Corona-Krise: Krankheitsherd legaler Tierhandel
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19. Mai 2020.

Regelungen für den Wildtierhandel auch in der EU sind überfällig.

Seit Monaten bestimmt die COVID-19-Krise alle öffentlichen Debatten, Nachrichten berichten über kaum ein anderes Thema mehr. Dass bei der Übertragung des Corona-Virus auf den Menschen der Wildtierhandel in China eine erhebliche Rolle gespielt hat, ist nicht wirklich überraschend. Gleichzeitig ist die Krise mehr als berechtigter Anlass für eine internationale Debatte darüber, ob ein „Weiter so“ bei unserem rücksichtslosen Umgang mit der Natur, der Zerstörung der letzten Regenwälder und dem unkontrollierten Handel mit Wildtieren aus allen Erdteilen sein darf.

Schuppentiere und Schlangen auf einem Markt © Soggydan Benenovitch

Schuppentiere und Schlangen auf einem asiatischen Markt © Soggydan Benenovitch

Den „illegalen Tierhandel“ beenden?

Dass das Öffnen und Zerstören selbst entlegener Lebensräume in Kombination mit dem Zusammenpferchen von Wildtieren aus diversen Regionen die Ausbreitung des Coronavirus erst ermöglicht haben, wird inzwischen weitgehend anerkannt. Von verschiedensten Seiten ist nun auch die Forderung zu hören, der ILLEGALE Tierhandel müsse eingeschränkt werden. Dies verlangen nicht nur Kollegen des WWF und manch anderer Organisationen, sondern auch die Bundesumweltministerin Svenja Schulze und der Leiter des Robert-Koch-Institutes, Prof. Dr. Lothar Wieler. Das klingt nach einem entschlossenen Kampf gegen das Böse, so als würden die Händler auf Wildtiermärkten per se etwas Illegales tun, was unbestechliche Kontrollbeamte verhindern könnten. Doch dem ist nicht so:

Sonnendachse auf dem Markt in Jiangmen

Sonnendachse auf dem Markt in Jiangmen, China.

Krankheitserreger unterscheiden nicht zwischen legalem und illegalem Handel

Ein Großteil des Wildtierhandels auf chinesischen, indonesischen oder anderen asiatischen Tiermärkten ist zwar aus Tier- und Artenschutzsicht unerträglich und inakzeptabel, aber eben nicht per se illegal. Dasselbe gilt für den Handel mit Wildtieren hier in Deutschland und Europa. Die allermeisten gehandelten Tiere unterliegen weder nationalen noch internationalen Schutz-Bestimmungen – und selbst für geschützte Arten gibt es Ausnahmen, zum Beispiel wenn sie aus „Zuchtfarmen“ kommen. Ein wichtiger Faktor, der die Ausbreitung von Erregern und die Empfänglichkeit für Krankheiten beeinflusst, sind die problematischen Bedingungen im Tierhandel: Hier werden Wildtiere aus verschiedensten Regionen und Ländern, die sich in der Natur nie begegnen würden, auf engstem Raum und häufig unter unhygienischen Bedingungen zusammengepfercht. Die Tiere sind gestresst durch Fang, lange Transporte und Zwischenlagerung im Lauf einer oft langen Lieferkette. Viele von ihnen sind verletzt, ihr Immunsystem geschwächt; Bedingungen, wie sie übrigens nicht nur auf asiatischen Wochenmärkten, sondern auch im internationalen Heimtierhandel anzutreffen sind. Und der allergrößte Teil dieses Tierhandels ist bis heute LEGAL.

Zibetkatzen auf dem Markt in Jakarta © Krotz CC BY-SA 3.0

Zibetkatzen auf Tiermarkt in Jakarta, Indonesien © Krotz CC BY-SA 3.0

Die EU als Importland für Millionen Wildtiere

Fakt ist: Nicht nur Asien ist ein großer Absatzmarkt für lebende und tote Wildtiere. Auch die EU importiert allein für den Handel mit exotischen Heimtieren Millionen Tiere. Aufgrund mangelnder Erfassung dieser Handelsströme ist das genaue Ausmaß unbekannt. Von den in Deutschland verkauften Wildtieren hat ein erheblicher Teil eine Odyssee vom Fang in der Natur, über mehrfache Transporte im In- und Ausland zu Zwischenhändlern, Ex- und Importeuren bis hin zum Endkunden hinter sich. Dieser Handel ist oftmals grausam und bringt (je nach Länge der Lieferkette und Empfindlichkeit der lebenden Ware) teils große Verlustraten mit sich, die sich jedoch größtenteils im Verborgenen abspielen. Beileibe nicht alle Tiere, die hierzulande online, auf Tierbörsen oder im Zoogeschäft gekauft werden können, sind Nachzuchten aus Deutschland oder Europa.

