Die Jäger und der Wolf

20. Juni 2018

Jagdinteressen dürfen nicht gegen Wölfe gewinnen.

Aktuell wird hierzulande über kaum ein Tier so hitzig diskutiert wie über den Wolf. Die Lager sind gespalten. Wolfsbefürworter stehen Wolfsgegnern unversöhnlich gegenüber. Neben Anfeindungen, Propaganda und Ideologie spielen auch ganz persönliche Interessen eine große Rolle in dieser Diskussion. Die Debatte ist emotional geworden, Bürger und Schäfer werden instrumentalisiert, Bauern und Jäger fordern Tötungen von Wölfen. Doch warum das Ganze? Müssen Schäfer ihre Existenz aufgeben? Leidet unsere Natur unter der Rückkehr des Räubers? Und was haben Jäger gegen den Wolf?

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

1. Die Bürger: In der allgemeinen Wahrnehmung leben die Menschen in Angst und Schrecken vor dem Wolf. Jogger trauen sich nicht mehr nachts in den Wald, Kinder können nicht mehr draußen spielen, ja und was mit kranken Großmüttern passiert, wissen wir spätestens seit Rotkäppchen auch. Die Angst vorm Wolf ist aber weitgehend unberechtigt. In den vergangenen 18 Jahren, seitdem der Wolf wieder in Deutschland lebt, zeigte kein Wolf aggressives Verhalten dem Menschen gegenüber. Kein Pony wurde durch den Wolf gerissen, kein Haushund überfallen. Wieso sollten die Menschen also vor dem Wolf Angst haben, wo es weitaus größere Risiken gibt? Ihnen wird Angst gemacht!

2. Die Nutztierhalter: Der Wolf ist ein Raubtier – das ist unbestritten. Zunächst einmal ist es natürlich verständlich, dass kein Tierhalter es schön findet, wenn seine Tiere getötet werden. Wölfe sind auch Aasfresser und legen sich Vorräte an. Eine ungeschützte Tierherde sieht für einen Wolf aus wie ein Buffet; er tötet, was er packen kann. Mehr als 86 Prozent der gerissenen Tiere sind Schafe und Ziegen. Deswegen besteht bei den Schäfern das „größte“ Problem. Der Anblick blutiger, getöteter Schafe ist wirklich nicht schön. Vom emotionalen Aspekt des Nutztierhalters und dem sicherlich nicht schönen Tod der Schafe abgesehen, werden Schäfer für die Verluste entschädigt, wenn die Herde geschützt war (z.B. mit Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden). Und auch der Schutz der Tiere wird vom jeweiligen Bundesland finanziert. Finanziell entsteht also kaum Schaden für die Nutztierhalter, sie haben lediglich mehr Arbeit damit, ihre Tiere zu schützen. Die Zahlen sprechen außerdem eine deutliche Sprache. In den 20 Jahren, in denen der Wolf zurück in Deutschland ist, wurden etwa 2.000 Nutztiere durch Wölfe gerissen. Im Vergleich dazu landen allein in Hessen jährlich mehr als 15.000 Schafe und Ziegen sowie mehr als 25.000 Kälber, die beim Halter beispielsweise durch Krankheiten oder Unfälle sterben, in den Tierkörperbeseitigungsanlagen. Mit den richtigen Schutzmaßnahmen und der Bereitschaft, mit dem Wolf zusammen zu leben, gibt es für die Nutztierhalter kein ernst zu nehmendes Problem.

Wer schürt die Ängste? Vor allem die Jäger.

