Tierhandel

Wildtierhandel – Ein tödliches Geschäft

Flughund (c) Pro WildlifeWarane im Wohnzimmer, Flughunde im Flur:  Längst ist das leider keine Seltenheit mehr, denn die Haltung von Wildtieren in privaten Haushalten erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Der Handel boomt. Jährlich importiert allein Deutschland 440.000 bis 850.000 Reptilien - ganz zu schweigen von den zahllosen Amphibien, Wirbellosen und Säugetieren, für die leider keine konkreten Importzahlen vorliegen. Einen besonders bedeutenden Absatzmarkt stellt Deutschland zudem für Zierfische dar: Neben 220.-380.000 Süßwasserfischen werden jährlich Meerwasserfische im Wert von 2,3-3.3 Millionen Euro importiert. Vermutlich Millionen Wildtiere werden mittlerweile in Deutschland gehalten und neben den Importzahlen steigt erschreckenderweise auch das Artenspektrum. Vor allem Kleinsäuger wie Flughunde und exotische Igel liegen im Trend, während in Terraristik-Kreisen das Interesse an immer neueren und ausgefalleneren Arten durch Tierbörsen zusätzlich Aufwind erfährt.   Doch den Preis für die Sehnsucht nach einem Hauch Exotik in den eigenen vier Wänden zahlen die Wildtierbestände, heimische Tierarten und letztlich sogar die Halter selbst.

Chamäleon (c) Pro WildlifeWildtiere vom Wühltisch

Nahezu jedes Wochenende finden quer durch die Republik Tierbörsen statt. Auf immer mehr solcher Börsen werden Wildtiere  regelrecht verramscht – von Schlangen über Chamäleons und Pfeilgiftfrösche bis hin zu Gürteltieren und kleinen Affen. Die Tierbörsenbranche boomt. Der Umfang des Handels lässt sich erahnen, wenn man die weltgrößte Reptilienbörse Terraristika in Hamm/Westfalen besucht. In mehreren großen Hallen bieten Händler viermal jährlich Tausende Tiere feil – vom Laubfrosch bis zur Speikobra. Eingepfercht in stapelweise winzige Plastikschalen werden die Tiere präsentiert. Viele von ihnen wurden in freier Wildbahn eingefangen, haben bereits ein Martyrium bis zum Import und nun auch noch einen stundenlangen Antransport zur Börse hinter sich. Mitarbeiter von Pro Wildlife stellten fest, eklatante Tierschutzmissstände auf den Börsen fest. Selbst kranke und verletzte Exemplare finden sich im Angebot einiger Händler; der Nachschub stapelt sich unter den Wühltischen, wo Luft- und Lichtzufuhr beeinträchtigt sind. Ein weiterer bedenklicher Aspekt ist die Gefahr  von Spontankäufen durch unerfahrene Einsteiger, die sich von den angeblichen Vorteilen der neuen Haustiere blenden lassen:

Das Märchen vom unkomplizierten „Haustier“

Reptilien seien ideal geeignet für Allergiker, bräuchten keinen Auslauf und müssten nur ab und an gefüttert werden, so die Behauptungen einiger Verkäufer. Eine perfekte Alternative zu Hund und Katz? Wohl kaum, denn Wildtiere sind alles andere als anspruchslos. Sie sind aufgrund ihrer hohen Ansprüche an Haltungsbedingungen und Pflege als "Haustiere" ungeeignet. Dennoch können sie ohne jegliche Vorkenntnisse im Zoofachhandel, auf Tierbörsen, in Gartencentern oder über das Internet frei erstanden werden. In der Anschaffung sind manche Tiere gar nicht teuer: So kostet ein Schmuckhornfrosch 20-30 Euro, Giftschlangen sind ab 20 Euro und Skorpione ab acht Euro zu haben. Und so gelangen selbst gefährliche Tiere in die Hände unerfahrener Halter...

Unerfahrene Halter sind alsbald überfordert, wenn sie entdecken müssen, wie schnell ihre Tiere erkranken oder gar sterben. Grund dafür sind neben den Torturen, die viele der Exoten während des Transports erleiden mussten, Haltungsfehler ihrer neuen Besitzer. Der Studie einer Fachklinik zufolge wurden bei 51% aller untersuchten toten Reptilien Haltungsfehler nachgewiesen. Bei weiteren zehn Prozent konnten fatale Ernährungsfehler fest gestellt werden. Ein regelrechtes Massensterben ist unter jungen Schmuckschildkröten zu beobachten. Bis zu 95% der Tiere überleben ihr erstes Jahr in Menschenhand nicht.

Plünderung der Natur für hiesige Wohnzimmer

Banggai(c)RicciardiDoch wie gelangen diese Tiere überhaupt ins heimische Wohnzimmer? Viele Wildtierarten sind international nicht geschützt, das heißt dass der Handel mit ihnen weder reguliert noch erfasst wird. Und so kommt es, dass immer neue Arten wie der türkisene Zwerggecko aus Tansania oder der Banggai-Kardinalbarsch für hiesige Terrarien und Aquarien an den Rand der Ausrottung gebracht wurden.

