Von der 63. Jahrestagung der Internationalen Walfangtagung (IWC) in St. Helier, Jersey-Insel, England (11.-14. Juli 2011), berichtet Dr. Sandra Altherr von Pro Wildlife:
St. Helier, 14. Juli: Schluss mit dem Kuschelkurs!
Unsere Abschluss-Presseinformationen zu einem unglaublichen letzten Tag der Konferenz findet Ihr hier. Jetzt laufen hier noch ein paar letzte formelle Punkte und dann reicht es nach einem fast 12-stündigen Verhandlungsmarathon... Was für ein Kindergarten hier:
Heute morgen beantragten Brasilien und Argentinien ein Walschutzgebiet im Südatlantik. Auch wenn Japan, Norwegen und Island hiervon überhaupt nicht betroffen wären, wollen sie dies aus purer Prinzipienreiterei verhindern. Als keine Einigung in Sicht war und die beiden Länder eine Abstimmung verlangten, griff Japan zum Taschenspielertrick: Alle Walfangländer verließen zur Abstimmung den Raum - mit der Ankündigung, die Beschlussfähigkeit sei nun nicht mehr gegeben. Denn laut Japans Verständnis muss bei jeder Abstimmung die Hälfte aller IWC-Mitgliedsstaaten anwesend sein - nach unserem Verständnis reicht es, wenn generell die Hälfte der Staaten an der IWC teilnimmt. Nun streiten die Juristen seit geschlagenen sechs Stunden, ob oder nicht und wie man jetzt weiter miteinander umgeht... Derweil bleiben andere wichtige Themen liegen, weil die Sitzung unterbrochen bleibt. Bei allem Frust hierüber bin ich froh, dass der Kuschelkurs mit den Walfängern zu Ende ist, denn:
Was mich seit Jahren bei den IWC-Diskussionen wahnsinnig macht, ist die gelähmte Haltung der Walschutzländer. Sie waren (bis heute) wie besessen davon, mit den Walfangländern eine Einigung zu finden - doch das ist schlicht nicht möglich, denn vor allem Island und die von Japan unterstützten Inselstaaten St. Kitts & Nevis, Palau und Grenada benehmen sich wie das Rumpelstilzchen: Sie sind unsachlich, schroff, teils unverschämt in ihren Äußerungen und blockieren jeden Fortschritt im Walschutz - und unsere Seite verharrt derweil in der Konsens-Falle und hofft auf das Wunder der Einsicht. Deshalb wird Japans Walfang im Antarktis-Schutzgebiet, Islands grausame Jagd auf Finnwale oder Norwegens Abschuss hunderter Zwergwale - alles eigenmächtig genehmigt - hier kaum erwähnt, um nur ja keinen zu verärgern...
St. Helier, 13. Juli: Heiße Debatten um das Anti-Korruptionspaper
Erwartungsgemäß ist der englische Vorstoß, den Stimmenkauf in der IWC zumindest zu erschweren, in diesem Jahr der High Noon der Verhandlungen. Den ganzen Morgen wehren sich schon Länder wie St. Kitts & Nevis, Antigua & Barbuda, Grenada und Palau dagegen, dass ihre Beiträge künftig nur noch per Banküberweisung von ihrem Regierungskonto gezahlt werden dürfen. Bis zur Einigung wird es wohl noch ein bisschen dauern. Nach ermüdenden fünf Stunden Diskussion ist jetzt erst mal Mittagspause, damit im kleinen Kreis nach einem Komrpomiss gesucht werden kann.... Später mehr! Wer sich die Wartezeit übrigens verkürzen will, kann unsere Eröffnungserklärung zur IWC lesen, die nun auf der IWC-website veröffentlicht ist.
Nach gefühlten hundert Stunden Debatte -Pause - Debatte - Pause - Debatte nun endlich die Entscheidung: Englands (und irgendwie ja auch nun der EU) Vorstoß ist doch tatsächlich im Konsens angenommen worden. Nun ist es schon 19.30 - und aufgrund der zähen Verhandlungen, über die wir einen ganzen Tag verloren haben, heißt es jetzt für alle: Nachsitzen in einer Nachtsitzung!
