Live von der Walfangtagung


PW_auf_IWC62(c)ProWildlifeVon der 62. Jahrestagung der Internationalen Walfangtagung in Agadir, Marokko (16.-25. Juni 2010), berichtet Dr. Sandra Altherr von Pro Wildlife:

Agadir, 25. Juni 2010: Walfangbasar: "Tausche Finnwale gegen Buckelwale..."

Heute endet die diesjährige Walfangkonferenz. Es überwiegt die Erleichterung darüber, dass der gefährliche Kompromissvorschlag zur Legalisierung des kommerziellen Walfangs gescheitert ist. Mein Fazit ist: Der Walfang Japans, Norwegens und Islands ist absurd, sie lagern Tausende Tonnen Walfleisch, die niemand essen will.  Es geht hier nur um Politik und darum, sein Gesicht nicht zu verlieren. Um die Walfänger zum Einlenken zu bewegen, braucht der Walschutz künftig einen viel höheren politischen Stellenwert – auch bei Europas Regierungen. Dann haben wir eine Chance, das sinnlose Töten zu stoppen.

Die diesjährige IWC-Tagung wird uns lange in Erinnerung bleiben: Es ist die Konferenz, auf der endlich der unsägliche "Kompromissvorschlag" zu Grabe getragen wurde, der den kommerziellen Walfang wieder erlaubt hätte. Es ist auch die Konferenz, auf der endlich die Bestechungspraxis Japans für Schlagzeilen sorgte. Es ist die Konferenz, auf der Grönland Buckelwale gegen Finnwale tauschen darf, als sei man hier auf dem Basar. Und es ist die Konferenz, bei der die Umweltgefahren für Wale und die Folgen für Menschen mehr beachtet wurden, als je zuvor. Trotz des Schattens, den die Buckelwal-Entscheidung von heute wirft, kann Pro Wildlife mit dem Ausgang der diesjährigen Tagung zufrieden sein.

Buckelwal(c)WWelles

Am letzten Tag der Walfangtagung gab es heute eine beschämende Diskussion zu einem Antrag Dänemarks, eine jährliche Buckelwalquote für die Ureinwohner Grönlands zu bekommen. Dies sollte zusätzlich zu den bereits genehmigten 178 Zwerg-, 19 Finn- und zwei Grönlandwalen geschehen, obwohl diese Fangquoten nur selten ausgeschöpft werden. Aber Buckelwalfleisch scheint den Grönländern mehr zu munden. Gestern abend gab es bereits eine seeehhhr ausführliche Präsentation auf grönländisch, die dann in epischer Breite auf englisch wiederholt wurde. Nach endlosem Hin- und Her-Geschachere einigten sich heute Dänemark und die EU, die diesen Antrag ursprünglich ablehnte, auf jährlich neun Buckelwale – im Gegenzug verzichtet Grönland auf neun Finnwale. Beide Walarten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Dies ist das erste Mal seit Inkrafttreten des Moratoriums von 1986, dass die IWC Buckelwale zur Jagd freigibt.

Agadir, 24. Juni 2010: Von giftigem Walfleisch und anderen Dingen

Am Tag nach dem Platzen des Walfangdeals kommen hier andere Themen zur Sprache: Die Umweltbelastung für Wale (Thema war hier u.a. die aktuelle Ölkatastrophe im Golf von Mexiko), das geplante Schutzgebiet im Südatlantik und die angeblichen Erkenntnissen aus dem japanischen "Wissenschaftswalfang". Auch die Jagdmethoden der Walfänger waren ein Thema. Es wird zwei Workshops geben: Einer wird die Tötungsmethoden kritisch hinterfragen – und das ist angesichts von Leidenszeiten angeschossener Tiere von über zwei Stunden dringend nötig. Ein anderer Workshop soll sich mit den Risiken und Folgen einer Ölkatastrophe in der ökologisch besonders sensiblen Arktis beschäftigen.

Walfleisch_in_Japan(c)EIA

Auch das Thema Gesundheitsrisiken von Walfleisch für Konsumenten stand auf dem Programm. Zwölf Länder unterstützten unser Anliegen, dass die IWC und die Weltgesundheitsorganisation WHO enger zusammenarbeiten, einige forderten einen speziellen Workshop und dass sich der Wissenschaftsausschuss sich endlich mit diesem Thema befasst. Andere verlangten, dass die Walfangländer ihre Bevölkerung über die Gesundheitsrisiken aufklären sollen. Damit war dieser Aspekt, von dem wir uns eine immer geringere Nachfrage nach Wal- und Delfinfleisch versprechen, eines der am intensivsten diskutierten Themen auf der Konferenz.

