es muss ein Mindestabstand von zehn Metern zu den Tieren eingehalten werden.
– Es darf kein direkter Kontakt zu den Tieren bestehen und die Tiere dürfen nicht gefüttert werden.
– Es darf nicht gerufen werden oder irgendwie anders die Aufmerksamkeit der Tiere auf sich gelenkt werden.

Männlicher Sumatra Orang-Utan © Emily Davies

Männlicher Sumatra Orang-Utan © Emily Davies

Das Dorf Bukit Lawang ist einer der Zugangspunkte zum Gunung Leuser National Park auf Sumatra, in dem wilde Orang-Utans leben. Unser kurzer Spaziergang sollte dort stattfinden und startete in einer Plantage. Sobald wir den Wald betraten, sahen wir bereits Touristenhorden und hörten Diskussionen unter den Guides, wo zuletzt Orang-Utans gesichtet worden waren. Bei mir gingen sofort die Alarmglocken an und ich war sehr froh, als unser Führer uns sagte, dass wir in eine andere Richtung als all die anderen gehen würden. Viele der jungen Führer kennen die Pfade durch den Wald nicht und halten sich am Rand auf, wo die Orang-Utans häufig aus dem Wald kommen und die Setzlinge auf den Plantagen fressen.

Wir schlugen einen anderen Weg ein und hatten tatsächlich das Glück, eine wilde Orang-Utan-Mutter mit Kind und ein Männchen hoch in den Bäumen sowie zahlreiche weitere Affen zu sehen. Wir kommen sicher wieder und werden auch beim nächsten Mal sehr genau darauf achten, welchen Führer wir buchen.“ – Anonym

Weiblicher Borneo Orang Utan © Center for international forestry research

Weiblicher Borneo Orang Utan © Center for international forestry research

Das rät Pro Wildlife
Erkundigen Sie sich sehr genau, welches Angebote Sie buchen. Die besorgniserregenden Berichte aus Bukit Lawang, Semenggoh, Sepilok und Tanjung Puting zeigen einmal mehr, dass direkter Kontakt zu Wildtieren extrem schädlich ist. Bitte besuchen Sie diese Stationen nicht, sondern buchen Sie einen Führer, der den IUCN-Richtlinien folgt und verzichten Sie im Zweifel auf die Begegnung mit den Menschenaffen.

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