Plastik sparen: Hilfe für Meeresbewohner?
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3. Dezember 2018

Ist Plastik sparen sinnvoll oder ist „Zero Waste“ nur ein Modetrend?

Jeder von uns kennt diese Bilder von Facebook, Instagram oder aus dem Fernsehen: Fotos von toten Walen mit Plastik im Bauch, von Meeresschildkröten mit eingeschnürten Bäuchen oder von Seelöwen mit Fischernetzen um den Hals. Mehr als eine Million Seevögel und 100.000 andere Meereslebewesen verenden jährlich wegen Plastikmüll. Knapp 250 verschiedene Arten mariner Lebewesen verheddern und strangulieren sich. Hinzu kommen Wale, Delfine, Robben und Meeresschildkröten, die Plastikteile verschlucken. Fische, Krabben und Muscheln nehmen vor allem Mikroplastik auf.
Seelöwe mit Fischernetz © Marcia Moreno Baez

Seelöwe mit Fischernetz © Marcia Moreno Baez

Doch was haben wir in Mitteleuropa damit zu tun? Die meisten von uns leben fernab vom Meer, trennen sauber ihren Müll, achten beim Einkauf auf Mikroplastik. Müll sparen – Zero Waste – wird zum Mega Trend. Webseiten und Blogs zu diesem Thema sprießen wie Pilze aus dem Boden, voll mit Tipps zum Plastik sparen oder sogar ganz weglassen. Es wird fleißig gewerkelt und gekocht, es gibt nichts, was man nicht selber machen kann: Abschminkpads, Deo, Geschirrspülmittel, Taschentücher, Waschmittel, Zahnpasta. Eingekauft wird nur noch im Unverpackt-Laden. Tüten oder Verpackungen aus Kunststoff sind absolut tabu und nur was für Zero-Waste-Anfänger. Fortgeschrittene verwenden Bambuszahnbürsten, Haarseifen und Rasierhobel. Es wird Plastik gespart, was das Zeug hält.

Aber hilft das denn überhaupt? Was bringen eingesparte Shampooflaschen den Tieren im offenen Meer? Schauen wir uns den Müll zunächst mal genauer an:

Wie kommt Plastikmüll ins Meer?

Ein Haupttransportmechanismus von Plastik sind Flüsse und Bäche, die ins Meer münden. Vor allem Makroplastik wie einfach weggeworfener Müll oder aus wilden Müllhalden gelangt so von überall auf der Welt in die Ozeane. Hinzu kommen die Teile, die direkt im Meer landen, zum Beispiel Fischernetze oder durch illegale Müllentsorgungen auf Schiffen. Mürbe gemacht von Sonneneinstrahlung und Salzwasser zerfällt dieses Makroplastik langsam zu (sekundärem) Mikroplastik.

Hinzu kommt Mikroplastik, das bereits kleinteilig in Flüsse und Meere fließt. Die Quellen sind vielfältig und finden sich unter anderem auch bei uns:

Welches Mikroplastik entsteht in Deutschland?

Laut einer Studie des Umweltbundesamts wird Mikroplastik in Deutschland vor allem in Kosmetika verarbeitet und ist damit die Hauptquelle für primäres Mikroplastik. Sekundäres Mikroplastik ist aber ein noch viel größeres Problem. Es entsteht durch die Zersetzung größerer Plastikteile  oder durch die Auswaschungen aus Kunstfasertextilien sowie Reifen- und Schuhsohlenabrieb:

Quellen von Mikropartikeln in Deutschland Tonnen pro Jahr
Primäre Mikropartikel
Kosmetische Produkte 500
Wasch-, Reinigungs- und Pflegemittel in Industrie und Haushalt < 100
Strahlmittel zum Entgraten von Oberflächen < 100
Mikronisierte Kunststoffwachse in technischen Anwendungen 100.000
Sekundäre Mikropartikel
Fragmentierung von Kunststoffabfällen unbekannt
Synthetische Chemiefasern aus Textilien 80 bis 400
Verlust von Pellets in der Herstellung und Weiterverarbeitung von Kunststoffen 21.000 bis 210.000
Reifenabrieb 60.000 bis 111.000

Quelle: Umweltbundesamt

Gelangt das meiste Plastik nicht direkt vor Ort ins Meer?

