Live von der Walfangtagung
Querelen um Quoten
Infos direkt von der IWC-Konferenz
Von der 64. Jahrestagung der Internationalen Walfangtagung (IWC) in Panama-City (2. bis 6. Juli 2012) berichtet Dr. Sandra Altherr von Pro Wildlife:
6. Juli: Walfleisch macht krank
Gestern abend verabschiedeten die IWC-Länder als letzten Tagesordnungspunkt einstimmig eine Resolution Deutschlands, die vor der Belastung von Walfleisch mit Giftstoffen warnt. Diese Resolution ist deshalb so wichtig, weil sie die Walfangländer auffordert, die Verbraucher aufzuklären - und dies hilft uns, die Nachfrage nach Walfleisch zu reduzieren. Deutschland hat mit dieser Resolution einen wichtigen Anstoß geliefert - und wir sind der deutschen Delegation sehr dankbar, die hier engagiert und erfolgreich verhandelt hat. Ich hatte als eine von nur fünf Artenschutzverbänden die Gelegenheit, zum diesem Thema zu sprechen und konnte die schockierenden Befunde vorstellen: Schwache Schulleistungen, Sprachstörungen, Parkinson, Diabetes und lahme Spermien - all das wird mit den Giftstoffen in Walfleisch in Verbindung gebracht.
Ansonsten gab es heute noch einen dreisten Versuch der Entwicklungsländer, die Japan in die IWC gebracht hat, um sie in seinem Interesse abstimmen zu lassen: Sie wollen einen Finanztopf, aus dem künftig ihre Anreise bezahlt werden soll. Bislang erhielten die Delegierten großzügige Zuwendungen aus Tokio, um ihre Spesen zu bezahlen. Doch diese Korruptionspraxis wurde vor zwei Jahren aufgedeckt. Im letzten Jahr beschloss die IWC deshalb, dass IWC-Beiträge nur noch von einem offiziellen Regierungskonto des jeweiligen Landes überwiesen werden dürfen - und nicht mehr, wie lange Praxis, per japanischer Kreditkarte oder gar Bargeld... Doch abgestimmt wurde über den Budgetantrag in diesem Jahr noch nicht.
5. Juli: Sorge um bedrohte Delfine
Auch wenn die Walfangländer gerne Delfine und Kleinwale von der Agenda der IWC streichen würden: Heute am späten Nachmittag ging es ausführlich um die extrem ernste Situation des Vaquita: Die im Golf von
Kalifornien lebenden Tiere sind akut vom Aussterben bedroht, der Bestand wird auf weniger als 200 Tiere geschätzt, Tendenz weiter fallend. Nicht viel besser steht es um den Franciscana (Foto), der vor den Küsten Südamerikas vorkommt: Den knapp 2000 verbliebenen Delfinen machen v.a. die Beifänge in der Fischerei zu schaffen. Kurz vor zwölf ist es für den Maui-Delfin vor Neuseeland, von dem es nur noch ganze 55 Tiere älter als ein Jahr gibt! Reduktion des Beifangs und größere Schutzzonen sind dringend erforderlich, um diese hochbedrohten Arten zu retten. Der österreichische Wissenschafler Dr. Michael Stachowitz appellierte eindringlich an die Regierungen, alle möglichen nationalen Maßnahmen zu ergreifen, damit sich nach dem Aussterben des Baiji in China nicht noch so ein Drama erholt.
5. Juli: Dänemark: Hoch gepokert - und verloren!
Der Antrag Dänemarks, über seine bisher erlaubten 211 Walen noch zehn weitere Tiere zu töten, ist heute mit einer klaren Absage gescheitert: Nur 25 Länder stimmten dafür (die drei üblichen Walfangländer und Japans Gefolgschaft sowie die USA), 34 dagegen (darunter die anwesenden EU-Länder) - drei Länder enthielten sich. Wir sind erleichtert - denn alles andere als diese Entscheidung wäre eine Katastrophe gewesen: Sie verhindert, dass die Grenzen zwischen Ureinwohnerwalfang zur reinen Selbstversorgung und kommerziellem Walfang weiter verwischt werden. Nun hat Dänemark angedroht, allein mit Grönland zu entscheiden, wie sie weiter vorgehen. Denn die alte Quote läuft mit 2012 aus.
4. Juli: Wal-Carpaccio mit Mozzarella
Dänemarks Antrag, dass Grönlands Ureinwohner noch mehr Wale bräuchten, sorgt für mächtig Wirbel. Schließlich bieten grönländische Restaurants solch seltsame Gerichte an wie Wal-Tagliatelli mit Tomatensauce, Wal-Carpaccio an Mozzarella oder Grönland-Sushi - das klingt wahrlich nicht nach traditionellen Gerichten der Inuit. Diese Angebote zeigen, dass die Restaurants stattdessen auf ausländische Touristen abzielen - und damit streng geschützte Tiere kommerziell vermarkten. Aus Ärger darüber brodelt es hinter den EU-Kulissen sehr und Dänemark muss überlegen, ob es seinen Antrag reduziert oder aufs Ganze geht und eine Totalabsage riskiert.