Die Jäger haben eine riesige Lobby, sind im Bundestag zahlreich vertreten und letztendlich verbrüdert mit der Agrar- und Landwirtschaftslobby. Beide Parteien fordern den Abschuss vom Wolf und lobbyieren gegen Isegrim – aber warum? Hier die von den Jägern aufgeführten Gründe und meine Einschätzung der Lage:

1. Angst um Jagdhunde
Jäger führen immer wieder an, dass sie in Wolfsgebieten Angst um ihre eingesetzten Hunde haben. Allerdings ist bisher nur EIN einziger Fall bekannt, wo ein Jagdhund von einem Wolf angegriffen wurde. In der Tat leben Jagdhunde sehr gefährlich. Straßenverkehr, die Jäger selbst (die immer mal wieder einen Hund erwischen), wehrhafte Wildschweine, Waschbären, Füchse. Hunderte Hunde kommen so jedes Jahr ums Leben… In Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen dazu (warum nur?), in Schweden allerdings veröffentlicht eine Versicherung Zahlen (also auch nur ein Bruchteil der Gesamtanzahl). Hier kamen von 2007 bis 2011 1.916 Hunde bei der Jagd ums Leben. Haupttodesursache war mit 82 Prozent der Straßenverkehr.

Jagdhund, Jäger

2. Wölfe rotten unsere heimischen Wildtiere aus.
Natürlich spüren die Jäger, dass es einen weiteren Jäger in ihrem Revier gibt. Die Tiere verhalten sich anders. Dieses veränderte Verhalten ist besonders gut für die Gesundheit des Waldes. Bestimmte Gebiete werden von Rehen und Hirschen beispielsweise komplett gemieden, so dass sich die Pflanzen erholen können. Allerdings sind die wolfsbedingten Auswirkungen, die die Jäger beschreiben, allesamt nicht wissenschaftlich bewiesen. Beispielsweise wird von Jägern häufig behauptet, das Wild sei scheuer und schwer berechenbar, nachtaktiv und nur noch in großen Rotten anzutreffen. Außerdem würden die Tiere vermehrt im Dickicht bleiben, wodurch katastrophale Wildschäden entstünden. Für diese Behauptungen gibt es keinerlei Belege. Ganz im Gegenteil: Die Bildung großer Rothirschrudel und Wildschweinrotten kommt in wolfsfreien Gebieten genauso vor wie in Wolfsgebieten. Wölfe jagen nachts genauso gut wie am Tag. Dickichte sind für sie kein Hindernis, sie können ihre Beute dort mit der Nase aufspüren und noch eher überraschen als auf den Freiflächen. Die überwiegende Nachtaktivität von Rothirschen und das Aufsuchen von Dickichten ist eine Reaktion auf die menschliche Bejagung.

Komplett unsinnig ist auch die immer wiederkehrende Behauptung, dass Wölfe in Deutschland Mufflons ausrotten. Die Wildschafe haben tatsächlich kein Möglichkeiten, sich vor dem Wolf zu schützen. Die ursprünglich auf den Mittelmeer-Inseln Korsika und Sardinien beheimateten Schafe wurden in Deutschland angesiedelt. In ihrem ursprünglichem Lebensraum retten sich die Tiere an steilen Felswänden vor Beutegreifern. Im deutschen Flachland ist das natürlich nicht möglich. Warum wurden die Tiere eigentlich in Deutschland angesiedelt? Ach ja, wegen ihrer schönen Jagdtrophäen… Und noch eins: Wenn die (in Deutschland angesiedelten) Tiere angeblich so bedroht sind, warum müssen sie dann bejagt werden? In der Jagdsaison 2015/16 wurden in Deutschland 8.080 Mufflons erlegt.

Man müsste meinen, dass die Jäger sich freuen, dass wir auf dem Weg sind, wieder ein natürliches Gleichgewicht zu bekommen. Doch viele fürchten um die Höhe der Abschussquoten und somit eine Verringerung des Jagdertrages und folglich geringe Pachtpreise. Das Bild vom naturnahen Jäger rückt so für mich in weite Ferne und ich sage: Tschüss Jäger, Hallo Wolf!

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Fazit:
Wir zeigen mit dem Finger nach Afrika, China, Japan, USA ….Kein Elefant soll getötet, kein Wal gejagt, kein Baum gefällt werden. Aber selbst schaffen wir es nicht (wohlgemerkt als sehr reiches Land), mit einem harmlosen Beutegreifer zusammen zu leben, der seit Jahrhunderten zu unserer Natur gehört? Wir lassen uns von Jägern instrumentalisieren, die Angst um ihre Jagdquoten haben? Steht auf für den Wolf! Solche Märchen darf man nicht einfach so stehen lassen.

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