Infektionsgefahr aus dem Terrarium
Exotische Heimtiere als Krankheitsüberträger – Pro Wildlife: „Wildfänge besonders stark belastet.“
München, den 9. März 2000 – Vom Prachtfinken über die Schmuckschildkröte bis hin zum Zierfisch - Wildtiere tragen zahlreiche Krankheitskeime in sich, von denen einige auch für den Menschen gefährlich werden. In England starb kürzlich ein dreiwöchiges Baby, das sich bei einer Echse mit Salmonellen infiziert hatte, an einer Hirnhautentzündung. Nach Angaben von Pro Wildlife sind insbesondere Tiere, die aus der freien Wildbahn stammen, durch den enormen Stress während Fang, Transport und Haltung stark mit Keimen belastet. Neben Salmonellen sind auch andere Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten für Tier und Mensch gefährlich. Für die Münchner Artenschutzorganisation ist dies ein weiteres Argument dafür, den Handel mit Wildtieren zu beschränken: „Der Trend zum exotischen Heimtier steigt stetig – und mit ihm die damit verbundenen Gefahren“, so Dr. Bettina Maurer.
Mehrere hunderttausend Reptilien und Ziervögel sowie über 70 Millionen Zierfische werden alljährlich nach Deutschland importiert. Der Handel verläuft größtenteils völlig unkontrolliert, eine Quarantäne ist nur für Papageien vorgeschrieben. Doch viele Wildtiere sind mit Keimen belastet, die zu Erkrankungen beim Menschen führen können, den sogenannten Zoonosen. „Insbesondere Schlangen und Schildkröten sind Salmonellenträger,“ so Dr. Bettina Maurer von Pro Wildlife. Die Tierärztin betont: „Zwar sind die meisten dieser Erreger für den Menschen ungefährlich, einige jedoch können zu schweren Erkrankungen ja sogar zum Tod führen.“ Besonders stark belastet sind Wildfänge. Massiver Stress, verursacht durch rigide Fangmethoden, lange Transporte unter oft schlechten Bedingungen und eine unsachgemäße Behandlung, schwächen die Tiere und ermöglichen den Erregern eine ungehinderte Vermehrung.
Im Dezember vergangenen Jahres starb in England ein drei Wochen altes Baby an den Folgen einer Salmonellen-verursachten Meningitis. Untersuchungen ergaben, dass die Echse der Familie, eine Wasseragame, die Ansteckungsquelle war. Wenn auch die oberste englische Gesundheitsbehörde auf den aktuellen Fall mit einer Warnung insbesondere vor dem Kontakt von Kleinkindern, Schwangeren und immunschwachen Personen mit Reptilien reagierte - das Problem ist keinesfalls neu. Bereits 1975 wurde in den USA der Verkauf von Babyschildkröten mit einer Panzerlänge unter 10 cm verboten. Der Grund: Kleinkinder sahen sie als Spielzeug an und steckten sie in den Mund. Zahlreiche Infektionen traten auf, einige sogar mit Todesfolge. Im Dezember 1999 wurde im Bundesstaat Florida auch der Import zweier afrikanischer Schildkrötenarten verboten. Die auf den Panzertieren sitzenden Zecken sind mit Bakterien verseucht, die beim Menschen die unheilbare Herzwassersucht auslösen können.
Neben Reptilien sind aber auch exotische Vögel oder Zierfische potenzielle Krankheitsüberträger (detaillierte Informationen auf Wunsch erhältlich). Insbesondere bei Zierfischimporten werden prophylaktisch Antibiotika verabreicht, wodurch die Entwicklung resistenter Bakterienstämme gefördert wird.
„Obwohl Wissenschaftler seit langem warnen, wird in Deutschland das Problem der Ansteckungsgefahr im Umgang mit Exoten bisher kaum wahrgenommen,“ kritisiert Dr. Maurer. Die Gesundheitsbehörden hierzulande haben sich der Problematik bisher nicht angenommen, da sie die Haltung von Exoten für zahlenmäßig unbedeutend halten. Dabei wird völlig vernachlässigt, dass exotische Heimtiere im Trend liegen: Insbesondere Reptilien und Zierfische „erfreuen“ sich steigender Beliebtheit. Die Folgen einer möglichen Ausbreitung von Zoonosen sind nicht abschätzbar. Denn der Handel mit den Tieren verläuft größtenteils unkontrolliert, so wie z.B. auf der am kommenden Samstag in Hamm (Nordrhein-Westfalen) stattfindenden „Terraristika“, Europas größter Reptilienbörse, auf der wieder zahllose Tiere verramscht werden.