4. Juli: Südkorea droht mit "Wissenschafts"walfang
Und noch eine hitzige Debatte ist hinter den Kulissen und in den Botschaften zu erwarten: Südkorea hat Interesse bekundet, sogenannten "Wissenschaftswalfang" betreiben zu wollen. Rein juristisch können sie so ein Schlupfloch der IWC nutzen und ohne externe Erlaubnis Wale fangen. Damit würde Korea das wiederholen, was Japan seit vielen Jahren ungehindert betreibt. In Korea gibt es bereits jetzt weit über 100 Restaurants und Snackbars, wo Walfleisch angeboten wird - bislang angeblich nur Beifang der Fischerei. Pro Wildlife hat bereits eine solche Entwicklung befürchtet und Hintergrundinformationen zusammengestellt, mit denen nun Regierungen gegensteuern können. Jetzt braucht es Druck aus den Walschutzländern auf Korea!
3. Juli: Ureinwohner ist nicht gleich Ureinwohner...
Soeben fiel die Entscheidung über folgenden Blockantrag für Ureinwohner-Walfangquoten: Für die nächsten sechs Jahre erhalten USA und Russland gemeinsam eine jährliche Quote auf 140 Grauwale und 67 Grönlandwale. St. Vincent und die Grenadinen dürfen laut IWC im gleichen Zeitraum jährlich vier Buckelwale fangen. Mit 48 Ja- zu 10 Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen wurden alle drei Quotenanträge für Ureinwohner als Block akzeptiert - leider auch mit Unterstützung der EU-Länder.
Umstritten war nicht die Quote für die Inuit in Alaska (s. Foto) und die Tschuktschen in Sibirien - dort gibt es keinen Zweifel am Bedarf der Ureinwohner - sondern an einer Quote für Buckelwaljagd in St. Vincent & the Grenadines (SVG). Dort sieht die Situation ganz anders aus: Kommerziell motivierter Walfang wurde dort im 19. Jh. von Weißen eingeführt und nur von Einzelnen weitergeführt. Vor allem Japan hatte sich für diesen Antrag stark gemacht, denn so werden Stück für Stück die Grenzen zwischen Ureinwohner-Walfang und kommerziellem Küstenwalfang verwischt - und Japan hofft darauf, mittelfristig ebenfalls Küstenwalfang genehmigt zu bekommen.
2. Juli: Atlantik-Schutzgebiet für Wale gescheitert
Bis zum Beginn der Tagung heute war fraglich, ob überhaupt genug IWC-Mitgliedsstaaten kommen und stimmberechtigt sind. Zumindest diese Sorge hat sich heute gleich zu Beginn aufgelöst: Mit etwa 60 stimmberechtigen anwesenden Ländern konnte es gleich in medias res gehen. Als erstes stand die Entscheidung zu einem seit Jahren beantragten Walschutzgebiet im Südatlantik zur Abstimmung (die erste Abstimmung überhaupt seit vier Jahren) - und endete mit einer Enttäuschung:
Mit 38 Befürwortern und 21 Gegnern bei zwei Enthaltungen scheiterte der Antrag an der erforderlichen Dreiviertelmehrheit. Das ist zwar eine Enttäuschung mit politischem Signal, aber keine Katastrophe für den Walschutz. Denn in diesem Gebiet gibt es ohnehin keinen Walfang und die lateinamerikanischen Länder können in ihrer 200-Seemeilenzone ohnehin auf eigene Faust ein Schutzgebiet einrichten. Also Kopf hoch und weiterkämpfen - gegen höhere Fangquoten für Grönland und für die Resolution zu Giftstoffen in Walfleisch!!!
1. Juli: Der Countdown läuft...
Ankunft in Panama-City gestern abend nach einer 21-stündigen Anreise und sieben Stunden Zeitverschiebung - aber immerhin: der schwere Koffer mit einer Neuauflage unseres Berichtes Toxic Menu ist trotz dreifachem Verladen gut angekommen. Schließlich liegt in diesem Jahr endlich eine Resolution auf dem Tisch, die vor der Giftstoffbelastung in Walfleisch warnt und die Walfangländer auffordert, endlich ihre Verbraucher über die Gesundheitsrisiken durch Delfinfleisch und Walspeck zu informieren. Diese Resolution ist das Ergebnis mehrjähriger Mühen von Pro Wildlife und den Schweizer Kollegen von OceanCare. Wir versprechen uns davon, die Nachfrage nach Walfleisch weiter zu senken - und wenn keiner mehr diese Quecksilber- und PCB-Bomben essen möchte, wird auch die Jagd zurückgehen. Morgen gehen die Verhandlungen dann offiziell los, heute stehen noch letzte Koordinationen mit Kollegen aus aller Welt an. Bei über 30°C und tropischen Regengüssen fällt es gar nicht schwer, drinnen zu bleiben und zu diskutieren...