Bei geschützten Arten ist ein Großteil der Tiere im Handel als „Nachzuchten“ deklariert, da sie als solche weniger strengen Handelsauflagen auf dem Weltmarkt unterliegen. Dass diese Regelung schamlos missbraucht wird, zeigt eine aktuelle Studie. Diese belegt, dass es sich bei 80% aller aus Indonesien als „Nachzuchten“ exportierten Grünen Baumpythons tatsächlich um Wildfänge handelt. Im Klartext bedeutet dies, dass die Tiere eine regelrechte Odyssee hinter sich haben, bis sie schließlich im heimischen Terrarium landen. Vom Fang im Herkunftsland bis zum Käufer werden sie unter katastrophalen hygienischen Bedingungen und mangelhafter Versorgung über Wochen oder gar Monate hinweg gehalten und zum nächsten Glied der langen Handelskette transportiert.

Die Mortalitätsraten im Wildtierhandel sprechen für sich: Bei marinen Zierfischen belaufen sie sich auf bis zu 50% vor dem Export, etwa 30% während des internationalen Transports und 20% pro Woche im Zoogeschäft. Bei Giftschlangen und Chamäleons sieht die Sache nicht viel besser aus, die Verlustraten betragen über 50% noch vor dem Verkauf der Tiere. Und wer verdient am Leiden und Sterben der Wildtiere? Bestimmt nicht die Fänger vor Ort, so viel steht fest. Für einen Salamander, der in Europa für 200 Euro gehandelt wird, erhalten Tierfänger in Laos geradezu lächerliche Beträge von 10 bis 20 Cent pro Tier. Das Argument, der Wildtierhandel wäre ein Beitrag zur Armutsbekämpfung, ist damit ad absurdum geführt.  

Unabsehbare Folgen für die heimische Natur

Vergleichsweise wenig Beachtung angesichts des Leids der Wildtiere selbst finden die nicht unerheblichen Konsequenzen des Wildtierhandels für die Tierwelt im Importland. Während sich Berichte über entwischte und ausgesetzte Riesen- und Giftschlangen häufen, haben einige weniger Furcht einflößende Zeitgenossen längst ihren Weg in die Freiheit beschritten. So überrascht der Anblick von Rotwangenschmuckschildkröten in Deutschland oder von Grauhörnchen in England inzwischen nicht mehr. Sollte er aber, denn diese sogenannten invasiven Arten sind keineswegs auf natürlichem Wege nach Europa gelangt. Sie verdrängen zudem einheimische Arten wie die bedrohte Europäische Sumpfschildkröte, da sie eine ernsthafte Konkurrenz um Brutplätze und Nahrungsquellen darstellen. Heimtierhandel, Jagd, Fischerei und Pelztierzucht tragen erheblich dazu bei, dass sich anpassungsfähige invasive Arten  ausbreiten und das natürliche Gleichgewicht ins Wanken bringen.

Gesundheitsrisiken für den Menschen

Estrilda(c)SimonsNeben der heimischen Tierwelt zeigt der Wildtierhandel auch Auswirkungen auf die Gesundheit der Halter exotischer Haustiere: Die Zahl sogenannter Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden, stieg in den letzten Jahren dramatisch an. Bedenklich ist vor allem der Zuwachs an schweren Erkrankungen wie Salmonellen-Infektionen, die mit den Wildtieren ins Land gelangen. Zwischen 2005 und 2009 stieg die Anzahl der Reptilien-assoziierten Salmonellen-Erkrankungen bei Kindern von 1,5 auf 27% an. Nicht verwunderlich angesichts der Tatsache, dass bis zu 90% aller Reptilien in Gefangenschaft Träger von Salmonellen sind - wie das renommierte Robert-Koch-Institut betont. Gerade für Kinder, Schwangere oder ältere Menschen mit geschwächtem Immunsystem können Salmonellosen lebensgefährlich werden. Doch auch exotische Kleinsäuger und Ziervögel sind als potentielle Überträger gefährlicher Krankheiten, wie z.B. Affenpocken, Pest oder auch der Vogelgrippe bekannt. Im Jahr 2005 hat die EU die Einfuhr wildgefangener Ziervögel daher verboten. Ein guter Anfang, jedoch erscheint es schleierhaft, warum dieses Verbot bislang nicht auf andere Wildtiergruppen ausgeweitet wurde.

Der Python für jedermann?

Baumpython(c)WesemannAuf nationaler Ebene bestehen in diversen EU-Ländern bereits strengere Regelungen was Import und Haltung von Wildtieren betrifft, doch Deutschland hinkt hier leider hinterher. In Ländern wie Schweden besteht bereits ein Haltungsverbot für Wildfänge, und in Spanien ist eine Verbotsliste potentiell invasiver Arten in Kraft getreten. In Deutschland dagegen werden diese Themen auf Länderebene verhandelt. Im Herbst 2007 verabschiedete Hessen ein Gesetz, das die Haltung gefährlicher Wildtiere in Privathaushalten verbietet. Damit ist es das siebte deutsche Bundesland, das der Haltung von Riesenschlangen, giftigen Echsen, Kaimanen und weiterer gefährlicher Tierarten in Wohnzimmern und Vorgärten einen Riegel vorschiebt – auch wenn die Regelungen in den Bundesländern unterschiedlich streng ausfallen. Vielerorts aber kann man in Deutschland weiterhin Klapperschlangen oder Grüne Mambas kaufen und im Wohnzimmer halten. Pro Wildlife setzt sich für eine bundesweit einheitliche Regelung ein und fordert ein Haltungsverbot für gefährliche Tiere in Privathand. Desweiteren muss der Import von Wildfängen gestoppt werden und die Wildtierhaltung nach Kriterien des Tier- und Artenschutzes sowie der Sicherheit beschränkt werden. Im Juni 2013 lehnten jedoch CDU/CSU und FDP im Bundestag zwei entsprechende Anträge von SPD und Grüne sowie der Linken ab...