St. Helier, 12. Juli: Vom Stimmenkauf und einer vorgeführten EU
Nachdem in den ersten eineinhalb Tagen der Konferenz die bekannte Ruhe vor dem Sturm herrschte, kam es heute nachmittag erwartungsgemäß zum vorgezogenen Showdown, als das Transparenzpapier aufs Tapet kam. Da einige der Walfang-unterstützenden Länder schlecht argumentieren konnten, dass sie auch weiterhin in der letzten Minute mit Bargeld zahlen wollen, versuchen sie nun, den Vorstoß an vermeintlichen Formfehlern scheitern zu lassen. Den Startschuss gab St. Kitts & Nevis, das kritisierte, dass das Papier ursprünglich ein Antrag Englands war und nun, in veränderter Form, von der EU mitgetragen wird. Der IWC-Vorsitzende unterbrach für fünf Minuten, beriet sich mit einer aufgeregten EU und verkündete anschließend, dass kein Formfehler vorliegt. Damit erklärte sich Russland nicht einverstanden und verlangte eine Abstimmung über den Prozess. Das führte jetzt erst einmal zu einer Kaffeepause, vielen aufgeregten Gemütern - und der Ankündigung des Vorsitzenden, dass die Delegierten jetzt erstmal wider versuchen, unter sich eine Einigung zu finden. Das kann dauern. Ein peinlicher Auftritt für die EU - das hätte besser vorbereitet sein müssen....
St. Helier, 12. Juli: Es ist was faul im Staate Dänemark...
... das hat schon Shakespeare gewusst: Das nordeuropäische Land erweist sich als immer größerer Problemfall für den Walschutz und bringt hier viele EU-Länder auf die Palme: Ob es um Stärkung der Transparenz geht, Kritik an Island oder um die Beteiligung von Umweltverbänden – Dänemark blockiert jeden Vorstoß in Richtung Walschutz und behindert die EU. Während 97 der Festland-Dänen Walfang ablehnt, vertritt die dänische Delegation bei der IWC nur die Interessen der bevölkerungsarmen semi-autonomen Regionen Färöer-Inseln und Grönland, wo noch Wale und Delfine gejagt werden. Mehr dazu in unserer heutigen Pressemitteilung...
Was hat sich sonst noch getan? Island, Norwegen und Japan verweigern weiterhin Auskünfte über den Ablauf ihrer Waltötungen - man kann nur ahnen, wie lange Meeresgiganten wie Finn- oder Seiwale leiden, wenn sie von einer Explosivharpune in irgendeinem Teil ihres riesigen Körpers getroffen werden. Und aktuell sorgen Bilder von der Seeschlacht zwischen der japanischen Walfangflotte und den Walschützern von Sea Shepherd für lange Empörungs-Wortmeldungen von Japan & Co....
Außerdem "genießen" wir gerade eine Diskussion darüber, ob Umweltverbände einen inhaltlichen Beitrag liefern können oder nicht. Die Walfangländer bescheinigen uns gerade die Nutzlosigkeit unserer aller Expertise. Schön, dass viele andere Länder sich darauf berufen, dass die Öffentlichkeit, vertreten durch Verbände, das Recht hat, angehört zu werden. Viel werden wir dieses Jahr hier nicht sagen dürfen: Vorgesehen ist derzeit, das aus über 50 Walschutzverbänden nur drei Sprecher ausgewählt werden, die zu wenig kontroversen Punkten etwas sagen dürfen: Walschutzgebiete, Whale Watching und unser Kernthema Umwelt und Gesundheitsrisiken durch Walfleisch...
St. Helier, 11. Juli: Geknebelte Umweltschützer

Heute haben Umweltverbände aus 13 Ländern (Argentinien, Brasilien, Chile, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Holland, Kanada, Mexiko, Schweiz, St. Vincent & The Grenadines und USA) – darunter auch Pro Wildlife - mit geknebelten Händen vor dem Konferenzgebäude posiert, um zu zeigen, wie sehr ihre Arbeit in diesem Gremium eingeschränkt wird. Hintergrund der Aktion: Das England-Papier zu mehr Transparenz (und weniger Korruption) hatte in den letzten Tagen viele Meetings hinter verschlossenen Türen zur Folge – lange bevor die Tagung offiziell begonnen hat. Bis auf zwei kontroverse Punkte konnten viele Delegierten das Papier akzeptieren – Widerstand gab es vor allem gegen die Forderung, dass künftig nur noch Überweisungen vom jeweiligen Regierungskonto statt wie bisher auch mit Schecks und Bargeld erlaubt sind. Dies akzeptierten sogar die Walfangunterstützer in der EU - um den Preis, dass für Umweltverbände weiterhin die Mitarbeit inklusive Rederecht bei der IWC stark eingeschränkt bleibt. Zwar fällt die Entscheidung zum Dokument erst in den nächsten Tagen, aber mit der EU als größtem Stimmenblock ist heute eine Vorentscheidung gefallen...
