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Korallenfische - Todeskandidaten im Aquarium
Fast alle Salzwasser-Zierfische hierzulande sind Wildfänge - mit hohen Verlusten während Fang, Transport und Haltung
Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Lebensräumen. Allein im Great Barrier Reef vor Australien gibt es über 750 Korallenarten, die das Mauerwerk der Unterwasserstadt bilden, und rund
3.000 weitere Tierarten, die darin leben. Riffe sind weltweit in Gefahr - durch Meeresverschmutzung und -erwärmung, Korallenabbau und durch den Fang von Fischen als Nahrungsquelle und für die
Aquaristik. Gerade in den letzten 10 bis 15 Jahren erfreute sich die Meeresaquaristik immer größerer Beliebtheit, so dass die Nachfrage zunehmend anstieg. Da aber die Nachzucht der marinen Zierfische im Vergleich zu
Süßwasser-Zierfischen nur schwer gelingt, gehen immer noch etwa 95 Prozent der Salzwasserzierfische auf dem Markt auf Naturentnahmen zurück.
Ein Stück Paradies im Wohnzimmer?
Mit circa 80 Millionen Individuen sind Zierfische (Süß- und Salzwasserzierfische) die
absoluten Spitzenreiter der Haustiere in Deutschland. Die Aquarien mit ihren bunten Bewohnern sind dekorativ und bringen ein Stück Natur ins Wohnzimmer. Besonders
reizvoll ist ein Salzwasseraquarium, das wahre Urlaubsgefühle weckt. Mit derartigen Gedanken kaufen sehr viele vermeintliche Tierfreunde oft ganz spontan ihre
farbenprächtigen Lieblinge, ohne sich eingehender mit Fachliteratur beschäftigt zu haben. Doch woher kommen die Fische für die 3,2 Millionen Aquarien allein in Deutschland?
Tödliche Zierfischimporte
Ganz oben an der Spitze der Importländer steht Indonesien, dicht gefolgt von den Philippinen, den USA und Singapur. Nahezu ein Drittel der Korallenriffe
weltweit befinden sich in Südostasien. Destruktive Fangmethoden wie z.B. mit dem Gift Zyanid sind eine der Hauptgefahren für die Korallenriffe. Gerade diese zerstörerischen Fischereimethoden zeigen die
stärksten Wachstumstendenzen auf - v.a. auf den Philippinen und in Indonesien.
Die genaue Zahl der jährlich importierten Zierfische, ganz zu schweigen von der
jeweiligen Art, ist unbekannt. Vom Bundesamt für Statistik sind dazu nur Angaben in Tonnen erhältlich: Alleine 1996 wurden 500 Tonnen Süß- und 50 Tonnen
Seewasser-Zierfische importiert. Dahinter verbergen sich Millionen einzelne, leidensfähige Individuen. Erschreckende Zahlen, wenn man bedenkt, wie viele Tiere
alleine auf dem Transport ihr Leben lassen müssen: Die Mortalitätsrate liegt bei etwa 50-70 Prozent. Die Verluste werden durch weitere Naturentnahmen ausgeglichen.
Cyanid-Fischerei – Giftattacke aufs Korallenriff
Systematisch werden seit Mitte der 80er Jahre die Riffe, besonders vor den Philippinen
und vor Indonesien zerstört. Mit dem Gift Natriumcyanid, ein wasserlösliches Salz der Blausäure, das den Sauerstofftransport im Blut blockiert, werden die Fische betäubt
und können so lebend für den Export gefangen werden. Die Einheimischen setzen das Gift bei ihren Tauchgängen ein, um die Fische aus nächster Nähe einzunebeln. Viele
der kleineren Fische jedoch ersticken aufgrund der hohen Konzentration sofort, sowie viele der winzigen Korallenpolypen, die ja die eigentlichen Baumeister der Riffe sind.
Die überlebenden Fische können mit der bloßen Hand eingesammelt werden. Obwohl das Giftfischen in allen indopazifischen Ländern illegal ist, locken die Summen, die für
große oder außergewöhnliche Fische gezahlt werden, die einheimischen Fischer. Auch für den Menschen ist das Gift nicht ungefährlich: Ein Zehntel Gramm des Giftes
kann einen Erwachsenen töten. Bereits mehrere Millionen Dollar wurden in Umschulungsprojekte investiert, die den Fischern andere umweltverträglichere
Möglichkeiten des Fischfangs zeigen sollen. Doch für die mittellose Bevölkerung ist es bei der derzeitigen Nachfrage nur schwer zu verstehen, warum sie ihr lukratives Geschäft für den Naturschutz aufgeben sollten.