Schildkröten auf Tiermarkt in Jakarta, Indonesien (c) Sandra Henoch / Pro Wildlife

Schildkröten auf Tiermarkt in Jakarta, Indonesien © Sandra Henoch / Pro Wildlife

Welche Wildtiere können Zoonosen übertragen?

Bei der aktuellen Diskussion um COVID-19 stehen zu Recht Säugetiere im Vordergrund. Der Corona-Virus stammt ursprünglich von Wildtieren. Aktuell gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Virus von Fledertieren über einen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen wurde. Bei der SARS-Epidemie 2002-2003 dienten Larvenroller (Schleichkatzen) und Marderhunde als Zwischenwirte. Hier konnte nachgewiesen werden, dass die Erstinfektion eines Menschen auf einem chinesischen Markt erfolgte. Doch Erreger verbreiten sich nicht nur über Tiermärkte in Fernost: 2003 erkrankten in den USA dutzende Menschen an Affenpocken, die offenbar von als Heimtieren gehaltenen Präriehunden übertragen wurden – diese wiederum waren davor im Zoohandel im Kontakt mit aus Afrika importierten Nagetieren gewesen. Die EU erließ zeitnah ein Importverbot für Präriehunde und afrikanische Nager. 2012-2013 starben in Deutschland drei Züchter und eine Tierpflegerin an einer Bornaviren-Infektion, mit aus Zentralamerika stammenden Bunthörnchen als Erregerquelle.

Bunthörnchen können Bornaviren auf den Menschen übertragen

Bunthörnchen können Bornaviren auf den Menschen übertragen

Was ebenfalls unterschätzt wird: Nicht nur Säugetiere kommen als Krankheitsüberträger auf den Menschen in Betracht: Die „Vogelgrippe“ tötete ab 2003 hunderte Menschen – der dafür verantwortliche H5N1-Virus wurde nicht nur in Geflügelzuchtbetrieben, sondern auch bei importierten Papageien nachgewiesen. Dies führte 2005 zu einem EU-Importverbot für Wildvögel. Der Handel mit anderen Tiergruppen ist jedoch nach wie vor weitgehend unkontrolliert. Interessanterweise ist die anfängliche Kritik am Wildvogel-Importverbot aus den Reihen der Tierhändler mittlerweile weitgehend verstummt – während Wissenschaftler und Tierschützer die Vorteile des Importstopps belegen: Er hat nicht nur die Gesundheitsrisiken eingedämmt, sondern auch den Fang von abermillionen Wildvögeln verhindert und die Einschleppung invasiver Vogelarten eingedämmt. Allerdings ist die Einfuhr anderer Tiergruppen, auch aus freier Natur, in der EU weiterhin legal, darunter Fische, Reptilien, Amphibien und Säugetiere. Zoonosen können z.B. auch von Reptilien auf den Menschen übertragen werden, mit teils schweren Krankheitsverläufen. So starben laut Robert-Koch-Institut in Europa bereits mehrere Kleinkinder an Reptilien-assoziierten Salmonellosen. Immer mehr Studien zeigen, dass Zecken und Milben, die über importierte Reptilien eingeschleppt werden, auch den Menschen befallen können.

Massenhandel auf einer Tierbörse in München

Massenhandel auf einer Tierbörse in München

Die Corona-Krise als Chance für einen präventiven Artenschutz

Es gab schon vor der Corona-Krise sehr gute Gründe, strenge Gesetze für Einfuhr und Handel von Wildtieren zu fordern – wie Tier- und Artenschutz, Lebensraumerhalt im Herkunftsland, Eindämmung invasiver Arten und Krankheiten, die heimische Arten befallen, aber auch Gesundheitsschutz. Mit der Corona-Krise haben die Gesundheitsaspekte und die massiven wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Folgen von Zoonosen weitere Aufmerksamkeit bekommen. Wir hoffen eindringlich, dass die Politik nun endlich auch Handel und Privathaltung exotischer Haustiere regelt. Bitte anpacken! Jetzt!

Dieser Artikel wurde zuerst am 5. Mai 2020 veröffentlicht und am 19. Mai 2020 aktualisiert.

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