Pelz: Fallenjagd auf Kojote, Luchs, Waschbär & Co.

22. November 2018

In der Falle: Vom langsamen Sterben für fragwürdige Pelz-Mode.

„Aber eine Jacke mit Kojote ist doch okay, oder? Das ist doch nachhaltig“ sprach mich letztens ein Bekannter an, obwohl er meine Einstellung zu Pelzen kennt. Mit Pelzen verbindet er (und sicher auch die allermeisten Leute) Bilder vom Elend auf nordeuropäischen Fuchs- und Nerzfarmen oder die gruseligen Videos, wie Marderhunde auf chinesischen Pelzfarmen totgeknüppelt werden.

Modenschau

Pelz auf einer Modenschau

Kojoten-Pelz dagegen stammt aus der nordamerikanischen Fallenjagd – das klingt für viele erst mal nach weitem Land, Trapper-Romantik und Naturverbundenheit. Deshalb vielleicht seine Frage, ob das nicht okay sei… Vielleicht gilt Marderhund inzwischen als Billigware, vielleicht haben die Bilder seiner grausamen Tötung die Kunden vergrault. Fakt ist: In jüngster Zeit tauchen zunehmend Kojoten- und Fuchspelze in den Geschäften und auf Modenschauen auf. Deshalb begannen wir bei Pro Wildlife mit Recherchen zur Fallenjagd. Welche Arten werden auf welche Weise getötet? Aus welchen Ländern kommen welche Pelze? Welche Rolle spielt Deutschland in diesem brutalen Geschäft?

Kojote im Winter

Kojoten werden wegen ihres Pelzes gejagt

Die Ergebnisse unserer Recherche sind überraschend und schockierend, wie das Beispiel Kanada zeigt:

Humane Fallen? Theorie und Wirklichkeit

15 Prozent aller Pelze im Handel stammen aus der Wildnis. Allein in Kanada sind 50.000 kommerzielle Fallensteller aktiv, vor allem in den Provinzen Quebec, Ontario und Alberta. Die Hauptfangsaison ist der Winter, wenn das Fell der Tiere besonders dick und üppig ist. Seit 2007 sind zwar alle Trapper (Fallensteller) verpflichtet, nur noch als „human“ lizenzierte Fallen zu verwenden. Doch wie human ist das? Drei grundsätzliche Fallentypen sind im Einsatz:

  1. Schlagfallen sollen mit Stahlbügeln die Tiere möglichst am Genick erwischen – die verschiedenen Bügel-Durchmesser sollen sicherstellen, dass nur die gewünschte Art (z.B. Wiesel, Bisamratte, Biber, Otter, Waschbär) gefangen wird. Soweit die Theorie, doch in die Fallen können natürlich auch andere Tiere hineingeraten. Egal ob Zielart oder nicht: Wird ihr Genick nicht sofort gebrochen, sterben die Tiere alle einen qualvollen, langsamen Tod. Die Fallen für Bisamratten werden unter Wasser aufgestellt, was gar bedeutet, dass verletzte Tiere jämmerlich ertrinken.
  2. Nackenschlingen werden für große Pelztiere wie Kojote, Füchse, Rotluchs oder Wolf verwendet: Aufgehängt in Sträuchern oder am Boden ausgelegt, sollen sich die Schlingen mit einem Schnappmechanismus um den Hals der Beute legen. Es braucht wenig Fantasie, um zu ahnen, wie viele Tiere langsam stranguliert werden.
  3. Beinhaltefallen („Limb Holding Traps“) sind dafür gedacht, große Pelztiere lebend zu fangen. Ein gepolstertes Schlageisen soll Kojoten, Luchse oder Wölfe möglichst an Zehen oder Krallen festhalten. Insbesondere im tiefsten Winter, in meterhohem Schnee und bei langen Entfernungen ist die Gefahr groß, dass die Trapper nicht täglich ihre Runde drehen und alle Fallen überprüfen, wie es eigentlich Vorschrift wäre. Dann stecken die Tiere tagelang hilflos fest, oft unter großen Schmerzen – im Extremfall ein Sterben über mehrere Tage.

Eigentlich sollen Fallengröße und -Position eingrenzen, welches Tier hineingerät. Aber zahlreiche Vorfälle mit Elchen, Rindern, Schafen, Hunden, Hauskatzen und sogar Adlern zeigen, dass die angebliche Selektivität der Fallen eher Wunschdenken denn Wirklichkeit ist.

Jetzt bestellen
Aufkleber Pelz Koyote
Aufkleber „Ich sterbe für deinen Pelz“

10x10cm, wiederablösbar
10 Stück kostenlos bestellen
» mail@prowildlife.de

(Bild: Kojote in Beinhaltefalle © Humane Society International)

Kanadas Fellexporte

Eine Milliarde kanadische Dollar Umsatz (660 Mio. Euro) wird jährlich in Kanada mit Pelzen erwirtschaftet, das meiste davon über die 259 Pelzfarmen. Die Fallenjagd betrifft insgesamt 25 Arten, vor allem Bisamratte (20 %), Biber (21 %), Marder (13%), Hörnchen (9%) und Waschbär (5%). Alles im allem werden jährlich unfassbare 750.000 Roh-Pelze aus kanadischen Fallen „geerntet“, mit einem Marktwert von 15 Mio. Dollar. Allein rund 400.000 Kojoten werden in Kanada jährlich für die Fallenjagd freigegeben. Die wertvollsten Pelze im Export sind Biber, Rotluchs, kanadischer Luchs, nordamerikanischer Fischotter und Kojote. Die wichtigsten Absatzmärkte liegen in den USA, China, Hongkong und der Europäischen Union.