Spät am Abend kamen erstmals einige Verbände zu Wort: Kollegen aus Westafrika und der Karibik berichteten, wie ihre Länder korrumpiert werden – bis hin zum IWC-Vorsitzenden. Eine norwegische Organisation berichtete, dass die Bevölkerung in Norwegen zunehmend Bedenken wegen der Grausamkeit der Jagd hat. Schließlich berichtete ein japanischer Greenpeace-Mitarbeiter, was beim japanischen "Wissenschafts"-Walfang für illegale Machenschaften laufen. Die Aufregung um diese Statements war groß: Selten waren zuvor so deutliche Worte gesprochen worden!

IWC-Tagung_Agadir(c)ProWildlifeAgadir, 23. Juni 2010: Der Walfangkompromiss ist gescheitert!

Endlich können wir aufatmen: Der gefährliche Kompromissvorschlag ist vom Tisch und wurde heute offiziell als gescheitert erklärt, vorerst zumindest. Damit bleibt das Walfangverbot erhalten - und Japans, Islands und Norwegens eigenmächtige Jagd wird nicht legitimiert! Auch wenn dies die Probleme in der IWC nicht löst und die Waljagd der drei Länder noch immer nicht unter Kontrolle ist, hätte doch ein solcher Deal ausgerechnet sie für dieses rücksichtsloses Verhalten belohnt. Mit der Legalisierung des kommerziellen Walfangs, ohne ein verbindliches Ausstiegsszenario, hätte die IWC ein Fass aufgemacht, das sie nicht mehr zubekommen hätte.  Entsprechend erleichtert sind wir, dass der schmutzige Deal geplatzt ist. All die Anstrengungen der letzten Monate haben sich gelohnt. An dieser Stelle auch ein Dankeschön an meine Kollegen Niki Entrup (WDCS), Thilo Maack (Greenpeace) und Ralf Sonntag (IFAW): Dies war eine tolle Zusammenarbeit mit einem erfolgreichen Ergebnis!

IWC-Konferenz_Agadir(c)ProWildlifeAgadir, 22. Juni 2010: "Wir müssen draußen bleiben"

Unsere gestrige Pressemitteilung zum Skandal um den IWC-Vorsitzenden hat hohe Wellen in den Medien geschlagen – hier in Agadir ist von der Empörung jedoch nichts zu spüren. Die Delegation Japans, dem Land, das mit seinem Stimmenkauf für weltweite Schlagzeilen gesorgt hat, gibt sich gelassen. 40 Leute zählt alleine die japanische Delegation – damit ist jeder zehnte Teilnehmer der IWC-Tagung ein offizieller Vertreter der japanischen Regierung! 

Noch immer tagen die IWC-Mitgliedsstaaten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch auch so hat man seine Informationsquellen… Während Deutschland, England und nun auch Frankreich auf ein Exportverbot für Walprodukte und ein konkretes Datum für ein Ende des kommerziellen Walfangs drängen, lehnt der isländische Vertreter hier dies bislang strikt ab. Doch in Island selbst überlegt die Regierung derzeit, ob sie wirklich weiterhin die Rolle des bösen Buben auf der IWC spielen will. Man hat auch einen Ruf als Touristenziel zu verlieren. Und die dänische Delegation will eigentlich keine Nachbesserungen des Deals, darf aber laut ihrer Regierung die EU nicht blockieren…. Derweil heißt es für mich, den dicken Bericht des IWC-Wissenschaftsausschusses zu durchzuforsten.  Außerdem stehen heute noch zwei Arbeitsgruppentreffen der Verbände hier an. Morgen soll dann die Katze aus dem Sack gelassen werden: Wird es ein überarbeitetes Kompromisspapier geben oder platzen die Verhandlungen? Rein theoretisch stehen danach u.a. die Themen Tötungsmethoden und Giftstoffe in Walfleisch auf dem Plan – aber das kann sich alles noch ändern.

