Froschschenkel statt Currywurst
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19. April 2018

Das große Fressen in Vittel.

Ende April findet im französischen Städtchen Vittel alljährlich das „Fest der Frösche“ statt. Doch was klingt wie eine große Naturschutzveranstaltung zu Gunsten bedrohter Amphibien, ist in Wirklichkeit das krasse Gegenstück: Zum „Foire aux Grenouilles“ kommen vermeintliche Gourmets aus ganz Europa, um drei Tage lang dem Konsum von Froschschenkeln in allen Variationen zu frönen. Bei reichlich Bier und Wein denkt keiner der Gäste daran, dass er einem Exzess beiwohnt, der riesige Tier- und Artenschutzprobleme verursacht…

Froschschenkel-Pasteten in Vittel

Froschschenkel-Pasteten in Vittel © Pro Wildlife

Zwischen Gourmet-Tempel und Grillbude

Froschschenkel gelten gemeinhin als Delikatesse. In Edelrestaurants und bei „französischen Wochen“ in Vier-Sterne-Hotels finden sich auch hier in Deutschland Froschschenkel auf der Speisekarte. „À la Creme in Riesling-Sahne“ oder „Froschschenkel auf Espuma vom Knoblauch und Petersilienjus“ für 12 Euro – so heißen die Vorspeisen der Haute Cuisine. In Vittel hingegen herrscht Volksfeststimmung: Holzbuden und Bierzeltgarnituren, die Froschschenkel werden auf Papptellern ausgeteilt. Die Portion für drei Euro, das sind echte Frittenbuden-Preise. Sogar Currypulver zum Nachwürzen steht bereit. Rund 20.000 Gäste konsumieren an diesem Wochenende in Vittel etwa sieben Tonnen Froschschenkel – als Pastete, frittiert, mit Kräutern der Provence oder in Knoblauchsauce: Knapp 350.000 Frösche mussten dafür ihr Leben lassen. Die allermeisten von ihnen stammen aus den Reisfeldern und Tümpeln Indonesiens. Wildfänge, denen die Beine in Akkordarbeit abgehackt werden, der Rest des Körpers wird weggeworfen. Ein grausamer Tod. Die Beinchen werden gehäutet, tiefgefroren und nach Europa gebracht.

Froschschenkel in Knoblauchsauce © Gunawan Kartapranata

Froschschenkel in Knoblauchsauce © Gunawan Kartapranata

Ein grausamer Handel mit ökologischen Folgen

Vittel ist nur der Gipfel eines unfassbaren Konsums: 4.200 Tonnen Froschschenkel importiert die Europäische Union jedes Jahr – das entspricht zwischen 100 und 200 Millionen Fröschen. Bereits in den 1980ern sorgten Froschschenkel für negative Schlagzeilen. Damals waren Bangladesch und Indien die Lieferanten für den Weltmarkt. Mit verheerenden Folgen: Abermillionen Frösche, deren Hauptfutter aus Mücken und anderen Schädlingen besteht, weggefangen. Die natürlichen Insektenvernichter waren fast ausgelöscht. Erst als die Pestizideinsätze in die Höhe schossen und Gesundheitsgefahren für den Menschen drohten, zogen beide Länder die Notbremse und verboten Fang und Export. Das Thema verschwand aus den Schlagzeilen, doch Indonesien nahm still die Rolle des Weltlieferanten ein und der Konsumrausch ging weiter.

Südostasiatischer Reisfrosch © Thomas Brown

Südostasiatischer Reisfrosch © Thomas Brown

Indonesiens Frösche in Not

Indonesien ist unter Artenschützern nicht gerade für einen aktiven, progressiven Naturschutz bekannt. Ob Korallenfische und Echsen für den exotischen Heimtierhandel, Schlangenhäute für Luxustaschen oder eben Froschschenkel: Indonesiens Ökosysteme werden rücksichtslos geplündert, mit Unterstützung der Regierung. Doch der Raubbau bleibt auch dort nicht ohne Folgen, wie das Beispiel der Frösche zeigt: 2017 belegte eine Studie der Universität Sorbonne in Paris, dass mehr als 98 Prozent der in der EU verkauften Froschschenkel falsch deklariert sind. Die ehemals wegen ihrer langen Beine besonders begehrten Java-Frösche (Limnonectes macrodon) sind inzwischen fast ausgerottet und de facto aus dem Handel nahezu verschwunden; sie werden durch andere großschenklige Froscharten wie den südostasiatischen Reisfrosch (Fejervarya limnocharis) ersetzt. Obwohl unsere Studie „Canapés to Extinction“ schon vor Jahren vor den verheerenden ökologischen Folgen warnte, sehen weder Indonesien noch Frankreich bisher Handlungsbedarf. Pro Wildlife hat sich deshalb Unterstützung geholt: Sechs französische Tier- und Artenschutzverbände fordern nun gemeinsam mit uns die französische Regierung auf, den Froschschenkelhandel endlich zu regulieren. Das nächste Froschfest in Vittel wird davon noch nicht betroffen sein, vermutlich auch das übernächste nicht. Doch wenn die Politik nicht endlich reagiert, könnten die Frösche bald ausgequakt haben…

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Froschschenkel © Thomas Brown

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