Stummes Sterben im Wohnzimmer
Selbst wenn die Tiere ihren Bestimmungsort erreicht haben und in deutschen
Aquarien gelandet sind, kann man davon ausgehen, dass viele der farbenprächtigen Individuen unsachgemäß gehalten werden und früh sterben. Im Schnitt wird ein
Aquarienbesatz viermal pro Jahr erneuert – bei einem Besatz von 80 Millionen Fischen bedeutet dieses einen Jahres”verbrauch” von insgesamt. 320 Millionen Tieren allein in deutschen Haushalten!
Die Ursachen hierfür liegen auf der Hand:
Nur allzu oft – laut einer Studie in fast 28 Prozent aller Fälle – wird ein Aquarium ganz
spontan angschafft, weil man es bei Freunden gesehen hat, weil es gut ins Zimmer passt oder oft wegen des unwiderstehlichen Sonderangebotes. Beratung wird - wenn
überhaupt - dann in der Zoofachhandlung gesucht, Fachliteratur wegen der oft schwer verständlichen Fachsprache meist gemieden. Was kaum ein Käufer weiß: Die Fische
sind, wegen der brutalen Fangmethoden, viel zu langer Transporte und oft zu kurzer oder gar fehlender Quarantäne, stark geschwächt oder krank. Mit ihnen werden ins
eigene Aquarium Parasiten und Krankheitserreger eingeschleppt, die auch die anderen Fische rasch befallen können. Ein weiteres Problem ist die falsche
Vergesellschaftung bestimmter Arten - zum einen, weil sie sich nicht vertragen, zum anderen wegen ihrer unterschiedlichen Ansprüche an ihre Umwelt. Das kann beim
Salzgehalt des Wassers anfangen, über die Temperatur, bis hin zur Beleuchtung - die Fehlerwuellen sind immens.
Das Problem liegt bei der durch niedrige Preise und falsche Beratung beim Käufer
hervorgerufenen Mentalität "Lernen durch Verbrauchen". Verluste können oft nur allzu leicht durch Nachschub aus dem Zoogeschäft wieder ausgeglichen werden. So
kommt es, dass rund 80 Prozent der Tiere durch Haltungsfehler zugrunde gehen.
Je ausgefallener, desto besser
Gerade sehr seltene Exemplare verleiten fanatische Aquarianer dazu, sie um jeden Preis besitzen zu müssen. Gerade Exoten wie Korallenfische haben sehr hohe Ansprüche an
ihre Umwelt. Genau aus diesem Grund ist es äußerst schwierig, sie nachzuzüchten - bei den hier angebotenen Arten kann man zu 95 Prozent davon ausgehen, dass es sich um Wildfänge
handelt. Viele Zierfisch-Arten sind inzwischen bedroht, z.B. der Banggai-Kardinalfisch (Pterapogon kauderni), der nur in der Umgebung zweier kleinerer Inselgruppen
Indonesiens zu finden ist. Auch viele Kaiserfische (hierzu gehören auch Herzog- und Engelfische) und Falterfische (darunter auch Wimpel- und Pinzettfische) sind
hochbegehrt - gerade sie lassen sich schwer halten. Doch auch Doktorfische, Riffbarsche (hierzu gehören auch die Anemonenfische) und Drückerfische gehören in
gutsortierten Zoogeschäften inzwischen zum Standardrepertoire.
Ohne Handelsdaten kein Schutz
Da - mit Ausnahme der seit November 2002 unter Schutz gestellten Seepferdchen -
keine einzige Zierfischart durch internationale Gesetze, wie z.B. das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, geschützt ist, wird der Handel mit ihnen nicht zentral
registriert und läuft weitgehend unkontrolliert ab. Die Folgen dieser massenhaften Naturentnahmen für das jeweilige Ökosystem bleiben ungeklärt. Die frühere
Unterschutzstellung einiger Meereszierfische (Kaiser- und Falterfische) durch die deutsche Bundesartenschutzverordnung wurde aufgrund einer Angleichung des
nationalen Artenschutzrechtes an die EU-Rechtslage 1997 wieder aufgehoben. PRO WILDLIFE fordert seit Jahren eine Erfassung der Zierfischimporte nach Arten und
Individuenzahlen, um eine verlässliche Datengrundlage des Handels zu schaffen - Voraussetzung für jegliche internationale Schutzbemühungen. Der Forderung von
PRO WILDLIFE nach einer durchgehenden Erfassung der Wildtierimporte schlossen sich inzwischen 15 deutsche Arten- und Umweltschutzverbände an.
Fotos: Discovery (1), A. Grill (2)
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