Japans_Delegation_IWC62(c)ProWildlife

Agadir, 21. Juni 2010: Business as usual

Als wäre nichts gewesen eröffnete heute der Vorsitzende die 62. Jahrestagung der IWC. Kein Wort zu den Bestechungsvorwürfen gegen ihn – im Gegenteil, man gratulierte ihm zu seinen Bemühungen um den geplanten Kompromiss.

Manchmal frage ich mich schon, was passieren müsste, damit hier endlich einmal die Walschutzländer auf den Tisch hauen und sagen: "So nicht! Mit Callgirls und Schecks dürfen keine Stimmen gekauft werden." In einem für Verbände nicht zugänglichen Treffen hat der Vorsitzende sein Bedauern geäußert, dass die Presse "solche Geschichten" produziert. Kein Wort des Bedauerns über sein eigenes Verhalten, kein kritisches Wort von den IWC-Mitgliedsstaaten... Die Verhandlungen um den Kompromissvorschlag sollen scheinbar um nichts in der Welt gestört werden. Deshalb schließen sich für uns Verbände jetzt für den Rest des heutigen und morgigen Tages die Türen, hinter denen die Delegierten unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiter verhandeln werden. Aber wir werden auch diese Zeit nutzen, alles daran zu setzen, dass kein fauler Kompromiss auf Kosten der Wale ausgehandelt wird.

Agadir, 20. Juni 2010: Schmiergelder und Prostituierte

Pünktlich zum offiziellen Tagungsbeginn morgen gab es hier heute einen Paukenschlag: Die englische Zeitung Sunday Times den aktuellen IWC-Vorsitzenden Anthony Liverpool der Bestechung überführen. In einem heutigen Artikel berichtet sie, dass das Geld für die gesamten Reisekosten des Mannes aus Antigua & Barbuda von Japan bezahlt wurde. Als Vorsitzender hat Liverpool maßgeblichen Einfluss auf den Inhalt des Deals. Bereits vor einigen Tagen hatte ein anderer Artikel der Sunday Times  aufgedeckt, wie Japan sich die Stimmen von Entwicklungsländern erkauft: Schmiergeld und Prostituierte – diese schmutzigen Praktiken der Walfänger sind seit langem bekannt, konnten aber selten so deutlich enthüllt werden. Morgen, wenn die Hauptversammlung beginnt, wird sich zeigen, ob die entlarvten Bestochenen hier wirklich erscheinen und ob Liverpool sein Amt als Vorsitzender fortführt.

Heute tagen die Delegationsleiter den ganzen Tag hinter verschlossenen Türen. Noch immer versuchen sie, eine Einigung zu erzielen. Währenddessen treffen sich bei den Verbänden erneut diverse Arbeitsgruppen. Für Pro Wildlife steht neben dem "Kompromissvorschlag" auch weiterhin das Thema Giftstoffbelastung von Walfleisch und die Gesundheitsrisiken für Konsumenten im Mittelpunkt, weil wir hoffen, hierdurch die Nachfrage nach Walfleisch weiter reduzieren zu können.

Buckelwale(C)NOAAAgadir, 18. Juni 2010: Ruhe vor dem Sturm

Heute stehen Budget- und Verwaltungsthemen auf der Agenda, Verbände sind hierbei nicht zugelassen. Gesprächsmöglichkeiten mit den Delegierten gibt es dennoch reichlich – ob beim Frühstück oder den Kaffeepausen im Konferenzgebäude. Gestern abend bei der Verbändeanhörung der EU konnten wir zwar einige wichtige Probleme ansprechen, aber es zeigte sich wieder einmal, wie sehr sich die EU bei dringenden Themen, wie z.B. Islands rücksichtlosem Walfang, in Bürokratien verstrickt und mit sich selbst beschäftigt ist. Dies wird immer mehr zum Problem. Heute will der EU-Rat in Brüssel eine einheitliche Position festlegen, die gegenüber früheren Versionen nachgebessert wurde.

Ansonsten ist der Tag eine Gelegenheit, sich durch die vielen Dokumente zu kämpfen. Im Kleingedruckten finden sich zahlreiche Informationen, wie z.B. dass in der Subsistenzjagd in Russland Grauwale noch immer mit bis zu 260 Gewehrkugel beschossen werden und bis zu 77 Minuten leiden, bevor sie endlich der Tod erlöst. Was sich dort oft abspielt, ist ein Gemetzel.