Tatsächlich gelangen laut einer Studie des renommierten Wissenschaftsmagazins Science nur rund fünf Prozent des Mikroplastiks aus Europa und Nordamerika ins Meer. Bei derzeit etwa zwölf bis 15 Millionen Tonnen Mikroplastik in den Ozeanen sind diese fünf Prozent aber immerhin mehr ein halbe bis eine dreiviertel Million Tonnen, die auf Rechnung der westlichen Welt gehen.

Andere Studien sind sogar noch pessimistischer, was die Gesamtmenge (Mikro- + Makroplastik) angeht. Das Deutsche Umweltbundesamt sagt:

"Rund sechs bis zehn Prozent der weltweiten Kunststoffproduktion landen laut Studie in den Weltmeeren. Weltweit werden pro Jahr rund 300 Millionen Tonnen Kunststoffe hergestellt (Stand 2013). Es ist davon auszugehen, dass bis zu 30 Millionen Tonnen davon pro Jahr weltweit im Meer laden – davon in Europa allein 3,4 bis 5,7 Millionen Tonnen pro Jahr."
Überreste eines Albatrosses © USGS

Überreste eines Albatrosses © USGS

Zu bedenken ist auch, dass Kunststoff aus Europa oft nach Asien exportiert wird, wo es recycelt werden soll. Etwa 50 Prozent des Weltexports an gebrauchten Kunststoffen ging 2016 nach China, das sind mehr als sieben Millionen Tonnen. Wo dieser Kunststoff letztendlich landet, ist nicht so ganz klar. Denn nach Studienangaben wurden weltweit nur neun Prozent des jemals entstandenen Plastikmülls tatsächlich recycelt. Das heißt: Selbst fleißige deutscher Recycler können nicht wissen, ob ihre Shampooflasche auf dem Weg nach China oder dort angelangt nicht doch auf Müllkippen, in der Natur oder direkt im Meer landet.

Zudem bemängeln Forscher, dass Recycling nicht zwangsläufig die Lösung des Plastikproblems sei: Zunächst verzögere eine Wiederverwertung der Kunststoffe nur den Zeitpunkt, an dem das Material zu Müll wird. Es reduziere die künftige Müllmenge nur dann, wenn es die neu produzierte Plastikmenge verringere.

Ist Plastik auch ein Problem in heimischen Gewässern?

Die Universität Bayreuth hat bayerische Flüsse untersucht und erschreckende Werte festgestellt. In der Donau, der Isar und der Altmühl steigen die Konzentrationen an Mikroplastik, der höchste Wert lag bei 150,8 Partikel pro Kubikmeter Wasser. Die Partikel hatten eine Größe von 20 bis 300 Mikrometern, sie waren also kleiner als Salz- oder Sandkörner. Entsprechende Filter in den Kläranlagen gibt es noch nicht. Die Folgen für unsere heimische Natur sind noch nicht abzusehen.

Müllsammlung an der Münchner Isar 2018 © Polarstern

Müllsammlung an der Münchner Isar 2018 © Polarstern

Kann ich als Einzelperson etwas bewirken?

Jedes Stück Plastik, das eingespart wird, verbraucht weniger Ressourcen und landet nicht im Müll. Ein Beispiel: 2017 lebten in Deutschland etwa 71,6 Millionen Menschen über 14 Jahren. Gehen wir davon aus, dass ein durchschnittlich hygienischer Mensch eine Flasche Shampoo alle zwei Monate verbraucht, dies sind sechs Flaschen pro Jahr. Wenn nur 1% der über 14-Jährigen auf verpackungsfreie Haarseife umsteigt, werden pro Jahr knapp 4,3 Millionen Plastikflaschen eingespart. Hinzu kommen Plastikzahnbürsten, Cremetuben, Einwegrasierer und vieles mehr. Nicht zu vergessen Nudelverpackungen, Coffee-to-go-Becher, Einwegflaschen und und und … eine unvorstellbare Menge an Kunststoff, das entsorgt, verwertet und im besten Fall recycelt werden muss. Und im schlimmsten Fall in den Gewässern landet. Vom Verbrauch an kritischen Ressourcen wie Erdöl mal ganz abgesehen.