Luchse werden wegen ihrer Felle gejagt

Rotluchse werden in Nordamerika wegen ihrer Felle gejagt

Wie viele Felle importiert die EU?

Genaue Importzahlen, welche Felle in welcher Anzahl importiert werden, liegen nur für die Arten vor, die durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (engl. CITES) geschützt sind – selbst sie sind nicht vor der Fallenjagd gefeit. Demnach importierte die EU im Zeitraum 2008-2017 insgesamt knapp 200.000 ganze Felle und mehrere tausend Hautstücke geschützter Füchse (vor allem aus Argentinien), Luchse, Fischotter und Wölfe (aus Kanada und den USA) und südafrikanischer Seebären aus Namibia. Dazu kommen noch 340.000 Häute und 12.000 Hautstücke von Pekaris (südamerikanischen Wildschweinen), fast ausschließlich aus Peru. Pekaris werden jedoch vor allem als Fleischquelle gejagt, die Häute sind – im Gegensatz zu den zuvor genannten Arten – ein Nebenprodukt. Jedes vierte Rotluchs- und Andenfuchs-Fell im weltweiten Handel landet in der EU, beim kanadischen Luchs und nordamerikanischen Fischotter ist es jeder fünfte Pelz.

Waschbären sind Opfer des Pelzhandels

Auch Waschbären sind Opfer des Pelzhandels

Für andere Arten wie Kojoten, Bisamratten, Waschbären, Opossum oder Biber liegen keine solchen konkreten Zahlen vor – und auch die Datenbank des europäischen Statistikamtes EUROSTAT ist wenig aussagekräftig, da die Importe auf viele verschiedene Warengruppen verteilt sind und die Importe nicht pro Art erfasst werden. Diese Importe sind also im wahrsten Sinne des Wortes zahllos…

Deutschlands unrühmliche Rolle im Pelzgeschäft

Bei den meisten Häuten aus Fallenjagd ist Deutschland unter den Top-Importeuren in Europa; bei Rotluchs und kanadischem Luchs halten wir sogar die traurige Spitzenposition. Weitere wichtige Absatzmärkte in der EU sind Italien, Frankreich und Griechenland. International sind auch USA, Kanada, Russland, Japan, China, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate wichtige Absatzmärkte.

Pelze

Pelze

Es ist wenig überraschend, dass eines der führenden Labels mit Kojotenkrägen aus Kanada kommt: Canada Goose, das auch in Deutschland viele Kunden hat. Doch auch Labels wie Woolrich und Parajumpers leben gut vom qualvollen Geschäft: Jacken mit Kragen und Kapuzen aus Fallenjagd kosten zwischen 700 und 1.500 Euro. Jacken aus dem Pelz des Rotluchses können sogar Preise bis in den sechsstelligen Bereich erzielen! Die Tiere sind aufgrund ihres weichen Bauchfells und der attraktiven, seltenen Musterung besonders begehrt bei der internationalen High Society. Da vorrangig das Bauchfell benutzt wird, werden rund 30 Rotluchse für eine einzige Jacke benötigt. Ein Trapper in den USA verdient pro Rotluchs im Schnitt 300 US-Dollar, wohingegen ein Kojote „nur“ 20 bis 75 Dollar einbringt. Der Pelz des nordamerikanischen Fischotters wird ebenfalls zu Jacken und auch zu klassischen Trapper-Mützen verarbeitet. Er wird weniger wegen des Aussehens, sondern vor allem wegen der extrem hohen Haardichte (50.000-80.000 pro cm²) und Langlebigkeit gekauft. Ab 100 Euro gibt es das Trapper-Accessoire für die Großstadt bereits zu kaufen.

Jacke mit Pelzkragen

Jacke mit Pelzkragen

Kojotenpelz ist also nicht okay!

Um auf die anfangs gestellte Frage zurückzukommen: Die Fakten sprechen eine klare Sprache – Pelze aus Fallenjagd sind aus Tierschutzsicht ebenso wenig vertretbar wie aus Farmen. Und auch das gerne vorgebrachte Argument, Kojoten, Bisamratten oder Waschbären seien „Schadtiere“ oder potentielle Krankheitsüberträger und müssten deshalb dezimiert werden, sollte kritisch hinterfragt werden: Sind die immensen Kollateralschäden (bis zu 75% der in Fallen gefangenen Tiere sind sogenannte „Fehlfänge“, darunter sogar Adler oder Elche) akzeptabel? Wären nicht Verhütungsmittel oder Impfstoffe sinnvoller als wenig selektive Tötungen? Hinzu kommt, dass diese Darstellung wichtige ökologische Grundregeln ignoriert: Da es sich bei den meisten bejagten Tierarten um Beutegreifer handelt, führt eine Regulation lediglich zur Verschiebung und Zerstörung natürlicher Gleichgewichte eines Ökosystems. Deshalb gilt auch bei Pelz: Nachdenken und Finger weg!

Mehr Informationen

Jagd

Jagd und Wilderei

Wilderei, Jagd und Tierschmuggel sind in vielen Ländern außer Kontrolle geraten. Gleichzeitig wird die Rote Liste gefährdeter Arten immer länger: 23.250 Tier- und Pflanzenarten gelten als bedroht. » Jagd und Wilderei
Polarfuchs

Pelz in Häppchen

Pelz in Häppchen und für Jedermann. Aus einem teuren Pelzmantel ist ein billiger Mützenbommel geworden. » Blutiges Milliardengeschäft
Pelz

Pelzhandel

Der grausame Modetrend feiert sein Comeback – die Pelzbranche bejubelt Umsatzsteigerungen. » Pelz wächst nicht auf Bäumen
Diesen Beitrag teilen