Agadir, 17. Juni 2010: EU wacht auf

Die EU, mit 25 der 88 IWC-Stimmen einer der Weichensteller bei allen IWC-Entscheidungen, ist endlich aus ihrem passiven Dämmerzustand aufgewacht. Auch wenn ich bis zum offiziellen Konferenzbeginn am Montag noch keine Stellungnahmen zitieren darf, kann ich – auch durch viele Gespräche außerhalb des Konferenzraums – schon mal berichten, dass in der EU die kritischen Stimmen gegen den Walfangdeal wachsen. Hauptkritikpunkte sind die Unausgewogenheit des Kompromissvorschlags, der den Walfangländern kaum etwas abverlangt, und die politisch statt wissenschaftlich gesetzten Fangquoten. Die USA versuchen immer noch mit allen Mitteln, eine Einigung hinzubekommen und wollen dafür eine spontane kleine Arbeitsgruppe einrichten – also erneut Verhandlungen hinter verschlossenen Türen. Doch die Chancen für den faulen Kompromiss sind angesichts des wachsenden Widerstandes stark geschrumpft. Morgen wird die EU ihre Verhandlungsposition offiziell beschließen, Details sind bereits durchgesickert.

Walfluke(c)MCatanzariti

Agadir, 16. Juni 2010: Debatten über "Die Zukunft der IWC"

Heute und morgen wird hier in einer Sonderarbeitsgruppe nichts Geringeres als "Die Zukunft der IWC" verhandelt. Dahinter verbirgt sich die Diskussion um das vorgeschlagene Kompromisspaket. Die genauen Diskussionen heute unterliegen bis Montag der Geheimhaltung, aber alles, was außerhalb des Konferenzraumes zu erfahren ist, kann ich bereits berichten. Aus den USA habe ich z.B. erfahren, dass die USAbislang eine der Triebfedern dieses Deals – sich zwar noch immer nicht der enormen Risiken bewusst ist, aber zumindest die kommenden zwei Tage sondieren möchte, ob der Deal denn überhaupt breite Unterstützung findet. Falls nicht, überlegt man, die Rolle als Verhandlungsmotor aufzugeben. Das wäre angesichts der enormen Kompromissbereitschaft der USA, die bisher lieber einen schlechten als gar keinen Kompromiss wollten, eine gute Entwicklung. Auch Deutschland hatte bis vor kurzem eine ähnliche Haltung, fordert aber nun umfassende Nachbesserungen des Kompromisses.

Auch in Island gibt es eine interessante Entwicklung: Scheinbar ist man dort durch Gespräche verunsichert, in denen Deutschland betonte, dass Island, wenn es wie beantragt EU-Mitglied würde, weder Walfang noch Handel betreiben dürfte. Der Start der Finnwaljagd, der eigentlich vor wenigen Tagen hätte sein sollen, wurde verschoben...

Die zweite Schlüsselfigur neben den USA ist die EU mit ihren 25 der 88 IWC-Stimmen. Heute abend gibt es noch eine Verbändeanhörung der EU, die wir nutzen werden, um nochmals auf die größten Gefahren des Kompromisspaketes hinzuweisen. Und die kritischen Stimmen innerhalb der EU gegen den Deal wachsen.

München, 14. Juni 2010: Letzte Vorbereitungen für die große Schlacht

Die letzten Unterlagen für den großen Showdown sind zu packen – morgen gehts in den Flieger nach Agadir. Im Gepäck ist u.a. der großartige Bundestagsbeschluss vom vergangenen Donnerstag, der das Verhandlungsmandat der Bundesregierung festlegt. Dies ist das Ergebnis monatelanger Verhandlungen mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium, unserer parallelen online-Protestaktion und dutzenden Gesprächen mit Politikern: Die Bundesregierung ist  endlich von ihrer kompromissfreudigen Haltung abgerückt und wird sich in Agadir für ein konkretes Auslaufen jeglichen kommerziellen Walfangs einsetzen. Die eigentliche IWC-Tagung fängt erst am Montag, dem 21. Juni, an. Doch finden schon am 16. und 17. die Vorverhandlungen zur "Zukunft der IWC" statt – unter diesem Stichwort wird der unsägliche Walfangdeal verhandelt. Ab Mittwoch halte ich Sie hier über die IWC-Entwicklungen auf dem Laufenden...