Alles zusammengerechnet, schiebt jeder Einzelne von uns einen riesigen Plastikmüllberg vor sich her. Zurück zur Frage vom Anfang: Ist Plastik sparen überhaupt sinnvoll?

Unser Fazit:

Zero Waste ist also nicht nur ein Modetrend, sondern eine dringend notwendige Bewegung in die richtige Richtung. Wenn weiterhin Plastik in diesen Mengen produziert und verbraucht wird, sind die Folgen für Natur und Umwelt, die Wildtiere und unsere Gesundheit fatal. Die Müllinseln in den Ozeanen werden ungeheuerliche Dimensionen erreichen, der Meeresgrund wird komplett zugemüllt sein, in allen Organismen dieser Erde wird sich Mikroplastik ansammeln, unsere Lebensmittel werden verseucht sein. Und: Unzählige Wildtiere an Land und im Meer werden sterben. Unser Müll wird maßgeblich am großen Artensterben beteiligt sein. Wenn wir nicht augenblicklich anfangen umzudenken!

Jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass dieses Horrorszenario nicht Wirklichkeit wird! Es gibt viele gute Gründe, auch in unserem eigenen kleinen Universum Plastik zu sparen:

  • Bewusst über unseren Konsum nachzudenken, lohnt sich immer. Brauche ich das wirklich? Brauche ich es in dieser Menge oder in dieser Häufigkeit? Fragen, die uns helfen, sparsamer mit wertvollen Ressourcen umzugehen. Der Zero-Waste-Weg kann der erste Schritt sein hin zu einem achtsamen Konsum.
  • Auch eine einzelne Person kann viel bewirken: Indem sie ein Vorbild ist! Du hast ein tolles Rezept für ein Zero-Waste-Deo? Super: Poste es, verschenke es, erzähl es weiter! Der berühmte Schneeballeffekt kann eine Lawine auslösen.
  • Unterschätze nicht die Macht des Konsumenten. Je mehr Menschen sich gegen Plastik entscheiden, umso eher wird die Industrie Alternativen anbieten.
  • Der Druck durch die Verbraucher und die Industrie wird die Erforschung und Entwicklung nachhaltiger Alternativen vorantreiben.
  • Weltweite Trends kommen in der Regel aus der westlichen Welt. Plastikfreie Alternativen werden dann auch irgendwann in Asien und Afrika ankommen.
  • Denk an deine eigene Gesundheit: Das von uns produzierte Mikroplastik landet zuallererst auch bei uns. Gelöste Teilchen aus dem Plastik-Wasserkocher oder der Plastik-Wasserflasche landen direkt im Magen. Mikroplastik aus Kosmetika oder der Waschmaschine gelangen ins Abwasser und über die Klärwerke wieder zurück in unser Trinkwasser, da es kaum oder nur unzureichende Filtersysteme gibt. Die Folgen für die Gesundheit sind noch nicht abzuschätzen.
  • Jedes einzelne durch deine eingesparte „Shampooflasche“ gerettete Wildtierleben zählt!
  • Viele selbst gemachte Alternativen sind extrem preisgünstig. Der Zero-Waste-Trend schont nicht nur Wildtiere und Natur, sondern auch den Geldbeutel.
"Wer sich für das Richtige einsetzt, tut es nicht, weil er glaubt es wird funktionieren. Er tut es, weil es das Richtige ist." (Tobias Haberkorn, Die Zeit)

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