St. Helier, 10. Juli: Die USA als einsamer Cowboy
Was ist nur los mit den USA? Früher eines der aktivsten Walschutzländer kapselt sich das Land immer mehr von den verbündeten Ländern ab und betreibt nicht abgesprochene Initiativen. Für große Irritationen sorgten die USA bereits im Frühjahr, als sie kurz nach einen Koordinationstreffen der Walschutzländer, ohne dort ein Wort zu ihren Plänen zu sagen, eine Resolution einreichten, mit der sie ein Fortführen der Diskussion um die "Zukunft der IWC" beantragen. Unter diesem Namen war im Vorjahr ein brandgefährlicher Kompromiss diskutiert worden, der das kommerzielle Walangverbot ausgehebelt hätte. Und nun zaubert die USA diverse Vorstöße zur Zukunft des Subsistenzwalfangs für Ureinwohner aus dem Hut - und stößt damit erneut die anderen Walschutzländer vor den Kopf. Dass bei den Verhandlungen um den Subsistenzwalfang auch keine Verbände zugelassen werden sollen, weckt weiteres Misstrauen... aber noch ist nichts entschieden.
St. Helier, 9. Juli: Dänemarks unrühmliche Rolle
Noch 36 Stunden bis zum offiziellen Beginn der IWC, doch hinter den Kulissen brodelt es bereits mächtig: Einer der großen Aufreger in diesem Jahr ist das rücksichtslose Verhalten der dänischen Delegation. Während Dänemark selbst Mitglied der EU ist und sich dem hier geltenden strengen Schutz von Walen und Delfinen verpflichtet fühlen müsste, erweist sich das nordeuropäische Land immer mehr als Problemfall. Denn es vertritt einseitig die Walfanginteressen seiner semi-autonomen Gebiete Grönland und Färöer-Inseln. In Grönland dürfen Ureinwohner per Sondergenehmigung der IWC Wale zur Selbstversorgung fangen: 190 Zwerg-, 16 Finn-, zwei Grönland- und neuerdings neun Buckelwale jährlich. Hiergegen gäbe es wenig zu sagen, wenn nicht ein erheblicher Teil des Fleisches in Supermärkten landen würde statt an die Inuit verteilt zu werden. Die Waljagd auf den Färöer-Inseln ist ohnehin nicht zu rechtfertigen: Längst haben die Färinger einen sehr hohen Lebensstandard und brauchen das Walfleisch nicht mehr. Zudem hat bereits 2008 die oberste Gesundheitsbehörde der Färöer vom Fleisch der Grindwale (engl. Pilot whales) dringend abgeraten. Dennoch torpediert Dänemark jegliche Initiative zum Walschutz. Nach Pro Wildlife vorliegenden Informationen war Dänemark maßgeblich dafür verantwortlich, dass die EU weder eine Demarche gegen Islands Walfang noch die Forderung Englands nach mehr Transparenz und weniger Korruption in der IWC unterstützt hat. Das ist für ein demokratisches und modernes EU-Land ein Skandal und wird hier hoffentlich noch offiziell zur Sprache kommen.
München, 5. Juli 2011: Countdown für die letzten Vorbereitungen
Nur noch wenige Tage bleiben, bis die nächste Runde im Tauziehen um die Wale beginnt. Bereits diese Woche finden diverse Vorgeplänkel statt und seit Monaten diskutieren wir mit Kollegen und Verbündeten aus Walschutzländern Strategien für die diesjährige Konferenz. Einer der spannendesten Momente wird der Sonntag sein, wenn feststeht, welche Länder diesmal ihre Gebühren bezahlt und somit ihr Stimmrecht erlangt haben. Die Kreditkarten aus Japan sind in diesem Jahr nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe möglichweise weniger im Einsatz - und dann wären für dieses Jahr die Karten im Walschutz neu gemischt. Erfreut haben wir festgestellt, dass das IWC-Sekretariat nun endlich den Informationsaustausch mit der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen hat. Seit Jahren zeigt Pro Wildlife die hohe Belastung von Wal- und Delfinfleisch mit Giftstoffen auf - in der Hoffnung, den Appetit auf das Fleisch der Meeressäuger reduzieren zu können.